Kategorie: Bücher

  • Gelesen: ‚The Soul of a New Machine‘ von Tracy Kidder

    Gelesen wegen dieses Zitats von Dan Cohen, gefunden bei Kottke:

    A half-century after it was published, The Soul of a New Machine does a better job challenging AI hype than most current criticism.

    Das stimmt insofern, als künstliche Intelligenz viel näher an der normal technology ist, als der Hype – und die Kritik – vermuten lassen. Computer schürten in den Siebzigerjahren, in denen das Buch spielt, ebensolche Hoffnungen und Ängste, wie das Internet in den Neunzigern und künstliche Intelligenz heute.

    Das, und wie zu jener Zeit noch jeder einzelne Transistor auf die Platine gelötet wurde, ist durchaus interessant. Ansonsten ist das Buch eine gute Übung im kontrollierten Überfliegen.

    Fediverse-Reaktionen
  • Plurality 1

    Beim Lesen der ersten Kapitel von Plurality stoße ich auf ein wiederkehrendes Motiv: Autokratien seien viel aktiver darin, moderne Technologie zu entwickeln und einzusetzen, als Demokratien. Die Autorinnen und Autoren werden nicht müde, das zu betonen. Technologie sei in den demokratischen Gesellschaften eher verdächtig, gefährlich und abzulehnen. Schließlich dient sie der Überwachung und Kontrolle.

    Vernachlässigt wird, dass Demokratie selbst auf technologischen Fundamenten ruht: Die moderne Massendemokratie ist ein Produkt der Buchdruckgesellschaft. Sie wurde später von Radio und Fernsehen beflügelt, doch als Idee und Praxis bleibt Demokratie Print. Auch in Bochum bringt das Rats-TV wenig ohne Kenntnis der Unterlagen. Die demokratische Technologiegeschichte wird leicht übersehen, weil sie so alt geworden ist, dass sie nicht mehr nach Technik aussieht.

    Warum aber verharrt die Demokratie so sehr beim technologischen Fortschritt, wie es die Autorinnen und Autoren von Plurality beschrieben? Eine Vermutung: Die Demokratie wähnt sich fertig. Spätestens im 20. Jahrhundert hat sie ihre vermeintlich finale Konfiguration aus Wahlen, Rechtsstaat, Grundfreiheiten, Repräsentation und dergleichen erreicht und das Ganze in Verfassungen mit Ewigkeitsanspruch gegossen. Das Ende der Geschichte war schließlich erreicht, der Rest sei Verwaltung.

    Aus dieser Selbstzufriedenheit herauszukommen, gab es in den letzten Jahrzehnten wenig Anlass. Es gibt auch keine eingeübte Praxis dafür. Schließlich geht es nicht um Revolution, sondern vermutlich um kleinschrittige Arbeit der Demokratie an sich selbst, ihren Verfahren, Prozessen und Strukturen. Darum scheint es im weiteren Verlauf des Buches zu gehen, und zwar am Beispiel Taiwans. Ich bin sehr gespannt.


    Titelbild: Wari tunic (fragment), ca. 600–800. Public Domain.

    Fediverse-Reaktionen
  • Gelesen: Irrungen Wirrungen von Theodor Fontane

    Eine Liebesbeziehung, die an Standesgrenzen scheitert, das klingt nach einem abgegriffenen Motiv und war auch schon zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht mehr neu.

    Irrungen Wirrungen wagte jedoch die unbefangene Darstellung des Liebesverhältnisses zwischen einem Adligen und einer kleinen Plätterin und rief beachtlichen Unmut hervor:

    Selbst einer der Mitinhaber der Vossischen Zeitung äußerte der Schriftleitung gegenüber: „Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören?“

    Insofern: gerne gelesen, auch weil die Darstellung Berlins im neunzehnten Jahrhundert seltsame Auenland-Assoziationen weckt, wenn etwa Wilmersdorf tatsächlich noch ein Dorf ist, dessen Kirchturm hinter den Wipfeln hervorscheint.

  • Gelesen: Jörg Baberowski – Am Volk vorbei

    Zur Krise der liberalen Demokratie legt der offenbar als kontrovers geltende Professor für die Geschichte Osteuropas, Jörg Baberowski, ein kluges Essay vor, das im Kern Repräsentation und Populismus als Leitunterscheidung gegenüberstellt. Das war mir neu und daher eingängig und bettet den stets unklaren Begriff des Populismus anschlussfähig ein.

    Im Kern sei es Elitenkritik, wenn nicht gar -verdruss, welche(r) die Abkehr von der liberalen Demokratie auslöst und verstärkt. Repräsentation durch – nach Michael Hartmann – Die Abgehobenen stoße auf den Unwillen des „Volkes“, Populismus verschaffe der Volkssouveränität (noch so ein unzugänglicher Grundbegriff) wieder Geltung.

    Das ist alles vorzüglich beschrieben, muss einem nicht gefallen, lohnt aber die Auseinandersetzung; zum Beispiel wenn zu einem Plädoyer für den Nationalstaat angehoben wird:

    Die Demokratie ist lokal, sie ist nicht universalistisch, weil in ihr immer schon der Gedanke der Pluralität, der Unterschiedenheit und der Begrenzung enthalten ist.

    Nur: Warum dann so weiträumig verharren und das Lokale nicht noch lokaler fassen, nämlich kommunal? Nicht im Sinne der Kleinstaaterei, wohlbemerkt, sondern im Sinne von Subsidiarität und Föderalismus – zwei Grundbegriffe übrigens, die in dem gesamten Buch nicht vorzukommen scheinen.

    An Präzision verliert das Buch im abschließenden Kapitel Die Wiedergewinnung der Souveränität, das durchzogen ist von zahlreichen Charakterisierungen von Demokratie und Politik und von Schilderungen, was nun zu tun sei:

    Die Demokratie ist eine prekäre, stets bedrohte Form der Politik

    Wir müssen die Demokratie von ihren normativen Bedingungen befreien

    In der Demokratie geht es um die Mobilisierung von Leidenschaften

    Das Politische ist Teil der menschlichen Verfassung, ein Existential.

    Nichts davon ist falsch, vieles klingt schön, aber letztlich diffundiert das Thema hier wieder in eine allgemeine, dünne politische Philosophie. Man steht erneut am Anfang: Es bleibt wahr, dass wir nicht wissen, was wir meinen, wenn wir von Demokratie sprechen.

  • Gelesen: ‚The Faith of Beasts‘ von James S. A. Corey

    Eigentlich ist es die schlechtestmögliche Idee, eine Science Fiction-Serie von noch unbekanntem Umfang zu lesen, ehe sie abgeschlossen ist. Wird sie jemals fertig? Bleibt sie gut? Nicht umsonst lasse ich davon, wenn irgend möglich, inzwischen die Finger.

    Aber wenn die beiden The Expanse-Autoren unter ihrem gemeinsamen Pseudonym eine neue Reihe beginnen, warte ich nicht. Das zweite Buch (neben einer Novelle) ihrer neuen Reihe The Captive’s War macht eben auch Laune und das Tempo (zwei Bücher in zwei Jahren) lässt hoffen. Außerdem freut es mich, den Stoff zu lesen, bevor es die Serienadaption gibt, die selbstverständlich längst in der Mache ist.

  • Gelesen: ‚The First Fifteen Lives of Harry August‘ von Claire North

    Oder besser: noch einmal gelesen, denn ich hatte das Buch als gut in Erinnerung (nicht zu Unrecht), hatte aber auch keine Erinnerung mehr daran, wie es ausging (aus gutem Grund). Harry August ist dann doch ein wenig zu langweilig, so sehr sogar, dass man sich insgeheim wünscht, der Villain möge obsiegen, damit man den MacGuffin in Aktion erleben kann.

  • Gelesen: Max Frisch – Homo Faber

    Immer die gleichen larmoyanten Männerfiguren bei Frisch. Unerträglich.

  • Gelesen: Manon Garcia – Mit Männern leben

    Überlegungen zum Pelicot-Prozess stellt die Philosophin Garcia in diesem Reportageessay an. Ein nachdenklicher, kenntnisreicher und subjektiver Text, der dem Altbekannten wenig Neues hinzufügt, aber das muss er auch nicht. Die Scham muss die Seite wechseln.

  • Gelesen: Dirk Baecker –  ̶D̶̶i̶̶g̶̶i̶̶t̶̶a̶̶l̶̶i̶̶s̶̶i̶̶e̶̶r̶̶u̶̶n̶̶g̶

    Als ich vor ein paar Jahren von Berufs wegen mit dem Nonsens-Thema Industrie 4.0 befasst war, bot Dirk Baeckers Band 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt einen willkommenen Ausblick über den Hype hinaus. Baecker denkt und schreibt Gesellschaft und ihre Evolution auf originelle Art systemtheoretisch, schwer zugänglich, aber so, dass stets einige gute Ideen hängen bleiben.

    Digitalisierung lese ich als konzeptionelle Fortentwicklung vieler Ideen aus 4.0: die Frage, welche Begriffe dabei helfen, zu verstehen, wie sich die Gesellschaft auf ihre Digitalisierung einlässt. Künstliche Intelligenz scheint dabei eine weitere, notwendige Stufe der Digitalisierung der Gesellschaft zu sein:

    Nicht mehr der Turing-Test, sondern ein Durkheim-Test ist das Maß aller Dinge. [..] die Fähigkeit der Maschine, sich kooperativ in soziale Systeme der Interaktion auch mit Menschen einzufinden.

    Nichts veranschaulicht das derzeit so gut, wie das Marketing von Anthropic und des Sprachmodells Claude: der Arbeitsplatz, als überschaubar komplexes Interaktionssystem mit vorhersagbaren Rollenmodellen.

  • Gelesen: Anthropolis von Roland Schimmelpfennig

    Eine Woche, bevor wir den fünf Aufführungen binnen drei Tagen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg beiwohnen, habe ich mir die Stoffe zu Gemüte geführt. Der ANTHROPOLIS-Marathon wird sicher eben dies – ein Marathon, aber ich freue mich: griechische Dramen in Reinform.