Immer mal wieder schaue ich dieses Video, bei dem man Jeff Mills zuschauen kann, wie er (knieend!) einen Roland TR-909 bedient. Er behandelt die Drum Machine als das, was sie ist: ein Musikinstrument, und er beherrscht es virtuos und meisterhaft.
Bei mir steht schon seit รผber zwei Jahren ein Nachfolgemodell des Instruments herum, das Mills bedient. Es hat unfassbar viele Funktionen und Features, die sich mit arkanen Tastenkombinationen und verschachtelten Menรผs erreichen lassen. Diverse Versuche, es auch nur im Ansatz zu beherrschen, gab ich auf.
Am heutigen ersten Urlaubstag startete ich einen neuen Versuch und bin einmal mehr zuversichtlich. Allerdings weiร ich auch, dass ich unweigerlich alles wieder vergessen werde, wenn ich nicht weitermache und รผbe. Aus den Youtube-Kommentaren:
Europas Parteiensystem und die Dekonsolidierung des Nationalstaats nimmt Philip Manow dem vollstรคndigen Titel zufolge mit seinem jรผngsten Buch Spaltungslinien in den Blick. Das Buch ist Politikwissenschaft im besten Sinne und weist, soweit ich das beurteilen kann, Empirie von hoher Qualitรคt auf, wie man sie selten antrifft.
Die These ist anspruchsvoll und wird dicht entfaltet. Im Kern besagt sie, dass das liberale Projekt in Gestalt der EU getragen worden sei von Parteien, die es entweder gesellschaftspolitisch geschรคtzt und verteilungspolitisch bzw. รถkonomisch allenfalls hingenommen haben (Sozialdemokraten, Grรผne, Linke), oder die gerade seine wirtschaftspolitische Offenheit schรคtzten, die Gesellschaftspolitik hingegen lediglich duldeten. Von links wurde der Neoliberalismus der EU gebrandmarkt, von rechts die links-grรผnen Policies, von Migration bis hin zu Geschlecht und Familie.
Diese Widersprรผche รถffneten zwei Reprรคsentationslรผcken: Erstens fรผr eine genuin neoliberale Linke, die unbekรผmmert Marktwirtschaft und liberale Gesellschaftspolitik betreibt. Solch ein politisches Angebot gab es im Grunde nie: Die Rechte sei eher bereit, sich in wirtschaftlichen Fragen nach links zu bewegen, als die Linke bereit ist, sich in gesellschaftlichen Fragen nach rechts zu bewegen, wie Patrick J. Deneen aus Regime Change: Toward a Postliberal Future zitiert wird.
Diese wirtschaftspolitische Bewegung der Rechten nach links fรผlle daher erfolgreich die zweite Reprรคsentationslรผcke, die aus einem gesellschaftspolitisch/kulturellen Konservatismus, verbunden mit รถkonomischer Umverteilungspolitik, besteht. In diese Lรผcke, so Manow, dringen die populistischen Parteien vor. Sie kommen sowohl von rechts, wie die AfD, die sich „von Lucke zu Hรถcke“ graduell wirtschaftspolitisch zunehmend linker aufstellt, als auch von links, wie das BSW, welches sich als gesellschaftspolitisch rechte Abspaltung der Linkspartei positionierte.
Fรผr diese Bewegung findet Manow europaweit Belege. Gleichwohl vollzieht sie sich nicht eindeutig, im Gleichschritt und flรคchendeckend. Zudem wird sie von Parteien teils strategisch verhรผllt und von der Politikwissenschaft nicht wahrgenommen: „Das Erklรคrungsschema bestรคtigt sich an einer Empirie, die unter seiner Mithilfe gewonnen wurde.“
Was fรคngt man damit an? Zum einen wird noch klarer, wie falsch die Politik der Bundesregierung aus SPD(!), CDU und CSU ist, die sich wirtschaftspolitisch weitgehend rechts positioniert und damit die Lรผcke fรผr die AfD preisgibt. Weitere Aspekte lohnen eine Vertiefung in anschlieรenden Beitrรคgen.
Vor zwei Jahren zitierte ich das Gedicht i wander through each charter’d street von William Blake, dem George Orwell ein tieferes Verstรคndnis der kapitalistischen Gesellschaft zusprach als drei Vierteln der sozialistischen Literatur. Es heiรt offenbar eigentlichLondon und beginnt mit der Zeile I wander thro‘ each charter’d street.
Charter’d scheint zu bedeuten, dass die Straรen und der Fluss Themse der Verwaltung unterliegen, verwaltet werden. Diese Kontrolle drรผcken auch die mind-forgโd manacles, die menschengemachten Fesseln, aus, ebenso wie die Palace walls, an denen die Seufzer der unglรผcklichen Soldaten blutig herablaufen.
Mark Fishers Essay Capitalist Realism wird gerne mit dem Zatz zitiert
It’s easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.
Das ist zugleich der Titel des ersten Kapitels, praktisch also der erste Satz des Buches. Liest man eine Seite weiter, lernt man, dass er gar nicht von Fisher ist, der ihn ohne konkretere Quellenangabe Fredric Jameson und Slavoj ลฝiลพek zuschreibt. Unklar bleibt, ob der Satz in den Originalquellen auf Empirie beruht, aller Wahrscheinlichkeit nach aber nichtย โ wie hรคtte die beschaffen sein sollen?
Warum wird der Satz trotzdem so gerne zitiert? Wohl, weil wir uns darin so gut wiederfinden. Wir alle kรถnnen uns das Ende des Kapitalismus nicht vorstellen und sind froh, darin nicht die einzigen zu sein. Dabei mรผsste es doch einfach sein: Kapitalismus ist menschengemacht und mรผsste durch menschliches Handeln auch beendet werden kรถnnen. Wir finden die Gesellschaft als gemacht vor und halten es daher fรผr plausibel, sie anders zu machen. Aber was, wenn es so einfach nicht ist?
Um sich das Ende des Kapitalismus vorstellen zu kรถnnen, mรผsste man eine Vorstellung davon haben, was Kapitalismus ist. Schon der Umstand, dass so viel Lyrik, Essayistik und Poesie zu diesem Thema produziert worden sind, zeugt davon, wie schwierig das, wie unklar der Begriff ist. Der Geist des Kapitalismus, der kapitalistische Realismus, die Entzauberung der Welt durch ihn, nahezu alles, was die Franzosen zu dem Thema geschrieben haben, sind Ausdruck des Umstandes, dass wir nicht wissen, was Kapitalismus ist, so, wie wir auch nicht wissen, was Demokratie ist.
Letztlich handelt es sich bei beidem um essentially contested concepts, die nie einer letztgรผltigen Definition unterworfen werden. Kapitalismus ist vermutlich viel weniger Struktur, die man kappen kรถnnte, als Semantik: Thema, Selbstbeschreibung und Narrativ, das sich fรผr Publizistik und zum Reizen von Anschlusskommunikation, Gefolgschaft und Widerspruch eignet. Demzufolge wird Kapitalismus niemals enden.
Die Fortsetzung von Neuromancer lieร mich etwas ratlos zurรผck. Zwar wird der Vorgรคnger nicht nacherzรคhlt, aber auch Count Zero lรคsst seine Geschichte auf einen Deus Ex Machina-Moment hinauslaufen, bis zu dem hier zwar viel erzรคhlt wird, aber wenig Interessantes passiert. Menschen suchen Dinge und finden auf der Suche etwas anderes. Ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie, Mona Lisa Overdrive.
Bandcamp Daily, das empfehlenswerte redaktionelle Portal des Musikdistributors, feiert ihr neues Album, das offenbar nach zehnjรคhriger Auszeit (man kriegt ja nichts mehr mit) entstanden ist, gehรถrig ab:
Set of All Sets is a triumph on an epic scale. A culmination and expansion of Parts & Laborโs established aesthetic, the record is a galaxy of sound, a maximalist ode to the constant futures previously mapped out by the band.
Cool, und ungehรถrt gekauft. Natรผrlich bei … Bandcamp.
Der Text 1776 oder die Vereinigten Staaten als Avantgarde von Winfried Thaa in den aktuellen Blรคttern verstรคrkte einen Eindruck, den ich in der Vergangenheit schon mal gelegentlich hatte: dass es lohnenswert sei, sich mit der amerikanischen Verfassungstradition auseinanderzusetzen, beispielsweise den sogenannten Federalist Papers.
Ich verstehe mich und รคuรere mich gerne als Kritiker des reprรคsentativen Moments der reprรคsentativen Demokratie, weil ich glaube, dass sie nicht mehr die richtige Antwort auf die Frage ist, und in der Folge ihre Nebenkosten, etwa Elitenbildung, รผberwiegen. Insbesondere durch Philip Manows (Ent-)Demokratisierung der Demokratie glaubte ich, Reprรคsentation als รberbleibsel von Aristokratie entlarvt zu haben.
Zwar rรคumt auch Thaa ein:
Die Amerikanische Revolution dagegen steht unter dem Verdacht, lediglich der Klassenherrschaft der sklavenhaltenden Groรgrundbesitzer und der reichen Kaufleute der Ostkรผste eine moderne politische Form gegeben zu haben.
Das kratzt aber lediglich an der Oberflรคche der modernen Reprรคsentationsdiskussion, die sich offenbar auch fruchtbar mit der Franzรถsischen Revolution und deren Vordenkern auseinandergesetzt hat.
Auf der Suche nach der richtigen Lektรผre erwarb ich dannย โ antiquarisch, wie so ein KIโHerstellerย โย The Debate on the Constitution der Library of America:Federalist and Antifederalist Speeches, Articles and Letters During the Struggle over Ratification: schlanke zweitausend Seiten, die zuende zu lesen ich keine Wetten annehmen wรผrde.
We are now in a position where a tiny proportion of the population uses Fable or soon GPT-5.6, while everyone else’s experience of AI is 8-30b-model level – Google’s AI Overviews, Meta AI in WhatsApp, ChatGPT free tier, maybe MS Copilot at best. People outside of tech must be completely baffled how this is supposed to take their job, and annoyed that hundreds of billions are being poured into it.
Gerade hat die Koalition ihr Reformpaket beschlossen, welches unter anderem die Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes umfasst (wรคhrend die รffentlichkeit รผber das Krankschreiben diskutiert). Das betrifft die von Arne Semsrott geleitete Plattform FragDenStaat unmittelbar:
Bisher wurden รผber FragDenStaat rund 330.000 IFG-Anfragen von mehr als 100.000 Menschen gestellt. Die Regierung will dieses Recht auf Informationsfreiheit jetzt abschaffen. Der Angriff auf das IFG und jede Reform mรผssen jetzt gestoppt werden. Das IFG darf nicht angetastet werden!
Dem folgenden Appell, den SPD-Abgeordneten im Bundestag zu schreiben, schlieรe ich mich an. Die Adressen und ein Formulierungsvorschlag stehen im verlinkten Beitrag. Das Buch ist auch ganz gut.