Schlagwort: 2026

  • Gelesen: „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ von Götz Aly

    Die „68er“ und die „33er“ hätten mehr miteinander gemein, als ersteren wohl lieb ist, so Götz Alys These in dieser Monografie aus dem Jahr 2008, in der er sich auch selbstkritisch mit seiner eigenen Involviertheit auseinandersetzt. Ich hatte ‚Unser Kampf‘ auf der Liste, wie so oft, ohne zu wissen, warum.

    Das Buch erfuhr eine überaus kritische Rezeption, die der Wikipedia-Artikel gut zusammenfasst:

    Aly, so Philipp Gassert, ziele mehr auf „Selbstkasteiung als historische Analyse“ und habe vor allem den „Knalleffekt“ im Sinn.

    Leider wahr.

  • Gelesen: Wege aus der Gewalt von Thomas Wagner

    Impulse für ein neues politisches Denken verspricht dieser Essay, der im „Salon“ des Podcasts Die neuen Zwanziger von Wolfgang M. Schmidt vorgestellt wurde; inzwischen eine verlässliche Quelle für gute Bücher.

    Wie gut ist die Organisationsform des Nationalstaates geeignet, um Frieden zu wahren? Nicht besonders, so Wagner:

    Vorsichtig ausgedrückt: In Sachen Krieg und Frieden war der Staat über weite Teile der Geschichte hinweg häufiger Teil des Problems als der Lösung.

    Die Alternative lässt sich leicht benennen – die Föderation –, aber schwer beschreiben.

    Die Rede ist von nichthierarchisch-horizontaler Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene, von Demokratie als Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, sich selbst zu verwalten, von geteilter Souveränität.

    Zu Wort kommen Hannah Arendt, Michael Wolffsohn und Abdullah Öcalan.

    Formuliert wird eine dringend notwendige Kritik an der Politikwissenschaft und an ihren „Realisten“.

    Das Buch ist ein wichtiger Anstoß für Debatten zur Frage, in welcher Form sich radikaldemokratische, konföderalistische, gar anarchistische Gesellschaft organisieren soll, wenn die Antwort „Ohne Staat!“ nicht genügt.


    Titelbild: “Catfish Extermination”, 1855. Ansei ōjishin-e
    Public Domain Worldwide, No Additional Rights

    Fediverse-Reaktionen
  • Gelesen: Neongrau von Aiki Mira

    Ein Titel, von dem in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder zu lesen war, wenn es um deutsche Science-Fiction ging. Mit fiel der Einstieg schwer. Das Gamersetting, der Slang, die nicht immer überzeugend geschriebenen Dialoge, das merkwürdig reduzierte Worldbuilding …

    Aber Neongrau überzeugt dann doch: mit seinen vielfältigen Figuren in einer Welt, die sich den plumpen Cyberpunk- und Post-Apokalypse-Klischees entzieht. Insofern habe ich das Buch ab etwa dem ersten Viertel gerne gelesen.

    Neongrau gibt es auch als Hörspiel in der ARD Audiothek.

  • Gelesen: Surface Detail von Iain M. Banks

    Wohl der neunte Culture-Roman, obwohl die Reihenfolge, in der man sie liest, keine Rolle spielt. Man wird sie aber, wie ich, alle lesen wollen, wenn man High Concept Space Opera Science Fiction etwas abgewinnen kann. Selbst ich lese sie aber nicht nacheinander weg, sondern mit viel Abstand.

    Banks schreibt ausufernd, dicht, mit irrem Ideenreichtum, mitunter auch anstrengend. Seine Protagonisten sind panhumane Aliens, künstliche Intelligenzen, virtuelle Existenzen, Künstler, Agentinnen und Hedonisten. Die Culture verhält sich zu Star Trek ungefähr so wie Star Trek zur Realität. Jeder einzelne Band ist ein Hochgenuss, so gut, dass ich nicht das Geringste dazu spoilern möchte.

  • Nun lesend: Anthropolis

    In Vorbereitung auf den Theatermarathon in Hamburg. Prolog ist schon mal super.

    Fediverse-Reaktionen
  • Gelesen: Alastair Reynolds – Eversion

    Beim Sprawl Radio lesen sie zurzeit ebendieses Buch, und da wollte ich dann auch mal mitlesen. Dass ich es nun aus Versehen schon durchgelesen habe, spricht aber nur auf den ersten Blick für Eversion, wird das Buch doch bei jeder Iteration seiner murmeltiertagsartigen Wiederholungen ein wenig uninteressanter, hielt mich, der ich noch eine furiose letzte Wendung erwartete, aber erfolgreich bei der Stange, nur um letztlich zu enttäuschen. Im letzten Drittel wird Spannung dann weitgehend durch Infodumps ersetzt. Ein überaus verzichtbares Buch.

  • Bestellt: ‚Schreiben nach KI‘

    Was ist Schreiben nach KI? Die Dichternnnie schauen, gewohnheitsgemäß, genauer hin. Dichtung muss, entgegen romantischer Vorbehalte, noch keine besondere Haltung gegenüber Technologien des Schreibens haben, außer gegenüber jenen, die ihren Nutzen für die Zwecke der Dichtung betreffen – und die sind weiterhin offen. In der gegenwärtigen Umbruchszeit – nach der Einführung großer Sprachmodelle, vor ihrem lebensweltlichem Normalwerden – versammelt der von Ann Cotten und Hannes Bajohr herausgegebene Band Schreiben nach KI Stimmen, die den schreibmedialen Schwellenmoment reflektieren, an dem wir uns befinden.

    Via Hannes Bajohr | Zur Verlagswebsite

  • Gelesen: Emil Herz – Denk ich an Deutschland in der Nacht

    Die Vorbesitzerin dieses Buches erhielt es vor einigen Jahren antiquarisch aus Amsterdam. Im Umschlag ist der ursprüngliche Besitzer vermerkt, er lebte im Kibbuz Dovrat in Israel. Die Auflage dieses Buches ist von 1952, möglicherweise war er deutscher Emigrant, geflohen vor den Nazis. Sein Name legt dies nahe.

    Emil Herz leitete den Ullstein Buchverlag in Berlin, bis er 1934 gezwungen wurde, die Stelle zu verlassen, woraufhin er auswanderte und in die USA gelangte. „Eines Tages stand unser jüngster Sohn Arthur in Uniform vor uns, um Abschied zu nehmen“, so Herz im Prolog des Buches. Die bitte des Sohnes: Herz möge das Haus der Vorfahren Steg aus seiner Erinnerung wieder auferstehen. „Der in so ernster Stunde geäußerte Wunsch war mir Gebot.“

    Denk ich an Deutschland in der Nacht ist die Geschichte des Hauses Steg, eine fünf Generationen und zweihundert Jahre überspannende Saga, die jüdisches Leben in Deutschland, deutsche Geschichte aus Sicht deutscher Juden und jüdische Erfolge auf Gebieten wie Wissenschaft, Politik und natürlich Literatur in den Blick nimmt.

    Da ist „das ungestüme Begehren, als nützliches Glied aufzugehen in die deutsche Allgemeinheit“, das Ausgeliefertsein gegenüber den oft antisemitischen und selten judenfreundlichen Gesinnungen der jeweiligen Herrscher, Monarchen oder Regierungschefs. Auch liefert Herz spannende Einblicke in das aufstrebende Verlagsgeschäft um und nach 1900, in dem er führend tätig war.

    Das Buch endet mit einem Gedenken all jener, die der Vernichtung nicht entkommen konnten und  einem Zitat aus dem biblischen Buch Ezechiel, in dem die Toten wiederauferstehen.

    Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte; es regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusammen.

    Odem kam in sie und sie wurden wieder lebendig und sie richteten sich auf ihre Füße. Es war ihrer eine unabsehbare Menge.