Wolf Witte

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Politik der Öffentlichkeit zuführen | Komplexität abschichten | Ambient, Drone & Noise

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Schlagwort: Systemtheorie

  • Vollinklusion durch Social Media

    Seit dem Don Quijote übernimmt es der Roman, die daraus entstehende Lage zu reflektieren. Das Individuum führt sein Leben nach Maßgabe seiner Lektüre. Es erreicht Inklusion, indem es Gelesenes copiert.

    Niklas Luhmann – Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 627

    Mit der entstehenden Lage ist der Umstand gemeint, dass Personen in der Gesellschaft nicht mehr durch Herkunft, Schicht, Geschlecht etc. positioniert werden, sondern die Freiheit erlangen – und mit ihr die Last -, sich selbst zu positionieren. Sie werden Individuen. Das verschärft die Möglichkeit der Täuschung, des Scheins. (Auf diese eigentümliche Bedeutung des Romans für die Moderne stoße ich immer wieder – erst gestern hier: How the Novel Made the Modern World).

    Social Media ist nun eine regelrechte „Copiermaschine“. Ohnehin technisch per Retweet, aber auch in dem Sinne, dass das Individuum sich mit den Worten von Johannes Kuhn „ständig rückversicher[t], auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen“.

    Die Inklusion – als Chance der sozialen Berücksichtigung von Personen – ist dann vielleicht die eigentliche Leistung der Technologie Social Media, sei es als Vollinklusion in das System der Massenmedien, oder das der Politik und ihrer öffentlichen Meinung oder vielleicht sogar in die Gesellschaft als solche.


    (Jedenfalls sollte ich bei der Lektüre von Luhmann Ideen häufiger auch wirklich aufschreiben und mir das nicht lediglich vornehmen.)

  • Niklas Luhmann – Die Wissenschaft der Gesellschaft

    Und nochmal sportliches Lesen, damit auch ja kein Luhmann im Regal ungelesen ist. Mit diesem Buch habe ich erstmals konsequent exzerpiert und nicht angestrichen – ungefähr gemäß How to Take Smart Notes. Das Ergebnis sieht bereits sehr ergiebig aus und harrt noch der weiteren Auswertung.

  • Niklas Luhmann – Soziale Systeme

    Das hat mehrere Anläufe gebraucht und hat dank mindestens einer längeren Pause auch viel Zeit in Anspruch genommen. Letztlich war es eine Art Marathon und ich habe es entsprechend auch überwiegend mit dem sportlichem Ehrgeiz gelesen, es zu vollenden.

  • Theresa Wobbe – Weltgesellschaft

    Wollte man Empire vereinfachen, würde man es als Beschreibung des politischen Systems in der Weltgesellschaft beschreiben. Das hilft außer mir vermutlich niemanden, war aber immerhin Anlass, gleich noch ein Lehrbuch aus Studiumszeiten hervorzuholen.

    Dieser Band, erschienen im Jahr 2000, ist mit unter 100 Seiten locker an einem Tag durchgelesen und gibt einen kursorischen Überblick zu drei theoretischen Aufschlägen von der Weltgesellschaft, nämlich von Peter Heinz, John W. Meyer und – ein Glück – Niklas Luhmann.

    Das Buch lässt sich beim Transcript Verlag frei als PDF herunterladen.

    Bei der Recherche, ob und wie das Thema heute noch relevant ist, wurde ich gewahr, dass es Google Scholar noch gibt! Das hat sich irgendwie die Anmutung von Google vor 15 Jahren bewahrt, einschließlich des längst vergangenen Don’t be evil-Charmes.

  • Gelesen: Dirk Baecker – 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt

    Dirk Baecker aktualisiert seine Thesen zur nächsten Gesellschaft in der zugänglichsten Form, die mir bislang untergekommen ist. Über 26 Thesen hinweg untersucht Baecker verschiedene Einrichtungen und Formen der Gesellschaft, über ihre Strukturform (das Netzwerk), ihre Kulturform (die Komplexität), diverse Funktionssysteme wie Politik und Wirtschaft bis hin zu eher speziellen Formen wie dem Sport, der Gesundheit und dem Witz.

    Dabei werden stets die vier großen Medienepochen der Sprache (in der Stammesgesellschaft), der Schrift (in der Antike), des Buchdrucks (moderne Gesellschaft) und der digitalen Medien (die nächste Gesellschaft) miteinander verglichen. Hier von einer soziologischen Vogelperspektive zu sprechen, ist schon fast eine Untertreibung. Orbital wäre angemessener.

    Baecker lässt aber keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass es sich um Thesen handelt. Auch als Leser denkt man durchweg ‚Könnte sein, muss aber nicht‘. Der zugrundelegende Gedanke, dass Netzwerke zunehmend Funktionssysteme als gesellschaftsprägende Strukturen ablösen, hat aber seinen Reiz. Erst heute kam mir der Gedanke, wie ungewöhnlich zum Beispiel der Wiedereintritt von Friedrich Merz in die höchste Ebene der Politik nach einem Jahrzehnt ist. Gut erklärbar ist er hingegen durch die Stabilität von Netzwerken wie dem des „Andenpakts“ und persönlicher Beziehungen zu Personen wie Schäuble, Oettinger etc.

  • Sehr lang und lesenswert: Günter Dux im Gespräch mit Ulrich Bröckling und Axel T. Paul

    Günter Dux ist Begründer der historisch-genetischen Theorie der Gesellschaft, die er seit Ende der 1960er-Jahre systematisch ausgearbeitet hat. Sein im Hinblick auf Anspruch und Reichweite mit Niklas Luhmanns Systemtheorie und Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns vergleichbares Forschungsprogramm umfasst zum einen eine Konstitutionstheorie des Sozialen, welche die Entstehung von Bewusstsein, Sinn und Kultur im Anschluss an naturale Bedingungen rekonstruiert. Zum anderen expliziert es eine Theorie der Geschichte, in der praktisch-soziale Anforderungen an die Lebensführung die Subjekte einerseits zur Fortentwicklung ihrer Denkformen nötigen und diese Denkformen andererseits den Rahmen ihres Welt- und Selbstverständnisses abstecken. Die von Dux behandelten Themen reichen von der Hominisation bis zur modernen Demokratie, von der neolithischen Ausbildung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bis zu den Glaubenskämpfen der Gegenwart, von der Genese des Zeitbegriffs bis zur historischen Entwicklung moralischer Kategorien.