• Portrait of Dolly Madison

    Es macht was mit einem, das Kunstbetrachten. Es tut etwas mit dem- oder derjenigen, der oder die die Kunst betrachtet. Wer Kunst betrachtet, wird vom Betrachten der Kunst verändert, mehr noch, er wird anders verändert, als er von einer anderen Tätigkeit als der des Kunstbetrachtens verändert werden würde. Schließlich verändern wir uns fortwährend und sind nach jedem verstrichenen Moment jemand anders als zuvor. Das Betrachten von Kunst ruft indes besondere Veränderungen hervor, die wir aber nicht, das bringt die Ungenauigkeit des Satzes ‚Es macht was mit einem‘ zum Ausdruck, näher benennen könnten. Es wird auch selten nachgefragt, was es denn sein könnte, dieses ‚Was‘, welches ‚es‘ macht. Der Satz wird nicht in der Erwartung von Widerspruch geäußert, sonst würde er nicht geäußert, sondern er wird in der Erwartung wissenden Nickens oder andersgearteter Zustimmung geäußert. Er verbindet die Schauenden und Betrachtenden, stellt Gemeinschaft her, schließt ein und ist gleichermaßen exklusiv. Man gibt sich beim Kunstbetrachten dem hin, was es macht, wird zum Objekt, man wird verändert und also auch behandelt. Der Betrachter, der sich in der Regel ja auch zu der Kunst hin und durchaus auch durch sie hindurch bewegt, handelt dennoch nicht. Einer macht nicht was, sondern es macht was mit einem. Es handelt es, das macht, und nicht sie, die Kunst, ganz zu schweigen von ihr, der Künstlerin, oder ihm, dem Künstler, sondern allein es. So sind wir, mit denen es etwas macht, doch wieder als Handelnde, nämlich Schauende, in den Zusammenhang zurückgekehrt, waren in Wahrheit nie weg, sondern stellen uns in einen Zusammenhang zwischen ihm, das etwas macht, dem etwas, das es macht, und uns, die wir schauen, uns zu der und durch die Kunst bewegen und ja schließlich auch bezahlt haben. Wir wissen und wissen, dass diejenigen, zu denen wir den Satz ‚Es macht was mit einem‘ sagen, es auch wissen, dass es ohne uns die Kunst, das Schauen und das, was es mit einem macht, gar nicht geben könnte. Wer, wenn nicht wir, die wir zueinander den Satz ‚Es macht was mit einem‘ sagen, würde sich dieser Kunst überhaupt aussetzen wollen? Man muss jemand sein, mit dem es bereits etwas gemacht hat, damit es was mit einem machen kann. Das Betrachten bereitet auf das nächste Betrachten vor. Es ist eine Initiation, ein fortwährender Prozess, kein Lernprozess, wohlgemerkt, denn ein Lernprozess würde das Erfordernis mit sich bringen, erklären zu können, was man gelernt habe, aber ein Prozess der Formung, der uns in eine Form bringt, mit der es noch besser was mit einem machen kann als ohne diese. Diese Formung ist blind und ziellos. Wir setzen uns ihr aus, um andere ähnlich Geformte erkennen und ihnen den Satz ‚Es macht was mit einem‘ zuraunen zu können, um anschließend ein wissendes Nicken ernten zu können, oder, noch besser, selbst wissend nicken zu können, nachdem uns der Satz ‚Es macht was mit einem‘ zugeraunt wurde. Als Geformter erkannt zu werden, ist unbedingt vorzuziehen, es kommt einer Adelung gleich. Fast wird man so selbst zu einem Kunstwerk, das es zu betrachten gilt, um etwas mit jemandem zu machen. Aber so weit kommt es nie. Ausschluss und Verachtung wären die Folgen. Sich selbst zum Werk zu machen oder gar eigene Werke zu machen, wäre eine groteske Anmaßung, ein Verstoß gegen die Ordnung, die zwar nicht natürlich ist, wohl aber eingeübt, etabliert und zweckmäßig.


    Portrait of Dolly Madison, Mathew Brady. 1848

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  • Pistorius und Özdemir zum AfD-Verbot

    Der Verteidigungsminister Pistorius und Baden-Württembergs Ministerpräsident Özdemir plädieren in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung für die Einleitung eines AfD-Verbotsverfahrens, mit einem Fokus auf die eindeutig völkischen Landesverbände in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

    Sie unterscheiden zwischen einem deutsch-nationalen Teil der AfD, der unter Umständen mit dem Grundgesetz vereinbar sein könne, und einem völkischen Teil, der die Grundfesten der Verfassung infrage stelle.

    Das mag als Zugeständnis an die Vorbehalte gegen ein vollständiges AfD-Verbot, die es ja geben muss, weil bislang niemand ein Verbotsverfahren angestoßen hat. Zudem ist es natürlich eine Einladung, doch einfach flächendeckend „deutschnational“ zu werden, sich also zu mäßigen.

    Mit dem Vorstoß äußert sich endlich ein Amtsträger der SPD, die vor über einem Jahr einen Parteitagsbeschluss mit dem Titel „Wehrhafte Demokratie heißt handeln. Jetzt AfD-Verbotsverfahren vorbereiten – und die Menschen zurückgewinnen“ gefasst hat. Nachfragen beim Parteivorstand sowie beim örtlichen Bundestagsabgeordneten zum Stand von dessen Umsetzung wurden entweder wolkig oder gar nicht beantwortet.

    Aktuell sind in 15 von 16 Bundesländern die SPD oder die Grünen an der Landesregierung beteiligt. Ein Bundesratsbeschluss zum Antrag eines Verbotsverfahrens dürfte eigentlich in greifbarer Nähe liegen. Aber da sind natürlich fast überall Koalitionspartner involviert.

    Was die Frage aufwirft, warum sich die Union zu der Frage nicht bekennen zu müssen scheint. Haben Pistorius und Özdemir womöglich versucht, jemanden aus der CDU für ihren Gastbeitrag zu gewinnen und niemand wagte sich vor?

  • Gelesen: ‚Die Tapetentür‘ von Marlen Haushofer

    Einerseits beschreibt der Roman die Zeit der fünfziger Jahre, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, andererseits hat Marlen Haushofer ihn zu jener Zeit geschrieben, was selbst bereits ein immenser Akt der Autonomie gewesen sein muss. In den achtziger Jahren wurden ihre Romane als Frauenliteratur wiederentdeckt und es brauchte weitere vierzig Jahre bis auch Leute wie ich diese Texte als das kennenlernen und schätzen, was sie sind: herausragende Literatur. Zum Beispiel in Sätzen wie diesen:

    Sie stand am Fenster und der Duft des gemähten Grases machte sie traurig und verwandelte sie für Sekunden in das große, wahnsinnige Tier, das plötzlich angefangen hatte, auf zwei Beinen zu gehen und sich mit Kleidern, Orden und Titeln zu behängen. Sie lachte bei dieser Vorstellung, und ein anderes, großes gewaltiges Wesen lachte mit ihr in der dunklen Regennacht. So viele Jahre hatte sie sich gefürchtet vor diesem Wesen und war vor ihm geflohen, bis der letzte Fluchtweg verstellt war und sie sich atemlos in die sanften, tödlichen Arme fallen ließ, die sich langsam, liebevoll und unerbittlich um sie schlossen.

    Oder noch größer:

    Ich halt‘ es nicht aus, dachte sie, ich halte es einfach nicht aus, und gleichzeitig wußte sie, daß sie es noch stundenlang aushalten würde, ja daß es kaum etwas gab, das sie nicht aushalten konnte. Dieses Wissen, geboren aus hundert Bombennächten, tagelangem Anstellen um ein Kilo Kartoffeln, einen Fetzen Papier oder ein Stück Seife, erfüllte sie mit Ekel. Jahrelang lag das alles zurück, aber das Wissen um die eigene Hartnäckigkeit und Unzerstörbarkeit war geblieben. Zu wissen, daß man so war, unter einem Mantel von Urbanität, so gierig, schamlos und von einer so wütenden Widerstandskraft, dies zu wissen war vielleicht das Schlimmste, was sie der Krieg gelehrt hatte.

  • hinter der Packstation

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  • Vom Hyperobjekt und der Ontologie

    Timothy Morton bezeichnet die Klimakrise als Hyperobjekt, so Samira El Ouassil: „ortlos, zeitlos, allumfassend, ohne einen Gegenstand, auf den man zeigen und sagen könnte: Das ist sie.“ Es erinnert mich an Mark Fisher und den Kapitalismus, dessen Ende man sich ihm zufolge schlechter vorstellen könne als das Ende der Welt.

    Die vielleicht wirksamste Grundströmung westlichen Denkens ist die Ontologie, das Denken von und in Dingen. Wenn der Kapitalismus ein Ding sein muss, wir uns dieses Ding aber nicht vorstellen können, können wir uns auch sein Ende nicht vorstellen. Wenn die Klimakrise zwar ortlos, zeitlos und allumfassend ist, aber trotzdem irgendeine Art von Objekt, äußerstenfalls ein Hyperobjekt, sein muss, dann nähert man sich einer Nullaussage.

    Niklas Luhmann hat sich mit dem konstruktivistischen Denken in Unterscheidungen stets gegen die Ontologie gesträubt. Ich wünschte, ich könnte das hier und jetzt in eigene Worte fassen.


    Titelbild: “The Object of that incomprehensible Being, which alone and in himself comprehends and constitutes supreme Perfection”, Thomas Wright, 1750. Aus: An Original Theory or New Hypothesis of the Universe

  • Musik gekauft: Modest Mouse – Interstate 8

    Es fiel der Entschluss, die frühen Modest Mouse zu hören, also bis zur, jedoch nicht einschließlich der Moon & Antarctica, die zwar auch sehr gut ist, die aber den Beginn der modernen Modest Mouse darstellt. Zum Zwecke der Vollständigkeit war dafür die Interstate 8-EP zu erwerben, die ich in meiner Erinnerung wohl mal zu alten Filesharing-Tagen besaß, nun aber nicht mehr digital vorfand. Die EP erschein am 6. August 1996, also knapp das dreißigjährige Jubiläum verpasst.

  • Gelesen: ‚Beton‘ von Thomas Bernhard

    Es geht natürlich nicht um diesen Inhalt, sondern um die Sprache und ihre Bewegung.

    Dies notierte Siegfried Unseld 1982 über seinen ersten Lektüreeindruck, nachdem T.B. ihm das Manuskript von Beton aushändigte.

    Dabei sollte es durchaus auch um den Inhalt gehen, denn dass erneut ein Mann mit einem Geistesprodukt ringt, wovon ihn erneut eine Frau (und – schon wieder: eine Schwester) abhält, weist schon gewisse Redundanzen gegenüber den Vorgängern auf.

    Immerhin ist nicht nur die Sprache, sondern sind auch die leidenden Leiber hier in Bewegung und verlassen die österreichischen Wälder und Schluchten, reisen gar nach Mallorca!

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  • Landtagswahl 2027 – Bochum: Direktkandidaturen

    Hier sammle ich die (mich interessierenden) Direktkandidat:innen der Wahlkreise 107 (Bochum I), 108 (Bochum II) und 109 (Wattenscheid) nebst ihrer Kanäle im Netz. Die Landtagswahl findet am 25. April statt, es ist also noch früh und vieles sicher noch im Aufbau. Wer Ergänzungen oder Korrekturen an mich senden möchte, erreicht mich unter wolf.witte@mailbox.org.

    WahlkreisParteiNameHomepageInstagramFediverse
    107 (Bochum I)CDUYannik Theisherrtheis
    107 (Bochum I)SPDAndrea Buschehttps://www.andrea-busche.de/buscheandrea
    107 (Bochum I)GrüneLea Niewerthlea_niewerth
    107 (Bochum I)LinkeLara Löschlara.loesch
    107 (Bochum I)FDPOliver Linsel
    108 (Bochum II)CDUSabine Radandt-Beckmann
    108 (Bochum II)SPDBastian Hartmannhttps://www.bastian-hartmann.de/bastian_hartmann
    108 (Bochum II)GrüneClaudia Neuseclaudianeuse
    108 (Bochum II)LinkeMattea Mentges
    108 (Bochum II)FDPAnna Viktoria Schröder
    109 (Wattenscheid)CDUAndreas Stephan
    109 (Wattenscheid)SPDLennart Schnelllennart.schnell
    109 (Wattenscheid)GrüneMarc Lemkemarc.lemke.gruene
    109 (Wattenscheid)LinkeBatıkağan Pulatbatikaganpulat
    109 (Wattenscheid)FDPMax Brücknermaxbruecknernrw

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  • Gelesen: ‚Eine Handvoll Leben‘ von Marlen Haushofer

    Der erste veröffentliche, wenngleich nicht erste Roman von Marlen Haushofer, wenn man Hans Weigel Glauben schenkt, der ihr von der Veröffentlichung zweier älterer Manuskripte abgeraten haben soll. Bereits hier entfaltet sich die unnachahmliche Erzählkunst, die ich aus anderen Texten Haushofers kenne und naturgemäß nicht in Worte kleiden kann.

    Interessant ist Konstanze Fliedls Hinweis im Nachwort auf zwei Vorkommnisse einer „unsichtbare[n] Wand“, die Betty von den Dingen trennt. Eines davon war mir auch aufgefallen.

    Als Nächstes ist Die Tapetentür an der Reihe, zuvor wird aber ein weiterer T. Bernhard gelesen.

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  • Kunst in Duisburg: das MKM

    Sagen wir es so, das Museum Küppersmühle vertraut auf die Wirkung des wahrhaft imposanten Gebäudes und die Intelligenz seiner Besucherinnen und Besucher, die sich in den  weitläufigen Etagen schon irgendwie zurechtfinden werden. Die ständige Sammlung ist toll und zuviel für einen Besuch, wenn, wie in meinen Fall, nach anderthalb Stunden die Konzentration und Aufnahmefähigkeit nachlässt. 

    Die Jaume Plensa-Sammlung beeindruckte mich zu Beginn, ehe sie immer mehr vom immergleichen zeigte: Überwältigungskunst durch Riesenhaftigkeit, zudem werden Werke für mich leider stets unmittelbar abgewertet, wenn sie Text beinhalten.

    Dennoch will ich da nochmal hin, wenn es weniger heiß ist und ich von dem wirklich unfassbar nervigen Duisburger Hauptbahnhof nicht so angestrengt bin.