Eine alltäglichere Geschichte als Conversations With Friends, aber auch die bessere? Ernster, trauriger ist Normal People allemal. Die Geschichte streift Fragen der Klassengesellschaft, der psychologischen Traumata, des Erwachsenwerdens, aber das ist vielleicht gerade dee Nachteil: die Themen werden gestreift. Vielleicht werden sie auch, positiv gewendet, so hintergründig thematisiert, dass sie sich beim erneuten Lesen besser entfalten, das will ich nicht ausschließen. So bleibt erneut der Eindruck einer außerordentlich talentierten Schriftstellerin, von der ich gerne noch viel mehr lesen möchte und werde.
Kategorie: Bücher
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Judith Hermann – Daheim
Schon lange wollte ich mehr, alles von Judith Hermann lesen. Daheim ist ein Roman der für ihre Kurzgeschichten bekannten und von mir geschätzten Autorin, vom Umfang her angemessen schmal und auf höchstem Niveau.
Was hier Heimat und was Daheim ist, erschließt sich nur näherungsweise. Hermann schreibt brillant klare Bilder in verführerisch zugänglicher Sprache mit Bedeutungen, die sich ebenso leicht entziehen wie sie sich anbieten. Meisterhaft.
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Gerne gelesen: Nils Westerboer – Lyneham

Nils Westerboer wurde bereits für Athos 2643 mit dem deutschen Science-Fiction-Preis geehrt und sein jüngstes Werk gefällt mir sogar noch besser.
Es ist Science Fiction, die den großen, epischen Wurf nicht scheut, und zugleich das Kunststück vollbringt, eine Kleinfamilie in den Mittelpunkt ihrer Geschichte zu setzen und sie zu großen Teilen aus kindlicher Perspektive zu erzählen, ohne dabei zu nerven, sondern stets mitzureißen.
Westerboers Stil ist auf eigentümliche Weise deutsch, was wahrscheinlich nur heißt, dass der Text erkennbar nicht übersetzt wurde, sondern den unverkennbaren Stil des Autors unverfälscht scheinen lässt. Zum Stil zählen auch die wunderbaren Namen; von Orte, Lebewesen, die oft in einem seltsamen Scifi-Italienisch gehalten sind. Sehr schön fand ich das.
Zu guter Letzt strotzt die Geschichte nur so vor guten und spannenden Ideen aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft, Philosophie und Politik. Science Fiction im besten Sinne also.
Wie ich sehe, hat inzwischen auch der große Dietmar Dath Lyneham hymnisch besprochen:
Ein Meilenstein hiesiger Science-Fiction: In dem Roman „Lyneham“ schickt Nils Westerboer die auf und an der Erde gescheiterte Menschheit ins kosmische Exil.
Nils Westerboer zu kennen, verdanke ich dem Podcast Sprawl Radio; in einer der jüngeren Folgen sprechen die beiden Hosts mit Westerboer über Lyneham.
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A Book about the Way and the Power of the Way
Bücher: Lao Tzu: Tao Te Ching: A Book about the Way and the Power of the Way by Ursula K. Le Guin 📚
Gelesen und für O.K gefunden.
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Ursula K. Le Guin: Am Anfang war der Beutel
Bücher: Am Anfang war der Beutel by Ursula K. Le Guin 📚
Essays, Reden und ein Gedicht – ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Matthias Fersterer – bilden diesen mit mit knapp einhundert Seiten bedauerlich kurzen Band. Neben dem Vorwort (Warum es lohnen ist, Ursula K. Le Guins Werk zu lesen) umfasst das Büchlein sieben Texte, von denen Ein nicht-euklidischer Blick auf Kalifornien als kalten Ort in spe im Zentrum steht.
Le Guin war Anarchistin und Taoistin (ihre Übersetzung des Tao Te Ching lese ich gerade) und überaus bewandert in der Anthropologie. In ihrer eigenen Fantastik handelte sie stets bevorzugt gesellschaftliche Themen ab. Passend dazu dieses Zitat aus Ein Kampf ohne Ende:
So als ob sie ihre eigene Wirkmacht fürchteten, sind jedoch große Teile der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur nicht von sozialem Erfindungsreichtum geprägt, sondern bleiben kleinmütig und reaktionär – Fantasy klammert am Feudalismus, Science Fiction an militärischen und imperialen Hierarchien.
Notiz an mich: Noch mehr Le Guin lesen.
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Judith Hermann – Wir hätten uns alles gesagt
Judith Hermann, von der ich erst letztes Jahr ihre Kurzgeschichtenbände Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster las, hielt 2022 die Frankfurter Poetikvorlesungen unter dem Titel Wir hätten uns alles gesagt. Vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben. Daraus ist dieses Buch entstanden, welches mich – viel zu spät natürlich – darin bestärkt, nun wirklich alles von Judith Hermann zu lesen.
Ich weiß nicht genau, was diese Poetikvorlesungen sind und in welchem Verhältnis das Buch zu ihnen steht. Hermann erzählt mit der ihr eigenen Stimme Geschichten persönlicherer Art, gibt gelegentlich kleine Einblicke in ihre Art des Schreibens und alles daran ist großartig.
Schreiben heißt Zeigen und es heißt Verbergen.
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Harry Sword – Monolithic Undertow
Ich habe zugegebenermaßen etwas anderes erwartet, wurde aber nicht enttäuscht. Verspricht einer der Blurbs An inspired and intuitive navigation of the drone continuum, so geht es dabe gerade nicht um ein Genre – Ambient oder eben Drone – sondern eher einen Modus des Musikmachens, der sich, wie Sword zeigt, mehr oder weniger deutlich durch die Menschheitsgeschichte zieht.
Drone, das nicht enden wollende Dröhnen, Brummen, Rauschen oder Singen, begann vor Jahrtausenden in Höhlen und Bauwerken mit entsprechenden architektonischen Eigenschaften, wurde von der Avantgade im zwanzigsten Jahrhundert begeistert aufgegriffen, und durch Gitarrenfeedback, John Cales Viola, Synthesizer, Krautrock, No Wave, Sonic Youth, Techno, die Bass-Gottesdienste von Sunn O))) und viele weitere Künstlerinnen und Künstler immer und immer wieder aufs Neue in Schwingung gehalten.
Insofern ist Monolithic Undertow das bedeutend interessantere Buch als das von mir erwartete, weil es Genregrenzen vollkommen frei überschreitet. Die diversen Kapitel unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Interessanz. Immer dann, wenn es Sword gelingt, Musik und Künstler vor dem Hintergrund bestimmter sozialer Umstände an bestimmten Orten zu zeichnen (oft New York und England), könnten seine Schilderungen kaum spannender sein.
Geht es hingegen um die Genese von Doom Metal irgendwann in den achtziger und neunziger Jahren oder um Krautrock im Nachkriegsdeutschland, mutet das Buch wie eine Aufzählung von Bands und deren Veröffentlichungen an. Keine Frage: Ich schätze Sonic Youth und respektiere Melvins und Swans ebenso wie Can und Neu!, musste mich davon jedoch nicht ein weiteres Mal überzeugen.
Aber das sind Petitessen. Vor allem ist Monolithic Undertow ein herausragendes Manifest der künstlerischen Freiheit voller liebenswerter Menschen und hochinteressanter Künstlerinnen und Künstler, die sehr oft und in zahlreichen Genres atemberaubend gute Musik mach(t)en.
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David Graeber, David Wengrow: Anfänge
Der inzwischen leider verstorbene Anthropologe Graeber und der Archäologe Wengrow untersuchen die Frühgeschichte der Menschheit mit Blick auf das heutige Wissen über ihre soziale Organisation.
Damit wenden sie sich vor allem gegen eine landläufige Lesart, der auch ich als jemand, der soziologische Systemtheorie schätzt, anhänge. Ihr zufolge habe sich die Entwicklung im Wesentlichen von einfachen hin zu immer komplexeren Gesellschaften vollzogen.
Damit einher geht (was mich betrifft) eine traurige Unausweichlichkeit (oder gar Alternativlosigkeit) der Gegenwart. Repräsentative Demokratie und kapitalistische Marktwirtschaft seien das höchste der Gefühle und das Beste, war wir bis hierher erreichen konnten. Denke ich das? Schon, ja. Bin ich damit zufrieden? Eher nicht.
Aber ich verwehre mich oft gegen ein „Herumdoktorn“ an der Demokratie, etwa mit Bürgerräten, Parite-Gesetzen, Losverfahren und weitreichender direkter Demokratie, weil ich glaube, dass wir mit den Instrumenten, die wir haben, Probleme durchaus lösen können – und zwar nicht schlechter als mit anderen Instrumenten, wohl aber mit unabsehbaren Nebenfolgen.
Graeber und Wengrow wollen gerade diese Unausweichlichkeit und Alternativlosigkeit der Gegenwart abräumen, indem sie aufzeigen, wie vielfältig soziale Ordnungen in der menschlichen Vergangenheit waren und wie selbstverständlich Gruppen und Völker mit ihnen experimentiert haben sollen.
Wie sind wir stecken geblieben? Wie sind wir bei einer einzigen Ordnung gelandet?
Diese Schilderungen, die rund um die Welt und an etliche unerwartete Orte führen, sind über viele hundert Seiten uneingeschränkt faszinierend und hochgradig empfehlenswert – zumal sie den Menschen unabhängig von ihrem angeblichen „Entwicklungsstand“ ein Maß an Agency und Selbstbestimmung zuschreiben, das selten ist.
Aufgeräumt wird dabei auch – stets im Lichte aktueller archäologischer Erkenntnisse – mit lange bestehenden Mythen, etwa, dass Landwirtschaft Privateigentum und Territorialität herbeigeführt habe, oder, dass Bewässerungssysteme nur mit Bürokratie und Hierarchie hätten errichtet werden können.
Die größten politischen Errungenschaften resultieren oftmals aus Epochen, die gerne als dunkle Zeitalter abgetan werden, weil sie nicht mit grandiosen Bauwerken aufwarten können.
Eine echte Antwort auf die Frage, wo wir stecken geblieben sind, liefern die beiden Autoren meines Erachtens nicht. Aber geweckt wurde bei mir ein gehöriges Maß an Experimentierfreude hinsichtlich sozialer Ordnungen. Über dieses Buch werde ich hoffentlich noch lange nachdenken.
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Erneut gelesen: Recursion von Blake Crouch
Nach Dark Matter erneut und Upgrade erstmals habe ich auch diesen Blake Crouch gerne nochmal gelesen. Hier zur Erstbesprechung.
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Montag, 18. Juli 2022: Zen-Geist im Home Office
Gestern vollendete ich das Buch Zen-Geist Anfänger-Geist von Shunryu Suzuki. Wie ich andernorts schon schrieb, üben derartige Bücher eine entspannende Wirkung auf mich aus und mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden. Ich könnte nicht erklären, ob und warum gerade dieses Buch nun gut oder schlecht wäre.
Davon abgesehen war ich heute genau einmal draußen, dachte mir, dabei müsse es sich wohl um einen Witz handeln und bin wieder rein. Es ist sehr heiß und das ist natürlich überhaupt nicht witzig. Umso bewusster bin ich mir des Privilegs, daheim arbeiten zu können (bzw. zwei Tage die Woche am Arbeitsplatz arbeiten zu sollen; das werden in dieser Woche Donnerstag und Freitag sein) und umso mehr weiß ich unsere nachhaltig kühle Wohnung zu schätzen.