• lost souls

    Ich halte generell wenig von der Psychologisierung von Politik, die ja zuallererst ein soziales System ist, aber das hier fand ich doch interessant:

    In dem Artikel „Democracy’s challengers: need for chaos and desire for greatness in German political culture“ kombinieren Achim Goerres und Conrad Ziller das Konzept des Need for Chaos (NC) mit einer Desire for Greatness (DG) und konstruieren auf Grundlage einer Forsa-Quotenstichprobe aus dem Juli 2023 (n ≈ 1.875) diese Profilanalyse mit vier Gruppen:

    ProfilNCDGAnteil
    Solidary Supportersniedrigniedrig45 %
    Dominant Supportersniedrighoch24 %
    Solidary Opponentshochniedrig19 %
    Dominant Opponents („lost souls“)hochhoch11 %

    Die Gruppe der „lost souls“, die in beiden Kategorien hohe Zustimmung aufweist, hat auf allen Maßen die extremsten Werte:

    • deutlich höheres politisches Misstrauen (etwa 1,4 Standardabweichungen über der Referenzgruppe),
    • stärkere populistische Einstellungen,
    • geringeres soziales Vertrauen,
    • häufigere AfD-Präferenz.

    Was bedeuten diese Konzepte genau?

    Need for Chaos

    Das Need for Chaos-Konzept stammt von Arceneaux, Petersen, Osmundsen u. a. (2021, 2023). Die Autoren übernehmen deren Definition: der Wunsch nach einem Neuanfang durch die Zerstörung bestehender Ordnung. Die Einstellung entsteht, wenn statusorientierte Persönlichkeitszüge auf (wahrgenommene) soziale Ausgrenzung treffen. Ausgrenzung gilt dabei als notwendige Bedingung. Gemessen wird mit nur zwei Items, beide auf einer 11er-Skala:

    • „Wenn ich an unsere politischen und sozialen Strukturen denke, muss ich denken: Man sollte sie alle dem Erdboden gleichmachen.“
    • „Wir können die Probleme unserer gesellschaftlichen Institutionen nicht lösen, wir müssen sie zerstören und neu anfangen.“

    Klingt ähnlich dem Buch „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, das ich bislang nicht gelesen habe.

    Desire for Greatness

    Desire for Greatness ist eine Eigenkonstruktion der Autoren, gemessen anhand von fünf Items auf einer 5er-Skala:

    • „Ich verdiene es, als großartige Person gesehen zu werden.“
    • „Ich will, dass meine Gegner scheitern.“
    • „Die meisten Menschen sind Verlierer.“
    • „Man muss die wichtigen Leute auf seine Seite bringen.“
    • „Man muss immer Pläne machen, die einem selbst helfen und nicht anderen.“

    Klassische demokratische Appelle wie Fairness, Gegenseitigkeit und Regelbindung dürften bei den „lost souls“ wenig verfangen, so Goerres und Ziller. Die Solidary Opponents sind dagegen für echte institutionelle Reformen ansprechbar, die Dominant Supporters für Botschaften der Anerkennung („Ich höre euch“).

  • KI als Jobkiller?

    Ein allgemeiner Beschäftigungseinbruch in KI-exponierten Berufen bleibt aus. Unterm Strich haben sich diese sogar günstiger entwickelt als die weniger exponierten Berufe. Bei jungen Beschäftigten zeigt sich indes ein im Vergleich zum negativen Effekt der schwachen Konjunktur zwar geringer, aber jedoch zunehmend negativer Zusammenhang.

    Das schreibt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit: KI als Jobkiller für Berufseinsteiger? Entwarnung mit Vorbehalt

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    Am schönsten finde ich:

    Es wurde kein Cookie-Banner gefunden, es werden aber auch keine Tracker geladen und keine einwilligungspflichtigen Cookies gesetzt. Ein Banner ist dann nicht erforderlich.

    So geht ehrenamtliches Publizieren („bloggen„).

    (Via blogsequenz.de)

  • Jetzt: Die Wand

    »Mach dir keine Sorgen«, schrieb sie einmal, gezeichnet vom Knochenkrebs, an dem sie im Alter von fünfzig Jahren starb, als Rat an sich selbst, »alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor dir.«

    Aus dem Vorwort von Antje Rávik Strubel

  • detox

    Bild: David Ramsay Hay, „Mapping of Colour onto Musical Notes“, aus The Laws of Harmonious Colouring (1838). Quelle: Internet Archive / The Getty, via Public Domain Image Archive. Gemeinfrei.


    And yet the progressive left remains entranced by a technology that makes all participants stupider, more cynical, and more dismissive: social media.

    Adam Kotsko bei Substack unter dem schönen Titel Social media is a psyop to make the left stupid.

    Ich bin schon nicht mehr bei Instagram (und habe in dem Zuge auch BlueSky gelöscht1), weil das Ausmaß des eigenen Suchtverhaltens mich schnell die Notbremse treten ließ; es ist schockierend, entzieht sich – so lange die App verfügbar ist – jeglicher Willenskraft, die ich aufbringen könnte und funktioniert für mich ungefähr so, wie „Gelegenheitsrauchen“: gar nicht.

    Was die wahlkämpfenden Menschen machen werden, ist mir im Grunde auch egal. Persönlich finde ich, dass, wer für einen Landtag kandidiert, sich auch eine Homepage leisten kann – vielleicht sogar mit einem Newsletter dran. Aber was weiß ich schon?

    Ob mich die Social Media-Nutzung gemäß obigem Zitat „dümmer“ gemacht hat, weiß ich nicht, könnte es ja aber auch nicht beurteilen, wäre es so. Unerheblich bleibt einstweilen, ob „X“, ehemals „Twitter“, doch wieder gut ist: Dabei kann ich die Beobachtung John Grubers, wonach man dort interessante Posts sieht, durchaus nachvollziehen. „X“ scheint nach wie vor die Plattform für Politik zu sein, so wie ich BlueSky in popkultureller Hinsicht durchaus etwas abgewinnen konnte. Manuela Schwesig bringt dort ihr Mitgefühl für Bärbel Bas zum Ausdruck, Ferat Koçak gab dort auch irgendwas bekannt. Aber es sind eben nur interesting posts, Minimalinhalte, unterhaltsam und mundgerecht. Mehr nicht.


    1)

    Dort geht es sehr oft darum, auf triumphalistische Weise zu verkünden, dass man auf der richtigen Seite steht.

    Inventur
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  • taxonomies

    Eins meiner größeren Probleme beim Bloggen: Ich vergesse, was ich geschrieben habe und was ich daran anknüpfend eigentlich noch schreiben wollte.

    Das liegt auch daran, dass ich Kategorien und Schlagworte eher lax und wenn, dann pflichtschuldig vergebe: Die sinnfreien Fallback-Kategorien Allgemein und Uncategorized haben 109 bzw. 483 Beiträge. Das müsste mindestens zum Teil auch einer der diversen Umzüge und Artikelimports von sonstwo geschuldet sein. Ich habe aber auch verschwindend wenig Lust, mich hier um die „Bürokratie“ zu kümmern – das mache ich schon bei der Arbeit zur Genüge (und weiß darum eigentlich, dass es sich lohnt); hier möchte ich reibungsarm losschreiben und niederschwellig veröffentlichen.

    Ein wenig habe ich mich nun aber doch wieder gekümmert, und Einstiegsseiten zu den Themen Gelesenes, Bewegtbild und Musik angelegt; das legt noch nicht die Themen der eher essayistischen Beiträge offen, aber ein Anfang ist gemacht.


    Titelbild: Alphonse Bertillon: Synoptic Table of Physiognomic Traits: Eyes, ca. 1909. The Metropolitan Museum of Art, gemeinfrei (CC0), via Public Domain Review.

  • Bye Bye Podcasts

    Heute habe ich AntennaPod vom Smartphone gelöscht, nachdem ich ein Backup der Bibliothek erzeugt habe (so viel Vorsicht muss sein). Podcasts zu hören nahm einfach zu viel Zeit in Anspruch, ohne für mich hinreichend Sinn zu stiften.

    Das gilt insbesondere für die diversen polit-journalistischen Formate, die ich gerne hörte. Das Wissen darum, was Merz, Klingbeil, Reiche und dergleichen wem gesagt haben, wer wann was wusste und nicht angerufen hat etc. hat für mich als Bürger dieses Gemeinwesens nüchtern betrachtet nicht den geringsten Wert jenseits von Unterhaltung und dem Gefühl, gut informiert zu sein (ohne es zu sein).

    Natürlich gab es noch viele andere Formate, die ich gerne hörte und vielleicht baue ich mir beizeiten auch einfach eine neue Liste an Podcasts auf, die ich in Zukunft hören werde. Einstweilen möchte ich es aber einfach mal ganz ohne probieren.

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  • Gelesen: ‚Der Stechlin‘ von Theodor Fontane

    Fontane selbst beschrieb die Handlung ironisch:

    „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“

    So ist es und ich würde lügen, behauptete ich, dass die Lektüre sich nicht eher zäh gestaltete, oder – positiv gewendet – nicht beim Einschlafen half. Ich würde gerne besser verstehen, warum zu jener Zeit – vor ja lediglich vier Generationen – so geschrieben und gelesen wurde.

    Das Gewicht des Romans liege nicht auf der Handlung, sondern auf den vielfältigen Dialogen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert offenbaren, heißt es in der Wikipedia. Das finde ich schlüssig: Der Widerstreit zwischen dem Konservativen und dem Progressiven (hier der Sozialdemokratie) ist sicher ein roter (pun intended) Faden des Romans.

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  • Gelesen: ‚Kapital und Krise‘ von Tom Krebs

    Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht, verspricht der Untertitel dieses Bandes, das seinem Autor zur Zeit erfreuliche Reichweite in der Publizistik zwischen Podcasts und Zeitungen einbringt. Der Ökonom schließt an eine eindrückliche und sehr aktuelle Analyse der Wirtschaftspolitik von Ampel und Merz I sein Programm einer geplanten Marktwirtschaft an.

    Das ließt sich alles schlüssig, kenntnisreich und durchdacht. Mein Unbehagen schöpft sich – ähnlich wie bei Isabella Webers antifaschistischer Wirtschaftspolitik1 – aus dem Eindruck, dass wieder ein Policyvorschlag eines Autoren oder einer Autorin durch das System der Massenmedien geschleust wird, ohne spürbaren Impact in der Politik der Gesellschaft haben zu werden, so wie schon viele vor ihm.

    Wenn Tom Krebs politische Scheindebatten und sogar eine „Politiksimulation“ (S. 301) beklagt, dann beleuchtet er ein Problem, welches ja nicht nur der aktuellen Regierung anzulasten ist, sondern struktureller Art ist. Nun ist es als Ökonom nicht seine Aufgabe, aber die Politikwissenschaft scheint dazu auch nicht imstande zu sein und das fängt schon bei der Problembeschreibung an. Ich würde sie mit zwei Worten einleiten: demokratische Repräsentation.


    1) Vielleicht tue ich Weber damit sogar Unrecht, bei deren Buchvorstellung in Berlin höherrangige Vertreter:Innen von SPD, den Grünen und der Linkspartei vertreten gewesen sein sollen. Es scheint das Buch der Stunde für den linksliberalen Flügel zu sein, ähnlich wie „The Tyranny of Merit“ von Michael J. Sandel Olaf Scholz‘ „Respekt“-Wahlkampf beeinflusst haben soll.

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  • Verlinkt: Analyse der Plenar-Protokolle des deutschen Bundestages

    Schon das „methodische Geplänkel“ ist spektakulär gut:

    In über 77 Jahren Plenarsitzungen sind unfassbar viele Daten angefallen. Dementsprechend gibt es sehr viel zu erzählen. In diesem ersten Teil geht es um viel methodisches Geplänkel und einen Einblick in die Anzahl und Dauer der Sitzungen. Im zweiten Teil geht es um Zwischenrufe, Redebeiträge und SprecherInnen.

    Hier gehts zum Blogpost, hier zum Webinterface. Wie ich schon schrieb: einfach mal bewundern, wie jemand mit Daten umgeht, der sich wirklich darauf versteht.