• Wikipedia zum Doonscrollen | Mediendemokratie

    Funktioniert und macht Spaß: https://xikipedia.org/

     Post by @rebane2001@infosec.exchange   View on Mastodon     

    Johannes Hillje plädiert in den aktuellen „Blättern“ für eine wehrhafte Mediendemokratie:

    Das Konzept der »wehrhaften Demokratie« steht angesichts des Aufstiegs der AfD im Zentrum politischer Debatten. Aber rechtliche Instrumente genügen zur Verteidigung der Demokratie nicht. Daneben muss sich die Gesellschaft auch im medialen Raum, der zunehmend von digitalen Plattformen geprägt ist, zur Wehr setzen. Johannes Hillje plädiert deshalb für eine selbstbewusste Verteidigung der Demokratie durch die Medien. Eine freie Presse dürfe in der Frage »Demokratie oder Autokratie?« nicht neutral sein.

    Ich halte es stets für interessant, wenn Großbegriffe wie Demokratie, Medien, Journalismus (nicht im Teaser, aber im weiteren Text) und sogar Presse so in Wechselwirkung gebracht werden, dass ein kaum instruktiver Text entsteht. So erweckt der Autor den Eindruck, als halte er Journalismus für die einzige oder die dominierende Praxis in den Medien. Will er wiederum alle Journalist:Innen appellativ ansprechen oder für sie sprechen, schreibt er verallgemeinernd von den Medien.

    Ausgelassen wird dabei die ökonomische Logik, in der sich (vorwiegend) Redaktionsorganisationen zueinander in Konkurrenz befinden, was den Anreiz stärkt, auszuscheren und sich des Appells zu verweigern, was ja in vielfältiger Weise geschieht.

    Kein Beitrag zu Medien und Demokratie darf ohne das Zauberwort Medienkompetenz enden – eine Eigenschaft, die stets nur als Mangel formuliert wird:

    All das wird aber nur wirken, wenn auch die Informationskompetenz der Bevölkerung gestärkt wird. Grundvoraussetzung einer wehrhaften Mediendemokratie ist schließlich ein medienkompetenter Souverän.

    In diesem Sinne wird all das nie wirken. Immerhin erinnerte mich der Text an Demokratiedämmerung von Veith Selk, der daran erinnerte, „dass einem großen Teil der Bevölkerung aufgrund von schwacher Literalität und funktionalem Analphabetismus eine im Sinne der Demokratie umfassende politische Beteiligung strukturell versperrt ist„.

    Im Ergebnis – und das ist ein Befund, der Auseinandersetzung lohnt …

    [..] wird es zunehmend unplausibel, die westlichen politischen Regime noch als Demokratien zu beschreiben.


    Titelbild: Section of the Ripley Scroll, ca. 1600. Aus: Wellcome MS 692

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  • Vom Schlaf und vom Lesen

    Der typische Effekt, wenn ich den Wecker ausstelle, weil es mal ein paar Tage nicht so entscheidend ist, wann ich aufstehe, ist, dass ich irgendwann wach werde, befürchte, dass es schon sechs Uhr ist, sehe, dass es tatsächlich vier Uhr ist, finde, dass es sich nicht lohnt, überhaupt zu versuchen, noch einmal einzuschlafen, und also früher als jemals aufstehe.

    Nun schätze ich das frühe Aufstehen durchaus. Im Sommer. Davon sind wir aber noch ein paar Wochen entfernt. Und dann stresst umso mehr das hektische Wohnungdurchlüften, ehe es heiß wird.

    Immerhin blieb mir das stetige Unausgeschlafensein erspart, was solche Manöver sonst oft nach sich ziehen. Ich komme mit wenig Schlaf wirklich nicht sehr gut zurecht.

    Den rund einhundertseitigen Essay Reflexionen über die Ursachen der Freiheit und sozialen Unterdrückung von Simone Weil hatte ich bis gestern schon gut zur Hälfte gelesen, bis ich gewahr wurde, wie fundamental gut er ist, und entschied, ihn noch einmal von vorn zu beginnen, dann aber richtig.

    Dieses Richtiglesen ist eine Sache, die ich mir stets vornehme, ohne genau zu wissen, was sie umfasst. Sicherlich Notizen und Mitschriften, Anstreichungen, wenn mir das Buch gehört, was bei diesem nicht zutrifft, grundsätzlich das Gefühl, Text und Gedankengang wirklich erfasst und verstanden zu haben, und bestenfalls für eigene Texte verarbeiten zu können, ohne zu wissen, was für Texte das eigentlich sein sollten.

    Hundert Seiten konzentriert zu lesen, sollte eigentlich möglich sein. Vielleicht im Rahmen unseres verlängerten Wochenendes in Hamburg; wobei wir auch dort ja nicht nichts vorhaben, sondern fünf Theateraufführungen binnen dreier Tage. Die erste werde, wie das SchauSpielHaus Hamburg gerade per E-Mail informierte, zwei Stunden und fünfzig Minuten einschließlich Pause dauern. Das ist durchaus schon eine Dauer, die mich ein wenig einschüchtert.


    Titelbild: In a Deep Sleep. Jean de Bosschère, 1921. Aus: Weird Islands

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  • Gelesen: Anthropolis von Roland Schimmelpfennig

    Eine Woche, bevor wir den fünf Aufführungen binnen drei Tagen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg beiwohnen, habe ich mir die Stoffe zu Gemüte geführt. Der ANTHROPOLIS-Marathon wird sicher eben dies – ein Marathon, aber ich freue mich: griechische Dramen in Reinform.

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  • Mal wieder bahnfahr’n

    Update Der heutige Gedanke beim Bahnfahren:

    Im Grunde ist öffentlicher Personennahverkehr zu achtzig, vielleicht neunzig Prozent gelöst: Gleise, Bahnen, Busse, Personal, Organisation, Pläne haben wir schon.

    Das ganze verlässlich, schnell, mit genügend Platz anzulegen ist lediglich ein Bruchteil des bereits geleisteten.

    Wie so oft sind aber die letzten zehn (?) Prozent die schwersten, weil wir uns als Gesellschaft, die sich von Eliten regieren lässt, so schwer tun, zu tun, was zu tun ist, um ausgezeichnete Daseinsvorsorge für alle zu treffen.

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  • Gelesen: „Eine Hymne an das Leben“ von Gisèle Pelicot

    Gisèle Pelicot ist das Opfer zahlloser sexueller Übergriffe, die ihr Ex-Mann Dominique und über fünfzig weitere Männer an ihr verübten, nachdem jener sie immer wieder und wieder betäubt und handlungsunfähig gemacht hatte. Mit Eine Hymne an das Leben erhebt sie als Opfer dieser unsäglichen Schandtaten die Stimme, verweigert sich dabei auch Erwartungen an sie als Opfer und gängigen Klischees, die man haben könnte:

    Die ganze Welt hatte damit gerechnet, mich als Wrack erscheinen zu sehen.

    Das gipfelt im Verlauf der Geschichte in der weitreichenden Entscheidung, den Prozess wider Erwarten nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Das heulende Wutgeschrei der über fünfzig Mitangeklagten und ihrer Anwälte, als diese Entscheidung im Gerichtssaal verkündet wird, gehört zu den größten Momenten des Buches, noch übertroffen von den Schilderungen der Öffentlichkeit, die dann auch erscheint:

    Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen … Morgens, mittags und abends standen sie Schlange, um einen Platz in dem Zuschauersaal zu ergattern, der zusätzlich eröffnet worden war [..].

    „… darunter auch einige Männer …“

    Es sind aber eben auch weit überwiegend Frauen, die erscheinen, die ihr schreiben, die jetzt zu ihren Lesungen kommen. Der Piper Verlag schreibt, die Geschichte und ihr Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ hätten enorme Resonanz ausgelöst und zu zahlreichen Diskussionen und Gesetzesänderungen geführt – immerhin.

    Ich halte besagten Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ aber auch für unmissverständlich. Er betrifft mich und meine Geschlechtsgenossen. Männer. Er fordert eine konsequente, nachhaltige Veränderung, die über schlichte Social-Media-Posts im Stile von „Hey Jungs, wir müssen reden …“ oder ein Petitiönchen hinausgeht.

    Denn die Asymmetrie liegt ja auf der Hand: Männer können leicht sagen: „Das betrifft mich nicht, denn so etwas tue ich nicht und werde ich auch nie, und ich kenne auch niemanden, der das tut.“ Das ist bislang auch meine bequeme Ausflucht. Frauen können aber nichts dafür tun, nie Opfer solcher Gewalt zu werden. Gisèle Pelicot wusste bis zur Aufdeckung der Schandtaten nicht, wie ihr über Jahre und hunderte Male geschah. Darum betrifft es sie immer alle und darum muss es uns immer alle betreffen.

    Allein, ich stehe derzeit vor dem Rätsel, wie ich damit beginne – und womit eigentlich.

    Entscheidungen

    Dazu ein Zitat aus dem Absatz, den Gisèle Pelicot jenem Wachmann widmet, der ihren Ex-Mann beim heimlichen Filmen unter die Röcke von Frauen ertappte, die Polizei hinzuzog und so sämtliche Enthüllungen, Ermittlungen und Verurteilungen erst in Gang setzte:

    Dieser Mann hat mich gerettet. Er erzählte mir, er habe damals selbst in Mazan gewohnt und sei für eine Woche untergetaucht, als der Skandal an die Öffentlichkeit drang, er habe Drohungen erhalten in diesem Dorf, in dem auch mehrere meiner Vergewaltiger lebten, zu einem Zeitpunkt, als man sie noch nicht alle identifiziert hatte.

    Ich zitiere diese Stelle auch, weil Gisèle Pelicot an anderer Stelle erwähnt, Dominique hätte bereits zuvor in Kaufhäusern unter Röcke gefilmt, sei jedoch lediglich des Hauses verwiesen worden. Entscheidungen und wie sie fallen oder ausbleiben, lösen gewaltige Dinge aus.

    Weiterlesen

    Aus dem Komplex des Pelicot-Prozesses werde ich mindestens noch Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess von Manon Garcia lesen. Die Rezension von Katharina Teutsch für die FAZ paraphrasiert der Perlentaucher folgendermaßen:

    Wieso sich so viele mit Gisele Pelicot, aber niemand mit dem Täter identifizieren will, fragt Garcia laut Teutsch und legt systematisch die erklärenden Diskursroutinen der Gesellschaft im Umgang mit den Tätern frei und auch die Parallelen zum Eichmann-Prozess. Sichtbar wird der Abgrund einer „normalisierten Frauenverachtung“, zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie Teutsch findet.

  • Gelesen: „Die Moskau Connection“ von Reinhard Bingener und Markus Wehner

    Wenn man noch Letztrespekt vor der SPD hatte, so wird er einem mit diesem Buch endgültig ausgetrieben. Peinlich, wie Schröder sich von Putin hat einlullen lassen (Kosakenchor, Schlittenfahrt). Unerträglich, wie Schröder, Steinmeier und Gabriel, um nur die wichtigsten zu nennen, die fortwährende Brutalisierung Russlands bis 2022 relativiert haben.

    Merkel wird zumindest ein anderer Stil bei weitgehend gleichem Kurs attestiert, aber in CDU und CSU sah es auch nur geringfügig anders aus. Die SPD hat sich allerdings aufgrund ihres Brandt/Bahr-Mythos besonders in die Irre geführt.

    Wenn man sich dann vorstellt, welche Fehler heute gerade begangen werden, ähnlich wie damals bei Schröder praktisch im Licht der Öffentlichkeit, wird einem durchaus unwohl.

  • Gelesen: „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ von Götz Aly

    Die „68er“ und die „33er“ hätten mehr miteinander gemein, als ersteren wohl lieb ist, so Götz Alys These in dieser Monografie aus dem Jahr 2008, in der er sich auch selbstkritisch mit seiner eigenen Involviertheit auseinandersetzt. Ich hatte ‚Unser Kampf‘ auf der Liste, wie so oft, ohne zu wissen, warum.

    Das Buch erfuhr eine überaus kritische Rezeption, die der Wikipedia-Artikel gut zusammenfasst:

    Aly, so Philipp Gassert, ziele mehr auf „Selbstkasteiung als historische Analyse“ und habe vor allem den „Knalleffekt“ im Sinn.

    Leider wahr.

  • Medúlla

    Am Ersten jeden Monats erwerbe ich ein weiteres Björk-Album – heute Medúlla. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dieses Album nie gehört habe, wegen der unterstellten Seltsamkeit. Umso gespannter bin ich.

    Erstaunlich auch, dass ich damit lediglich die erste Hälfte von Björks bisherigem Output abschließe. Alles danach ist definitiv unbekannt:

    JahrAlbum
    1993Debut
    1995Post
    1997Homogenic
    2001Vespertine
    2004Medúlla
    2007Volta
    2011Biophilia
    2015Vulnicura
    2017Utopia
    2022Fossora

    Medúlla erwarb ich natürlich bei Bandcamp.

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  • Gesehen: „Possession“ von Andrzej Żuławski

    So schnell kann das gehen: Buddenbohm erinnerte an das herausragende Angebot Mediathekperlen, ich abonnierte den Feed, ließ mich von Andrzej Żuławskis – „Possession“ (1981) überzeugen, und bin komplett überwältigt. Nicht nur kannte ich diesen Film nicht, ich wüsste nicht einmal, je von ihm gehört zu haben.

    Neben allem anderen begeisterten mich auch die Aufnahmen aus Berlin: die reale Adresse des bei G. Maps so hinterlegten Possession House, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gesundbrunnen (die Balkone!) gedrehten Aufnahmen des moderneren Berlins, die Wohnungen und der Ausblick auf Mauer und Wachen.