Kategorie: Bücher

  • Gelesen: ‚Die Abgehobenen‘ von Michael Hartmann

    Auf Empfehlung vom Couchblog für einen schlanken Fünfer bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt.

    Es gibt nicht die Elite im populistischen Sinne, aber es gibt Eliten. In der Elitenforschung der Politikwissenschaft wird ihnen bei der Einführung und Stabilisierung demokratischer Institutionen eine wichtige Rolle zugeschrieben.

    Das habe für die Revolutionen und Transitionsprozesse in Mittel- und Osteuropa gegolten und auch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland übernahmen demokratisch orientierte Nachkriegseliten die Verantwortung für die Konsolidierung der zweiten deutschen Demokratie.

    Das ist meiner persönlichen Meinung nach aber weniger Ausdruck des demokratischen Elements der modernen Demokratie, sondern ihres repräsentativen, denn es handelt sich bei allen modernen Demokratien und repräsentative Demokratien. In welchem Maße damit vor allem in der US-amerikanischen Verfassungsgeschichte zwei eigentlich disparate Prinzipien verheiratet wurden, erklärt Philip Manow sehr gut in ‚(Ent-)Demokratisierung der Demokratie‘.

    Demokratische Repräsentation (drehen wir die Begriffe doch einfach um) schafft jedenfalls eine politische Elite, die sich für geraume Zeit heterogon – sowohl aus bürgerlichen wie aus Arbeiterhaushalten – rekrutierte. Die Leistung von Hartmanns Buch besteht vor allem darin, darzustellen, welchen Einfluss diese Herkunft auf politische Haltungen und Auffassungen hat, und wie sich diese Rekrutierung veränderte.

    Interessant: Das Buch ist 2019 erschienen und wirkt bereits jetzt, vor allem mit der Würdigung von Jeremy Corbyn und Bernard Sanders, sehr aus der Zeit gefallen. Was inzwischen passiert ist, hat Michael Hobbes (via Garbageday) gut zusammengefasst:

    I think we’ll look back on the last decade as a time when social media gave previously marginalized groups the ability to speak directly to elites and, as a result, elites lost their minds.

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  • Gelesen: Jehona Kicaj – ë

    Ähnlich wie bei Derviş Hızarcı: Viel zu selten lese ich solche Bücher; im Fall von ë sind das Bücher, welche die gesellschaftliche Normalität und Realität von Einwanderung und Migrationsgeschichte erhellen. Große Empfehlung.

    Mehr zu ë auf der Homepage von Jehona Kicaj.

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  • Gelesen: Thomas Bernhard – Frost

    Der erste von zweiundzwanzig Bänden des Gesamtwerks. Es dauerte ein wenig, bis ich in den von Monologen und Tiraden geprägten Text hineinfand. Dann wurde er sehr gut.

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  • Gelesen: The Persuaders von Anand Giridharadas

    Cory Doctorow adelte The Persuaders als „a fantastic, energizing and exciting book about what it means to really change peoples‘ minds„. Ich fand es vor allem zäh, weil es in diesem angloamerikanischen Sachbuchstil geschrieben wurde und weil es einfach. nicht. aufhörte.

    Lesenswert war vor allem das Kapitel über Anat Shenker-Osorio, das auch in Doctorows Review meine Aufmerksamkeit auf das Buch lenkte. Die Strategin legt – vereinfacht gesagt – Wert darauf, die eigene Gefolgschaft zu mobilisieren, indem man die Gegner mit eigenen Forderungen verstört und so dazu bringt, sie zu wiederholen:

    Rather than hiding behind milquetoast pronouncements, we can use „good riddance“ statements that are meant to turn off our 0 percenters

    Ansonsten ist dieses Changing People’s Minds ein fragwürdiges Geschäft: Gut vorbereitete Canvasser treffen auf Menschen an der Haustür und befolgen erprobte Skripts mit dem Ziel des Überzeugens. Die Naivität, mit der das als regelrecht edle Tätigkeit präsentiert wird, die wunderbare Ergebnisse zeitigt, nervt auf Dauer sehr. Soweit ich weiß, hat die Trump-Kampagne 2024 deutlich weniger Wert auf dieses Ground Game gelegt und dennoch oder gar deswegen gewonnen.

    Teils spannend, teils ob ihrer ausufernden Länge irritierend, sind Kapitel zu Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez. Vor allem wirkt ein politisches System, welches auf solche Once in a Lifetime-Talente wie AOC angewiesen ist, mehr denn je aus der Zeit gefallen.

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  • Derviş Hızarcı – Zwischen Hass und Haltung

    Viel zu selten lese ich solche Bücher, die aus gelebter Erfahrung und Praxis bestehen und nicht lediglich abstrakt philosophieren. Auch mein Respekt vor Lehrpersonen und politischen Bildner:innen (ein tolles Wort auch) ist nochmal mehr gestiegen.

    »Alles Leben ist Begegnung.«

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  • Es geht los

    Denn:

    So no one told me—I’d somehow missed this!—that In Search of Lost Time was a masterpiece of modernist literature. (I didn’t know what modernist literature was, either.)

    no one told me about proust

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  • J.G. Ballard – Millenium People

    Eine sterbenslangweilige Gesellschaftssatire entlang des typisch britischen Klassenverständnisses und voller Infodump-Dialoge. Forgettable. Vernachlässigbar. Egal.

  • Judith Hermann – Lettipark

    Nach dem Roman Daheim wieder ein Kurzgeschichtenband von Judith Hermann; dieser mit Geschichten, die oft kürzer kaum sein könnten. Kleinode. Bei Goodreads verglich jemand den Band mit einem Fotoalbum, das finde ich recht treffend. Auch wenn ich Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster als besser in Erinnerung habe, war das eine schöne Lektüre.

    Beeindruckend übrigens, wie vielsprachig die Rezensionen bei Goodreads sind. Hermann wird offenbar weit über Deutschland hinaus gelesen.

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  • Sally Rooney – Normal People

    Eine alltäglichere Geschichte als Conversations With Friends, aber auch die bessere? Ernster, trauriger ist Normal People allemal. Die Geschichte streift Fragen der Klassengesellschaft, der psychologischen Traumata, des Erwachsenwerdens, aber das ist vielleicht gerade dee Nachteil: die Themen werden gestreift. Vielleicht werden sie auch, positiv gewendet, so hintergründig thematisiert, dass sie sich beim erneuten Lesen besser entfalten, das will ich nicht ausschließen. So bleibt erneut der Eindruck einer außerordentlich talentierten Schriftstellerin, von der ich gerne noch viel mehr lesen möchte und werde.

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  • Judith Hermann – Daheim

    Schon lange wollte ich mehr, alles von Judith Hermann lesen. Daheim ist ein Roman der für ihre Kurzgeschichten bekannten und von mir geschätzten Autorin, vom Umfang her angemessen schmal und auf höchstem Niveau.

    Was hier Heimat und was Daheim ist, erschließt sich nur näherungsweise. Hermann schreibt brillant klare Bilder in verführerisch zugänglicher Sprache mit Bedeutungen, die sich ebenso leicht entziehen wie sie sich anbieten. Meisterhaft.

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