• Gelesen: ‚Kapital und Krise‘ von Tom Krebs

    Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht, verspricht der Untertitel dieses Bandes, das seinem Autor zur Zeit ein wenig erfreuliche Reichweite in der Publizistik zwischen Podcasts und Zeitungen einbringt. Der Ökonom schließt an eine eindrückliche und sehr aktuelle Analyse der Wirtschaftspolitik von Ampel und Merz I sein Programm einer geplanten Marktwirtschaft an.

    Das ließt sich alles schlüssig, kenntnisreich und durchdacht. Mein Unbehagen schöpft sich – ähnlich wie bei Isabella Webers antifaschistischer Wirtschaftspolitik1 – aus dem Eindruck, dass wieder ein Policyvorschlag eines Autoren oder einer Autorin durch das System der Massenmedien geschleust wird, ohne spürbaren Impact in der Politik der Gesellschaft haben zu werden, so wie schon viele vor ihm.

    Wenn Tom Krebs politische Scheindebatten und sogar eine „Politiksimulation“ (S. 301) beklagt, dann beleuchtet er ein Problem, welches ja nicht nur der aktuellen Regierung anzulasten ist, sondern struktureller Art ist. Nun ist es als Ökonom nicht seine Aufgabe, aber die Politikwissenschaft scheint dazu auch nicht imstande zu sein und das fängt schon bei der Problembeschreibung an. Ich würde sie mit zwei Worten einleiten: demokratische Repräsentation.


    1) Vielleicht tue ich Weber damit sogar Unrecht, bei deren Buchvorstellung Berlin höherrangige Vertreter:Innen von SPD, den Grünen und der Linkspartei vertreten gewesen sein sollen. Es scheint das Buch der Stunde für den linksliberalen Flügel zu sein, ähnlich wie „The Tyranny of Merit“von Michael J. Sandel Olaf Scholz‘ „Respekt“-Wahlkampf beeinflusst haben soll.

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  • Verlinkt: Analyse der Plenar-Protokolle des deutschen Bundestages

    Schon das „methodische Geplänkel“ ist spektakulär gut:

    In über 77 Jahren Plenarsitzungen sind unfassbar viele Daten angefallen. Dementsprechend gibt es sehr viel zu erzählen. In diesem ersten Teil geht es um viel methodisches Geplänkel und einen Einblick in die Anzahl und Dauer der Sitzungen. Im zweiten Teil geht es um Zwischenrufe, Redebeiträge und SprecherInnen.

    Hier gehts zum Blogpost, hier zum Webinterface. Wie ich schon schrieb: einfach mal bewundern, wie jemand mit Daten umgeht, der sich wirklich darauf versteht.

  • new standards are emerging

    Für die Wiedervorlage – aus Ole Reißmanns ausgezeichnetem Newsletter / THEFUTURE / The Models Outrun the Tinkerers:

    New standards are emerging, and I’ve started collecting them. Very much work in progress. Featuring the News Atom by Sannuta Raghu, Audience Data Commons by the News Product Alliance, Content Telemetry Standard by Alex Springer, Story Object Model, and more.

  • my9albums

    Alben? Kein Problem, aber auf neun Filme komm‘ ich nicht (via)

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  • Andy Burnham: Bürgermeister und Räte stärken

    Andy Burnham hat in seiner (erstaunlich wenig beachteten?) Rede auf dem Labour-Parteitag bemerkenswerte Dinge gesagt. Mit einem Jahrzehnt Erfahrung an der Spitze von Greater Manchester ist der Machtverlust der Kommunen ein Teil dessen, was seit den 1980ern verloren ging. Das will er rückgängig machen:

    „So, for the first time, we will have a national energy plan and we will bring back local democratic control through a stronger role for mayors and local leaders.“

    „Mayors will have new powers to hold water companies to account, with tougher consequences for those which repeatedly fail.“

    Bezogen auf leerstehende Wohnungen:

    „We will give councils the power to take control of them and bring them back into the public housing stock.“

    Als Anspruch an seine Amtszeit formuliert er:

    „Driving power out of Whitehall and into every postcode of Wales, Scotland, Northern Ireland and England and closing divides between people and places.“

    Whitehall ist eine Straße in London, an der sich zahlreiche Regierungsgebäude befinden. Natürlich will er die Zentralregierung nicht auflösen, aber wohl doch die Gewichte umverteilen.

    Hierzulande sparen derweil die Kommunen für Rheinmetall, um es mal stark zu überspitzen.

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  • Beau Travail

    Ich habe eine eigentümliche Schwäche für Tanzszenen in Filmen, beispielsweise in Bande à part oder Climax. Deshalb wurde ich prompt hellhörig, als Margaret Qualley bei ihren Closet Picks aus der Criterion Collection als erstes den mir völlig unbekannten Film Beau Travail (Der Fremdenlegionär) von Claire Denis empfahl, und zwar insbesondere wegen einer abschließenden Tanzszene.

    Der Film ist aber auch völlig unabhängig davon großartig; ein einzigartiger Blick auf Männlichkeit durch das Schema des Soldatischen. Tom van der Linden bespricht den Film auf seinem Youtube-Kanal Like Stories of Old, ich empfehle aber, bei Interesse zuvor den Film zu sehen. Erinnert wurde ich daran, wieder und vor allem mehr belle hooks zu lesen:

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  • Notizen aus der Tagespresse

    Ich bin jetzt auch wieder bei Instagram, um ein wenig vom anhebenden Landtagswahlkampf mitzubekommen. Selbstverständlich unterhält niemand aus dem Kreis der Bochumer Kandidatinnen und Kandidaten ein auffindbares Profil im Fediverse. Wäre ja auch Unsinn: Weitgehend unreflektiert bleibt schließlich, dass die Linkspartei Berlin digital vollkommen unsouverän, nämlich auf Instagram und Tiktok gewonnen haben dürfte. Ferat Koçak soll seine Verlautbarungen sogar auf „X“ verbreitet haben. Schlimm. Aber morgen ist ja erster Sonntag im Monat, da dürfen sie dann auch „auf die gute Seite wechseln„. Passend dazu:

    Fritz B. Simon lenkt immer wieder den Blick darauf, dass Moralismus eine Machtstrategie ist: Jede öffentlich ausgetragene „Moralismus-Olympiade“, ob es nun um die Forderung nach dem Ausschluss Israels vom ESC gehe oder um die Frage, ob man noch Müllermilch trinken dürfe, sei ein Kampf um politischen Einfluss jenseits von Parteipolitik.

    Nina Apin in der taz über den Essay „Moralisieren: Waffe im Kulturkampf“ von Fritz B. Simon, der (interessant!) dabei Luhmanns Systemtheorie zur Anwendung bringe, so Apin.

    Ebenfalls in der taz (und dort im großem „literataz“-Teil) bespricht Hanno Rehlinger Philip Manows „Spaltungs­-linien – Europas Parteien­systeme und die De­konsolidierung des Nationalstaats“, das ich mit großem Interesse gelesen habe:

    Dieses Paradigma diene, so Manow, vor allem der „bürgerlichen Linken“, die „faktisch-praktisch einverstanden mit den spätkapitalistischen Verhältnissen scheint, die sie so grundlegend zu kritisieren glaubt“.

    Nicht einverstanden ist Tom Krebs, dessen Buch Kapital und Krise ich gerade lese (nach wohlwollender Besprechung im Salon der Neuen Zwanziger). Ob er sich mit dem Zitat „Die Gewerkschaften müssen mehr Marx wagen“ einen Gefallen tut, bleibt abzuwarten. Viel mehr nerven mich jedoch Sätze wie „Auch die Ampel hat wirtschaftspolitische Fehler gemacht„, weil sie der Rahmung des Richtigmachens zuspricht, die wiederum ein politisches Verständnis ausdrückt, welches nicht das meine ist. Keine Regierung wird keine Fehler machen.


    Titelbild: Frederick Burr Opper: „The Fin de Siècle Newspaper Proprietor“, in: Puck, Bd. 35, Nr. 887 (1894). Quelle: Public Domain Image Archive. Gemeinfrei.

  • Die Fauna

    Gestern schrieb ich an der Fauna, während dieser seltsame Film über Giraffen lief:

    Die Verrichtung der Arbeit versetzt die Fauna in Stillschweigen. Nicht lediglich Schweigen: Stillschweigen. Schweigen findet unter Anwesenden statt, die gemeinsam mit- und füreinander schweigen. Stillschweigen findet im Geheimen und Verborgenen statt. Es wird gewahrt. Bei jedem Verstoß droht Entdeckung.

  • Ein Buch zum Preis eines Hauses

    Ada Palmer in Inventing the Renaissance über die Kosten für Wissensträger der Vergangenheit:

    This is a period when a single manuscript book cost as much as a house, which is to say that a cheap paper manuscript cost as much as a cheap studio apartment

    Herrliche Aussagen, wenn es um die Wissensträger der Zukunft geht, die wir noch künstliche Intelligenz nennen. (Update: man sehe oder besser höre auch Folge 2 vom Kontextfenster-Podcast)

  • Preisentwicklung des Deutschlandtickets

    Das Deutschlandticket kostet ab Januar 2027 66,80 Euro. Dies ist die bisherige Preisentwicklung:

    SchrittAufschlagSteigerung
    49 → 58 Euro (Januar 2025)9,00 Euro18,4 %
    58 → 63 Euro (Januar 2026)5,00 Euro8,6 %
    63 → 66,80 Euro (Januar 2027)3,80 Euro6,0 %

    Grob gerechnet stehen diese 36,3 Prozent Preisanstieg beim Ticket über die gesamte Laufzeit von Mai 2023 bis Januar 2027 einer allgemeinen Teuerung von überschlägig 8 bis 9 Prozent gegenüber.

    Das Ticket hat inzwischen 14,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Klar zu erkennen ist, dass Die Zapfsäule, von der auch der scheidende Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Sven Schulze (CDU) fabulierte, nicht einmal mehr ein Symbol ist, sondern lediglich noch ein Simulacrum; eine Kopie ohne Original, ohne jeden Realitätsbezug.