• Plurality 1

    Beim Lesen der ersten Kapitel von Plurality stoße ich auf ein wiederkehrendes Motiv: Autokratien seien viel aktiver darin, moderne Technologie zu entwickeln und einzusetzen, als Demokratien. Die Autorinnen und Autoren werden nicht müde, das zu betonen. Technologie sei in den demokratischen Gesellschaften eher verdächtig, gefährlich und abzulehnen. Schließlich dient sie der Überwachung und Kontrolle.

    Vernachlässigt wird, dass Demokratie selbst auf technologischen Fundamenten ruht: Die moderne Massendemokratie ist ein Produkt der Buchdruckgesellschaft. Sie wurde später von Radio und Fernsehen beflügelt, doch als Idee und Praxis bleibt Demokratie Print. Auch in Bochum bringt das Rats-TV wenig ohne Kenntnis der Unterlagen. Die demokratische Technologiegeschichte wird leicht übersehen, weil sie so alt geworden ist, dass sie nicht mehr nach Technik aussieht.

    Warum aber verharrt die Demokratie so sehr beim technologischen Fortschritt, wie es die Autorinnen und Autoren von Plurality beschrieben? Eine Vermutung: Die Demokratie wähnt sich fertig. Spätestens im 20. Jahrhundert hat sie ihre vermeintlich finale Konfiguration aus Wahlen, Rechtsstaat, Grundfreiheiten, Repräsentation und dergleichen erreicht und das Ganze in Verfassungen mit Ewigkeitsanspruch gegossen. Das Ende der Geschichte war schließlich erreicht, der Rest sei Verwaltung.

    Aus dieser Selbstzufriedenheit herauszukommen, gab es in den letzten Jahrzehnten wenig Anlass. Es gibt auch keine eingeübte Praxis dafür. Schließlich geht es nicht um Revolution, sondern vermutlich um kleinschrittige Arbeit der Demokratie an sich selbst, ihren Verfahren, Prozessen und Strukturen. Darum scheint es im weiteren Verlauf des Buches zu gehen, und zwar am Beispiel Taiwans. Ich bin sehr gespannt.


    Titelbild: Wari tunic (fragment), ca. 600–800. Public Domain.

    Fediverse reactions
  • Ein paar Links

    Ich hab’s noch nicht gehört, aber was darüber geschrieben wird, macht hellhörig:

    Was die vier Bandmitglieder von Schimmel über Berlin vorgelegt haben, klingt, als hätten sie einfach mal so ein perfektes Punk-Album eingespielt.

    Vojin Saša Vukadinović in der „Jungle World„, der auch sehr interessant die dazugehörige ADK (Allee der Kosmonauten)-Szene tief im Berliner Osten schildert. Vor Jahren saß ich mal in Marzahn in einem Proberaum und hörte einer Band zu. Keine Ahnung, ob das dort war; wahrscheinlich nicht.

    Das Album „Eisenmund“ gibt es natürlich bei Bandcamp.


    DAS GRAMM ist ein Magazin für Kurzgeschichten, welches alle paar Wochen einfach eine neue Ausgabe in einem kleinen Umschlag auf den Postweg bringt, über die ich mich dann sehr freue:


    Im Corporate Therapy-Podcast hatten sie die Tage die kluge Marie Kilg zu Gast und sprachen darüber

    „… wie KI auch anders wirken kann, etwa als Moderations- und Auswertungswerkzeug für bessere Diskussionen, inklusive unserer kleinen Habermas-Maschine im Unternehmensalltag.“

    In diesem Kontext kam auch das Paper AI can help humans find common ground in democratic deliberation zur Sprache, das ich bereits vor einigen Monaten zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht gelesen hatte. Mutmaßlich kam mir die Idee, KI in demokratischer Deliberation einzusetzen, abwegig vor. Nachdem sich meine Meinung zu KI mit Jahresbeginn grundlegend geändert hat, nehme ich mich selbst dem Befund der Autorinnen und Autoren gegenüber deutlich offener wahr. Interessant, wie sich Haltungen verändern.

    Ebenfalls thematisiert wurden die mir seit einer Weile bekannten Demokratieexperimente aus Taiwan, die inzwischen offenbar unter dem Label Plurality firmieren. Von ihnen gibt es ein gleichnamiges Buch, kostenfrei bei GitHub verfügbar, welches ich mir in den E-Reader gelegt habe.


    Abschließend ein Resultat meiner Vibecoding-Experimente: Der Nordrhein-Westfälische Landtag verfügt offenbar weder über einen RSS‑Feed noch über eine API, sondern verschickt lediglich einen Newsletter. Aus diesem befüllt mir nun ein n8n-Workflow dieses Portal, welches zudem einen RSS-Feed erzeugt; das hilft vielleicht nicht nur mir bei der Arbeit.

    Fediverse reactions
  • Oppenheimer

    Oppenheimer hinterlässt auch beim zweiten Schauen den Eindruck einer Abfolge von Szenen und weniger den eines Films, der eine Geschichte erzählen will, ist dabei technisch und logistisch aber absolut beeindruckend. Auch der Anspruch, Thema und Person politisch einzubetten und das vermittels Gremiensitzungen zu tun (politischer und langweiliger geht’s ja kaum), ist anerkennungswürdig. Nolans Filme nehmen sich halt immer so wahnsinnig ernst, dass es kaum zu ertragen ist.

  • Das neue Gramm ist da

    Mit der Kurzgeschichte Der Anstreicher von Bianca Nawrath.

    Fediverse reactions
  • DC | Die Jungens | Draufgänger

    DC Comics hat jüngst seine großen Comicreihen gerelauncht, falls man das in diesem Metier so nennt. Jedenfalls gibt es unter dem Label Absolute nun neue Varianten von Batman, Superman, Wonder Woman etc. Fand ich interessant genug, um die im Rahmen des Infinite Abos verfügbaren Ausgaben einiger Reihen zu lesen.

    Bruce Wayne ist demnach ein noch gramgeplagterer Schmerzensmann als ohnehin schon. Alles ist grausamer, grotesker und gewalttätiger, als ich es bei dieser Figur je angetroffen hatte, und mir ist klar, dass Batman seit Jahrzehnten düster gezeichnet wird. Unerfreulich.

    Wahrscheinlich sind The Boys daran schuld. Die Serie hatte ich aufgehört zu schauen, lasse mich alle paar Monate, wenn ich mal kurz Amazon Prime habe, doch dazu verleiten und schalte immer wieder angewidert ab: ultrazynischer Gewaltdreck, der mit plumpen politischen Anspielungen clever wirken will.

    Womit wir bei dem eigentlichen Anlass dieses Blogbeitrags sind: Daredevil. Der zweite Teil seiner Born Again-Staffel endete heute. Sie wird allgemein gut gefunden und eigentlich kann ich das nachvollziehen, aber … es ist ein wenig wie bei Andor: Wenn solche Superhelden/Fantastik-Stoffe zu sehr versuchen, auf grounded, gritty und realism zu machen, mit Politik und Justiz und Korruption, dann wandern sie in ein seltsames Uncanny Valley des Arealismus. So wie Andor zwei Filme später wieder beim bösen Weltraumzauberer landet, so befindet sich die Daredevil-Welt die ganze Zeit im albernen Marvel-Mummenschanz. Und weil ich das nicht aus dem Kopf bekomme, kann ich die Serie nicht annähernd so ernst nehmen wie sie sich selbst.

    Macht eigentlich noch wer Sachen, die Spaß machen?

    Fediverse reactions
  • Gelesen: Irrungen Wirrungen von Theodor Fontane

    Eine Liebesbeziehung, die an Standesgrenzen scheitert, das klingt nach einem abgegriffenen Motiv und war auch schon zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht mehr neu.

    Irrungen Wirrungen wagte jedoch die unbefangene Darstellung des Liebesverhältnisses zwischen einem Adligen und einer kleinen Plätterin und rief beachtlichen Unmut hervor:

    Selbst einer der Mitinhaber der Vossischen Zeitung äußerte der Schriftleitung gegenüber: „Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören?“

    Insofern: gerne gelesen, auch weil die Darstellung Berlins im neunzehnten Jahrhundert seltsame Auenland-Assoziationen weckt, wenn etwa Wilmersdorf tatsächlich noch ein Dorf ist, dessen Kirchturm hinter den Wipfeln hervorscheint.

  • Gelesen: Jörg Baberowski – Am Volk vorbei

    Zur Krise der liberalen Demokratie legt der offenbar als kontrovers geltende Professor für die Geschichte Osteuropas, Jörg Baberowski, ein kluges Essay vor, das im Kern Repräsentation und Populismus als Leitunterscheidung gegenüberstellt. Das war mir neu und daher eingängig und bettet den stets unklaren Begriff des Populismus anschlussfähig ein.

    Im Kern sei es Elitenkritik, wenn nicht gar -verdruss, welche(r) die Abkehr von der liberalen Demokratie auslöst und verstärkt. Repräsentation durch – nach Michael Hartmann – Die Abgehobenen stoße auf den Unwillen des „Volkes“, Populismus verschaffe der Volkssouveränität (noch so ein unzugänglicher Grundbegriff) wieder Geltung.

    Das ist alles vorzüglich beschrieben, muss einem nicht gefallen, lohnt aber die Auseinandersetzung; zum Beispiel wenn zu einem Plädoyer für den Nationalstaat angehoben wird:

    Die Demokratie ist lokal, sie ist nicht universalistisch, weil in ihr immer schon der Gedanke der Pluralität, der Unterschiedenheit und der Begrenzung enthalten ist.

    Nur: Warum dann so weiträumig verharren und das Lokale nicht noch lokaler fassen, nämlich kommunal? Nicht im Sinne der Kleinstaaterei, wohlbemerkt, sondern im Sinne von Subsidiarität und Föderalismus – zwei Grundbegriffe übrigens, die in dem gesamten Buch nicht vorzukommen scheinen.

    An Präzision verliert das Buch im abschließenden Kapitel Die Wiedergewinnung der Souveränität, das durchzogen ist von zahlreichen Charakterisierungen von Demokratie und Politik und von Schilderungen, was nun zu tun sei:

    Die Demokratie ist eine prekäre, stets bedrohte Form der Politik

    Wir müssen die Demokratie von ihren normativen Bedingungen befreien

    In der Demokratie geht es um die Mobilisierung von Leidenschaften

    Das Politische ist Teil der menschlichen Verfassung, ein Existential.

    Nichts davon ist falsch, vieles klingt schön, aber letztlich diffundiert das Thema hier wieder in eine allgemeine, dünne politische Philosophie. Man steht erneut am Anfang: Es bleibt wahr, dass wir nicht wissen, was wir meinen, wenn wir von Demokratie sprechen.

  • About today

    Dortmund hat eine Oper, die als Gebäude den Geist des Jahres 1966 atmet. Kann man cool finden, ich fand’s nicht schlecht. Der Saal ist über jeden Zweifel erheben, die Bühnentechnik macht Dinge, die ich noch keine Bühne habe machen sehen. Toll. Der Vorplatz aber, das ganze städtebauliche Umfeld, lässt vermuten, dass die Stadt sich ihrer Oper schämt und sie so schlecht wie möglich erscheinen lassen will. Eine absurd hässliche Betonfläche neben der Schnellstraße, ohne grün oder Sitzmöglichkeiten. Eine Schande.

    Unter der Wasserstraße haben sie derweil die banalstmögliche Aussage aller Zeiten hingesprüht. Alles andere wäre interessanter: „Für Krieg“, „Gegen Frieden“, „Krieg und Frieden“ oder meinetwegen das gute, alte „No Future“.

  • Stochastic poetics

    Es bleibt wahr, dass wir nicht wissen, was wir meinen, wenn wir von Demokratie sprechen, und noch weniger wissen können, was ein Gegenüber meint, wenn sie oder er von Demokratie spricht. Zu voraussetzungsvoll der Begriff, zugleich zu folgenreich, zu dicht das Interessengefüge, vom bloßen Anerkennungswunsch für eine kluge Meinung bis hin zu echtem Machtinteresse. So wird den Regalmetern an Begriffsdefinition und -auseinandersetzung nur immer wieder noch ein Band hinzugefügt. Es ist Ausdruck einer folgerichtigen Demokratisierung des Demokratiebegriffs, dass jede und jeder eine Meinung zu Demokratie haben sollte, kann und will, dabei Zeitzeugen von Graeber bis Aristoteles heranzieht und wahlweise das Element der Repräsentation oder der Volkssouveränität oder irgendein anderes überbetont. Die Herstellung eines gemeinsamen Verständnisses von Demokratie würde ein Verfahren voraussetzen, welches seinerseits bereits ein gemeinsames Verständnis von Demokratie voraussetzen müsste, sonst wären das Verfahren und sein Ergebnis nicht demokratisch. Das Problem pflanzt sich fort zu (oder rührt von) Begriffen wie Macht, Souveränität, Repräsentation, Legitimität und so fort. Man liest die Klassiker und liest doch nur, wie sie stritten. Also streiten wir weiter.


    Titelbild: Old Japanese Puppet Heads, 1920. A Book of Marionettes. Not in Copyright

  • Musik gekauft: Björk – Biophilia

    Jeden Monat wird die Musiksammlung um ein weiteres Björk-Album vervollständigt. Natürlich gekauft bei Bandcamp.