• Der Alltag des Jeff Bezos

    Bild: Kawanabe Kyōsai, Küchengeräte wie Deckel, Töpfe und Untersetzer als Dämonen, aus „Hyakki Yagyō“ (Nachtparade der hundert Dämonen), Holzschnitt, 1890. The Metropolitan Museum of Art, gemeinfrei (CC0), über das Public Domain Image Archive.

    „people who were right a lot of the time were people who often changed their minds.“

    Dieses Zitat von Jeff Bezos hat mich vor vierzehn Jahren offenbar so beeindruckt, dass ich es hier verlinkte. Es stammt aus einem Gespräch, das Jason Fried, der Gründer von Basecamp, unter dem Titel Some advice from Jeff Bezos mit ihm geführt hat.

    Ich weiß nicht mehr genau, warum mich das Zitat damals hinreichend beeindruckte; vermutlich hatte es für mich etwas mit politischen Überzeugungen zu tun, die infrage zu stellen sich lohne – siehe auch die Habermas-Maschine in der „idealen Sprechsituation“. Dabei spricht Bezos zweifellos implizit von sich und seinen Problemen: Die klügsten Menschen („the smartest people“) die kontinuierlich an ihrem Verständnis von Problemen arbeiten, die sie für gelöst hielten („are constantly revising their understanding, reconsidering a problem they thought they’d already solved“). Das wird auch 2012 schon wenig mit den allermeisten Menschen zu tun gehabt haben.

    Heute fällt mir zu dem Satz vor allem der von der kaputten Uhr ein, die auch zweimal am Tag Recht hat. Im Fall von Jeff Bezos könnte man sogar unterstellen, dass er selbstverständlich immer Recht hat, weil er von Menschen umgeben ist, die ihm zustimmen. Being right a lot of the time ist schließlich kein Zustand, der sich objektiv messen ließe, außer man löste die ganze Zeit nur Matheaufgaben, sondern der sich nur kommunikativ, im Sozialen herausstellt.

    Der Alltag

    Verlässt man Bezos‘ hochtrabende Ebene der smartest people und ihrer Probleme, dann findet man sich beispielsweise im Alltag wieder. Zum Alltag notierte ich mir mal ein Zitat von (natürlich) Niklas Luhmann aus dem Aufsatz „Wahrheit und Ideologie“ in „Soziologische Aufklärung I“:

    Ich lebe einfach in Situationen mit Aufforderungscharakter und mit Handlungen, die als angebracht und erwartet vorgezeichnet sind. Nur in Problemsituationen verstehe ich mein Handeln ausdrücklich als Bewirken einer Wirkung und zerlege es dementsprechend in Zwecke und Mittel.

    Alltag ist, schrieb ich, somit das den Erwartungen entsprechende Verhalten, das wir ohne größeren Aufwand navigieren können. Alltag ist vorstrukturiert, von Erwartungen geprägt, die ich meinerseits erwarte. Alltag ist Struktur: Morgens aufstehen, zur Arbeit fahren, Straßenverkehrsordnung, der Öffentlichkeit angemessenes Verhalten etc.

    Die im Zitat genannten Problemsituationen sind darin zwar Ausnahmen, sonst gäbe es Alltag nicht, aber dennoch ständig anzutreffen: Wer sich im Alltag bewegt, zumal unter Zeitdruck und Stress, wird Erwägungen wie „Ich fahre erst zur Apotheke und dann zur Bank und dann zur Kita“ vermutlich fortwährend umstoßen müssen. Unsere Erwartungen werden enttäuscht, unser Alltagsverständnis erschüttert, unser Weltmodell stößt fortwährend auf Widerspruch und Widerstand und wird angepasst.

    Selbst Probleme, die wir für gelöst hielten, stellen sich unter veränderten Bedingungen neu. Die Zwecke erfordern andere Mittel. Es gibt neue Zwecke und bestimmte Mittel stehen uns nicht länger zur Verfügung. All das ist Alltag. Im Zuge dessen sind wir ebenso right a lot of the time wie wir wrong a lot of the time sind: Korrekturen setzen Irrtümer voraus.


    „Nur in Problemsituationen verstehe ich mein Handeln ausdrücklich als Bewirken einer Wirkung“ ist der schönste Teilsatz im obigen Zitat und wird in diesem Beitrag nicht annähernd so scharf gestellt, wie er müsste; aber am wichtigsten am Bloggen ist ja der (über)nächste Blogpost.

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  • Now playing: Phosphor

    Frisch und Fruchtig

  • „Kommunikation mit Obsidian Vaults“

    Jemand hat Niklas Luhmanns Text „Kommunikation mit Zettelkästen“ von 1981 (PDF) ins Englische übersetzt. Bob Doto hat dazu wiederum einen Text geschrieben, der ihn in Bezug zur Kommunikation mit Sprachmodellen setzt.

    Ich fand Florentine Dömges‘ weite KI-Definition sehr schön, die sie im Kontextfenster-Podcast äußerte. Schon gedruckte Bücher und natürlich auch Institutionen jeglicher Art seien eine Form künstlicher Intelligenz. Mit besonderer Plausibilität lässt sich das vom Zettelkasten sagen, zum Beispiel beim Überraschungsmoment (Doto: „Information requires surprise, so let the zettelkasten surprise you.“).

    Mein Obsidian kommt einem Zettelkasten nur bedingt nahe, aber die Funktion der zufälligen Notiz schätze ich sehr. Mit ihr gelingen mitunter Einstiege für spannende Kreuzfahrten durch den Vault.

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  • Nguyen | Mendieta

    There’s a feeling of calmness that I only get from art. 

    Celine Nguyen schreibt auf eine Weise über Kunst, wie ich es auch gerne könnte. Stattdessen bewundere ich einfach ihre Kunstfertigkeit so, wie sie die von Arthur Jafa bewundert. Die taz schrieb heute von der Ana Mendieta-Ausstellung in der Tate Modern, die wir vor ein paar Wochen ebenfalls anschauten.

    Ihre Siluetas, in die Erde gezeichnete Figuren, mit Blut, Feuer, Wasser oder Schießpulver aufgeladen und sodann wieder vergehend, beeindrucken mich deutlich mehr als beispielsweise die „Überwältigungskunst durch Riesenhaftigkeit“ von Jaume Plensa.

    Ich notierte dazu: der Dresden Kodex, Ausgabe 13 des Heresies Magazine, in der Mendieta sich gegen die Vereinnahmung durch den Second Wave Feminism aussprach. Wie die afrikanische Diaspora, entstanden durch den Sklavenhandel in der Karibik, ihre Götter hinter katholischen Heiligen tarnte – Santería und Vodùn, oder: Vodou.

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  • Digitale Beteiligung: „Deutschland, was geht?“

    Davon höre ich tatsächlich zum ersten Mal:

    In Deutschland hat die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) zwei Projekte nach dem taiwanischen Vorbild gestartet. Über das „Einfach-Machen“-Portal können die Menschen melden, wo ihnen im Alltag Probleme durch unsinnige Bürokratie entstehen. Im August waren rund 29 000 Meldungen eingegangen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz hat Sprind daraus fünf immer wieder genannte Bürokratiehürden ausgemacht.

    Philipp Bovermann: „Die Demokratie geht nicht unter, sie entwickelt sich weiter“. In: Süddeutsche Zeitung, 15. Oktober 2026 (Ressort Kultur). Online: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/afd-linke-mamdani-burnham-buergerraete-direkte-demokratie-e841221/ (abgerufen am 20.10.2026).

    Mit dem taiwanesischen Vorbild sind wohl die Initiativen hinter Plurality gemeint: pol.is und vtaiwan.tw neben anderen. Das möchte ich gar nicht kleinreden. Seltsam finde ich es aber insofern, als der schon recht ausführliche Koalitionsvertrag viele Vorhaben des sogenannten Bürokratieabbaus umfasste, ganz zu schweigen von der föderalen Modernisierungsagenda, die der Kanzler und die Ministerpräsidenten verinbart hatten. Ich will ja nicht gleich von Beteiligungstheater schreiben, habe es ja nun aber doch getan.

    Das zweite Portal heißt „Deutschland, was geht?“ und dort kann man „über die wichtigsten Themen im Bereich Staatsmodernisierung“ abstimmen. Anschließend bewarben sich Teams in den genannten Bereichen, um etwa Antragsverfahren zu vereinfachen. Auch hier: Die Modernisierungsagenda soll mehr als 200 Maßnahmen umfassen, bei denen es dem Vernehmen nach nicht so richtig voran geht.

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  • Rezensionen

    Es gibt sie noch, die richtig guten Plattenbesprechungen: Hier macht Lennart Brauwers nicht nur auf das jüngste Album der Fontaines D.C., „Dopamine Chamber“ gekonnt Appetit, sondern auch auf deren Gesamtwerk. Das Interview mit Bilderbuch die ich wegen ihres etwas betulich anmutenden Namens immer ignoriert habe, sträflich, wie sich herausstellt, ist ebenfalls sehr gut.

  • Die Habermas-Maschine in der idealen Sprechsituation

    Wolfgang von Kempelen: Bauteile seiner Sprechmaschine, aus Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine, Wien 1791. SLUB Dresden, gemeinfrei (Public Domain Mark), via Public Domain Review.

    Gegen den Strich erzählt, beschreibt die Erzählung von der Habermas-Maschine, die als KI-Mediator unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer bürgerratsartigen Versammlung iterativ immer mehr Gemeinsamkeit durch zustimmungsfähige Statements herstellt, Folgendes:

    Menschen in einem egalitären Raum von einem Kompromiss zu überzeugen ist so einfach, dass es sogar eine KI kann – weshalb es in der Realität nahezu nie passiert. Stattdessen hat sich um diese basalen Überzeugungen von Menschen ein politisches System aus professionellen Rollen, Institutionen und geteilten Gewalten herum entwickelt, in dem es kostspielig ist und von seltenen Gelegenheitsfenstern abhängt, seine Überzeugung zu ändern und entsprechend politisches Kapital erfordert, Mehrheiten herbeizuführen. Standhaftigkeit wird belohnt, Wechselhaftigkeit nicht geschätzt. Only Nixon could go to China. Selbst die politische Wahl findet wegen ihrer Anlage als frei, gleich, geheim und allgemein motivlos statt, wie Stefan Schulz gerne unter Verweis auf Luhmann sagt.

    Das Gemeinwesen ist also gerade keine Räterepublik, in der Räte ihre Delegierten mit imperativem Mandat ausgestattet in die höheren Ebenen schicken, so sehr auch mir solche Konzepte auf den ersten Blick gefallen mögen.

    Die „ideale Sprechsituation“ gibt es nicht

    Die Autoren des Papers machen wohlbemerkt auch unmissverständlich klar, dass die Habermas-Maschine eine egalitäre unstrukturierte („or semistructured“) Versammlung voraussetzt. Nur ist so eine Versammlung eben im Grunde apolitisch, entspricht sie doch der „idealen Sprechsituation“ Habermas‘, die er selbst als kontrafaktische Unterstellung verstand, nicht als herstellbaren Raum. In einem Parlament, einem Koalitionsausschuss oder einer Fraktion wäre so ein Mechanismus vollkommen hilflos.

    Wozu eigentlich Konsens?

    Die Frage ist überdies auch, woher diese Sehnsucht nach Eintracht, Übereinstimmung und „common ground“ eigentlich stammt. Das klingt sehr nach dem bundespräsidentiellen Lamento von der gespaltenen Gesellschaft und den Gräben, die man zuschütten müsse.

    Auch hier wieder gegen den Strich: Vielleicht hatten und haben wir einen breiten gesellschaftlichen Konsens, oft als „Mitte“ bezeichnet, der es ja gerade reizvoll und politisch opportun macht, die Ränder zu besetzen. Auch hier entpuppt sich das ganze Konzept als merkwürdig unpolitisch.

  • Deutschpunk

    Vor fast zwei Jahren kurz verlinkt, heute wiederentdeckt: Die Favourite Records des Popblogs mit der Gruppe Die Verlierer. Wie groß diese Liste ist, wie geil (Deutsch)punk war und ist, ohne zu stagnieren. Nur eine Auswahl:

    Frisch Und Fruchtig von Phosphor werde ich wohl auf Vinyl erwerben.

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  • Petitionen: Sammelübersichten 341 bis 351

    Anknüpfend an meinen Beitrag So behandelt der Bundestag Petitionen verfolge ich die Sammelübersichten des Petitionsausschusses, die alle paar Wochen an das Plenum überwiesen werden, bzw. lasse das Claude Code machen. Diese Woche kamen wieder ein paar:

    Am 14. Oktober 2026 hat der Petitionsausschuss dem Bundestag 11 Sammelübersichten mit Beschlussempfehlungen zu 358 Petitionen vorgelegt. Davon:
    ✅ 2 entsprochen (0,6 %)
    🟡 24 teilweise entsprochen (6,7 %)
    ↗️ 57 der Bundesregierung überwiesen – als Material o. Ä. (15,9 %)
    📎 1 den Fraktionen zur Kenntnis / an Länder & EU (0,3 %)
    ⚪ 274 ohne weitere Begründung abgeschlossen – vereinfachtes Verfahren (76,5 %)
    🔗 Alle 11 Sammelübersichten im DIP:
    https://dip.bundestag.de/suche?term=zu+Petitionen&f.wahlperiode=21&f.datum.start=2026-10-14&f.datum.end=2026-10-14&rows=25

    Was diese wichtig klingenden Überweisungen an die Bundesregierung oder an Fraktionen bedeuten, kann man aus dem Beitrag Verlässliches Scheitern: Petitionen für ein Böllerverbot schließen; ist ja übrigens bald wieder fällig, das Böllerverbot. Dieses Mal klappts bestimmt.

  • Log Off

    Ein Text, den ich vor anderthalb Jahren nur kurz verlinkt habe: You Can’t Post Your Way Out of Fascism:

    If there’s one thing I’d hoped people had learned going into the next four years of Donald Trump as president, it’s that spending lots of time online posting about what people in power are saying and doing is not going to accomplish anything. If anything, it’s exactly what they want.

    Die unendliche Litanei über „Merz“ und „GasKati“ auf Mastodon und mehr noch Bluesky mündete zu keinem Zeitpunkt in robuste Organisation. Allenfalls werden Petitiönchen geteilt, äußerstenfalls zu einer Demo aufgerufen, wo man lustige Schildchen fotografieren kann. Schlimmer noch: Jede Handlung und Äußerung der genannten Personen wird seziert, dadurch wiederholt und so in den Diskurs eingespeist:

    “The reality is you are oxygenating the things these people are saying even as you purport to debunk them,” Katherine Cross, a sociologist and author of Log Off: Why Posting and Politics (Almost) Never Mix, told 404 Media.

    Das gilt in keinem Fall so sehr wie in dem der Partei „Alternative für Deutschland“, um die sich im politischen Diskurs alles zu drehen hat: Im Mittelpunkt: die AfD.

    Die Gegenstrategie formuliert Anat Shenker-Osorio, zitiert aus The Persuaders:

    Rather than hiding behind milquetoast pronouncements, we can use „good riddance“ statements that are meant to turn off our 0 percenters

    Eigene Forderungen, angemessen radikal, so dass unseren politischen Gegnern vor Schreck das Frühstück aus dem Gesicht fällt, Vergesellschaftung zum Beispiel. So scheint man sogar eine Wahl gewinnen zu können.

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