Kriegsführung ist der Einsatz von Körpern gemäß Strategie und Taktik. Schmerz, Leid und Tod sind eingepreist. Die Realität ist sicherlich noch schlimmer, aber schlicht nicht darstellbar.
Der Titel klingt nach großem Schlussakkord, nach dem endgültigen Fall des Vorhangs. Thompson aber ist interessanter: Sie zeigt das Ende als Prozess, als schleichende Gewöhnung an Ausnahmezustände.
Die schleichende Gewöhnung ist eine unterschätzte Gefahr, der es im nächsten Jahr besonders zu begegnen gilt.
Der Satz Ich höre kaum noch neue Musik hat ein wenig den Klang von Wir schauen ja nicht mehr fern. Dabei liegt mir snobistisches Herabschauen fern, ich habe nur einfach keine Zeit: Musik wurde und wird zwischen den zahlreichen Medienarten und Zeitvertreiben zerrieben.
Auch fehlen mir die verlässlichen Quellen und Kanäle: Pitchfork macht inzwischen zu viele komische Sachen, Quietus ist selbst mir zu underground, einst sehr gute Blogs wie Auf ein neues… publizieren seit zehn Jahren nicht mehr, die Algorithmen von Spotify oder – in meinem Fall – Tidal bringen mir nichts.
Es war das erste Jahr komplett ohne last.fm, den Account löschte ich vor rund einem Jahr nach zwanzigjährigem Bestehen. Das Archiv habe ich zurzeit in einer sehr umständlich zu handhabenden CSV-Tabelle, in der ich aber jeden Morgen schaue, was ich in den zwanzig Vorjahren so hörte.
Die Hoffnung, dabei vergessene Perlen wiederzuentdecken, hat sich durchaus erfüllt; heute zum Beispiel den irren Stomper Celebrate The Body Electric (It Came From An Angel) von Ponytail:
Lordalía?
Dennoch erreichte mich 2025 gute neue Musik. Zu nennen ist hier als erstes Virgin von Lorde, einer Künstlerin, die mir mit ihrem seltsamen Namen geläufig war, von der ich zuvor aber keinen Ton gehört hatte. Zu Virginschrieb ich:
Elektronisch, mit einer kühlen Grundstimmung unter zahlreichen rauschhaften, gleißend-hellen, schwärmerischen Momenten, Passagen, Melodien und Hooks.
Das stimmt nach wie vor.
Dann gab es natürlich Lux von Rosalía, das sich ohnehin in aller Munde befindet. Ich erwarb das Album auf Schallplatte, weil ich auch in diesem Jahr den Versuch unternahm, mehr Vinyl zu hören. Manches bloggte ich. Mich überzeugte das Video zu Berghain sofort:
Konzerte? Fehlanzeige
Radiohead haben in diesem Jahr erstmals seit neun Jahren wieder Konzerte gegeben. Ich habe versucht, ein Ticket zu ergattern und scheiterte. So wohnte ich auch in diesem Jahr keinerlei Konzert bei, was schade ist.
Schön war, dass ich gefühlt alle Radiohead-Konzerte am nächsten Morgen bei YouTube hätte nachschauen können und das beim allerersten auch tat. Dass Leute zu so einem Konzert gehen, um es komplett abzufilmen, stimmt mich aber auch ein wenig traurig.
Technik
Als interessante Neuerung des Musikhörens im ausklingenden wie im neuen Jahr habe ich es endlich geschafft, die Applikation Plex auf meiner Diskstation – einem Network Attached Storage (NAS) – zu installieren, um so verbesserten Zugriff auf die Mediendateien zu erhalten – bevorzugt die Musik.
Und siehe da: Das funktioniert alles viel schneller und auch verlässlicher als mit der grobklotzigen alten Audio-App, die der Hersteller Synology liefert. 2026 wird also endlich mal wieder meine umfangreiche digitale Sammlung durchgehört werden.
Titelbild: Lapland drum, Filippo Buonanni, 1722. Aus: Gabinetto Armonico pieno d’istromenti sonori, Public Domain Image Archive
Zuletzt 2021 habe ich offenbar die Bücher des Jahres verbloggt, damals noch mit chicen Sternchenbewertungen. So diszipliniert war ich in diesem Jahr nicht, habe nicht alles verbloggt und werde hier vermutlich einige Titel vergessen haben. Sei es drum.
Die einzige Science Fiction in diesem Jahr – neben der erneuten Lektüre von Peter Watts‘ Blindsight – war Lyneham von Nils Westerboer. Es gefiel mir sehr gut, was für SciFi in Langform inzwischen ungewöhnlich ist.
Sehr gut unterhalten wurde ich von Sally Rooneys Conversations with Friends und Normal People. Gleiches galt für Der Leopard von Giuseppe Tomasi Di Lampedusa. Ich las auch einem plötzlichen Interesse an David Lynch geschuldet ein Buch von ihm über ihn. Auch las ich Dramen von Ibsen: Erst Die Wildente, dann Ein Volksfeind, dann alle übrigen des Bandes.
Einer Empfehlung von Wolfgang M. Schmidt im Podcast Die neuen Zwanziger ist es zu verdanken, dass ich Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger mit großem Genuss las. Sicher das erste und letzte Mal, dass ich eine spätere Buchpreisträgerin lesen würde.
Mehr von Judith Hermann lesen wollte ich und begann mit Daheim, woran sich Lettipark anschloss. Sie zählt für mich zu den herausragenden Stimmen in der deutschsprachigen Literatur – direkt hinter Marlen Haushofer, von der ich die Novellen Wir töten Stella und Das fünfte Jahr las, jedoch zu bloggen vergaß. Zu Haushofer gab es eine hörenswerte Lange Nacht beim Deutschlandfunk Kultur.
ë von Jehona Kicaj eint mit Zwischen Hass und Haltung von Derviş Hızarcı, wie beide Bücher die gesellschaftliche Normalität und Realität von Einwanderung und Migrationsgeschichte erhellen. Große Empfehlungen.
Zu den politische(re)n Büchern des Jahres zählte natürlich Die Abgehobenen von Michael Hartmann, eine fundierte Elitenkritik und zweifelsfrei ein Grundlagenwerk. Für The Persuaders von Anand Giridharadas brauchte ich lange, aber allein wegen des Kapitels über Anat Shenker-Osorio lohnte es sich dann doch. Eine Lektion für alle, die brav das Sprüchlein aufsagen, es sei ja schon viel erreicht worden.
Lutz Niethammers Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet als Ergebnisbericht eines Oral-History-Projekts müsste noch viel mehr Beachtung finden, dafür hatte ich leider keine Zeit. Gleiches gilt für das kürzlich beendete We Slaves of Suriname von Anton de Kom. Takeover von Timothy W. Ryback überwältigte mit Detailwissen. Sinn als Grundbegriff bei Niklas Luhmann von Prof. Dr. Rainer Schützeichel überforderte mich. Agnes Callards Open Socrates bot einige gute Einsichten in das Denken und in die Politik:
Each of us envisions ourselves as a kind of house, and inside that house is a special being—we call it “a mind,” and it has the power to figure out answers to questions.
Simon Reynolds‘ Retromania las ich offenbar in diesem Jahr ohne bleibende Erinnerung. Millenium People von J.G. Ballard fand ich sterbenslangweilig. Careless People von Sarah Wynn-Williams über das Innenleben von Facebook kann man als warnendes Beispiel lesen, so man noch eines braucht. Man kann es aber auch lassen. Arthur Koestlers exzellentes Darkness at Noon ist offenbar einer von nur wenigen Re-reads in diesem Jahr. M Der Sohn des Jahrhunderts begann ich, brach ich aber aus irgendwelchen Gründen ab.
Lohnt sich bei meinem spärlichen Filmkonsum und meiner leichten Unterhaltbarkeit kaum, aber zum Zwecke der Vollständigkeit:
Im Kino
Sechsmal war ich in diesem Jahr in der Kinemathek (Superman sah ich dort sogar zweimal). Marvel ist inzwischen, was Filme betrifft, immerhin wieder hit and miss. Mehrmals saß ich dieses Jahr in leeren oder nahezu leeren Kinosälen.
Thunderbolts* ★★
28 Years Later ★★★⯪
One Battle After Another ★★★★⯪
Superman ★★★★
The Fantastic 4: First Steps ★★★★⯪
In der Glotze
Sah ich gute Filme, dann waren die im Regelfall nicht aus diesem Jahr. Für House of Dynamite wäre ich aber sicher auch ins Kino gegangen. Film des Jahres, wenn man mich fragt. Filme bei Apple TV sind wie Gorge oder Lost Bus auf seltsame Art ungut.
Das preisgekrönte englische Vokalensemble „The Gesualdo Six“ präsentiert die Contenance Angloise auf dem europäischen Kontinent in Vokalwerken von Gilles Binchois, Antoine Brumel, John Dunstaple, Guillaume Dufay, Loyset Compère, John Forest, Walter Frye, Jean Mouton, Adrian Willaert und William Byrd.
Alle Jahre wieder werden kurz vor dem Jahreswechsel Petitionen initiiert (1, 2), die sich für ein „Böllerverbot“ auch an Silvester (Feuerwerk ist ja fast ganzjährig verboten) aussprechen. Sie scheitern verlässlich. Eine Auswahl nach nur oberflächlicher Recherche:
Deutsche Umwelthilfe am 14.01.2022: Mehr als 500.000 Stimmen für dauerhaftes Böllerverbot: Aktionsbündnis aus Umwelt-, Tierschützern und Ärzten übergibt Petition an Innenministerin Faeser
Beim Petitionsausschuss des Bundestags lassen sich anhand der Suchbegriffe Böller und Feuerwerk rund ein Dutzend Petitionen finden, die in den vergangenen Jahren eingereicht wurden. Nicht alle zielen auf ein Verbot ab. Aus denjenigen, die das tun, stelle ich die folgende Auswahl vor. Zitiert ist jeweils das abschließende Votum des Petitionsausschusses:
Petition 129231 vom 02.01.2022: Schaffung rechtlicher Voraussetzungen für den Verkauf von Feuerwerkskörpern (ausgenommen F1)
Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Petitionsausschuss im Ergebnis, die Petition der Bundesregierung – dem Bundesministerium des Innern und für Heimat – als Material zu überweisen, soweit es um die Einbeziehung der Petition in die fortlaufende Prüfung des gesetzgeberischen Handlungsbedarfs geht, und das Petitionsverfahren im Übrigen abzuschließen.
Vor dem Hintergrund der laufenden Meinungsbildung und damit die Position der Petenten im Parlament zur Kenntnis genommen wird und in den Diskussionsprozess miteinfließen kann, hält der Petitionsausschuss die Petition für geeignet, sie den Fraktionen zur Kenntnis zu geben. Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Petitionsausschuss im Ergebnis, die Petition den Fraktionen des Deutschen Bundestages zur Kenntnis zu geben.
Vor diesem Hintergrund vermag der Petitionsausschuss nach umfassender Prüfung der Sach- und Rechtslage keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf auf Bundesebene zu erkennen und die mit der Petition erhobene Forderung aus den oben dargelegten Gründen nicht zu unterstützen. Der Ausschuss hält die geltenden sprengstoffrechtlichen Vorschriften für sachgerecht und empfiehlt daher im Ergebnis, das Petitionsverfahren abzuschließen, weil dem Anliegen nicht entsprochen werden konnte.
Wahnsinn oder „dicke Bretter“?
Man könnte sagen, dass auch hier steter Tropfen den Stein höhlt, dass es eben das sprichwörtliche dicke Brett ist, das zu bohren sei. Dagegen spricht, dass die Öffentlichkeit stets vergisst, was im letzten Jahr war; so entsteht kein Druck, keine Eskalation. Und natürlich gilt weiterhin: Die eine Seite führt Kulturkampf, die andere schreibt Petitionen.
Während man sich in Königsberg und andernorts bereits an der Aufklärung erfreute, betrieben europäische Imperien in ihren Kolonien noch das grausame Regime der Sklaverei. Anton de Kom war Sohn eines Sklaven und konnte durch Erzählungen seiner Familie sowohl aus der Zeit der Sklaverei, als auch – durch eigenes Erleben – aus der Zeit nach deren Abschaffung berichten. Wij slaven van Suriname ist dieser Bericht. Er ist gleichermaßen Tatsachenbericht, mitunter von fast buchhalterischer Präzision, wie auch literarisches Essay.
de Kom verbrachte einige Jahre in den Niederlanden, wurde am 7. August 1944 von der Gestapo verhaftet und verstarb am 24. April 1945 im Stammlager Stalag X-B; nach offizieller Darstellung an Tuberkulose.
Die erste Staffel der Serie Pluribus war wie eine exzellente Kurzgeschichte von Ted Chiang oder James Tiptree Jr.: ein innovatives Science Fiction-Konzept, das entfaltet wurde, bis es Story ergab. Diese wurde wiederum auf höchstem Niveau geschrieben, gespielt und gefilmt. Erfreulich, dass Vince Gilligan solche Freiheiten eingeräumt wurden und er Risiken eingehen kann.
So zählt Pluribus sicher zum besten, was TV und auch Kino mir in diesem Jahr zu bieten hatten. Das Kinojahr rekapituliere ich allerdings immer erst im Folgejahr und an den Wertungen anderer, die das besser können als ich.