• Gelesen: Jörg Baberowski – Am Volk vorbei

    Zur Krise der liberalen Demokratie legt der offenbar als kontrovers geltende Professor für die Geschichte Osteuropas, Jörg Baberowski, ein kluges Essay vor, das im Kern Repräsentation und Populismus als Leitunterscheidung gegenüberstellt. Das war mir neu und daher eingängig und bettet den stets unklaren Begriff des Populismus anschlussfähig ein.

    Im Kern sei es Elitenkritik, wenn nicht gar -verdruss, welche(r) die Abkehr von der liberalen Demokratie auslöst und verstärkt. Repräsentation durch – nach Michael Hartmann – Die Abgehobenen stoße auf den Unwillen des „Volkes“, Populismus verschaffe der Volkssouveränität (noch so ein unzugänglicher Grundbegriff) wieder Geltung.

    Das ist alles vorzüglich beschrieben, muss einem nicht gefallen, lohnt aber die Auseinandersetzung; zum Beispiel wenn zu einem Plädoyer für den Nationalstaat angehoben wird:

    Die Demokratie ist lokal, sie ist nicht universalistisch, weil in ihr immer schon der Gedanke der Pluralität, der Unterschiedenheit und der Begrenzung enthalten ist.

    Nur: Warum dann so weiträumig verharren und das Lokale nicht noch lokaler fassen, nämlich kommunal? Nicht im Sinne der Kleinstaaterei, wohlbemerkt, sondern im Sinne von Subsidiarität und Föderalismus – zwei Grundbegriffe übrigens, die in dem gesamten Buch nicht vorzukommen scheinen.

    An Präzision verliert das Buch im abschließenden Kapitel Die Wiedergewinnung der Souveränität, das durchzogen ist von zahlreichen Charakterisierungen von Demokratie und Politik und von Schilderungen, was nun zu tun sei:

    Die Demokratie ist eine prekäre, stets bedrohte Form der Politik

    Wir müssen die Demokratie von ihren normativen Bedingungen befreien

    In der Demokratie geht es um die Mobilisierung von Leidenschaften

    Das Politische ist Teil der menschlichen Verfassung, ein Existential.

    Nichts davon ist falsch, vieles klingt schön, aber letztlich diffundiert das Thema hier wieder in eine allgemeine, dünne politische Philosophie. Man steht erneut am Anfang: Es bleibt wahr, dass wir nicht wissen, was wir meinen, wenn wir von Demokratie sprechen.

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  • About today

    Dortmund hat eine Oper, die als Gebäude den Geist des Jahres 1966 atmet. Kann man cool finden, ich fand’s nicht schlecht. Der Saal ist über jeden Zweifel erheben, die Bühnentechnik macht Dinge, die ich noch keine Bühne habe machen sehen. Toll. Der Vorplatz aber, das ganze städtebauliche Umfeld, lässt vermuten, dass die Stadt sich ihrer Oper schämt und sie so schlecht wie möglich erscheinen lassen will. Eine absurd hässliche Betonfläche neben der Schnellstraße, ohne grün oder Sitzmöglichkeiten. Eine Schande.

    Unter der Wasserstraße haben sie derweil die banalstmögliche Aussage aller Zeiten hingesprüht. Alles andere wäre interessanter: „Für Krieg“, „Gegen Frieden“, „Krieg und Frieden“ oder meinetwegen das gute, alte „No Future“.

  • Stochastic poetics

    Es bleibt wahr, dass wir nicht wissen, was wir meinen, wenn wir von Demokratie sprechen, und noch weniger wissen können, was ein Gegenüber meint, wenn sie oder er von Demokratie spricht. Zu voraussetzungsvoll der Begriff, zugleich zu folgenreich, zu dicht das Interessengefüge, vom bloßen Anerkennungswunsch für eine kluge Meinung bis hin zu echtem Machtinteresse. So wird den Regalmetern an Begriffsdefinition und -auseinandersetzung nur immer wieder noch ein Band hinzugefügt. Es ist Ausdruck einer folgerichtigen Demokratisierung des Demokratiebegriffs, dass jede und jeder eine Meinung zu Demokratie haben sollte, kann und will, dabei Zeitzeugen von Graeber bis Aristoteles heranzieht und wahlweise das Element der Repräsentation oder der Volkssouveränität oder irgendein anderes überbetont. Die Herstellung eines gemeinsamen Verständnisses von Demokratie würde ein Verfahren voraussetzen, welches seinerseits bereits ein gemeinsames Verständnis von Demokratie voraussetzen müsste, sonst wären das Verfahren und sein Ergebnis nicht demokratisch. Das Problem pflanzt sich fort zu (oder rührt von) Begriffen wie Macht, Souveränität, Repräsentation, Legitimität und so fort. Man liest die Klassiker und liest doch nur, wie sie stritten. Also streiten wir weiter.


    Titelbild: Old Japanese Puppet Heads, 1920. A Book of Marionettes. Not in Copyright

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  • Musik gekauft: Björk – Biophilia

    Jeden Monat wird die Musiksammlung um ein weiteres Björk-Album vervollständigt. Natürlich gekauft bei Bandcamp.

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  • Tobias Gruben

    Guck, die Dokumentation ‚Die Liebe frisst das Leben: Tobias Gruben, seine Lieder und Die Erde‘, über die ich vor sechs Jahren schrieb, gibt es jetzt bei YouTube in voller Länge:

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  • Gelesen: ‚The Faith of Beasts‘ von James S. A. Corey

    Eigentlich ist es die schlechtestmögliche Idee, eine Science Fiction-Serie von noch unbekanntem Umfang zu lesen, ehe sie abgeschlossen ist. Wird sie jemals fertig? Bleibt sie gut? Nicht umsonst lasse ich davon, wenn irgend möglich, inzwischen die Finger.

    Aber wenn die beiden The Expanse-Autoren unter ihrem gemeinsamen Pseudonym eine neue Reihe beginnen, warte ich nicht. Das zweite Buch (neben einer Novelle) ihrer neuen Reihe The Captive’s War macht eben auch Laune und das Tempo (zwei Bücher in zwei Jahren) lässt hoffen. Außerdem freut es mich, den Stoff zu lesen, bevor es die Serienadaption gibt, die selbstverständlich längst in der Mache ist.

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  • seltene Erden

    Da ist so ein Glanz an der Welt, von dem man meint, er sei nur wegen der Scheiben da, durch die man auf sie schaut, aber er ist wirklich da, geht auch nicht weg, wenn man selbst hinausgeht. Das Weltgeschehen schiebt, Gletschern gleich, Findlinge über die Landschaft. Fahrrinnen versanden, neue Wasserläufe bahnen sich ihren Weg, Stromschnellen unberechenbar, Worte schweben am Himmel, kein Mensch ist auf der Straße, dahinten steht eine Straßenbahn, wo sonst nie eine stehen würde. Ist sie verlassen oder bietet sie Schutz? Linderung. Weniger Leid. Fahles Licht. Das Gefühl, vorbereitet zu sein, auf der einen, das drohende Zuneigegehen auf der anderen Seite. Seltene Erden.

  • Musik gekauft: Boards of Canada – Inferno

    Genau genommen vorbestellt, denn das Album erscheint am 29. Mai.

  • Hi Freaks

    Kurz: Das öffentliche, textbasierte Social Media ist weiter auf dem absteigenden Ast. Für Freaks gibt es die Möglichkeit, zu bloggen, aber insgesamt verschiebt sich das Ganze dann doch eher in die privaten Kanäle.

    Eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Ausgabe von Aus dem Internet-Observatorium #160

  • Gelesen: ‚The First Fifteen Lives of Harry August‘ von Claire North

    Oder besser: noch einmal gelesen, denn ich hatte das Buch als gut in Erinnerung (nicht zu Unrecht), hatte aber auch keine Erinnerung mehr daran, wie es ausging (aus gutem Grund). Harry August ist dann doch ein wenig zu langweilig, so sehr sogar, dass man sich insgeheim wünscht, der Villain möge obsiegen, damit man den MacGuffin in Aktion erleben kann.