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Bochum liest ein Buch – und ich habe es aus Versehen an einem Vormittag weggelesen. Das war so eigentlich nicht gedacht, spricht aber zweifelsfrei für „Hawaii“ von Cihan Acar. Ich empfehle es und die Stadt fängt mit ihren Aktivitäten auch erst noch an, dem Veranstaltungsplan zufolge nämlich am 4. November. Es können sich also alle getrost mehr Zeit nehmen als ich:
Gemeinsam lesen, diskutieren und nachdenken: Das ermöglicht „Eine Stadt liest ein Buch“ erstmals auch in Bochum. Ein Leseerlebnis, das die ganze Stadt zusammenbringt – egal ob in Buchclubs, Cafés, der Volkshochschule, Stadtbüchereien, Literaturkreisen oder online.
Es freute mich, in Daniela Strigls Nachwort zu lesen, dass Marlen Haushofer eine Schwäche für utopische Romane und Science Fiction-Kolportage hatte. Schließlich ist auch die titelgebende Wand ein Science Fiction-Motiv, das jedoch, kaum, dass es in die Handlung eintritt, diese in radikalsten Realismus umschlagen lässt: das Wetter, die Jahreszeiten, die Nahrungsmittelversorgung, die Tiere. Vor allem die Tiere, die ohne jede Disneyfizierung zu echten Figuren der Erzählung werden.
Wie es Haushofer gelingt, die Gleichförmigkeit ohne Monotonie zu erzählen – geradezu als Spannung ohne Spannung -, das beeindruckt auch erzählökonomisch. Wusste sie von Beginn an, wie die Geschichte enden müsste? Ich glaube, ja. Umso mehr erstaunt, wie – und wie wenig – sie die Erzählung darauf hinauslaufen lässt.
Auch aus Strigls Nachwort:
Bemerkenswert ist auch die besondere Aufmerksamkeit, die das Kultbuch anlässlich seines 60. Geburtstags in französischen Medien erhielt: Die Bloggerin Maureen Wingrove alias Diglee hatte Die Wand 2019 in einer Wühlkiste entdeckt und eine begeisterte Empfehlung publiziert – das Buch war im Nu vergriffen, die Neuauflage ein Bestseller und Haushofer als literarische Größe in Frankreich durchgesetzt.
„Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“
So ist es und ich würde lügen, behauptete ich, dass die Lektüre sich nicht eher zäh gestaltete, oder – positiv gewendet – nicht beim Einschlafen half. Ich würde gerne besser verstehen, warum zu jener Zeit – vor ja lediglich vier Generationen – so geschrieben und gelesen wurde.
Das Gewicht des Romans liege nicht auf der Handlung, sondern auf den vielfältigen Dialogen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert offenbaren, heißt es in der Wikipedia. Das finde ich schlüssig: Der Widerstreit zwischen dem Konservativen und dem Progressiven (hier der Sozialdemokratie) ist sicher ein roter (pun intended) Faden des Romans.
Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht, verspricht der Untertitel dieses Bandes, das seinem Autor zur Zeit erfreuliche Reichweite in der Publizistik zwischen Podcasts und Zeitungen einbringt. Der Ökonom schließt an eine eindrückliche und sehr aktuelle Analyse der Wirtschaftspolitik von Ampel und Merz I sein Programm einer geplanten Marktwirtschaft an.
Das ließt sich alles schlüssig, kenntnisreich und durchdacht. Mein Unbehagen schöpft sich – ähnlich wie bei Isabella Webers antifaschistischer Wirtschaftspolitik1 – aus dem Eindruck, dass wieder ein Policyvorschlag eines Autoren oder einer Autorin durch das System der Massenmedien geschleust wird, ohne spürbaren Impact in der Politik der Gesellschaft haben zu werden, so wie schon viele vor ihm.
Wenn Tom Krebs politische Scheindebatten und sogar eine „Politiksimulation“ (S. 301) beklagt, dann beleuchtet er ein Problem, welches ja nicht nur der aktuellen Regierung anzulasten ist, sondern struktureller Art ist. Nun ist es als Ökonom nicht seine Aufgabe, aber die Politikwissenschaft scheint dazu auch nicht imstande zu sein und das fängt schon bei der Problembeschreibung an. Ich würde sie mit zwei Worten einleiten: demokratische Repräsentation.
1) Vielleicht tue ich Weber damit sogar Unrecht, bei deren Buchvorstellung in Berlin höherrangige Vertreter:Innen von SPD, den Grünen und der Linkspartei vertreten gewesen sein sollen. Es scheint das Buch der Stunde für den linksliberalen Flügel zu sein, ähnlich wie „The Tyranny of Merit“ von Michael J. Sandel Olaf Scholz‘ „Respekt“-Wahlkampf beeinflusst haben soll.
Ich würde aus Gründen kein Geld mehr für ein Buch von Sally Rooney ausgeben, aber in unserem Appartment stand dieses, welches ich gerne las. Ihre Bücher scheinen sich nicht nennenswert voneinander zu unterscheiden: Irische Millenials und ihre Probleme, überragend gut gezeichnete Figuren und irreal intelligente Dialoge.
Wollte ich gelesen haben, ehe Die neuen Zwanziger es besprechen. Ein wahnsinnig guter und dichter Essay zu dem wohl drängendsten Thema unserer Zeit. Allein der Fußnotenapparat lohnt eine weitere Lektüre. Bestellbar bei Hanser.
Vielleicht fühlte es sich so an, in den Achtzigerjahren Neuromancer zu lesen. Ich habe jedenfalls wirklich lange gebraucht, um zu verstehen, worum es hier geht, welche Fraktionen es gibt, welche Interessen die haben und welche Ziele sie verfolgen. Und alles habe ich immer noch nicht verstanden. Trotzdem gut und Auftakt einer Trilogie, deren zweiten Teil es auch schon gibt.
Einerseits beschreibt der Roman die Zeit der fünfziger Jahre, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, andererseits hat Marlen Haushofer ihn zu jener Zeit geschrieben, was selbst bereits ein immenser Akt der Autonomie gewesen sein muss. In den achtziger Jahren wurden ihre Romane als Frauenliteratur wiederentdeckt und es brauchte weitere vierzig Jahre bis auch Leute wie ich diese Texte als das kennenlernen und schätzen, was sie sind: herausragende Literatur. Zum Beispiel in Sätzen wie diesen:
Sie stand am Fenster und der Duft des gemähten Grases machte sie traurig und verwandelte sie für Sekunden in das große, wahnsinnige Tier, das plötzlich angefangen hatte, auf zwei Beinen zu gehen und sich mit Kleidern, Orden und Titeln zu behängen. Sie lachte bei dieser Vorstellung, und ein anderes, großes gewaltiges Wesen lachte mit ihr in der dunklen Regennacht. So viele Jahre hatte sie sich gefürchtet vor diesem Wesen und war vor ihm geflohen, bis der letzte Fluchtweg verstellt war und sie sich atemlos in die sanften, tödlichen Arme fallen ließ, die sich langsam, liebevoll und unerbittlich um sie schlossen.
Oder noch größer:
Ich halt‘ es nicht aus, dachte sie, ich halte es einfach nicht aus, und gleichzeitig wußte sie, daß sie es noch stundenlang aushalten würde, ja daß es kaum etwas gab, das sie nicht aushalten konnte. Dieses Wissen, geboren aus hundert Bombennächten, tagelangem Anstellen um ein Kilo Kartoffeln, einen Fetzen Papier oder ein Stück Seife, erfüllte sie mit Ekel. Jahrelang lag das alles zurück, aber das Wissen um die eigene Hartnäckigkeit und Unzerstörbarkeit war geblieben. Zu wissen, daß man so war, unter einem Mantel von Urbanität, so gierig, schamlos und von einer so wütenden Widerstandskraft, dies zu wissen war vielleicht das Schlimmste, was sie der Krieg gelehrt hatte.
Es geht natürlich nicht um diesen Inhalt, sondern um die Sprache und ihre Bewegung.
Dies notierte Siegfried Unseld 1982 über seinen ersten Lektüreeindruck, nachdem T.B. ihm das Manuskript von Beton aushändigte.
Dabei sollte es durchaus auch um den Inhalt gehen, denn dass erneut ein Mann mit einem Geistesprodukt ringt, wovon ihn erneut eine Frau (und – schon wieder: eine Schwester) abhält, weist schon gewisse Redundanzen gegenüber den Vorgängern auf.
Immerhin ist nicht nur die Sprache, sondern sind auch die leidenden Leiber hier in Bewegung und verlassen die österreichischen Wälder und Schluchten, reisen gar nach Mallorca!