Wolf Witte

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Politik der Öffentlichkeit zuführen | Komplexität abschichten | Ambient, Drone & Noise

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Schlagwort: Systemtheorie

  • Die Habermas-Maschine in der idealen Sprechsituation

    Wolfgang von Kempelen: Bauteile seiner Sprechmaschine, aus Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine, Wien 1791. SLUB Dresden, gemeinfrei (Public Domain Mark), via Public Domain Review.

    Gegen den Strich erzählt, beschreibt die Erzählung von der Habermas-Maschine, die als KI-Mediator unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer bürgerratsartigen Versammlung iterativ immer mehr Gemeinsamkeit durch zustimmungsfähige Statements herstellt, Folgendes:

    Menschen in einem egalitären Raum von einem Kompromiss zu überzeugen ist so einfach, dass es sogar eine KI kann – weshalb es in der Realität nahezu nie passiert. Stattdessen hat sich um diese basalen Überzeugungen von Menschen ein politisches System aus professionellen Rollen, Institutionen und geteilten Gewalten herum entwickelt, in dem es kostspielig ist und von seltenen Gelegenheitsfenstern abhängt, seine Überzeugung zu ändern und entsprechend politisches Kapital erfordert, Mehrheiten herbeizuführen. Standhaftigkeit wird belohnt, Wechselhaftigkeit nicht geschätzt. Only Nixon could go to China. Selbst die politische Wahl findet wegen ihrer Anlage als frei, gleich, geheim und allgemein motivlos statt, wie Stefan Schulz gerne unter Verweis auf Luhmann sagt.

    Das Gemeinwesen ist also gerade keine Räterepublik, in der Räte ihre Delegierten mit imperativem Mandat ausgestattet in die höheren Ebenen schicken, so sehr auch mir solche Konzepte auf den ersten Blick gefallen mögen.

    Die „ideale Sprechsituation“ gibt es nicht

    Die Autoren des Papers machen wohlbemerkt auch unmissverständlich klar, dass die Habermas-Maschine eine egalitäre unstrukturierte („or semistructured“) Versammlung voraussetzt. Nur ist so eine Versammlung eben im Grunde apolitisch, entspricht sie doch der „idealen Sprechsituation“ Habermas‘, die er selbst als kontrafaktische Unterstellung verstand, nicht als herstellbaren Raum. In einem Parlament, einem Koalitionsausschuss oder einer Fraktion wäre so ein Mechanismus vollkommen hilflos.

    Wozu eigentlich Konsens?

    Die Frage ist überdies auch, woher diese Sehnsucht nach Eintracht, Übereinstimmung und „common ground“ eigentlich stammt. Das klingt sehr nach dem bundespräsidentiellen Lamento von der gespaltenen Gesellschaft und den Gräben, die man zuschütten müsse.

    Auch hier wieder gegen den Strich: Vielleicht hatten und haben wir einen breiten gesellschaftlichen Konsens, oft als „Mitte“ bezeichnet, der es ja gerade reizvoll und politisch opportun macht, die Ränder zu besetzen. Auch hier entpuppt sich das ganze Konzept als merkwürdig unpolitisch.

  • Notizen aus der Tagespresse

    Ich bin jetzt auch wieder bei Instagram, um ein wenig vom anhebenden Landtagswahlkampf mitzubekommen. Selbstverständlich unterhält niemand aus dem Kreis der Bochumer Kandidatinnen und Kandidaten ein auffindbares Profil im Fediverse. Wäre ja auch Unsinn: Weitgehend unreflektiert bleibt schließlich, dass die Linkspartei Berlin digital vollkommen unsouverän, nämlich auf Instagram und Tiktok gewonnen haben dürfte. Ferat Koçak soll seine Verlautbarungen sogar auf „X“ verbreitet haben. Schlimm. Aber morgen ist ja erster Sonntag im Monat, da dürfen sie dann auch „auf die gute Seite wechseln„. Passend dazu:

    Fritz B. Simon lenkt immer wieder den Blick darauf, dass Moralismus eine Machtstrategie ist: Jede öffentlich ausgetragene „Moralismus-Olympiade“, ob es nun um die Forderung nach dem Ausschluss Israels vom ESC gehe oder um die Frage, ob man noch Müllermilch trinken dürfe, sei ein Kampf um politischen Einfluss jenseits von Parteipolitik.

    Nina Apin in der taz über den Essay „Moralisieren: Waffe im Kulturkampf“ von Fritz B. Simon, der (interessant!) dabei Luhmanns Systemtheorie zur Anwendung bringe, so Apin.

    Ebenfalls in der taz (und dort im großem „literataz“-Teil) bespricht Hanno Rehlinger Philip Manows „Spaltungs­-linien – Europas Parteien­systeme und die De­konsolidierung des Nationalstaats“, das ich mit großem Interesse gelesen habe:

    Dieses Paradigma diene, so Manow, vor allem der „bürgerlichen Linken“, die „faktisch-praktisch einverstanden mit den spätkapitalistischen Verhältnissen scheint, die sie so grundlegend zu kritisieren glaubt“.

    Nicht einverstanden ist Tom Krebs, dessen Buch Kapital und Krise ich gerade lese (nach wohlwollender Besprechung im Salon der Neuen Zwanziger). Ob er sich mit dem Zitat „Die Gewerkschaften müssen mehr Marx wagen“ einen Gefallen tut, bleibt abzuwarten. Viel mehr nerven mich jedoch Sätze wie „Auch die Ampel hat wirtschaftspolitische Fehler gemacht“, weil sie der Rahmung des Richtigmachens zuspricht, die wiederum ein politisches Verständnis ausdrückt, welches nicht das meine ist. Keine Regierung wird keine Fehler machen.


    Titelbild: Frederick Burr Opper: „The Fin de Siècle Newspaper Proprietor“, in: Puck, Bd. 35, Nr. 887 (1894). Quelle: Public Domain Image Archive. Gemeinfrei.

  • so als ob es anders sein könnte

    Man kann die „Realität der Massenmedien“ deshalb nicht begreifen, wenn man ihre Aufgabe in der Bereitstellung zutreffender Informationen über die Welt sieht, und daran ihr Versagen, ihre Realitätsverzerrung, ihre Meinungsmanipulation mißt – so als ob es anders sein könnte.

    Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2., erweiterte Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996, S. 173 f.

  • Aus Luhmanns „Realität der Massenmedien“

    Man kann ja die Grenzen (und damit die Einheit) einer Handlung oder eines Handelnden weder sehen noch hören. [..] Das macht zugleich die Funktion der Massenmedien in ihrem Beitrag zur kulturellen Institutionalisierung des Handelns verständlich

    Und weiter:

    Im gleichen Zuge wird das Interesse an Personen reproduziert. [..] Gerade in Zeiten, die ihre Zukunft als abhängig von Handlungen und Entscheidungen erlebt, nimmt die Orientierung an Personen offenbar zu.

    Daher vielleicht die überschießende Faszination für Dinge, die „Merz“, „Reiche“ oder „Spahn“ tun.

  • Die Intransparenz der Wählenden

    Ausgerechnet die interessanteste Idee in Baeckers Digitalisierung ist gar nicht so neu, er formuliert sie aber originell:

    War es in der Buchdruckgesellschaft wichtig, undurchschaubar zu sein, um als Liebhaber, Wähler, Kunde individuell (wenn auch nicht statistisch) eine unvorhersehbare Zukunft symbolisieren und so die entsprechenden Sozialsysteme (Liebe, Politik, Wirtschaft) für ihre Umwelt sensibilisieren zu können [..].

    Damit verweist er auf Christoph Kucklicks Buch Die granulare Gesellschaft von 2014, in dem dieser unter anderem die These ausformuliert, unsere bisherige Demokratie hänge zum Teil von der Intransparenz der Wähler ab. Je mehr diese schwindet, umso mehr wandele sich unser Gemeinwesen.

    Das wiederum erinnert eindrucksvoll an The Persuaders von Anand Giridharadas, in dem das Canvassing (zu Deutsch: das Haustürgespräch) zur Kunstform erhoben wird. Ich schrieb darüber:

    Ansonsten ist dieses Changing People’s Minds ein fragwürdiges Geschäft: Gut vorbereitete Canvasser treffen auf Menschen an der Haustür und befolgen erprobte Skripts mit dem Ziel des Überzeugens. Die Naivität, mit der das als regelrecht edle Tätigkeit präsentiert wird, die wunderbare Ergebnisse zeitigt, nervt auf Dauer sehr.

    Heute würde ich es zuspitzen: Canvasser täuschen ein authentisches Gespräch auf Augenhöhe vor, um mit Menschen, die den Datensätzen zufolge noch überzeugt werden können, genau jenes Gesprächsskript abzuarbeiten, das den Datensätzen zufolge am erfolgversprechendsten ist. Im Grunde sind sie längst Avatare der Datensätze, an denen wahrscheinlich schon längst KI trainiert wurde. Dankbar muss man für das deutsche und europäische Datenschutzrecht sein, welches die deutschen Haustürgespräche so rührend wirkungslos macht.

    Wenn diese Entwicklung, die sich gleichermaßen in personalisierten Anzeigen und Botschaften im Netz abspielt, zum Wandel unseres Gemeinwesens beiträgt, oder mit Baecker, den Sozialsystemen Anlass gibt, sich gegenüber ihrer Umwelt zu desensibilisieren, dann erklärt das vielleicht, warum die US-Administration so offensiv Politik gegen ihre Wählerinnen und Wähler machen kann – oder glaubt machen zu können.


    Titelbild: Anton Schöner, 1906. Aus: Illustriertes Prachtwerk sämtlicher Taubenrassen

  • Gelesen: Dirk Baecker –  ̶D̶̶i̶̶g̶̶i̶̶t̶̶a̶̶l̶̶i̶̶s̶̶i̶̶e̶̶r̶̶u̶̶n̶̶g̶

    Als ich vor ein paar Jahren von Berufs wegen mit dem Nonsens-Thema Industrie 4.0 befasst war, bot Dirk Baeckers Band 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt einen willkommenen Ausblick über den Hype hinaus. Baecker denkt und schreibt Gesellschaft und ihre Evolution auf originelle Art systemtheoretisch, schwer zugänglich, aber so, dass stets einige gute Ideen hängen bleiben.

    Digitalisierung lese ich als konzeptionelle Fortentwicklung vieler Ideen aus 4.0: die Frage, welche Begriffe dabei helfen, zu verstehen, wie sich die Gesellschaft auf ihre Digitalisierung einlässt. Künstliche Intelligenz scheint dabei eine weitere, notwendige Stufe der Digitalisierung der Gesellschaft zu sein:

    Nicht mehr der Turing-Test, sondern ein Durkheim-Test ist das Maß aller Dinge. [..] die Fähigkeit der Maschine, sich kooperativ in soziale Systeme der Interaktion auch mit Menschen einzufinden.

    Nichts veranschaulicht das derzeit so gut, wie das Marketing von Anthropic und des Sprachmodells Claude: der Arbeitsplatz, als überschaubar komplexes Interaktionssystem mit vorhersagbaren Rollenmodellen.

  • Vernunft

    Die Grundgesetzänderung zur Einschränkung des Asylrechts gegen Ende 1992 begriff er als Ausdruck einer „Mentalität des Wohlfahrtschauvinismus“. Er protestierte dagegen in den Printmedien und in persona als einer der 350.000 Demonstranten am 8. November 1992 in Berlin.

    Jürgen Habermas ist tot.

    Eben erst in Dirk Baeckers Digitalisierung gelesen:

    Bei Jürgen Habermas tendiert alle Kommunikation, gibt man ihr unter Verzicht auf jeden Zwang genügend Zeit, zur »Vernunft«, bei Michel Serres, je nach parasitärem Geschick, zum »Netzwerk« und bei Luhmann, abhängig von produktiven Zufällen, zum »System«.

  • Stop making Sinn

    Als ich es im Januar endlich geschafft hatte, mich bei der Bibliothek der Ruhruni Bochum anzumelden (ein sehr einfacher Vorgang, bei dem einem freundlichstes Fachpersonal hilft), dieses Buch zu finden und auszuleihen, freute ich mich riesig.

    Prof. Dr. Rainer Schützeichel ist leider im Oktober 2023 verstorben. Bei dem Buch handelt es sich um die fundierteste Kritik der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns, die ich kenne. Es ist harte Kost, stellt an vielen Stellen aber auch einen innovativen Zugang zur Theorie her.

    Empfohlen hatte das Buch Stefan Schulz in einer seiner zahlreichen Podcastbeteiligungen, dessen jüngstes Buch Die Kinderwüste ich wiederum gerade zu lesen begonnen habe.

    Und Musik: Fennesz hat mit The Last Days of May ein hervorragendes Stück für das australische Label Longform Editions kreiert:

    Und Politik: Johannes Kuhn äußerst treffend:

    Mit der SPD erhalten CDU/CSU wohl einen Partner, der 2028 gegen Ende der Legislatur 26 von 30 Jahren regiert hätte. Die Sozialdemokratie in Deutschland ist bei sinkender Relevanz weiterhin vor allem eine Regierungsmaschine: Bis auf wenige soziale Punkte inhaltlich entkernt und auf eine überalterte Wählerschaft angewiesen. Letzteres verbindet sie auch mit der Union – genau wie das Festhalten an der Überzeugung, dass Deutschland auch im zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts noch mit den Technologien der zweiten industriellen Revolution reüssieren kann.

    Fediverse-Reaktionen
  • Familie und Organisation

    Hieran anknüpfend ein Fund aus Niklas Luhmanns Vorlesung zur Organisationssoziologie gehalten im Wintersemester 1967/68 in Münster1:

    Im großen könnte man die Entwicklung der Gesellschaft auch als Entwicklung von der Familie zur Organisation bezeichnen.

    Und weiter:

    Die Familie ist das einzige System, in dem alle Organisationsmitgliedschaften übersehbar und als personaler Zusammenhang darstellbar sind.

    Aufgrund dieser Darstellbarkeit greift Fiktion, TV und Kino so gerne auf Familie als Platzhalter für Organisation zurück, obgleich sie die vormoderne Form ist.


    1: Niklas Luhmann: Soziologie unter Anwesenden. Systemtheoretische Vorlesungen 1966-70. Suhrkamp, 2024.

  • Niklas Luhmann – Die Gesellschaft der Gesellschaft

    Begonnen am 20. März, also habe ich rund sieben Monate für 1150 Seiten gebraucht. Dabei sind sind ca. 250 Notizen in Obsidian entstanden, was für meine Verhältnisse wenig ist; ich habe mich absichtlich gebremst. Die nun zu verlinken und in den Graphen einzubetten wird ein großer Spaß.

    Und wozu das alles? Um Gesellschaft besser verstehen und beschreiben zu können natürlich. Ob das gelungen ist, wird die Zeit zeigen. Fünf Sternchen gibt es allein schon dafür, dass ich das Monstrum überhaupt durchgelesen habe.