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  • Hyperpolitik – revisited

    Ich hatte bislang nie gut verstanden, was Hyperpolitik im Verständnis Anton Jägers im Unterschied zu herkömmlicher Politik eigentlich genau ist, wo der Unterschied liegt.

    Derzeit besonders schlüssig erscheint mir dieser Unterschied in Abgrenzung zur Massenpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts. Jäger dazu:

    Die Massenpolitik der Zeit Webers war nicht weniger aufgeheizt als unsere hyperpolitische Ära. Sie war aber viel stärker institutionalisiert.

    Politik wird so zur Hyperpolitik, weil wir ihr alleine gegenüberstehen und weil die Instrumente der Vergemeinschaftung, derer wir uns bedienen, bloße Behelfe ohne Wirkung sind:

    Aus den sozialen Medien kommen wir nach politischen Auseinandersetzungen genauso raus wie wir reingegangen sind. Sie mögen wie politische Auseinandersetzung wirken, verändern aber nichts.

    Petitionen sind ihrem verfassungsmäßigen Zweck nach Ausdruck des Rechtes des Einzelnen zur Bitte oder Beschwerde gegenüber dem Staat. Selbst die Mitzeichnung, wie sie Nichtregierungsorganisationen und inzwischen auch der Petitionsausschuss des Bundestags anbieten, vergemeinschaften nicht. Sie mögen wie gemeinsame politische Aktivität wirken, verändern aber nichts.

    Dass alles politisierbar und vieles politisiert ist, ist kein neuer Zustand, sondern regelrechte Funktion des politischen Systems. Zur Hyperpolitik wird dieser Zustand, weil wir ihm weitgehend alleine ausgesetzt sind, da wir nicht eingebettet sind in Strukturen, die sortieren, gewichten, diskutieren, Beschlüsse fassen, vielleicht auch in Form einer gewissen Arbeitsteilung abarbeiten.

    Den Institutionen des zwanzigsten Jahrhunderts bringen wir nicht mehr genügend Vertrauen entgegen, um uns dort einzubetten. Zu lange ist das Partizipations- und Mitwirkungsversprechen der Parteien inzwischen uneingelöst, zu abgehoben ist die politische Elite.

    Es ist nicht länger plausibel darstellbar, warum wir derart viel auf Repräsentation und derart wenig auf Demokratie setzen sollten.


    Titelbild: Diagram from Hinton’s The Fourth Dimension (1904). Charles Howard Hinton, 1904. The Fourth Dimension. Underlying Rights: Public Domain Worldwide. Digital Rights: Unclear

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  • Gelesen: Wege aus der Gewalt von Thomas Wagner

    Impulse für ein neues politisches Denken verspricht dieser Essay, der im „Salon“ des Podcasts Die neuen Zwanziger von Wolfgang M. Schmidt vorgestellt wurde; inzwischen eine verlässliche Quelle für gute Bücher.

    Wie gut ist die Organisationsform des Nationalstaates geeignet, um Frieden zu wahren? Nicht besonders, so Wagner:

    Vorsichtig ausgedrückt: In Sachen Krieg und Frieden war der Staat über weite Teile der Geschichte hinweg häufiger Teil des Problems als der Lösung.

    Die Alternative lässt sich leicht benennen – die Föderation –, aber schwer beschreiben.

    Die Rede ist von nichthierarchisch-horizontaler Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene, von Demokratie als Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, sich selbst zu verwalten, von geteilter Souveränität.

    Zu Wort kommen Hannah Arendt, Michael Wolffsohn und Abdullah Öcalan.

    Formuliert wird eine dringend notwendige Kritik an der Politikwissenschaft und an ihren „Realisten“.

    Das Buch ist ein wichtiger Anstoß für Debatten zur Frage, in welcher Form sich radikaldemokratische, konföderalistische, gar anarchistische Gesellschaft organisieren soll, wenn die Antwort „Ohne Staat!“ nicht genügt.


    Titelbild: “Catfish Extermination”, 1855. Ansei ōjishin-e
    Public Domain Worldwide, No Additional Rights

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  • Gelesen: Neongrau von Aiki Mira

    Ein Titel, von dem in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder zu lesen war, wenn es um deutsche Science-Fiction ging. Mit fiel der Einstieg schwer. Das Gamersetting, der Slang, die nicht immer überzeugend geschriebenen Dialoge, das merkwürdig reduzierte Worldbuilding …

    Aber Neongrau überzeugt dann doch: mit seinen vielfältigen Figuren in einer Welt, die sich den plumpen Cyberpunk- und Post-Apokalypse-Klischees entzieht. Insofern habe ich das Buch ab etwa dem ersten Viertel gerne gelesen.

    Neongrau gibt es auch als Hörspiel in der ARD Audiothek.

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  • Aus der Verweisstruktur des Netzes wird eine Extraktionslogik. Texte werden nicht mehr gelesen, sondern ausgebeutet, ihr Kontext verschwindet im Antwortformat.

    Leitmedium: Das drohende Ende von Open-Source-Projekten durch LLMs am Beispiel von Tailwind CSS

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  • Babylon 5 auf YouTube

    Thomas Gigold schreibt:

    Warner Bros. Discovery veröffentlicht ab sofort jede Woche eine Episode von Babylon 5 im englischsprachigen Original kostenfrei auf YouTube.

    Der Pilotfilm und die nachfolgenden ersten beiden Epsioden sind bereits online.

    Das war von kurzer Dauer. Der Pilotfilm ist weg, weitere Folgen finde ich nicht. Soviel dazu.

    Babylon 5 war in den Neunzigern ebenso sehr nachmittägliches Scifi-Serienvergnügen wie Star Trek. Ich bin gespannt, ob die Serie meinen Erinnerungen – und auch ihrem ausgezeichneten Ruf – standhält beziehungsweise entspricht.

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  • bzz mld 2

    Meine Backup-Strategie war und ist genauso schlecht wie die aller anderen, aber dass ich alte Aufnahmen von mir hören, und in den Metadaten nachlesen kann, wann die entstanden sind, bereitet mir nicht wenig Freude.

    Das hier überdauerte unter dem Namen buzz melody 2.wav die Dekaden und datiert auf den 20.3.2002 um 02 Uhr 43. Es ist nicht besonders gut, aber auch nicht desolat schlecht.

    Als Waveform hat es eine sehr eigenwillige Gestalt:

    Im selben Ordner gibt es einige mutmaßlich verwandte Fragmente, mit denen ich jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, etwas Neues probiere.

  • Anodyne for his love

    Mir ist das larmoyante Genörgel über KI-Content in Weblogs ja eher zuwider, aber wenn es um Bilder geht, macht es mir wirklich mehr Spaß, mir durch freies Assoziieren ein Bildchen aus dem Public Domain Image Archive (oder anderen freien Bilddatenbanken, die es sicher auch gibt) zu erklicken, als sich etwas generieren zu lassen.

    Das obige The Wave jedenfalls ist von W. T. Horton, aus dem Jahr 1898 und erschienen in A Book of Images, an dem Horton gemeinsam mit William Butler Yeats arbeitete.

    Es ist zu lesen, dass Horton von Yeats in der dritten und vierten Strophe von dessen Gedicht ‚All Souls’ Night‘ (Allerseelennacht) als Geist beschworen wird:

    Horton’s the first I call. He loved strange thought
    And knew that sweet extremity of pride
    That’s called platonic love,
    And that to such a pitch of passion wrought
    Nothing could bring him, when his lady died,
    Anodyne for his love.

    Als Geist beschworen zu werden, erscheint mir jedenfalls als lohnenswertes Ziel. Sicher werde ich in so manchem Trainingsdatensatz der Zukünfte herumspuken.

    William Butler Yeats:

    By Alice BoughtonWhyte’s, Public Domain, Link
  • Kostenloses Streaming bei der Dt. Kinemathek

    Die jüngste Auswahl der Deutschen Kinemathek präsentiert unter dem Titel „Lost in Berlin“ kostenfrei neun Filme, die sich in verschiedener Weise der Stadt widmen und ihr nähern – darunter Werke von Thomas Arslan, Christian Petzold und Heike Misselwitz.

    Mit dem speziellen Fokus auf die ehemalige Frontstadt Berlin ergänzt die 15. Ausgabe von »Selects« das Filmprogramm der diesjährigen Retrospektive der Berlinale, die sich unter dem Titel »Lost in the 90s« dem Lebensgefühl der 1990er-Jahre widmet.

    » Selects #15 | 1.2.–14.5.26: Lost in Berlin

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  • und

    Schreibmaschinenideogramm (1954-1957) Aus: Gerhard Rühm, Visuelle Poesie. Innsbruck: Haymon, 1996, S. 29

    Via lyrikzeitung.com