Kategorie: Bewegtbild

  • Das lange zwanzigste Jahrhundert: ‚Backrooms‘

    Four Mannequins in damaged living room

    Ähnlich wie It Follows spielt auch Backrooms in einer seltsamen Nichtvergangenheit: Die Handlung ist klar datiert auf das Jahr 1990, moderne Technologie trifft man entsprechend nicht an, gleichzeitig erfordert die Handlung dies an sich nicht. Vor allem sieht der Film in gewisser Weise nicht so aus. Sein Stil und der Stil seiner Figuren könnten ihn irgendwann zwischen 1990 und der Jetztzeit verorten. So wird auch die Zeit in den Backrooms zu einer endlos, gleichförmig und ausufernd mäandernden Dimension. Auch Rückblenden wirken nicht etwa wie eine weiter zurückliegende Vergangenheit, sondern verstärken den Effekt einer monotonen Gegenwart.

    Mannequin men in damaged living room

    Backrooms klingt außerordentlich gut. Das liegt vor allem an dem Dark-Ambient-Score von Kane Parsons und Edo Van Breemen. Ein Stück aber ragt heraus, nämliches eines von dem Album Everywhere at the End of Time, das James Leyland Kirby als The Caretaker veröffentlicht hat. Darin werden verlangsamte Samples alter Ballroom-Musik geloopt und zu chaotischen Noise Soundscapes verzerrt. Der Effekt ist beklemmend und nostalgisch zugleich. Inspiriert wurde Kirky von der Ballroom-Szene aus Kubricks The Shining. Mit Everywhere at the End of Time wollte er das Fortschreiten von Demenz und ihre Auswirkungen auf das Bewusstsein erforschen.

    „Von Album zu Album verblassen die wehmütigen Jazz-Melodien mehr und mehr, nur ein paar Fetzen, einzelne nachhallende Töne bleiben länger erkennbar“, schreibt Jürgen Ziemer über das Album. Das Unheimliche sei dabei in Kirbys Musik durchgängig präsent, überzogen von einer sonderbaren Melancholie, der jeder Glaube an die Zukunft fehlt.

    Damaged living room with mannequins

    Menschen in den Backrooms arbeiten an sich, wollen sich ändern, kommen aber nicht weiter. Am Ende erhält man die Erlaubnis, zu bleiben, wie man ist: Absolution für die eigenen Unzulänglichkeiten und den Jähzorn. Wir wussten bereits 1990 alles, was wir wissen mussten, um die Weichen zu stellen. Das lange zwanzigste Jahrhundert erstreckt sich nun bereits ein Vierteljahrhundert in das unsrige. Wir werden von Wiedergängern regiert. „Fast meint man, dem Land wäre es am liebsten, insgesamt als Weltkulturerbe Bundesrepublik Deutschland geschützt und von dem Zwang, die eigene Zukunft erfinden zu müssen, befreit zu werden“, formulierte es Nils Minkmar in Der Zirkus.

    Mother mannequin and a child under a basement lean-to shelter

    Wahlen werden entschieden werden, Regierungskünste scheitern und Weltordnungen wanken, um das lange zwanzigste Jahrhundert zu bewahren, nur noch ein paar Jahre mehr. Nur so lange wie Sie und ich, so lange wir noch am Leben sind. Erst die nächste Gesellschaft stelle sich einer unbekannten Zukunft, so Dirk Bäcker. Wir jedoch sind diese Gesellschaft nicht. Unsere Erinnerungen verzerren wir zu Monstern und auf der Flucht vor ihnen verlaufen wir uns in einer ewigen Gegenwart.


    Bilder stammen vom Public Domain Image Archive aus der Kollektion Operation Doorstep (1953)

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  • Oppenheimer

    Oppenheimer hinterlässt auch beim zweiten Schauen den Eindruck einer Abfolge von Szenen und weniger den eines Films, der eine Geschichte erzählen will, ist dabei technisch und logistisch aber absolut beeindruckend. Auch der Anspruch, Thema und Person politisch einzubetten und das vermittels Gremiensitzungen zu tun (politischer und langweiliger geht’s ja kaum), ist anerkennungswürdig. Nolans Filme nehmen sich halt immer so wahnsinnig ernst, dass es kaum zu ertragen ist.

  • Tobias Gruben

    Guck, die Dokumentation ‚Die Liebe frisst das Leben: Tobias Gruben, seine Lieder und Die Erde‘, über die ich vor sechs Jahren schrieb, gibt es jetzt bei YouTube in voller Länge:

  • Gesehen: „Possession“ von Andrzej Żuławski

    So schnell kann das gehen: Buddenbohm erinnerte an das herausragende Angebot Mediathekperlen, ich abonnierte den Feed, ließ mich von Andrzej Żuławskis – „Possession“ (1981) überzeugen, und bin komplett überwältigt. Nicht nur kannte ich diesen Film nicht, ich wüsste nicht einmal, je von ihm gehört zu haben.

    Neben allem anderen begeisterten mich auch die Aufnahmen aus Berlin: die reale Adresse des bei G. Maps so hinterlegten Possession House, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gesundbrunnen (die Balkone!) gedrehten Aufnahmen des moderneren Berlins, die Wohnungen und der Ausblick auf Mauer und Wachen.

  • Babylon 5 auf YouTube

    Thomas Gigold schreibt:

    Warner Bros. Discovery veröffentlicht ab sofort jede Woche eine Episode von Babylon 5 im englischsprachigen Original kostenfrei auf YouTube.

    Der Pilotfilm und die nachfolgenden ersten beiden Epsioden sind bereits online.

    Das war von kurzer Dauer. Der Pilotfilm ist weg, weitere Folgen finde ich nicht. Soviel dazu.

    Babylon 5 war in den Neunzigern ebenso sehr nachmittägliches Scifi-Serienvergnügen wie Star Trek. Ich bin gespannt, ob die Serie meinen Erinnerungen – und auch ihrem ausgezeichneten Ruf – standhält beziehungsweise entspricht.

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  • Kostenloses Streaming bei der Dt. Kinemathek

    Die jüngste Auswahl der Deutschen Kinemathek präsentiert unter dem Titel „Lost in Berlin“ kostenfrei neun Filme, die sich in verschiedener Weise der Stadt widmen und ihr nähern – darunter Werke von Thomas Arslan, Christian Petzold und Heike Misselwitz.

    Mit dem speziellen Fokus auf die ehemalige Frontstadt Berlin ergänzt die 15. Ausgabe von »Selects« das Filmprogramm der diesjährigen Retrospektive der Berlinale, die sich unter dem Titel »Lost in the 90s« dem Lebensgefühl der 1990er-Jahre widmet.

    » Selects #15 | 1.2.–14.5.26: Lost in Berlin

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  • Gesehen: ’Weapons’ von Zach Cregger

    Was mich reitet, immer mal wieder Horrorfilme zu schauen, bleibt rätselhaft. Weapons hat Jumpscares, interessante Wechsel der Erzählperspektive, gelegentlichen Humor, ein The Shining-Zitat, Josh Brolin und ein Finale mit dermaßen viel irrem Geschrei, dass man gar nicht mehr wusste, wohin mit sich.

    Es gibt in einer bestimmten Szene einen coolen Song mit einem seltsamen Vocal-Sample, daher muss ich jetzt auch noch in den Soundtrack hineinhören. Nichts bleibt einem erspart …


    Titelbild: William Baillie-Grohman, 1913. Aus Sport in Art

  • Gern geschaut: ‚Bowie – Der letzte Akt‘ bei Arte

    In seinem Dokumentarfilm zeichnet der britische Filmemacher Jonathan Stiasny das letzte kreative Kapitel eines der innovativsten Künstler der Musikgeschichte nach – zehn Jahre nach David Bowies Tod. „Bowie – Der letzte Akt“ zeigt den Jahrhundertkünstler, wie man ihn selten gesehen hat: verletzlich, witzig und absolut kompromisslos.

    Verfügbar bis zum 15/04/2026

    Mein Lieblingsalbum von Bowie ist Earthling. Da war ich 17, wir schauten permanent Musikfernsehen und Little Wonder war extrem cool und neu; irgendwo zwischen Nine Inch Nails und Radiohead.

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  • Gesehen: Warfare von Alex Garland

    Kriegsführung ist der Einsatz von Körpern gemäß Strategie und Taktik. Schmerz, Leid und Tod sind eingepreist. Die Realität ist sicherlich noch schlimmer, aber schlicht nicht darstellbar.


    Civil War Amputation Being Performed in Front of a Hospital Tent, Gettysburg, July 1863