• Die Blutspende

    Im Radio läuft Scatman John. Der Arzt lässt sich ungewöhnlich viel Zeit mit den Spenderinnen und Spendern, die vor mir dran sind. Es ist allerdings auch voll. Selbst auf eine Liege muss ich einige Minuten warten. Blutdruck und die übrigen Zahlen seien perfekt, heißt es – wie meistens. Dennoch fließt das Blut zu Beginn etwas langsam. Die Apparatur zu meiner Rechten piept, woraufhin an der Nadel geruckelt wird, denn wenn diese zu eng an der Arterienwand liege, könne das den Blutfluss hemmen. Ich schließe und öffne langsam, rhythmisch die rechte Hand zur Faust, bilde mir ein, das könne den Fluss fördern. Nie schaue ich auf die Nadel, die in meinem Arm steckt. Ich nehme wahr, wie der Körper auf das Eindringen, auf die Wunde, mit einer Stressreaktion antworten will. Es ist zu keinem Zeitpunkt unangenehm, nur eben auch nicht angenehm. Ich schreibe diesen Text während der Spende auf dem Mobiltelefon, das lenkt ab. Die rechte Hand wird ein wenig taub. Der Schlauch ist an meinen Arm getapet und zieht minimal im Takt des Herzschlags an den Härchen. Den Verzehrgutschein tausche ich anschließend gegen eine Currywurst mit Pommes frites; Blutspenden ist nahezu der einzige Anlass, zu dem ich noch so esse. Es war meine vierzehnte Spende.


    Titelbild: Anatomical Study of the Blood Vessels and Circulation, Gerard de Lairesse. 1685

    Fediverse reactions
  • Klinken von Türen

    Der Algorithmus spült uns Reels zu, in denen Autor:innen weinend Gedankenstriche aus ihren Texten entfernen, um nicht mit einer Maschine verwechselt zu werden. Robin Walter verwendet das Satzzeichen in Kleine Gnade dagegen in Anlehnung an Emily Dickinson – als Klinken von Türen, die in Räume außerhalb des Gedichts führen.

    Aus dem Editorial der jüngsten edit.

    Fediverse reactions
  • WordPress ins Fediverse – ein Update

    Ich teste nach einigen Monaten mal wieder das Friends-Plug-in für WordPress, welches es mir ermöglicht, meinen Blog nicht nur zum Sender von Updates und Beiträgen ins Fediverse zu ertüchtigen, sondern damit auch zu empfangen, also Accounts zu folgen. So würde ich es zumindest in eigenen Worten schildern.

    Bei früheren Versuchen habe ich das Plug-in nicht zur Funktionstüchtigkeit bewegen können. Das scheint jetzt anders: Ich sehe jüngere Beiträge gefolgter Accounts, kann die Timeline manuell aktualisieren und auf Beiträge reagieren.

    Kurios bleibt, dass ich das alles wider Erwarten nicht sehe, wenn ich mich mittels eines weiteren Plug-ins, Enable Mastodon Apps, bei einem Mastodon-Client anmelde, aktuell https://pinafore.social/. Darin sehe ich nur, was ich selbst schreibe, und die sporadischen Reaktionen darauf.

    Seltsam auch, dass das WordPress-Backend einen eigenen Bereich namens „Mastodon-Beiträge“ vorhält. Dort landen Beiträge, die ich im obigen Client verfasse, sie sind von außen aber nicht einsehbar, außer per Direktlink (Beispiel).

    Sicher folgt das alles einer präzisen Logik, die technisch so und nicht anders sein kann. Mir erschließt sie sich nur mühsam. Dennoch bleibt es beachtlich, dass Leute daran arbeiten, diese Dinge immer besser in Funktion zu bringen. Gerne weitermachen!


    Titelbild: Alexander Graham Bell, 1903–9. Public Domain Image Archive

    Fediverse reactions
  • Bahnfahr’n

    Um drei wachgeworden, um vier aufgestanden, um fünf geguckt, ob ich nicht einfach einen früheren Zug nehmen kann, seit sechs unterwegs  und eine Stunde auf dem Dortmunder Hauptbahnhof verbracht. Samstagmorgens ein ganz besonderes Vergnügen.

  • Was hat Lars Klingbeil in seiner Rede bei der Bertelsmann Stiftung eigentlich gesagt?

    Lars Klingbeil hat in seiner Funktion als Bundesfinanzminister am 25. März 2026 eine Rede bei der Bertelsmann Stiftung in Berlin gehalten. Sie wurde auf der Website des Ministeriums veröffentlicht mit dem üblichen Hinweis, es gelte das gesprochene Wort.

    Die Rede erfährt vor allem in der Presse beachtlichen Zuspruch, so etwa in diesem Kommentar von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio, die unter dem Motto Jetzt muss Tempo her wiederum eine Ruck-Rede des Bundeskanzlers fordert. Auch der Koalitionspartner CDU lobt den Vorstoß, die CSU hingegen nicht – pikant! So erkennt Henkel prompt Söder als den maßgeblichen Bremser – als sei schon irgendwer losgefahren.

    Was Klingbeil eigentlich gesagt hat, lässt sich abseits von sinnfreien Appellen und unbelegbaren Befunden wie dem, dass Deutschland unter Stillstand leide, nur mühsam ergründen. Nun wird niemand ernsthaft erwarten, dass ich die Rede lese – da sei Gott vor.

    Aber Claude eine flotte Zusammenfassung erstellen zu lassen, halte ich in diesem Fall für legitim; wahrscheinlich hat es die Rede auch geschrieben. Dafür genügt Sonnet 4.6 mit dem schlanken Prompt welche konkreten politischen Vorhaben nennt Lars Klingbeil in dieser Rede? Hier der Output für die Wiedervorlage in – sagen wir – zwölf Monaten:

    Arbeitsmarkt & Steuern

    • Abschaffung des Ehegattensplittings für zukünftige Ehen
    • Prüfung der Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern in der GKV
    • Reform der Einkommensteuer zur Entlastung von 95 % der Beschäftigten (jeweils einige hundert Euro im Jahr)
    • Reform der Transferentzugsraten, damit sich Mehrarbeit finanziell lohnt
    • Verlängerte Befristungsmöglichkeiten für Unternehmen mit Tarifvertrag und Betriebsratszustimmung
    • Aktivrente: steuerliche Anreize für Weiterarbeit nach Renteneintritt
    • Stärkere Orientierung der Rente an Beitragsjahren statt Renteneintrittsalter
    • Beschleunigte Berufsanerkennung und Arbeitserlaubnis nach drei Monaten für Asylbewerber

    Investitionen & Wirtschaft

    • 500 Mrd. Euro Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz (bereits beschlossen)
    • Bonus-Malus-System für schnelle und wirksame Mittelverwendung (ans Haus angewiesen)
    • Zusammenlegung von Förderprogrammen, Ausrichtung auf Spitzencluster (KI, Climate Tech, Life Sciences)
    • Weiterentwicklung des Deutschlandfonds zu einem „Resilienzfonds“ für Rohstoffe und Energiewende
    • E6-Format mit Frankreich für beschleunigten EU-Kapitalmarkt
    • Verpflichtende kapitalgedeckte Betriebsrente

    Energie & Preise (im Kontext des Iran-Kriegs)

    • Abschöpfung von Übergewinnen der Energiekonzerne
    • Verbindliche Preisgrenzen für Energie
    • Rückgabe abgeschöpfter Gewinne an Bürger (Mobilitätskosten, befristete Senkung der Energiesteuer)

    Wohnen

    • Gründung einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft des Bundes
    • Absenkung von Baustandards
    • Stärkeres Mietrecht und Mietpreisbegrenzung

    Steuergerechtigkeit

    • Reform der Erbschaftsteuer (Einnahmen zweckgebunden für Bildung)
    • Digitalsteuer auf Plattformgewinne (Einnahmen für Medienvielfalt und Journalismus)
    • Aktionsplan gegen Steuerbetrug

    Standort- und Industriepolitik

    • Gezielte Zölle zum Schutz heimischer Unternehmen
    • „Buy European“- und Local-Content-Vorgaben in strategischen Bereichen
    • Schärfung des Investitionsschutzes bei Auslandsübernahmen
    • Joint-Venture-Pflicht für ausländische Unternehmen in Bereichen mit technologischem Rückstand

    Titelbild: Truth, ca. 18th century. [Old juvenile woodcuts], University of California Special Collections

    Fediverse reactions
  • Mangel behoben (einstweilen)

    Vorher / nachher:

    Am Sonntag den Mängelmelder genutzt und bereits Montag Vollzug festgestellt. Wie nachhaltig das ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Dieser Gehweg wird wegen der auf der Straße parkenden Fahrzeuge regelmäßig befahren und dadurch zunehmend beeinträchtigt. Meines Erachtens liegt die vorgeschriebene Restbreite freier Straße von mindestens 3,05 Meter neben den parkenden Fahrzeugen nicht vor, ich lege mich dort aber auch nicht mit einem Zollstock hin.

  • Radikaler Linksliberalismus

    Robert Misiks Plädoyer für einen radikalen Linksliberalismus in den „Blättern“ März 2026 holt mich auf fast unangenehme Art gut ab, fasst der Autor die Kritik an den zwei Polen, zwischen denen ich schwanke, Linksliberalismus und „Linkspopulismus“, Moderation und Radikalität, doch exzellent zusammen.

    Vor allem der laue, gemäßigte, vernünftige Linksliberalismus, man könnte auch sagen „die Ampel“, wird gut getroffen: seine Kapitulation vor den Realitäten, die Erstarrung im Status quo, die Ideenlosigkeit.

    Ich würde meine derzeitige Positionierung zwar nicht als linkspopulistisch bezeichnen, erkenne die Kritik aber wieder, etwa den Hang zur Vereindeutigung der Welt, den ich in den zahllosen Ismen erkenne, die sich alle gegenseitig bewirken sollen. Schlimmer noch ist die regressive Linke, die Anträge gefühlt nur noch zum Zweck des anschließenden Insta-Reels beschließt.

    Misik weiter:

    Der Königsweg wäre so etwas wie ein »radikaler Linksliberalismus«, wenn es denn so etwas gäbe.

    Und das ist in der Tat die Frage: Gibt es so etwas? Wie sähe das aus? Sicher nicht wie eine „Ampel plus“, schon alleine, weil ein radikaler Linksliberalismus, wie ich ihn verstehe, nicht durch Parteien vertreten werden könnte, die Repräsentanten in Parlamente schicken. Repräsentation ist Teil des Problems, vielleicht sogar der Kern. Wie ich gerne sage, sollte man in der Begriffskopplung „repräsentative Demokratie“ (oder besser: „demokratische Repräsentation“) einfach weniger Repräsentation wagen. Gewissermaßen echte Bürgerräte (ohne Zufallselement).


    Titelbild: Beaumont Machine for Digging Tunnels in Soft Rock,1867. Aus Grands Tunnels et Railways Metropolitains , Les Nouvelles Conquêtes de la Science

    Fediverse reactions
  • Gelesen: Manon Garcia – Mit Männern leben

    Überlegungen zum Pelicot-Prozess stellt die Philosophin Garcia in diesem Reportageessay an. Ein nachdenklicher, kenntnisreicher und subjektiver Text, der dem Altbekannten wenig Neues hinzufügt, aber das muss er auch nicht. Die Scham muss die Seite wechseln.

  • Die Intransparenz der Wählenden

    Ausgerechnet die interessanteste Idee in Baeckers Digitalisierung ist gar nicht so neu, er formuliert sie aber originell:

    War es in der Buchdruckgesellschaft wichtig, undurchschaubar zu sein, um als Liebhaber, Wähler, Kunde individuell (wenn auch nicht statistisch) eine unvorhersehbare Zukunft symbolisieren und so die entsprechenden Sozialsysteme (Liebe, Politik, Wirtschaft) für ihre Umwelt sensibilisieren zu können [..].

    Damit verweist er auf Christoph Kucklicks Buch Die granulare Gesellschaft von 2014, in dem dieser unter anderem die These ausformuliert, unsere bisherige Demokratie hänge zum Teil von der Intransparenz der Wähler ab. Je mehr diese schwindet, umso mehr wandele sich unser Gemeinwesen.

    Das wiederum erinnert eindrucksvoll an The Persuaders von Anand Giridharadas, in dem das Canvassing (zu Deutsch: das Haustürgespräch) zur Kunstform erhoben wird. Ich schrieb darüber:

    Ansonsten ist dieses Changing People’s Minds ein fragwürdiges Geschäft: Gut vorbereitete Canvasser treffen auf Menschen an der Haustür und befolgen erprobte Skripts mit dem Ziel des Überzeugens. Die Naivität, mit der das als regelrecht edle Tätigkeit präsentiert wird, die wunderbare Ergebnisse zeitigt, nervt auf Dauer sehr.

    Heute würde ich es zuspitzen: Canvasser täuschen ein authentisches Gespräch auf Augenhöhe vor, um mit Menschen, die den Datensätzen zufolge noch überzeugt werden können, genau jenes Gesprächsskript abzuarbeiten, das den Datensätzen zufolge am erfolgversprechendsten ist. Im Grunde sind sie längst Avatare der Datensätze, an denen wahrscheinlich schon längst KI trainiert wurde. Dankbar muss man für das deutsche und europäische Datenschutzrecht sein, welches die deutschen Haustürgespräche so rührend wirkungslos macht.

    Wenn diese Entwicklung, die sich gleichermaßen in personalisierten Anzeigen und Botschaften im Netz abspielt, zum Wandel unseres Gemeinwesens beiträgt, oder mit Baecker, den Sozialsystemen Anlass gibt, sich gegenüber ihrer Umwelt zu desensibilisieren, dann erklärt das vielleicht, warum die US-Administration so offensiv Politik gegen ihre Wählerinnen und Wähler machen kann – oder glaubt machen zu können.


    Titelbild: Anton Schöner, 1906. Aus: Illustriertes Prachtwerk sämtlicher Taubenrassen

  • Gelesen: Dirk Baecker –  ̶D̶̶i̶̶g̶̶i̶̶t̶̶a̶̶l̶̶i̶̶s̶̶i̶̶e̶̶r̶̶u̶̶n̶̶g̶

    Als ich vor ein paar Jahren von Berufs wegen mit dem Nonsens-Thema Industrie 4.0 befasst war, bot Dirk Baeckers Band 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt einen willkommenen Ausblick über den Hype hinaus. Baecker denkt und schreibt Gesellschaft und ihre Evolution auf originelle Art systemtheoretisch, schwer zugänglich, aber so, dass stets einige gute Ideen hängen bleiben.

    Digitalisierung lese ich als konzeptionelle Fortentwicklung vieler Ideen aus 4.0: die Frage, welche Begriffe dabei helfen, zu verstehen, wie sich die Gesellschaft auf ihre Digitalisierung einlässt. Künstliche Intelligenz scheint dabei eine weitere, notwendige Stufe der Digitalisierung der Gesellschaft zu sein:

    Nicht mehr der Turing-Test, sondern ein Durkheim-Test ist das Maß aller Dinge. [..] die Fähigkeit der Maschine, sich kooperativ in soziale Systeme der Interaktion auch mit Menschen einzufinden.

    Nichts veranschaulicht das derzeit so gut, wie das Marketing von Anthropic und des Sprachmodells Claude: der Arbeitsplatz, als überschaubar komplexes Interaktionssystem mit vorhersagbaren Rollenmodellen.