Kategorie: Tech

  • Betroffenheit und Einfluss: zwei Fragen an die politische Öffentlichkeit

    Während und nach der Hitzewelle 2026 waren in den sozialen Medien häufig Appelle anzutreffen, wonach sich der Kanzler endlich äußern müsse. Nun will ich Friedrich Merz keineswegs aus der Verantwortung nehmen, oder in jeglicher anderer Weise schonen, aber zu dem Zeitpunkt waren längst Meldungen und Beiträge anderer politischer Ebenen laut geworden.

    Kritik des Politjournalismus

    Politik wird in der Öffentlichkeit in einem Maße auf die Bundesregierung und da auf einen kleinen Kreis von Personen scharf gestellt, das ich nicht mehr nur für eine sinnvolle Komplexitätsreduktion halte, sondern für eine schädliche Verengung. Sie folgt aus Mechanismen wie Personalisierung, der Horse Race-Berichterstattung und den Bedingungen des Hauptstadtjournalismus, der mit einem Adressbuch von rund einhundert Personen im politischen Berlin bestritten werden kann.

    So sind die Wege kurz, die Spitzenpolitikerinnen und -politiker, ihre Namen und Gesichter fungieren als anschlussfähige Symbole, stets geht es bei der Bundespolitik um Die Nation, ihren Fortbestand und ihr Wohlergehen – nach wie vor ein wirkmächtiges Symbol. Aufmerksamkeit ist garantiert, ständig werden Gewinner und Verlierer erzeugt, meistens in Umfragen und manchmal in Wahlen. Selbst die politischen Akteure profitieren davon, sofern sie und ihre Stäbe professionell genug aufgestellt sind, um mit diesen Mechanismen zu arbeiten. 

    Hier jetzt das Plädoyer anzuschließen, doch einfach ebensoviel Aufmerksamkeit auf Länder und Kommunen zu richten, ginge wohl in die falsche Richtung. Die durchschnittlich politikinteressierte Person, die in erster Linie eine desinteressierte sein wird, wird nicht einfach noch mehr Information, Namen, Umfrageergebnisse und Symbole verarbeiten können.

    Betroffenheit und Einfluss

    Sinnvoll erscheint es hingegen, sich anhand der zwei Dimensionen Betroffenheit und Einfluss vorzuarbeiten. 

    Wie sehr man von einem Thema betroffen ist, liegt an der eigenen Lebenslage (Mieterin, ÖPNV-Nutzer, Angehörige pflegend etc.) ebenso wie an Interessengebieten, Werten und Überzeugungen. Sicher sind wir in bestimmter Hinsicht alle gleichermaßen von Änderungen in Feldern wie der Gesundheits- oder Steuerpolitik betroffen, ganz zu schweigen von Rüstung und Sicherheit, aber unser Wertekanon kann trotzdem unterschiedliche Grade der Betroffenheit herbeiführen. Man kann als 18jähriger eine Wehrpflicht befürworten und als 68jähriger ablehnen. Man ist als Mieterin einer Dachgeschosswohnung auch anders von einer Hitzewelle betroffen als Eigentümer gut klimatisierter Häuser.

    Wie sehr man auf das politische Geschehen und auf bestimmte Entscheidungen Einfluss nehmen kann, hängt weniger von einem selbst ab, als von der jeweiligen politischen Ebene. Der Vorbehalt ist dabei stets, dass persönlicher Einfluss gering ist und sein muss; anderes wäre in einer Massendemokratie nicht möglich, sondern ein Zeichen für Defekte. Leider fällt es dadurch sehr leicht, in den Glauben zu verfallen, man wäre politischen Entscheidungen ausgeliefert.

    Wichtig finde ich daher, den Themen, bei denen Einfluss wahrscheinlicher ist, in der Öffentlichkeit der Politik mehr Raum zu gewähren (ohne den bestehenden Themen Raum zu nehmen). Das dürften die kommunalen Themen sein. Sie publizierbar zu machen, also der Öffentlichkeit zuzuführen, also ihre Komplexität abzuschichten, ist mein Antrieb bei transparent.ruhr.

    Das Hitzeschutz-Dossier

    Zumindest bei dem Thema Hitzeschutz kann das gelingen: Als die Appelle an den Kanzler liefen, hatten die Städte des Ruhrgebiets ihre Hitzeaktionspläne, Kühle-Orte-Karten und Entsiegelungsprogramme längst beschlossen, fast alle in den Jahren davor, Hamm schon 2021. Das steht in dem Dossier Hitzeschutz in den Kommunen des Ruhrgebiets auf transparent.ruhr. Natürlich haben die Städte (ebenso wie Länder und der Bund) nach der Hitzewelle bzw. den parlamentarischen Sommerpausen auch nachgelegt.

    Kommunale Transparenzportale, die auf Grundlage gut dokumentierter Schnittstellen arbeiten, halte ich daher für unabdingbar für eine funktionierende politische Öffentlichkeit. Wie das RIS-Register unter https://ris.transparent.ruhr/zeigt, ist es damit derzeit nicht besonders gut bestellt.

    Aber hier könnten politische Vereinigungen ansetzen, die in ihrer Kommune dafür werben, ein entsprechendes System einzurichten (was mitunter nur bedeutet, einen Schalter umzulegen). Dazu später mehr.

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  • Mein Vibecoding-Projekt: Der Ratskompass Bochum

    Ich hatte hier noch gar nichts darüber geschrieben, weil das Projekt ständig im Fluss ist, aber weil es das noch eine ganze Weile bleiben wird, kann ich genausogut jetzt darüber schreiben.

    Vor einigen Wochen begann ich, mit Claude und n8n die API des Ratsinformationssystems der Stadt Bochum anzuzapfen (von der ich peinlich lange nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt) und Inhalte für eine WordPress-Instanz zu generieren. Daraus ist der Ratskompass entstanden, der inzwischen recht verlässlich zu neuen Ratsunterlagen automatisch Zusammenfassungen und zu anstehenden Terminen des Rates und der Ausschüsse Ankündigungen schreibt und veröffentlicht.

    Das ist längst mehr als nur eine Fingerübung, sondern eine Selbstermächtigung meines Umgangs mit prinzipiell offenen Daten und deren Verarbeitung, über die ich noch immer tagtäglich staune. Nichts davon hätte ich vor einem halben Jahr gekonnt.

    Der Ratskompass ist dabei weit davon entfernt, zu leisten, was lokalpolitischer Journalismus können müsste. Aber im schlechtesten Fall schafft er eine niedrigere Zugangshürde zur formalisierten Bochumer Lokalpolitik neben dem PDF-Friedhof und im besten Fall lässt sich auf Grundlage dieser atomisierten Einzelbeiträge zu einzelnen Unterlagen etwas noch Besseres bauen.


    Titelbild: „Voyages Were Made Preferably by Air-Ships.“ Camille Flammarion, 1894. Aus: Omega: the Last Days of the World.

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  • Deliberative Algorithmen

    Neben der Unterscheidung zwischen den algorithmischen Social Media-Angebote und jenen, die sich dadurch auszeichnen, auf Algorithmen zu verzichten, halte ich eine weitere Kategorie für vorzüglich.

    Die Unterscheidung sollte eine zwischen deliberativen und strategischen Algorithmen sein. In den Worten von Frank Tetzel in den aktuellen Blättern:

    Habermas unterscheidet dort zwischen zwei Typen menschlichen Handelns: dem strategischen, dass den Anderen als Mittel zum Zweck behandelt, und dem kommunikativen, das auf Verständigung zielt.

    Social Media sind nahezu ausschließlich strategisch: Auf Seiten der die Verweildauer maximierenden Anbieter ebenso wie seitens vieler auf Reichweite setzenden Nutzerinnen und Nutzer.

    Kommunikative Algorithmen, die auf Verständigung, Kommunikation, Deliberation abzielen, hat es bislang soweit ich weiß noch nirgendwo gegeben. Ich ziehe es vor, von deliberativen Algorithmen zu sprechen. Sie könnten als transparente und quelloffene Sozialtechnik den digitalen Raum schaffen, der – wiederum nach Tetzel – die „Bedingung der Möglichkeit der Demokratie ist“:

    nicht die Wahlurne als solche, sondern der Prozess der öffentlichen Vernunftbildung, der ihr vorausgeht und sie trägt.

    Denn, das haben die vergangenen fast zwanzig Jahre digitaler Kommunikation abseits kurzlebiger Inseln gezeigt: Formloses Reden führte schon zu nichts, bevor die strategischen Algorithmen Einzug hielten.

  • WordPress ins Fediverse – ein Update

    Ich teste nach einigen Monaten mal wieder das Friends-Plug-in für WordPress, welches es mir ermöglicht, meinen Blog nicht nur zum Sender von Updates und Beiträgen ins Fediverse zu ertüchtigen, sondern damit auch zu empfangen, also Accounts zu folgen. So würde ich es zumindest in eigenen Worten schildern.

    Bei früheren Versuchen habe ich das Plug-in nicht zur Funktionstüchtigkeit bewegen können. Das scheint jetzt anders: Ich sehe jüngere Beiträge gefolgter Accounts, kann die Timeline manuell aktualisieren und auf Beiträge reagieren.

    Kurios bleibt, dass ich das alles wider Erwarten nicht sehe, wenn ich mich mittels eines weiteren Plug-ins, Enable Mastodon Apps, bei einem Mastodon-Client anmelde, aktuell https://pinafore.social/. Darin sehe ich nur, was ich selbst schreibe, und die sporadischen Reaktionen darauf.

    Seltsam auch, dass das WordPress-Backend einen eigenen Bereich namens „Mastodon-Beiträge“ vorhält. Dort landen Beiträge, die ich im obigen Client verfasse, sie sind von außen aber nicht einsehbar, außer per Direktlink (Beispiel).

    Sicher folgt das alles einer präzisen Logik, die technisch so und nicht anders sein kann. Mir erschließt sie sich nur mühsam. Dennoch bleibt es beachtlich, dass Leute daran arbeiten, diese Dinge immer besser in Funktion zu bringen. Gerne weitermachen!


    Titelbild: Alexander Graham Bell, 1903–9. Public Domain Image Archive

  • Jetzt kam die Mail zum Security incident von Interrail

    Although our investigation is still ongoing, our early review indicates that your personal data has been accessed, which may include: 

    • Identity information: first name, last name, date of birth, gender; 
    • Contact information: email address, home address, telephone number, if provided; 
    • Passport information: passport number, country of issue and expiration date (not including copies of the documents).

    Das – insbesondere der Zugang zu den Passdaten – ermöglicht Gezieltes „Spear Phishing“ und Social Engineering, Identitätsdiebstahl, Vertragsbetrug, Missbrauch der Passdaten, SIM-Swapping.

    Was ich nun tue oder erwäge: Täglich die Konten im Blick behalten, einen neuen Reisepass beantragen und den alten als ungültig markieren lassen, eine Anzeige gegen Unbekannt bei der Internetwache erstatten und ggf. auch SCHUFA und Auskunfteien abfragen bzw. benachrichtigen.


    Eurail discloses data breach, unknown number of customers affected

    Fediverse-Reaktionen
  • Vibe Content Producing

    Inhalte entstehen je länger je mehr nicht primär (sic!) durch lineares Schreiben, sondern im Dialog mit der KI durch Prompting, Kuratieren, Remixing und Feintuning. Die kreative Arbeit verschiebt sich von der reinen Ausführung hin zur Content-Regie. Wer Inhalte produziert, wird weniger Autor:in im klassischen Sinn und mehr «Creative Operator» – jemand, der Wirkung, Stimmung, Tonalität, Kontext und Grenzen setzt und die KI in schnellen Iterationsschleifen zum Ergebnis führt.

    Ich lasse das mal hier so stehen, weil ich die Auffassung natürlich respektiere und auch spannend finde, aber sie auch für blühenden Unsinn halte. Oder anders: je mehr Leute das machen, desto besser für uns.

    Fediverse-Reaktionen
  • krtzn

    Ich glaube, wir kratzen bisher nur an der Oberfläche dessen, was man mit ActivityPub als Protokoll erreichen kann.

    Wie spielen WordPress und Mastodon zusammen?

    Das ist sicher so. Schön, dass es besser wird, schade, dass die Komplexität das Ganze immer noch alltagsfern macht.

    Was ist eigentlich mit den ganzen angekündigten Integrationen? Spielt die Föderierung von Flipboard real eine Rolle? Wann kommt Tumblr? Was ist mit Threads? (hoffentlich nichts)

  • Föderierte Antwort

    Gerade gelernt: Es gibt einen Föderierte Antwort-Block im WordPress ActivityPub-Plugin. Direkt mal testen:

  • Over 1 million Webmentions will have been sent across the internet since the specification was made a full Recommendation by the W3C—the standards body that guides the direction of the web—in early January 2017. That number is rising rapidly, and in the last few weeks I’ve seen a growing volume of chatter on social media and the blogosphere about these new “mentions” and the people implementing them.

    So what are Webmentions and why should we care?

    Webmentions: Enabling Better Communication on the Internet

  • Blockchain: Yay or nay?

    Am interessantesten am Bitcoin-Hype ist die brummende Debatte um die darunterliegende Blockchain-Technologie.

    Einerseits Kai Stinchcombe hier:

    Ten years in, nobody has come up with a use for blockchain

    Everyone says the blockchain, the technology underpinning cryptocurrencies such as bitcoin, is going to change EVERYTHING. And yet, after years of tireless effort and billions of dollars invested, nobody has actually come up with a use for the blockchain—besides currency speculation and illegal transactions.

    Andererseits Ben Schiller bei fastcompany:

    2018 Is Going To Be A Massive Year For Blockchains, The Tech Behind Bitcoins

    You’ve heard of the surging alternate currency, but that’s just a peek at what the underlying technology will enable in the next year.