Wolf Witte

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Politik der Öffentlichkeit zuführen | Komplexität abschichten | Ambient, Drone & Noise

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Bücher

2026

Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, mal ausführlicher, mal weniger ausführlich besprochen.

  • Gelesen: Marlen Haushofer – Die Wand

    Es freute mich, in Daniela Strigls Nachwort zu lesen, dass Marlen Haushofer eine Schwäche für utopische Romane und Science Fiction-Kolportage hatte. Schließlich ist auch die titelgebende Wand ein Science Fiction-Motiv, das jedoch, kaum, dass es in die Handlung eintritt, diese in radikalsten Realismus umschlagen lässt: das Wetter, die Jahreszeiten, die Nahrungsmittelversorgung, die Tiere. Vor allem die Tiere, die ohne jede Disneyfizierung zu echten Figuren der Erzählung werden.

    Wie es Haushofer gelingt, die Gleichförmigkeit ohne Monotonie zu erzählen – geradezu als Spannung ohne Spannung -, das beeindruckt auch erzählökonomisch. Wusste sie von Beginn an, wie die Geschichte enden müsste? Ich glaube, ja. Umso mehr erstaunt, wie – und wie wenig – sie die Erzählung darauf hinauslaufen lässt.

    Auch aus Strigls Nachwort:

    Bemerkenswert ist auch die besondere Aufmerksamkeit, die das Kultbuch anlässlich seines 60. Geburtstags in französischen Medien erhielt: Die Bloggerin Maureen Wingrove alias Diglee hatte Die Wand 2019 in einer Wühlkiste entdeckt und eine begeisterte Empfehlung publiziert – das Buch war im Nu vergriffen, die Neuauflage ein Bestseller und Haushofer als literarische Größe in Frankreich durchgesetzt.


  • Gelesen: ‚Der Stechlin‘ von Theodor Fontane

    Fontane selbst beschrieb die Handlung ironisch:

    „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“

    So ist es und ich würde lügen, behauptete ich, dass die Lektüre sich nicht eher zäh gestaltete, oder – positiv gewendet – nicht beim Einschlafen half. Ich würde gerne besser verstehen, warum zu jener Zeit – vor ja lediglich vier Generationen – so geschrieben und gelesen wurde.

    Das Gewicht des Romans liege nicht auf der Handlung, sondern auf den vielfältigen Dialogen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert offenbaren, heißt es in der Wikipedia. Das finde ich schlüssig: Der Widerstreit zwischen dem Konservativen und dem Progressiven (hier der Sozialdemokratie) ist sicher ein roter (pun intended) Faden des Romans.


  • Gelesen: ‚Kapital und Krise‘ von Tom Krebs

    Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht, verspricht der Untertitel dieses Bandes, das seinem Autor zur Zeit erfreuliche Reichweite in der Publizistik zwischen Podcasts und Zeitungen einbringt. Der Ökonom schließt an eine eindrückliche und sehr aktuelle Analyse der Wirtschaftspolitik von Ampel und Merz I sein Programm einer geplanten Marktwirtschaft an.

    Das ließt sich alles schlüssig, kenntnisreich und durchdacht. Mein Unbehagen schöpft sich – ähnlich wie bei Isabella Webers antifaschistischer Wirtschaftspolitik1 – aus dem Eindruck, dass wieder ein Policyvorschlag eines Autoren oder einer Autorin durch das System der Massenmedien geschleust wird, ohne spürbaren Impact in der Politik der Gesellschaft haben zu werden, so wie schon viele vor ihm.

    Wenn Tom Krebs politische Scheindebatten und sogar eine „Politiksimulation“ (S. 301) beklagt, dann beleuchtet er ein Problem, welches ja nicht nur der aktuellen Regierung anzulasten ist, sondern struktureller Art ist. Nun ist es als Ökonom nicht seine Aufgabe, aber die Politikwissenschaft scheint dazu auch nicht imstande zu sein und das fängt schon bei der Problembeschreibung an. Ich würde sie mit zwei Worten einleiten: demokratische Repräsentation.


    1) Vielleicht tue ich Weber damit sogar Unrecht, bei deren Buchvorstellung in Berlin höherrangige Vertreter:Innen von SPD, den Grünen und der Linkspartei vertreten gewesen sein sollen. Es scheint das Buch der Stunde für den linksliberalen Flügel zu sein, ähnlich wie „The Tyranny of Merit“ von Michael J. Sandel Olaf Scholz‘ „Respekt“-Wahlkampf beeinflusst haben soll.


  • Gelesen: ‚Beautiful World, Where are You?‘ von Sally Rooney

    Ich würde aus Gründen kein Geld mehr für ein Buch von Sally Rooney ausgeben, aber in unserem Appartment stand dieses, welches ich gerne las. Ihre Bücher scheinen sich nicht nennenswert voneinander zu unterscheiden: Irische Millenials und ihre Probleme, überragend gut gezeichnete Figuren und irreal intelligente Dialoge.


  • Gelesen: ‚Nein. Gegen die Militarisierung der Gegenwart‘ von Mithu Sanyal

    Wollte ich gelesen haben, ehe Die neuen Zwanziger es besprechen. Ein wahnsinnig guter und dichter Essay zu dem wohl drängendsten Thema unserer Zeit. Allein der Fußnotenapparat lohnt eine weitere Lektüre. Bestellbar bei Hanser.


  • Gelesen: ‚Tschick‘ von Wolfgang Herrndorf

    Wollte dann mal wissen, what the fuzz about is. Schöne Urlaubslektüre, las sich flott weg.


  • Gelesen: ‚The Peripheral‘ von William Gibson

    Vielleicht fühlte es sich so an, in den Achtzigerjahren Neuromancer zu lesen. Ich habe jedenfalls wirklich lange gebraucht, um zu verstehen, worum es hier geht, welche Fraktionen es gibt, welche Interessen die haben und welche Ziele sie verfolgen. Und alles habe ich immer noch nicht verstanden. Trotzdem gut und Auftakt einer Trilogie, deren zweiten Teil es auch schon gibt.


  • Gelesen: ‚Die Tapetentür‘ von Marlen Haushofer

    Einerseits beschreibt der Roman die Zeit der fünfziger Jahre, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, andererseits hat Marlen Haushofer ihn zu jener Zeit geschrieben, was selbst bereits ein immenser Akt der Autonomie gewesen sein muss. In den achtziger Jahren wurden ihre Romane als Frauenliteratur wiederentdeckt und es brauchte weitere vierzig Jahre bis auch Leute wie ich diese Texte als das kennenlernen und schätzen, was sie sind: herausragende Literatur. Zum Beispiel in Sätzen wie diesen:

    Sie stand am Fenster und der Duft des gemähten Grases machte sie traurig und verwandelte sie für Sekunden in das große, wahnsinnige Tier, das plötzlich angefangen hatte, auf zwei Beinen zu gehen und sich mit Kleidern, Orden und Titeln zu behängen. Sie lachte bei dieser Vorstellung, und ein anderes, großes gewaltiges Wesen lachte mit ihr in der dunklen Regennacht. So viele Jahre hatte sie sich gefürchtet vor diesem Wesen und war vor ihm geflohen, bis der letzte Fluchtweg verstellt war und sie sich atemlos in die sanften, tödlichen Arme fallen ließ, die sich langsam, liebevoll und unerbittlich um sie schlossen.

    Oder noch größer:

    Ich halt‘ es nicht aus, dachte sie, ich halte es einfach nicht aus, und gleichzeitig wußte sie, daß sie es noch stundenlang aushalten würde, ja daß es kaum etwas gab, das sie nicht aushalten konnte. Dieses Wissen, geboren aus hundert Bombennächten, tagelangem Anstellen um ein Kilo Kartoffeln, einen Fetzen Papier oder ein Stück Seife, erfüllte sie mit Ekel. Jahrelang lag das alles zurück, aber das Wissen um die eigene Hartnäckigkeit und Unzerstörbarkeit war geblieben. Zu wissen, daß man so war, unter einem Mantel von Urbanität, so gierig, schamlos und von einer so wütenden Widerstandskraft, dies zu wissen war vielleicht das Schlimmste, was sie der Krieg gelehrt hatte.


  • Gelesen: ‚Beton‘ von Thomas Bernhard

    Es geht natürlich nicht um diesen Inhalt, sondern um die Sprache und ihre Bewegung.

    Dies notierte Siegfried Unseld 1982 über seinen ersten Lektüreeindruck, nachdem T.B. ihm das Manuskript von Beton aushändigte.

    Dabei sollte es durchaus auch um den Inhalt gehen, denn dass erneut ein Mann mit einem Geistesprodukt ringt, wovon ihn erneut eine Frau (und – schon wieder: eine Schwester) abhält, weist schon gewisse Redundanzen gegenüber den Vorgängern auf.

    Immerhin ist nicht nur die Sprache, sondern sind auch die leidenden Leiber hier in Bewegung und verlassen die österreichischen Wälder und Schluchten, reisen gar nach Mallorca!


  • Gelesen: ‚Eine Handvoll Leben‘ von Marlen Haushofer

    Der erste veröffentliche, wenngleich nicht erste Roman von Marlen Haushofer, wenn man Hans Weigel Glauben schenkt, der ihr von der Veröffentlichung zweier älterer Manuskripte abgeraten haben soll. Bereits hier entfaltet sich die unnachahmliche Erzählkunst, die ich aus anderen Texten Haushofers kenne und naturgemäß nicht in Worte kleiden kann.

    Interessant ist Konstanze Fliedls Hinweis im Nachwort auf zwei Vorkommnisse einer „unsichtbare[n] Wand“, die Betty von den Dingen trennt. Eines davon war mir auch aufgefallen.

    Als Nächstes ist Die Tapetentür an der Reihe, zuvor wird aber ein weiterer T. Bernhard gelesen.


  • Gelesen: ‚Korrektur‘ von Thomas Bernhard

    Endlich wieder ein Bernhard, erneut obsessiver Bewusstseinsstrom über 300 Seiten, fordernd, zermürbend, bereichernd. Interessant an der Gesamtausgabe sind auch die Anmerkungen zur Textgestaltung wie

    S. 76: Im mit »Diese Studie, […]« (Z. 26) beginnenden Satz ist nach »[…] Studie in ihr Geistesgegenteil verkehrt habe, […]« (S. 77, Z. 7) vor »verbrennen« ein »sie« einzufügen.

    Vorweg wird diskutiert, ob die zahlreichen vermeintlichen Fehler im Sinne des Titels und Themas des Romans überhaupt korrigiert werden sollten.


  • Gelesen: ‚Mona Lisa Overdrive‘ von William Gibson

    Teil drei der Neuromancer-Trilogie und auch dieser begeistert mich nun nicht gerade. Sicher, Gibson kann mit wenigen Pinselstrichen Figuren zeichnen, erklären, was sie wollen oder wie ihnen geschieht, das gelingt ihm alles sogar geradezu meisterhaft. Aber worum geht es eigentlich? Und warum gibt es so wenig Neuromancer, Cyberspace und Co.?

    Count Zero | Neuromancer


  • Das Haushofer-Gesamtwerk lesen I


  • Gelesen: „Plurality“

    ⿻

    „The Future of Collaborative Technology and Democracy„, verfasst von E. Glen Weyl, Audrey Tang and the Plurality Community – ein Buch, welches als Github-Repo entworfen wurde (vermutlich stark vereinfacht und in meinen eigenen Worten ausgedrückt), mit allen Stärken und Schwächen, die so eine Produktionsweise haben muss:

    Es ist lang, oder weniger schonend ausgedrückt: Es hört. Einfach. Nicht. Auf.

    Die einzelnen Abschnitte sind von spürbar unterschiedlicher Qualität. Mal gibt es nicht enden wollende Listen, mal gut verfasste Kapitel und Abschnitte.

    Es ist radikal optimistisch und technologieoffen; eine Haltung, die man viel zu selten antrifft und die ich bewundernswert finde. Hinzunehmen ist wiederum, dass es mitunter auch pure Science-Fiction ist.

    Wahrscheinlich sollte man Plurality nicht durchlesen, sondern sich die Abschnitte herausziehen, die einen wirklich interessieren. Die Schlusskapitel Impact und Forward habe ich nur noch überflogen und das macht wahrscheinlich nichts. Den Themenbereich zu Democracy sowie die Einleitungskapitel werde ich sicher erneut lesen.

    Plurality kann hier kostenfrei gelesen und in verschiedenen Formaten bezogen werden.


  • Gelesen: Spaltungslinien von Philip Manow

    Europas Parteiensystem und die Dekonsolidierung des Nationalstaats nimmt Philip Manow dem vollständigen Titel zufolge mit seinem jüngsten Buch Spaltungslinien in den Blick. Das Buch ist Politikwissenschaft im besten Sinne und weist, soweit ich das beurteilen kann, Empirie von hoher Qualität auf, wie man sie selten antrifft.

    Die These ist anspruchsvoll und wird dicht entfaltet. Im Kern besagt sie, dass das liberale Projekt in Gestalt der EU getragen worden sei von Parteien, die es entweder gesellschaftspolitisch geschätzt und verteilungspolitisch bzw. ökonomisch allenfalls hingenommen haben (Sozialdemokraten, Grüne, Linke), oder die gerade seine wirtschaftspolitische Offenheit schätzten, die Gesellschaftspolitik hingegen lediglich duldeten. Von links wurde der Neoliberalismus der EU gebrandmarkt, von rechts die links-grünen Policies, von Migration bis hin zu Geschlecht und Familie.

    Diese Widersprüche öffneten zwei Repräsentationslücken: Erstens für eine genuin neoliberale Linke, die unbekümmert Marktwirtschaft und liberale Gesellschaftspolitik betreibt. Solch ein politisches Angebot gab es im Grunde nie: Die Rechte sei eher bereit, sich in wirtschaftlichen Fragen nach links zu bewegen, als die Linke bereit ist, sich in gesellschaftlichen Fragen nach rechts zu bewegen, wie Patrick J. Deneen aus Regime Change: Toward a Postliberal Future zitiert wird.

    Diese wirtschaftspolitische Bewegung der Rechten nach links fülle daher erfolgreich die zweite Repräsentationslücke, die aus einem gesellschaftspolitisch/kulturellen Konservatismus, verbunden mit ökonomischer Umverteilungspolitik, besteht. In diese Lücke, so Manow, dringen die populistischen Parteien vor. Sie kommen sowohl von rechts, wie die AfD, die sich „von Lucke zu Höcke“ graduell wirtschaftspolitisch zunehmend linker aufstellt, als auch von links, wie das BSW, welches sich als gesellschaftspolitisch rechte Abspaltung der Linkspartei positionierte.

    Für diese Bewegung findet Manow europaweit Belege. Gleichwohl vollzieht sie sich nicht eindeutig, im Gleichschritt und flächendeckend. Zudem wird sie von Parteien teils strategisch verhüllt und von der Politikwissenschaft nicht wahrgenommen: „Das Erklärungsschema bestätigt sich an einer Empirie, die unter seiner Mithilfe gewonnen wurde.“

    Was fängt man damit an? Zum einen wird noch klarer, wie falsch die Politik der Bundesregierung aus SPD(!), CDU und CSU ist, die sich wirtschaftspolitisch weitgehend rechts positioniert und damit die Lücke für die AfD preisgibt. Weitere Aspekte lohnen eine Vertiefung in anschließenden Beiträgen.


  • Gelesen: William Gibson – Count Zero

    Die Fortsetzung von Neuromancer ließ mich etwas ratlos zurück. Zwar wird der Vorgänger nicht nacherzählt, aber auch Count Zero lässt seine Geschichte auf einen Deus Ex Machina-Moment hinauslaufen, bis zu dem hier zwar viel erzählt wird, aber wenig Interessantes passiert. Menschen suchen Dinge und finden auf der Suche etwas anderes. Ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie, Mona Lisa Overdrive.


  • The Debate on the Constitution

    Der Text 1776 oder die Vereinigten Staaten als Avantgarde von Winfried Thaa in den aktuellen Blättern verstärkte einen Eindruck, den ich in der Vergangenheit schon mal gelegentlich hatte: dass es lohnenswert sei, sich mit der amerikanischen Verfassungstradition auseinanderzusetzen, beispielsweise den sogenannten Federalist Papers.

    Ich verstehe mich und äußere mich gerne als Kritiker des repräsentativen Moments der repräsentativen Demokratie, weil ich glaube, dass sie nicht mehr die richtige Antwort auf die Frage ist, und in der Folge ihre Nebenkosten, etwa Elitenbildung, überwiegen. Insbesondere durch Philip Manows (Ent-)Demokratisierung der Demokratie glaubte ich, Repräsentation als Überbleibsel von Aristokratie entlarvt zu haben.

    Zwar räumt auch Thaa ein:

    Die Amerikanische Revolution dagegen steht unter dem Verdacht, lediglich der Klassenherrschaft der sklavenhaltenden Großgrundbesitzer und der reichen Kaufleute der Ostküste eine moderne politische Form gegeben zu haben.

    Das kratzt aber lediglich an der Oberfläche der modernen Repräsentationsdiskussion, die sich offenbar auch fruchtbar mit der Französischen Revolution und deren Vordenkern auseinandergesetzt hat.

    Auf der Suche nach der richtigen Lektüre erwarb ich dann – antiquarisch, wie so ein KI‑Hersteller – The Debate on the Constitution der Library of America: Federalist and Antifederalist Speeches, Articles and Letters During the Struggle over Ratification: schlanke zweitausend Seiten, die zuende zu lesen ich keine Wetten annehmen würde.


  • Gelesen: Arne Semsrott – Gegenmacht

    Gerade hat die Koalition ihr Reformpaket beschlossen, welches unter anderem die Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes umfasst (während die Öffentlichkeit über das Krankschreiben diskutiert). Das betrifft die von Arne Semsrott geleitete Plattform FragDenStaat unmittelbar:

    Bisher wurden über FragDenStaat rund 330.000 IFG-Anfragen von mehr als 100.000 Menschen gestellt. Die Regierung will dieses Recht auf Informationsfreiheit jetzt abschaffen. Der Angriff auf das IFG und jede Reform müssen jetzt gestoppt werden. Das IFG darf nicht angetastet werden!

    Dem folgenden Appell, den SPD-Abgeordneten im Bundestag zu schreiben, schließe ich mich an. Die Adressen und ein Formulierungsvorschlag stehen im verlinkten Beitrag. Das Buch ist auch ganz gut.


  • Gelesen: William Gibson – Neuromancer

    Die Sprawl-Trilogie hatte ich in deutscher Übersetzung in einer Auflage, die ich hier zumindest nicht wiedererkenne, möglicherweise von Goldmann. Ich verschenkte sie irgendwann in den Nullerjahren innerhalb der Verwandtschaft. Unnötig viel Zeit verging, bis ich sie endlich erneut und im Original zu lesen begonnen habe.

    Nicht nur handelt es sich bei dem ersten Band Neuromancer um ein popkulturell enorm einflussreiches Buch, es ist auch literarisch von einer beachtlichen Qualität. Ich versuche mir vorzustellen, wie Leserinnen und Leser mit dem Ende, überhaupt mit dem gesamten dritten Akt, umgingen. Die Konzepte waren 1984 zum großen Teil sicher neu und sind noch heute schwer verständlich. Wie wohl eine vergleichbare Geschichte heute beginnen und enden müsste?

    Titelbild: By Derived from a digital capture (photo/scan) of the book cover (creator of this digital version is irrelevant as the copyright in all equivalent images is still held by the same party). Copyright held by the publisher or the artist. Claimed as fair use regardless., Fair use, Link


  • Gelesen: ‚The Soul of a New Machine‘ von Tracy Kidder

    Gelesen wegen dieses Zitats von Dan Cohen, gefunden bei Kottke:

    A half-century after it was published, The Soul of a New Machine does a better job challenging AI hype than most current criticism.

    Das stimmt insofern, als künstliche Intelligenz viel näher an der normal technology ist, als der Hype – und die Kritik – vermuten lassen. Computer schürten in den Siebzigerjahren, in denen das Buch spielt, ebensolche Hoffnungen und Ängste, wie das Internet in den Neunzigern und künstliche Intelligenz heute.

    Das, und wie zu jener Zeit noch jeder einzelne Transistor auf die Platine gelötet wurde, ist durchaus interessant. Ansonsten ist das Buch eine gute Übung im kontrollierten Überfliegen.


  • Plurality 1

    Beim Lesen der ersten Kapitel von Plurality stoße ich auf ein wiederkehrendes Motiv: Autokratien seien viel aktiver darin, moderne Technologie zu entwickeln und einzusetzen, als Demokratien. Die Autorinnen und Autoren werden nicht müde, das zu betonen. Technologie sei in den demokratischen Gesellschaften eher verdächtig, gefährlich und abzulehnen. Schließlich dient sie der Überwachung und Kontrolle.

    Vernachlässigt wird, dass Demokratie selbst auf technologischen Fundamenten ruht: Die moderne Massendemokratie ist ein Produkt der Buchdruckgesellschaft. Sie wurde später von Radio und Fernsehen beflügelt, doch als Idee und Praxis bleibt Demokratie Print. Auch in Bochum bringt das Rats-TV wenig ohne Kenntnis der Unterlagen. Die demokratische Technologiegeschichte wird leicht übersehen, weil sie so alt geworden ist, dass sie nicht mehr nach Technik aussieht.

    Warum aber verharrt die Demokratie so sehr beim technologischen Fortschritt, wie es die Autorinnen und Autoren von Plurality beschrieben? Eine Vermutung: Die Demokratie wähnt sich fertig. Spätestens im 20. Jahrhundert hat sie ihre vermeintlich finale Konfiguration aus Wahlen, Rechtsstaat, Grundfreiheiten, Repräsentation und dergleichen erreicht und das Ganze in Verfassungen mit Ewigkeitsanspruch gegossen. Das Ende der Geschichte war schließlich erreicht, der Rest sei Verwaltung.

    Aus dieser Selbstzufriedenheit herauszukommen, gab es in den letzten Jahrzehnten wenig Anlass. Es gibt auch keine eingeübte Praxis dafür. Schließlich geht es nicht um Revolution, sondern vermutlich um kleinschrittige Arbeit der Demokratie an sich selbst, ihren Verfahren, Prozessen und Strukturen. Darum scheint es im weiteren Verlauf des Buches zu gehen, und zwar am Beispiel Taiwans. Ich bin sehr gespannt.


    Titelbild: Wari tunic (fragment), ca. 600–800. Public Domain.


  • Gelesen: Irrungen Wirrungen von Theodor Fontane

    Eine Liebesbeziehung, die an Standesgrenzen scheitert, das klingt nach einem abgegriffenen Motiv und war auch schon zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht mehr neu.

    Irrungen Wirrungen wagte jedoch die unbefangene Darstellung des Liebesverhältnisses zwischen einem Adligen und einer kleinen Plätterin und rief beachtlichen Unmut hervor:

    Selbst einer der Mitinhaber der Vossischen Zeitung äußerte der Schriftleitung gegenüber: „Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören?“

    Insofern: gerne gelesen, auch weil die Darstellung Berlins im neunzehnten Jahrhundert seltsame Auenland-Assoziationen weckt, wenn etwa Wilmersdorf tatsächlich noch ein Dorf ist, dessen Kirchturm hinter den Wipfeln hervorscheint.


  • Gelesen: Jörg Baberowski – Am Volk vorbei

    Zur Krise der liberalen Demokratie legt der offenbar als kontrovers geltende Professor für die Geschichte Osteuropas, Jörg Baberowski, ein kluges Essay vor, das im Kern Repräsentation und Populismus als Leitunterscheidung gegenüberstellt. Das war mir neu und daher eingängig und bettet den stets unklaren Begriff des Populismus anschlussfähig ein.

    Im Kern sei es Elitenkritik, wenn nicht gar -verdruss, welche(r) die Abkehr von der liberalen Demokratie auslöst und verstärkt. Repräsentation durch – nach Michael Hartmann – Die Abgehobenen stoße auf den Unwillen des „Volkes“, Populismus verschaffe der Volkssouveränität (noch so ein unzugänglicher Grundbegriff) wieder Geltung.

    Das ist alles vorzüglich beschrieben, muss einem nicht gefallen, lohnt aber die Auseinandersetzung; zum Beispiel wenn zu einem Plädoyer für den Nationalstaat angehoben wird:

    Die Demokratie ist lokal, sie ist nicht universalistisch, weil in ihr immer schon der Gedanke der Pluralität, der Unterschiedenheit und der Begrenzung enthalten ist.

    Nur: Warum dann so weiträumig verharren und das Lokale nicht noch lokaler fassen, nämlich kommunal? Nicht im Sinne der Kleinstaaterei, wohlbemerkt, sondern im Sinne von Subsidiarität und Föderalismus (oder Föderation?) – zwei Grundbegriffe übrigens, die in dem gesamten Buch nicht vorzukommen scheinen.

    An Präzision verliert das Buch im abschließenden Kapitel Die Wiedergewinnung der Souveränität, das durchzogen ist von zahlreichen Charakterisierungen von Demokratie und Politik und von Schilderungen, was nun zu tun sei:

    Die Demokratie ist eine prekäre, stets bedrohte Form der Politik

    Wir müssen die Demokratie von ihren normativen Bedingungen befreien

    In der Demokratie geht es um die Mobilisierung von Leidenschaften

    Das Politische ist Teil der menschlichen Verfassung, ein Existential.

    Nichts davon ist falsch, vieles klingt schön, aber letztlich diffundiert das Thema hier wieder in eine allgemeine, dünne politische Philosophie. Man steht erneut am Anfang: Es bleibt wahr, dass wir nicht wissen, was wir meinen, wenn wir von Demokratie sprechen.


  • Gelesen: ‚The Faith of Beasts‘ von James S. A. Corey

    Eigentlich ist es die schlechtestmögliche Idee, eine Science Fiction-Serie von noch unbekanntem Umfang zu lesen, ehe sie abgeschlossen ist. Wird sie jemals fertig? Bleibt sie gut? Nicht umsonst lasse ich davon, wenn irgend möglich, inzwischen die Finger.

    Aber wenn die beiden The Expanse-Autoren unter ihrem gemeinsamen Pseudonym eine neue Reihe beginnen, warte ich nicht. Das zweite Buch (neben einer Novelle) ihrer neuen Reihe The Captive’s War macht eben auch Laune und das Tempo (zwei Bücher in zwei Jahren) lässt hoffen. Außerdem freut es mich, den Stoff zu lesen, bevor es die Serienadaption gibt, die selbstverständlich längst in der Mache ist.


  • Gelesen: ‚The First Fifteen Lives of Harry August‘ von Claire North

    Oder besser: noch einmal gelesen, denn ich hatte das Buch als gut in Erinnerung (nicht zu Unrecht), hatte aber auch keine Erinnerung mehr daran, wie es ausging (aus gutem Grund). Harry August ist dann doch ein wenig zu langweilig, so sehr sogar, dass man sich insgeheim wünscht, der Villain möge obsiegen, damit man den MacGuffin in Aktion erleben kann.


  • Gelesen: Max Frisch – Homo Faber

    Immer die gleichen larmoyanten Männerfiguren bei Frisch. Unerträglich.


  • Gelesen: Manon Garcia – Mit Männern leben

    Überlegungen zum Pelicot-Prozess stellt die Philosophin Garcia in diesem Reportageessay an. Ein nachdenklicher, kenntnisreicher und subjektiver Text, der dem Altbekannten wenig Neues hinzufügt, aber das muss er auch nicht. Die Scham muss die Seite wechseln.


  • Gelesen: Dirk Baecker –  ̶D̶̶i̶̶g̶̶i̶̶t̶̶a̶̶l̶̶i̶̶s̶̶i̶̶e̶̶r̶̶u̶̶n̶̶g̶

    Als ich vor ein paar Jahren von Berufs wegen mit dem Nonsens-Thema Industrie 4.0 befasst war, bot Dirk Baeckers Band 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt einen willkommenen Ausblick über den Hype hinaus. Baecker denkt und schreibt Gesellschaft und ihre Evolution auf originelle Art systemtheoretisch, schwer zugänglich, aber so, dass stets einige gute Ideen hängen bleiben.

    Digitalisierung lese ich als konzeptionelle Fortentwicklung vieler Ideen aus 4.0: die Frage, welche Begriffe dabei helfen, zu verstehen, wie sich die Gesellschaft auf ihre Digitalisierung einlässt. Künstliche Intelligenz scheint dabei eine weitere, notwendige Stufe der Digitalisierung der Gesellschaft zu sein:

    Nicht mehr der Turing-Test, sondern ein Durkheim-Test ist das Maß aller Dinge. [..] die Fähigkeit der Maschine, sich kooperativ in soziale Systeme der Interaktion auch mit Menschen einzufinden.

    Nichts veranschaulicht das derzeit so gut, wie das Marketing von Anthropic und des Sprachmodells Claude: der Arbeitsplatz, als überschaubar komplexes Interaktionssystem mit vorhersagbaren Rollenmodellen.


  • Gelesen: Anthropolis von Roland Schimmelpfennig

    Eine Woche, bevor wir den fünf Aufführungen binnen drei Tagen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg beiwohnen, habe ich mir die Stoffe zu Gemüte geführt. Der ANTHROPOLIS-Marathon wird sicher eben dies – ein Marathon, aber ich freue mich: griechische Dramen in Reinform.


  • Gelesen: „Eine Hymne an das Leben“ von Gisèle Pelicot

    Gisèle Pelicot ist das Opfer zahlloser sexueller Übergriffe, die ihr Ex-Mann Dominique und über fünfzig weitere Männer an ihr verübten, nachdem jener sie immer wieder und wieder betäubt und handlungsunfähig gemacht hatte. Mit Eine Hymne an das Leben erhebt sie als Opfer dieser unsäglichen Schandtaten die Stimme, verweigert sich dabei auch Erwartungen an sie als Opfer und gängigen Klischees, die man haben könnte:

    Die ganze Welt hatte damit gerechnet, mich als Wrack erscheinen zu sehen.

    Das gipfelt im Verlauf der Geschichte in der weitreichenden Entscheidung, den Prozess wider Erwarten nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Das heulende Wutgeschrei der über fünfzig Mitangeklagten und ihrer Anwälte, als diese Entscheidung im Gerichtssaal verkündet wird, gehört zu den größten Momenten des Buches, noch übertroffen von den Schilderungen der Öffentlichkeit, die dann auch erscheint:

    Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen … Morgens, mittags und abends standen sie Schlange, um einen Platz in dem Zuschauersaal zu ergattern, der zusätzlich eröffnet worden war [..].

    „… darunter auch einige Männer …“

    Es sind aber eben auch weit überwiegend Frauen, die erscheinen, die ihr schreiben, die jetzt zu ihren Lesungen kommen. Der Piper Verlag schreibt, die Geschichte und ihr Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ hätten enorme Resonanz ausgelöst und zu zahlreichen Diskussionen und Gesetzesänderungen geführt – immerhin.

    Ich halte besagten Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ aber auch für unmissverständlich. Er betrifft mich und meine Geschlechtsgenossen. Männer. Er fordert eine konsequente, nachhaltige Veränderung, die über schlichte Social-Media-Posts im Stile von „Hey Jungs, wir müssen reden …“ oder ein Petitiönchen hinausgeht.

    Denn die Asymmetrie liegt ja auf der Hand: Männer können leicht sagen: „Das betrifft mich nicht, denn so etwas tue ich nicht und werde ich auch nie, und ich kenne auch niemanden, der das tut.“ Das ist bislang auch meine bequeme Ausflucht. Frauen können aber nichts dafür tun, nie Opfer solcher Gewalt zu werden. Gisèle Pelicot wusste bis zur Aufdeckung der Schandtaten nicht, wie ihr über Jahre und hunderte Male geschah. Darum betrifft es sie immer alle und darum muss es uns immer alle betreffen.

    Allein, ich stehe derzeit vor dem Rätsel, wie ich damit beginne – und womit eigentlich.

    Entscheidungen

    Dazu ein Zitat aus dem Absatz, den Gisèle Pelicot jenem Wachmann widmet, der ihren Ex-Mann beim heimlichen Filmen unter die Röcke von Frauen ertappte, die Polizei hinzuzog und so sämtliche Enthüllungen, Ermittlungen und Verurteilungen erst in Gang setzte:

    Dieser Mann hat mich gerettet. Er erzählte mir, er habe damals selbst in Mazan gewohnt und sei für eine Woche untergetaucht, als der Skandal an die Öffentlichkeit drang, er habe Drohungen erhalten in diesem Dorf, in dem auch mehrere meiner Vergewaltiger lebten, zu einem Zeitpunkt, als man sie noch nicht alle identifiziert hatte.

    Ich zitiere diese Stelle auch, weil Gisèle Pelicot an anderer Stelle erwähnt, Dominique hätte bereits zuvor in Kaufhäusern unter Röcke gefilmt, sei jedoch lediglich des Hauses verwiesen worden. Entscheidungen und wie sie fallen oder ausbleiben, lösen gewaltige Dinge aus.

    Weiterlesen

    Aus dem Komplex des Pelicot-Prozesses werde ich mindestens noch Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess von Manon Garcia lesen. Die Rezension von Katharina Teutsch für die FAZ paraphrasiert der Perlentaucher folgendermaßen:

    Wieso sich so viele mit Gisele Pelicot, aber niemand mit dem Täter identifizieren will, fragt Garcia laut Teutsch und legt systematisch die erklärenden Diskursroutinen der Gesellschaft im Umgang mit den Tätern frei und auch die Parallelen zum Eichmann-Prozess. Sichtbar wird der Abgrund einer „normalisierten Frauenverachtung“, zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie Teutsch findet.


  • Gelesen: „Die Moskau Connection“ von Reinhard Bingener und Markus Wehner

    Wenn man noch Letztrespekt vor der SPD hatte, so wird er einem mit diesem Buch endgültig ausgetrieben. Peinlich, wie Schröder sich von Putin hat einlullen lassen (Kosakenchor, Schlittenfahrt). Unerträglich, wie Schröder, Steinmeier und Gabriel, um nur die wichtigsten zu nennen, die fortwährende Brutalisierung Russlands bis 2022 relativiert haben.

    Merkel wird zumindest ein anderer Stil bei weitgehend gleichem Kurs attestiert, aber in CDU und CSU sah es auch nur geringfügig anders aus. Die SPD hat sich allerdings aufgrund ihres Brandt/Bahr-Mythos besonders in die Irre geführt.

    Wenn man sich dann vorstellt, welche Fehler heute gerade begangen werden, ähnlich wie damals bei Schröder praktisch im Licht der Öffentlichkeit, wird einem durchaus unwohl.


  • Gelesen: „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ von Götz Aly

    Die „68er“ und die „33er“ hätten mehr miteinander gemein, als ersteren wohl lieb ist, so Götz Alys These in dieser Monografie aus dem Jahr 2008, in der er sich auch selbstkritisch mit seiner eigenen Involviertheit auseinandersetzt. Ich hatte ‚Unser Kampf‘ auf der Liste, wie so oft, ohne zu wissen, warum.

    Das Buch erfuhr eine überaus kritische Rezeption, die der Wikipedia-Artikel gut zusammenfasst:

    Aly, so Philipp Gassert, ziele mehr auf „Selbstkasteiung als historische Analyse“ und habe vor allem den „Knalleffekt“ im Sinn.

    Leider wahr.


  • Gelesen: Wege aus der Gewalt von Thomas Wagner

    Impulse für ein neues politisches Denken verspricht dieser Essay, der im „Salon“ des Podcasts Die neuen Zwanziger von Wolfgang M. Schmidt vorgestellt wurde; inzwischen eine verlässliche Quelle für gute Bücher.

    Wie gut ist die Organisationsform des Nationalstaates geeignet, um Frieden zu wahren? Nicht besonders, so Wagner:

    Vorsichtig ausgedrückt: In Sachen Krieg und Frieden war der Staat über weite Teile der Geschichte hinweg häufiger Teil des Problems als der Lösung.

    Die Alternative lässt sich leicht benennen – die Föderation –, aber schwer beschreiben.

    Die Rede ist von nichthierarchisch-horizontaler Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene, von Demokratie als Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, sich selbst zu verwalten, von geteilter Souveränität.

    Zu Wort kommen Hannah Arendt, Michael Wolffsohn und Abdullah Öcalan.

    Formuliert wird eine dringend notwendige Kritik an der Politikwissenschaft und an ihren „Realisten“.

    Das Buch ist ein wichtiger Anstoß für Debatten zur Frage, in welcher Form sich radikaldemokratische, konföderalistische, gar anarchistische Gesellschaft organisieren soll, wenn die Antwort „Ohne Staat!“ nicht genügt.


    Titelbild: “Catfish Extermination”, 1855. Ansei ōjishin-e
    Public Domain Worldwide, No Additional Rights


  • Gelesen: Neongrau von Aiki Mira

    Ein Titel, von dem in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder zu lesen war, wenn es um deutsche Science-Fiction ging. Mit fiel der Einstieg schwer. Das Gamersetting, der Slang, die nicht immer überzeugend geschriebenen Dialoge, das merkwürdig reduzierte Worldbuilding …

    Aber Neongrau überzeugt dann doch: mit seinen vielfältigen Figuren in einer Welt, die sich den plumpen Cyberpunk- und Post-Apokalypse-Klischees entzieht. Insofern habe ich das Buch ab etwa dem ersten Viertel gerne gelesen.

    Neongrau gibt es auch als Hörspiel in der ARD Audiothek.


  • Gelesen: Surface Detail von Iain M. Banks

    Wohl der neunte Culture-Roman, obwohl die Reihenfolge, in der man sie liest, keine Rolle spielt. Man wird sie aber, wie ich, alle lesen wollen, wenn man High Concept Space Opera Science Fiction etwas abgewinnen kann. Selbst ich lese sie aber nicht nacheinander weg, sondern mit viel Abstand.

    Banks schreibt ausufernd, dicht, mit irrem Ideenreichtum, mitunter auch anstrengend. Seine Protagonisten sind panhumane Aliens, künstliche Intelligenzen, virtuelle Existenzen, Künstler, Agentinnen und Hedonisten. Die Culture verhält sich zu Star Trek ungefähr so wie Star Trek zur Realität. Jeder einzelne Band ist ein Hochgenuss, so gut, dass ich nicht das Geringste dazu spoilern möchte.


  • Nun lesend: Anthropolis

    In Vorbereitung auf den Theatermarathon in Hamburg. Prolog ist schon mal super.


  • Gelesen: Alastair Reynolds – Eversion

    Beim Sprawl Radio lesen sie zurzeit ebendieses Buch, und da wollte ich dann auch mal mitlesen. Dass ich es nun aus Versehen schon durchgelesen habe, spricht aber nur auf den ersten Blick für Eversion, wird das Buch doch bei jeder Iteration seiner murmeltiertagsartigen Wiederholungen ein wenig uninteressanter, hielt mich, der ich noch eine furiose letzte Wendung erwartete, aber erfolgreich bei der Stange, nur um letztlich zu enttäuschen. Im letzten Drittel wird Spannung dann weitgehend durch Infodumps ersetzt. Ein überaus verzichtbares Buch.


  • Bestellt: ‚Schreiben nach KI‘

    Was ist Schreiben nach KI? Die Dichternnnie schauen, gewohnheitsgemäß, genauer hin. Dichtung muss, entgegen romantischer Vorbehalte, noch keine besondere Haltung gegenüber Technologien des Schreibens haben, außer gegenüber jenen, die ihren Nutzen für die Zwecke der Dichtung betreffen – und die sind weiterhin offen. In der gegenwärtigen Umbruchszeit – nach der Einführung großer Sprachmodelle, vor ihrem lebensweltlichem Normalwerden – versammelt der von Ann Cotten und Hannes Bajohr herausgegebene Band Schreiben nach KI Stimmen, die den schreibmedialen Schwellenmoment reflektieren, an dem wir uns befinden.

    Via Hannes Bajohr | Zur Verlagswebsite


  • Gelesen: Emil Herz – Denk ich an Deutschland in der Nacht

    Die Vorbesitzerin dieses Buches erhielt es vor einigen Jahren antiquarisch aus Amsterdam. Im Umschlag ist der ursprüngliche Besitzer vermerkt, er lebte im Kibbuz Dovrat in Israel. Die Auflage dieses Buches ist von 1952, möglicherweise war er deutscher Emigrant, geflohen vor den Nazis. Sein Name legt dies nahe.

    Emil Herz leitete den Ullstein Buchverlag in Berlin, bis er 1934 gezwungen wurde, die Stelle zu verlassen, woraufhin er auswanderte und in die USA gelangte. „Eines Tages stand unser jüngster Sohn Arthur in Uniform vor uns, um Abschied zu nehmen“, so Herz im Prolog des Buches. Die bitte des Sohnes: Herz möge das Haus der Vorfahren Steg aus seiner Erinnerung wieder auferstehen. „Der in so ernster Stunde geäußerte Wunsch war mir Gebot.“

    Denk ich an Deutschland in der Nacht ist die Geschichte des Hauses Steg, eine fünf Generationen und zweihundert Jahre überspannende Saga, die jüdisches Leben in Deutschland, deutsche Geschichte aus Sicht deutscher Juden und jüdische Erfolge auf Gebieten wie Wissenschaft, Politik und natürlich Literatur in den Blick nimmt.

    Da ist „das ungestüme Begehren, als nützliches Glied aufzugehen in die deutsche Allgemeinheit“, das Ausgeliefertsein gegenüber den oft antisemitischen und selten judenfreundlichen Gesinnungen der jeweiligen Herrscher, Monarchen oder Regierungschefs. Auch liefert Herz spannende Einblicke in das aufstrebende Verlagsgeschäft um und nach 1900, in dem er führend tätig war.

    Das Buch endet mit einem Gedenken all jener, die der Vernichtung nicht entkommen konnten und  einem Zitat aus dem biblischen Buch Ezechiel, in dem die Toten wiederauferstehen.

    Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte; es regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusammen.

    Odem kam in sie und sie wurden wieder lebendig und sie richteten sich auf ihre Füße. Es war ihrer eine unabsehbare Menge.


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