Kategorie: Bücher

  • Judith Hermann – Daheim

    Schon lange wollte ich mehr, alles von Judith Hermann lesen. Daheim ist ein Roman der für ihre Kurzgeschichten bekannten und von mir geschätzten Autorin, vom Umfang her angemessen schmal und auf höchstem Niveau.

    Was hier Heimat und was Daheim ist, erschließt sich nur näherungsweise. Hermann schreibt brillant klare Bilder in verführerisch zugänglicher Sprache mit Bedeutungen, die sich ebenso leicht entziehen wie sie sich anbieten. Meisterhaft.

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  • Simon Reynolds – Retromania

    Grace G. and Grace Parker at Lake City, Sept. 1900. Theresa Babb, 1900

    Retromania entlieh ich, weil Alexander Matzkeit in seinem Beitrag Das Ende der Hyper-Stasis? darauf und auf den von Reynolds geprägten Begriff eben jener Hyper-Stasis (in der deutschen Übersetzung Hyperstase) verwies. Schon die Einleitung seines Textes holte mich in meinen momentanen Themen außerordentlich gut ab:

    Alles beschleunigt, aber nichts verändert sich. Das ist das dominante Zeitgefühl der Postmoderne, spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends. Die Krisen mögen zunehmen, die Computerchips kleiner werden, aber wann war das letzte Mal, dass wir in der nördlichen Hemisphäre wirklich das Gefühl hatten: Oh, das ist neu, und das wird alles verändern?

    Reynolds zeichnet die Popgeschichte minutiös entlang ihrer Verweise, Bezüge, Referenzen, Zitate nach und spitzt diese Entwicklung auf seine These zu, wonach Originalität und Innovation zuletzt und vor allem im neuen Jahrtausend (das Buch ist aus 2011) weitgehend unter die Räder gekommen sei.

    Ich finde dieses Auftürmen von Nerdwissen – ähnlich wie bei Monolithic Undertow – immer leicht anstrengend, weil es sich in meiner unfairen Bewertung um unnützes Wissen handelt, was natürlich Unsinn ist. Aber Retromania nimmt für mich eben erst nach rund 350 Seiten Gestalt an, wenn Reynolds seiner akribischen Geschichtsforschung den theoretischen Unterbau hinzufügt. Hier werden zahlreiche hochinteressante Verweise auf Essays und Theoretiker gezogen, erst hier fällt auch der Begriff der Hyperstase.

    Interessant ist hier etwa das Argument, wonach musikalische Innovation sich in den vergangenen Jahren mehr in Technologie – von MP3 bis Spotify – ausgedrückt hätte als in der Musik selbst. Das knüpft an meinen Eindruck an, wonach Innovation in der gesamten Gesellschaft inzwischen ausgelagert ist in den digitalen Raum, während die Lebenswelten im langen zwanzigsten Jahrhundert verharren dürfen und sollen. Die aktuellen politischen Debatten illustrieren dies eindrucksvoll.

    Interessant ist aber auch dieser Absatz, der mich unangenehm klar beschreibt:

    Es ist kein Zufall, dass atmosphärische Instrumentalmusik in den letzten fünf Jahren in den über Blogs vermittelten Szenen in Europa und Nordamerika immer populärer wurde. Diese Gruppen lehnen ihre Musik an den Space Rock der 60er und 70er, New Age und Library Music an. Eine ganze Generation ist in Erscheinung getreten, die das Gefühl hat, nichts zu sagen zu haben; sie macht Musik, bei der es weder darum geht, sich von inneren Zwängen frei zu machen, noch gegen soziale Beschränkungen zu rebellieren.

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  • Gerne gelesen: Nils Westerboer – Lyneham

    Gerne gelesen: Nils Westerboer – Lyneham

    Nils Westerboer wurde bereits für Athos 2643 mit dem deutschen Science-Fiction-Preis geehrt und sein jüngstes Werk gefällt mir sogar noch besser.

    Es ist Science Fiction, die den großen, epischen Wurf nicht scheut, und zugleich das Kunststück vollbringt, eine Kleinfamilie in den Mittelpunkt ihrer Geschichte zu setzen und sie zu großen Teilen aus kindlicher Perspektive zu erzählen, ohne dabei zu nerven, sondern stets mitzureißen.

    Westerboers Stil ist auf eigentümliche Weise deutsch, was wahrscheinlich nur heißt, dass der Text erkennbar nicht übersetzt wurde, sondern den unverkennbaren Stil des Autors unverfälscht scheinen lässt. Zum Stil zählen auch die wunderbaren Namen; von Orten, Lebewesen, die oft in einem seltsamen Scifi-Italienisch gehalten sind. Sehr schön fand ich das.

    Zu guter Letzt strotzt die Geschichte nur so vor guten und spannenden Ideen aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft, Philosophie und Politik. Science Fiction im besten Sinne also.

    Wie ich sehe, hat inzwischen auch der große Dietmar Dath Lyneham hymnisch besprochen:

    Ein Meilenstein hiesiger Science-Fiction: In dem Roman „Lyneham“ schickt Nils Westerboer die auf und an der Erde gescheiterte Menschheit ins kosmische Exil.

    Nils Westerboer zu kennen, verdanke ich dem Podcast Sprawl Radio; in einer der jüngeren Folgen sprechen die beiden Hosts mit Westerboer über Lyneham.

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  • Gelesen: Der Leopard von Giuseppe Tomasi Di Lampedusa

    Empfohlen in der FAZ-Reihe „Pflichtlektüre für Demokraten“, wo es heißt, Wolfgang Schäuble habe das Buch 2022 Friedrich Merz geschenkt, der es aber zurückgegeben habe, weil er mit Romanen nichts anfangen könne. Das überrascht natürlich auch wieder niemanden.

    Es ist ein sehr gutes Buch von überraschender Popularität.

  • The City & the City von China Miéville

    The City & the City ist eine grandiose Satire auf die Nation, ihren Nationalstaat, dessen Grenzen und deren unbedingte Wahrung und die ganze Absurdität dieses Konstruktes, die hier, in ein wahrhaft fantastisches Setting versetzt, auf die Spitze getrieben wird.

    Zugleich handelt es sich leider auch um eine Kriminalgeschichte, ein police procedural, und wieder einmal bestätigt sich, warum ich dieses Genre so wenig leiden kann. Schlussendlich nämlich gipfelt alles in einem epischen Infodump, wenn der Inspektor den Fall endlich durchschaut hat und dem Täter (und den Lesern) erklärt, was er wann wie warum getan hat.

    Dafür gäbe es einen Punkt Abzug, würde ich hier noch Punkte vergeben. Unter dem Strich bleibt aber, dass Die Stadt & Die Stadt eine der besten Miéville-Stories ist, die ich kenne.

  • Gelesen: The Mercy of Gods

    Die Expanse-Autoren haben etwas Neues begonnen; erneut Science Fiction, weniger Near Future, mehr Space Opera. Überzeugt bin ich davon bisher nicht: zu ununterscheidbar der Cast, zu schleppend die Handlung. Aber die Fortsetzung werde ich nicht schmähen.