Schlagwort: 2026

  • Gelesen: ‚Der Stechlin‘ von Theodor Fontane

    Fontane selbst beschrieb die Handlung ironisch:

    „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“

    So ist es und ich würde lügen, behauptete ich, dass die Lektüre sich nicht eher zäh gestaltete, oder – positiv gewendet – nicht beim Einschlafen half. Ich würde gerne besser verstehen, warum zu jener Zeit – vor ja lediglich vier Generationen – so geschrieben und gelesen wurde.

    Das Gewicht des Romans liege nicht auf der Handlung, sondern auf den vielfältigen Dialogen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert offenbaren, heißt es in der Wikipedia. Das finde ich schlüssig: Der Widerstreit zwischen dem Konservativen und dem Progressiven (hier der Sozialdemokratie) ist sicher ein roter (pun intended) Faden des Romans.

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  • Gelesen: ‚Kapital und Krise‘ von Tom Krebs

    Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht, verspricht der Untertitel dieses Bandes, das seinem Autor zur Zeit erfreuliche Reichweite in der Publizistik zwischen Podcasts und Zeitungen einbringt. Der Ökonom schließt an eine eindrückliche und sehr aktuelle Analyse der Wirtschaftspolitik von Ampel und Merz I sein Programm einer geplanten Marktwirtschaft an.

    Das ließt sich alles schlüssig, kenntnisreich und durchdacht. Mein Unbehagen schöpft sich – ähnlich wie bei Isabella Webers antifaschistischer Wirtschaftspolitik1 – aus dem Eindruck, dass wieder ein Policyvorschlag eines Autoren oder einer Autorin durch das System der Massenmedien geschleust wird, ohne spürbaren Impact in der Politik der Gesellschaft haben zu werden, so wie schon viele vor ihm.

    Wenn Tom Krebs politische Scheindebatten und sogar eine „Politiksimulation“ (S. 301) beklagt, dann beleuchtet er ein Problem, welches ja nicht nur der aktuellen Regierung anzulasten ist, sondern struktureller Art ist. Nun ist es als Ökonom nicht seine Aufgabe, aber die Politikwissenschaft scheint dazu auch nicht imstande zu sein und das fängt schon bei der Problembeschreibung an. Ich würde sie mit zwei Worten einleiten: demokratische Repräsentation.


    1) Vielleicht tue ich Weber damit sogar Unrecht, bei deren Buchvorstellung in Berlin höherrangige Vertreter:Innen von SPD, den Grünen und der Linkspartei vertreten gewesen sein sollen. Es scheint das Buch der Stunde für den linksliberalen Flügel zu sein, ähnlich wie „The Tyranny of Merit“ von Michael J. Sandel Olaf Scholz‘ „Respekt“-Wahlkampf beeinflusst haben soll.

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  • Gelesen: ‚Beautiful World, Where are You?‘ von Sally Rooney

    Ich würde aus Gründen kein Geld mehr für ein Buch von Sally Rooney ausgeben, aber in unserem Appartment stand dieses, welches ich gerne las. Ihre Bücher scheinen sich nicht nennenswert voneinander zu unterscheiden: Irische Millenials und ihre Probleme, überragend gut gezeichnete Figuren und irreal intelligente Dialoge.

  • Gelesen: ‚Nein. Gegen die Militarisierung der Gegenwart‘ von Mithu Sanyal

    Wollte ich gelesen haben, ehe Die neuen Zwanziger es besprechen. Ein wahnsinnig guter und dichter Essay zu dem wohl drängendsten Thema unserer Zeit. Allein der Fußnotenapparat lohnt eine weitere Lektüre. Bestellbar bei Hanser.

  • Gelesen: ‚Tschick‘ von Wolfgang Herrndorf

    Wollte dann mal wissen, what the fuzz about is. Schöne Urlaubslektüre, las sich flott weg.

  • Gelesen: ‚The Peripheral‘ von William Gibson

    Vielleicht fühlte es sich so an, in den Achtzigerjahren Neuromancer zu lesen. Ich habe jedenfalls wirklich lange gebraucht, um zu verstehen, worum es hier geht, welche Fraktionen es gibt, welche Interessen die haben und welche Ziele sie verfolgen. Und alles habe ich immer noch nicht verstanden. Trotzdem gut und Auftakt einer Trilogie, deren zweiten Teil es auch schon gibt.

  • Gelesen: ‚Die Tapetentür‘ von Marlen Haushofer

    Einerseits beschreibt der Roman die Zeit der fünfziger Jahre, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, andererseits hat Marlen Haushofer ihn zu jener Zeit geschrieben, was selbst bereits ein immenser Akt der Autonomie gewesen sein muss. In den achtziger Jahren wurden ihre Romane als Frauenliteratur wiederentdeckt und es brauchte weitere vierzig Jahre bis auch Leute wie ich diese Texte als das kennenlernen und schätzen, was sie sind: herausragende Literatur. Zum Beispiel in Sätzen wie diesen:

    Sie stand am Fenster und der Duft des gemähten Grases machte sie traurig und verwandelte sie für Sekunden in das große, wahnsinnige Tier, das plötzlich angefangen hatte, auf zwei Beinen zu gehen und sich mit Kleidern, Orden und Titeln zu behängen. Sie lachte bei dieser Vorstellung, und ein anderes, großes gewaltiges Wesen lachte mit ihr in der dunklen Regennacht. So viele Jahre hatte sie sich gefürchtet vor diesem Wesen und war vor ihm geflohen, bis der letzte Fluchtweg verstellt war und sie sich atemlos in die sanften, tödlichen Arme fallen ließ, die sich langsam, liebevoll und unerbittlich um sie schlossen.

    Oder noch größer:

    Ich halt‘ es nicht aus, dachte sie, ich halte es einfach nicht aus, und gleichzeitig wußte sie, daß sie es noch stundenlang aushalten würde, ja daß es kaum etwas gab, das sie nicht aushalten konnte. Dieses Wissen, geboren aus hundert Bombennächten, tagelangem Anstellen um ein Kilo Kartoffeln, einen Fetzen Papier oder ein Stück Seife, erfüllte sie mit Ekel. Jahrelang lag das alles zurück, aber das Wissen um die eigene Hartnäckigkeit und Unzerstörbarkeit war geblieben. Zu wissen, daß man so war, unter einem Mantel von Urbanität, so gierig, schamlos und von einer so wütenden Widerstandskraft, dies zu wissen war vielleicht das Schlimmste, was sie der Krieg gelehrt hatte.

  • Gelesen: ‚Beton‘ von Thomas Bernhard

    Es geht natürlich nicht um diesen Inhalt, sondern um die Sprache und ihre Bewegung.

    Dies notierte Siegfried Unseld 1982 über seinen ersten Lektüreeindruck, nachdem T.B. ihm das Manuskript von Beton aushändigte.

    Dabei sollte es durchaus auch um den Inhalt gehen, denn dass erneut ein Mann mit einem Geistesprodukt ringt, wovon ihn erneut eine Frau (und – schon wieder: eine Schwester) abhält, weist schon gewisse Redundanzen gegenüber den Vorgängern auf.

    Immerhin ist nicht nur die Sprache, sondern sind auch die leidenden Leiber hier in Bewegung und verlassen die österreichischen Wälder und Schluchten, reisen gar nach Mallorca!

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  • Gelesen: ‚Eine Handvoll Leben‘ von Marlen Haushofer

    Der erste veröffentliche, wenngleich nicht erste Roman von Marlen Haushofer, wenn man Hans Weigel Glauben schenkt, der ihr von der Veröffentlichung zweier älterer Manuskripte abgeraten haben soll. Bereits hier entfaltet sich die unnachahmliche Erzählkunst, die ich aus anderen Texten Haushofers kenne und naturgemäß nicht in Worte kleiden kann.

    Interessant ist Konstanze Fliedls Hinweis im Nachwort auf zwei Vorkommnisse einer „unsichtbare[n] Wand“, die Betty von den Dingen trennt. Eines davon war mir auch aufgefallen.

    Als Nächstes ist Die Tapetentür an der Reihe, zuvor wird aber ein weiterer T. Bernhard gelesen.

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  • Gelesen: ‚Korrektur‘ von Thomas Bernhard

    Endlich wieder ein Bernhard, erneut obsessiver Bewusstseinsstrom über 300 Seiten, fordernd, zermürbend, bereichernd. Interessant an der Gesamtausgabe sind auch die Anmerkungen zur Textgestaltung wie

    S. 76: Im mit »Diese Studie, […]« (Z. 26) beginnenden Satz ist nach »[…] Studie in ihr Geistesgegenteil verkehrt habe, […]« (S. 77, Z. 7) vor »verbrennen« ein »sie« einzufügen.

    Vorweg wird diskutiert, ob die zahlreichen vermeintlichen Fehler im Sinne des Titels und Themas des Romans überhaupt korrigiert werden sollten.

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