Kategorie: Bücher

  • Gelesen: ‚Mona Lisa Overdrive‘ von William Gibson

    Teil drei der Neuromancer-Trilogie und auch dieser begeistert mich nun nicht gerade. Sicher, Gibson kann mit wenigen Pinselstrichen Figuren zeichnen, erklären, was sie wollen oder wie ihnen geschieht, das gelingt ihm alles sogar geradezu meisterhaft. Aber worum geht es eigentlich? Und warum gibt es so wenig Neuromancer, Cyberspace und Co.?

    Count Zero | Neuromancer

  • Gelesen: „Plurality“

    The Future of Collaborative Technology and Democracy„, verfasst von E. Glen Weyl, Audrey Tang and the Plurality Community – ein Buch, welches als Github-Repo entworfen wurde (vermutlich stark vereinfacht und in meinen eigenen Worten ausgedrückt), mit allen Stärken und Schwächen, die so eine Produktionsweise haben muss:

    Es ist lang, oder weniger schonend ausgedrückt: Es hört. Einfach. Nicht. Auf.

    Die einzelnen Abschnitte sind von spürbar unterschiedlicher Qualität. Mal gibt es nicht enden wollende Listen, mal gut verfasste Kapitel und Abschnitte.

    Es ist radikal optimistisch und technologieoffen; eine Haltung, die man viel zu selten antrifft und die ich bewundernswert finde. Hinzunehmen ist wiederum, dass es mitunter auch pure Science-Fiction ist.

    Wahrscheinlich sollte man Plurality nicht durchlesen, sondern sich die Abschnitte herausziehen, die einen wirklich interessieren. Die Schlusskapitel Impact und Forward habe ich nur noch überflogen und das macht wahrscheinlich nichts. Den Themenbereich zu Democracy sowie die Einleitungskapitel werde ich sicher erneut lesen.

    Plurality kann hier kostenfrei gelesen und in verschiedenen Formaten bezogen werden.

  • Gelesen: Spaltungslinien von Philip Manow

    Europas Parteiensystem und die Dekonsolidierung des Nationalstaats nimmt Philip Manow dem vollständigen Titel zufolge mit seinem jüngsten Buch Spaltungslinien in den Blick. Das Buch ist Politikwissenschaft im besten Sinne und weist, soweit ich das beurteilen kann, Empirie von hoher Qualität auf, wie man sie selten antrifft.

    Die These ist anspruchsvoll und wird dicht entfaltet. Im Kern besagt sie, dass das liberale Projekt in Gestalt der EU getragen worden sei von Parteien, die es entweder gesellschaftspolitisch geschätzt und verteilungspolitisch bzw. ökonomisch allenfalls hingenommen haben (Sozialdemokraten, Grüne, Linke), oder die gerade seine wirtschaftspolitische Offenheit schätzten, die Gesellschaftspolitik hingegen lediglich duldeten. Von links wurde der Neoliberalismus der EU gebrandmarkt, von rechts die links-grünen Policies, von Migration bis hin zu Geschlecht und Familie.

    Diese Widersprüche öffneten zwei Repräsentationslücken: Erstens für eine genuin neoliberale Linke, die unbekümmert Marktwirtschaft und liberale Gesellschaftspolitik betreibt. Solch ein politisches Angebot gab es im Grunde nie: Die Rechte sei eher bereit, sich in wirtschaftlichen Fragen nach links zu bewegen, als die Linke bereit ist, sich in gesellschaftlichen Fragen nach rechts zu bewegen, wie Patrick J. Deneen aus Regime Change: Toward a Postliberal Future zitiert wird.

    Diese wirtschaftspolitische Bewegung der Rechten nach links fülle daher erfolgreich die zweite Repräsentationslücke, die aus einem gesellschaftspolitisch/kulturellen Konservatismus, verbunden mit ökonomischer Umverteilungspolitik, besteht. In diese Lücke, so Manow, dringen die populistischen Parteien vor. Sie kommen sowohl von rechts, wie die AfD, die sich „von Lucke zu Höcke“ graduell wirtschaftspolitisch zunehmend linker aufstellt, als auch von links, wie das BSW, welches sich als gesellschaftspolitisch rechte Abspaltung der Linkspartei positionierte.

    Für diese Bewegung findet Manow europaweit Belege. Gleichwohl vollzieht sie sich nicht eindeutig, im Gleichschritt und flächendeckend. Zudem wird sie von Parteien teils strategisch verhüllt und von der Politikwissenschaft nicht wahrgenommen: „Das Erklärungsschema bestätigt sich an einer Empirie, die unter seiner Mithilfe gewonnen wurde.“

    Was fängt man damit an? Zum einen wird noch klarer, wie falsch die Politik der Bundesregierung aus SPD(!), CDU und CSU ist, die sich wirtschaftspolitisch weitgehend rechts positioniert und damit die Lücke für die AfD preisgibt. Weitere Aspekte lohnen eine Vertiefung in anschließenden Beiträgen.

  • Gelesen: William Gibson – Count Zero

    Die Fortsetzung von Neuromancer ließ mich etwas ratlos zurück. Zwar wird der Vorgänger nicht nacherzählt, aber auch Count Zero lässt seine Geschichte auf einen Deus Ex Machina-Moment hinauslaufen, bis zu dem hier zwar viel erzählt wird, aber wenig Interessantes passiert. Menschen suchen Dinge und finden auf der Suche etwas anderes. Ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie, Mona Lisa Overdrive.

  • The Debate on the Constitution

    Der Text 1776 oder die Vereinigten Staaten als Avantgarde von Winfried Thaa in den aktuellen Blättern verstärkte einen Eindruck, den ich in der Vergangenheit schon mal gelegentlich hatte: dass es lohnenswert sei, sich mit der amerikanischen Verfassungstradition auseinanderzusetzen, beispielsweise den sogenannten Federalist Papers.

    Ich verstehe mich und äußere mich gerne als Kritiker des repräsentativen Moments der repräsentativen Demokratie, weil ich glaube, dass sie nicht mehr die richtige Antwort auf die Frage ist, und in der Folge ihre Nebenkosten, etwa Elitenbildung, überwiegen. Insbesondere durch Philip Manows (Ent-)Demokratisierung der Demokratie glaubte ich, Repräsentation als Überbleibsel von Aristokratie entlarvt zu haben.

    Zwar räumt auch Thaa ein:

    Die Amerikanische Revolution dagegen steht unter dem Verdacht, lediglich der Klassenherrschaft der sklavenhaltenden Großgrundbesitzer und der reichen Kaufleute der Ostküste eine moderne politische Form gegeben zu haben.

    Das kratzt aber lediglich an der Oberfläche der modernen Repräsentationsdiskussion, die sich offenbar auch fruchtbar mit der Französischen Revolution und deren Vordenkern auseinandergesetzt hat.

    Auf der Suche nach der richtigen Lektüre erwarb ich dann – antiquarisch, wie so ein KI‑Hersteller – The Debate on the Constitution der Library of America: Federalist and Antifederalist Speeches, Articles and Letters During the Struggle over Ratification: schlanke zweitausend Seiten, die zuende zu lesen ich keine Wetten annehmen würde.

  • Gelesen: Arne Semsrott – Gegenmacht

    Gerade hat die Koalition ihr Reformpaket beschlossen, welches unter anderem die Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes umfasst (während die Öffentlichkeit über das Krankschreiben diskutiert). Das betrifft die von Arne Semsrott geleitete Plattform FragDenStaat unmittelbar:

    Bisher wurden über FragDenStaat rund 330.000 IFG-Anfragen von mehr als 100.000 Menschen gestellt. Die Regierung will dieses Recht auf Informationsfreiheit jetzt abschaffen. Der Angriff auf das IFG und jede Reform müssen jetzt gestoppt werden. Das IFG darf nicht angetastet werden!

    Dem folgenden Appell, den SPD-Abgeordneten im Bundestag zu schreiben, schließe ich mich an. Die Adressen und ein Formulierungsvorschlag stehen im verlinkten Beitrag. Das Buch ist auch ganz gut.

  • Gelesen: William Gibson – Neuromancer

    Die Sprawl-Trilogie hatte ich in deutscher Übersetzung in einer Auflage, die ich hier zumindest nicht wiedererkenne, möglicherweise von Goldmann. Ich verschenkte sie irgendwann in den Nullerjahren innerhalb der Verwandtschaft. Unnötig viel Zeit verging, bis ich sie endlich erneut und im Original zu lesen begonnen habe.

    Nicht nur handelt es sich bei dem ersten Band Neuromancer um ein popkulturell enorm einflussreiches Buch, es ist auch literarisch von einer beachtlichen Qualität. Ich versuche mir vorzustellen, wie Leserinnen und Leser mit dem Ende, überhaupt mit dem gesamten dritten Akt, umgingen. Die Konzepte waren 1984 zum großen Teil sicher neu und sind noch heute schwer verständlich. Wie wohl eine vergleichbare Geschichte heute beginnen und enden müsste?

    Titelbild: By Derived from a digital capture (photo/scan) of the book cover (creator of this digital version is irrelevant as the copyright in all equivalent images is still held by the same party). Copyright held by the publisher or the artist. Claimed as fair use regardless., Fair use, Link

    Fediverse-Reaktionen
  • Gelesen: ‚The Soul of a New Machine‘ von Tracy Kidder

    Gelesen wegen dieses Zitats von Dan Cohen, gefunden bei Kottke:

    A half-century after it was published, The Soul of a New Machine does a better job challenging AI hype than most current criticism.

    Das stimmt insofern, als künstliche Intelligenz viel näher an der normal technology ist, als der Hype – und die Kritik – vermuten lassen. Computer schürten in den Siebzigerjahren, in denen das Buch spielt, ebensolche Hoffnungen und Ängste, wie das Internet in den Neunzigern und künstliche Intelligenz heute.

    Das, und wie zu jener Zeit noch jeder einzelne Transistor auf die Platine gelötet wurde, ist durchaus interessant. Ansonsten ist das Buch eine gute Übung im kontrollierten Überfliegen.

  • Plurality 1

    Beim Lesen der ersten Kapitel von Plurality stoße ich auf ein wiederkehrendes Motiv: Autokratien seien viel aktiver darin, moderne Technologie zu entwickeln und einzusetzen, als Demokratien. Die Autorinnen und Autoren werden nicht müde, das zu betonen. Technologie sei in den demokratischen Gesellschaften eher verdächtig, gefährlich und abzulehnen. Schließlich dient sie der Überwachung und Kontrolle.

    Vernachlässigt wird, dass Demokratie selbst auf technologischen Fundamenten ruht: Die moderne Massendemokratie ist ein Produkt der Buchdruckgesellschaft. Sie wurde später von Radio und Fernsehen beflügelt, doch als Idee und Praxis bleibt Demokratie Print. Auch in Bochum bringt das Rats-TV wenig ohne Kenntnis der Unterlagen. Die demokratische Technologiegeschichte wird leicht übersehen, weil sie so alt geworden ist, dass sie nicht mehr nach Technik aussieht.

    Warum aber verharrt die Demokratie so sehr beim technologischen Fortschritt, wie es die Autorinnen und Autoren von Plurality beschrieben? Eine Vermutung: Die Demokratie wähnt sich fertig. Spätestens im 20. Jahrhundert hat sie ihre vermeintlich finale Konfiguration aus Wahlen, Rechtsstaat, Grundfreiheiten, Repräsentation und dergleichen erreicht und das Ganze in Verfassungen mit Ewigkeitsanspruch gegossen. Das Ende der Geschichte war schließlich erreicht, der Rest sei Verwaltung.

    Aus dieser Selbstzufriedenheit herauszukommen, gab es in den letzten Jahrzehnten wenig Anlass. Es gibt auch keine eingeübte Praxis dafür. Schließlich geht es nicht um Revolution, sondern vermutlich um kleinschrittige Arbeit der Demokratie an sich selbst, ihren Verfahren, Prozessen und Strukturen. Darum scheint es im weiteren Verlauf des Buches zu gehen, und zwar am Beispiel Taiwans. Ich bin sehr gespannt.


    Titelbild: Wari tunic (fragment), ca. 600–800. Public Domain.

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