Überlegungen zum Pelicot-Prozess stellt die Philosophin Garcia in diesem Reportageessay an. Ein nachdenklicher, kenntnisreicher und subjektiver Text, der dem Altbekannten wenig Neues hinzufügt, aber das muss er auch nicht. Die Scham muss die Seite wechseln.
Als ich vor ein paar Jahren von Berufs wegen mit dem Nonsens-Thema Industrie 4.0 befasst war, bot Dirk Baeckers Band 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt einen willkommenen Ausblick über den Hype hinaus. Baecker denkt und schreibt Gesellschaft und ihre Evolution auf originelle Art systemtheoretisch, schwer zugänglich, aber so, dass stets einige gute Ideen hängen bleiben.
Digitalisierung lese ich als konzeptionelle Fortentwicklung vieler Ideen aus 4.0: die Frage, welche Begriffe dabei helfen, zu verstehen, wie sich die Gesellschaft auf ihre Digitalisierung einlässt. Künstliche Intelligenz scheint dabei eine weitere, notwendige Stufe der Digitalisierung der Gesellschaft zu sein:
Nicht mehr der Turing-Test, sondern ein Durkheim-Test ist das Maß aller Dinge. [..] die Fähigkeit der Maschine, sich kooperativ in soziale Systeme der Interaktion auch mit Menschen einzufinden.
Nichts veranschaulicht das derzeit so gut, wie das Marketing von Anthropic und des Sprachmodells Claude: der Arbeitsplatz, als überschaubar komplexes Interaktionssystem mit vorhersagbaren Rollenmodellen.
Eine Woche, bevor wir den fünf Aufführungen binnen drei Tagen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg beiwohnen, habe ich mir die Stoffe zu Gemüte geführt. Der ANTHROPOLIS-Marathon wird sicher eben dies – ein Marathon, aber ich freue mich: griechische Dramen in Reinform.
Gisèle Pelicot ist das Opfer zahlloser sexueller Übergriffe, die ihr Ex-Mann Dominique und über fünfzig weitere Männer an ihr verübten, nachdem jener sie immer wieder und wieder betäubt und handlungsunfähig gemacht hatte. Mit Eine Hymne an das Leben erhebt sie als Opfer dieser unsäglichen Schandtaten die Stimme, verweigert sich dabei auch Erwartungen an sie als Opfer und gängigen Klischees, die man haben könnte:
Die ganze Welt hatte damit gerechnet, mich als Wrack erscheinen zu sehen.
Das gipfelt im Verlauf der Geschichte in der weitreichenden Entscheidung, den Prozess wider Erwarten nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Das heulende Wutgeschrei der über fünfzig Mitangeklagten und ihrer Anwälte, als diese Entscheidung im Gerichtssaal verkündet wird, gehört zu den größten Momenten des Buches, noch übertroffen von den Schilderungen der Öffentlichkeit, die dann auch erscheint:
Und da war vor allem diese Menschenmenge, diese Frauen … Morgens, mittags und abends standen sie Schlange, um einen Platz in dem Zuschauersaal zu ergattern, der zusätzlich eröffnet worden war [..].
„… darunter auch einige Männer …“
Es sind aber eben auch weit überwiegend Frauen, die erscheinen, die ihr schreiben, die jetzt zu ihren Lesungen kommen. Der Piper Verlag schreibt, die Geschichte und ihr Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ hätten enorme Resonanz ausgelöst und zu zahlreichen Diskussionen und Gesetzesänderungen geführt – immerhin.
Ich halte besagten Appell „Die Scham muss die Seite wechseln“ aber auch für unmissverständlich. Er betrifft mich und meine Geschlechtsgenossen. Männer. Er fordert eine konsequente, nachhaltige Veränderung, die über schlichte Social-Media-Posts im Stile von „Hey Jungs, wir müssen reden …“ oder ein Petitiönchen hinausgeht.
Denn die Asymmetrie liegt ja auf der Hand: Männer können leicht sagen: „Das betrifft mich nicht, denn so etwas tue ich nicht und werde ich auch nie, und ich kenne auch niemanden, der das tut.“ Das ist bislang auch meine bequeme Ausflucht. Frauen können aber nichts dafür tun, nie Opfer solcher Gewalt zu werden. Gisèle Pelicot wusste bis zur Aufdeckung der Schandtaten nicht, wie ihr über Jahre und hunderte Male geschah. Darum betrifft es sie immer alle und darum muss es uns immer alle betreffen.
Allein, ich stehe derzeit vor dem Rätsel, wie ich damit beginne – und womit eigentlich.
Entscheidungen
Dazu ein Zitat aus dem Absatz, den Gisèle Pelicot jenem Wachmann widmet, der ihren Ex-Mann beim heimlichen Filmen unter die Röcke von Frauen ertappte, die Polizei hinzuzog und so sämtliche Enthüllungen, Ermittlungen und Verurteilungen erst in Gang setzte:
Dieser Mann hat mich gerettet. Er erzählte mir, er habe damals selbst in Mazan gewohnt und sei für eine Woche untergetaucht, als der Skandal an die Öffentlichkeit drang, er habe Drohungen erhalten in diesem Dorf, in dem auch mehrere meiner Vergewaltiger lebten, zu einem Zeitpunkt, als man sie noch nicht alle identifiziert hatte.
Ich zitiere diese Stelle auch, weil Gisèle Pelicot an anderer Stelle erwähnt, Dominique hätte bereits zuvor in Kaufhäusern unter Röcke gefilmt, sei jedoch lediglich des Hauses verwiesen worden. Entscheidungen und wie sie fallen oder ausbleiben, lösen gewaltige Dinge aus.
Wieso sich so viele mit Gisele Pelicot, aber niemand mit dem Täter identifizieren will, fragt Garcia laut Teutsch und legt systematisch die erklärenden Diskursroutinen der Gesellschaft im Umgang mit den Tätern frei und auch die Parallelen zum Eichmann-Prozess. Sichtbar wird der Abgrund einer „normalisierten Frauenverachtung“, zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie Teutsch findet.
Wenn man noch Letztrespekt vor der SPD hatte, so wird er einem mit diesem Buch endgültig ausgetrieben. Peinlich, wie Schröder sich von Putin hat einlullen lassen (Kosakenchor, Schlittenfahrt). Unerträglich, wie Schröder, Steinmeier und Gabriel, um nur die wichtigsten zu nennen, die fortwährende Brutalisierung Russlands bis 2022 relativiert haben.
Merkel wird zumindest ein anderer Stil bei weitgehend gleichem Kurs attestiert, aber in CDU und CSU sah es auch nur geringfügig anders aus. Die SPD hat sich allerdings aufgrund ihres Brandt/Bahr-Mythos besonders in die Irre geführt.
Wenn man sich dann vorstellt, welche Fehler heute gerade begangen werden, ähnlich wie damals bei Schröder praktisch im Licht der Öffentlichkeit, wird einem durchaus unwohl.
Die „68er“ und die „33er“ hätten mehr miteinander gemein, als ersteren wohl lieb ist, so Götz Alys These in dieser Monografie aus dem Jahr 2008, in der er sich auch selbstkritisch mit seiner eigenen Involviertheit auseinandersetzt. Ich hatte ‚Unser Kampf‘ auf der Liste, wie so oft, ohne zu wissen, warum.
Das Buch erfuhr eine überaus kritische Rezeption, die der Wikipedia-Artikel gut zusammenfasst:
Aly, so Philipp Gassert, ziele mehr auf „Selbstkasteiung als historische Analyse“ und habe vor allem den „Knalleffekt“ im Sinn.
Impulse für ein neues politisches Denken verspricht dieser Essay, der im „Salon“ des Podcasts Die neuen Zwanziger von Wolfgang M. Schmidt vorgestellt wurde; inzwischen eine verlässliche Quelle für gute Bücher.
Wie gut ist die Organisationsform des Nationalstaates geeignet, um Frieden zu wahren? Nicht besonders, so Wagner:
Vorsichtig ausgedrückt: In Sachen Krieg und Frieden war der Staat über weite Teile der Geschichte hinweg häufiger Teil des Problems als der Lösung.
Die Alternative lässt sich leicht benennen – die Föderation –, aber schwer beschreiben.
Die Rede ist von nichthierarchisch-horizontaler Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene, von Demokratie als Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, sich selbst zu verwalten, von geteilter Souveränität.
Zu Wort kommen Hannah Arendt, Michael Wolffsohn und Abdullah Öcalan.
Formuliert wird eine dringend notwendige Kritik an der Politikwissenschaft und an ihren „Realisten“.
Das Buch ist ein wichtiger Anstoß für Debatten zur Frage, in welcher Form sich radikaldemokratische, konföderalistische, gar anarchistische Gesellschaft organisieren soll, wenn die Antwort „Ohne Staat!“ nicht genügt.
Ein Titel, von dem in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder zu lesen war, wenn es um deutsche Science-Fiction ging. Mit fiel der Einstieg schwer. Das Gamersetting, der Slang, die nicht immer überzeugend geschriebenen Dialoge, das merkwürdig reduzierte Worldbuilding …
Aber Neongrau überzeugt dann doch: mit seinen vielfältigen Figuren in einer Welt, die sich den plumpen Cyberpunk- und Post-Apokalypse-Klischees entzieht. Insofern habe ich das Buch ab etwa dem ersten Viertel gerne gelesen.
Wohl der neunte Culture-Roman, obwohl die Reihenfolge, in der man sie liest, keine Rolle spielt. Man wird sie aber, wie ich, alle lesen wollen, wenn man High Concept Space Opera Science Fiction etwas abgewinnen kann. Selbst ich lese sie aber nicht nacheinander weg, sondern mit viel Abstand.
Banks schreibt ausufernd, dicht, mit irrem Ideenreichtum, mitunter auch anstrengend. Seine Protagonisten sind panhumane Aliens, künstliche Intelligenzen, virtuelle Existenzen, Künstler, Agentinnen und Hedonisten. Die Culture verhält sich zu Star Trek ungefähr so wie Star Trek zur Realität. Jeder einzelne Band ist ein Hochgenuss, so gut, dass ich nicht das Geringste dazu spoilern möchte.