Kurzmitteilungen

  • Olivia Rodrigo

    Die Popkritik stürzt sich auf „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“, das neue, erneut mit dem Produzenten Dan Nigro entstandene Album der Popmusikerin Olivia Rodrigo. „Den Pop-Punk der vorherigen Alben haben die beiden verworfen und sich von New Wave und Dream Pop der Achtzigerjahre inspirieren lassen“, schreibt Inga Barthels im Tagesspiegel. Entstanden ist ein Konzeptalbum, auf dem sich alle Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung gemeinsam mit der Künstlerin durchleben lassen.

    Niemanden geringeren als Robert Smith von The Cure hat sich Rodrigo für einen gemeinsamen Song ins Studio geholt. „Vielleicht stehen da Vergangenheit und Zukunft der Rockmusik nebeneinander auf der Bühne“, mutmaßt Elisabeth Fleschutz in der FAS

    Efeu – Die Kulturrundschau vom 13.06.2026

  • Die chronisch Gekränkten

    In der Juni-Ausgabe der „Blätter“ deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus.

    Derweil fand in Rom der Gründungsparteitag einer neuen rechten Partei namens „Futuro Nazionale“ statt. Zudem haben tausende Menschen für eine Verschärfung der Einwanderungspolitik demonstriert.

    Auch in Polen erfährt der Rechtsradikale Grzegorz Braun wachsende Zustimmung. Und auch in Deutschland wird die Enttäuschung der Narzissten angesichts der Tatsache, dass eine rechte Regierung sich nur graduell von bisherigen Regierungen unterscheiden wird, noch extremere Bewegungen befördern.

    Die chronisch Gekränkten werden sich weiterhin gekränkt fühlen und ihre Ansprüche befriedigt wissen wollen, die moralische Stumpfheit wird sich weiter Bahn brechen.

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  • Weiß zu gefallen: Cosey Mueller

    Der Sequencer ist ihr Knebel, die Stratocaster ihre Peitsche. Auf der Bühne ist Cosey Mueller eine Domina. Sie trägt Korsett, Lack-Minirock oder Hotpants, Netzstrümpfe, Lederstiefel, Lederjacke. Allein steht sie da, konzentriert. Hin und wieder steht sie am Keyboard, bei vielen Stücken spielt sie Gitarre. Cosey Mueller beherrscht und dirigiert die Menge durch ihre Präsenz und ihre treibende Musik.

    taz.de: Neuer Punk aus Berlin Angeschaltet, ausgeschaltet, ferngesteuert

  • Sinnlose Fragenflut zu sämtlichen NRW-Kommunen im Landtag

    Der Nordrhein-Westfälische Landtag wird gerne von gleichlautenden Kleinen Anfragen zu sämtlichen Kommunen und Kreisen des Landes geflutet. Haupturheberin dieses Unsinns ist die AfD-Fraktion. Beispielsweise gingen jüngst zahlreiche Anfragen zum Thema „Rechtsschutz im Zusammenhang mit der Verlängerung von Jagdscheinen …“ ein. Eine Suche nach solchen Anfragen im https://landtag.ratskompass.de/ zeitigt die entsprechende Anfragenflut, die zweifelsfrei mit KI oder Serienbrief-Funktionen erstellt wurde.

    Die Landesregierung hat diese Anfragen nun beantwortet, und zwar – meinen Stichproben zufolge – sinnvollerweise alle gleichlautend, mit tabellarischen Darstellungen zum vorläufigen Rechtsschutz im Zusammenhang mit der Verlängerung eines Jagdscheins, zu Klagen in der Hauptsache auf Verlängerung eines Jagdscheins, zu Untätigkeitsklagen gemäß § 75 VwGO im Zusammenhang mit der Verlängerung eines Jagdscheins und zum Ausgang abgeschlossener gerichtlicher Verfahren auf Verlängerung eines Jagdscheins.

    Die Fallzahlen in all diesen Tabellen liegen weit überwiegend bei 0 (null).

    Eine Landtagsfraktion, die an ernsthafter politischer Tätigkeit interessiert wäre, hätte zum Beispiel fragen können:

    Wieviele Untätigkeitsklagen gemäß § 75 VwGO im Zusammenhang mit der Verlängerung eines Jagdscheins gab es zwischen 2023 und 2026? Wo gab es sie?

    Daraufhin hätte die Landesregierung antworten können:

    Insgesamt 5 zwischen 2023 und 2026, verteilt auf vier Kreise/Städte:

    • Kreis Lippe 2
    • Stadt Dortmund 1
    • Kreis Paderborn 1
    • Kreis Recklinghausen 1
    • alle übrigen 48 Untere Jagdbehörden NRW 0

    Natürlich ist die AfD nicht an ernsthafter politischer Arbeit interessiert. Das lässt sich auch an den diversen Yellow Press-artigen Bangemach-Papierchen erkennen, die sie einbringt. Dazu vielleicht später mehr.

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  • Gelesen: ‚The Soul of a New Machine‘ von Tracy Kidder

    Gelesen wegen dieses Zitats von Dan Cohen, gefunden bei Kottke:

    A half-century after it was published, The Soul of a New Machine does a better job challenging AI hype than most current criticism.

    Das stimmt insofern, als künstliche Intelligenz viel näher an der normal technology ist, als der Hype – und die Kritik – vermuten lassen. Computer schürten in den Siebzigerjahren, in denen das Buch spielt, ebensolche Hoffnungen und Ängste, wie das Internet in den Neunzigern und künstliche Intelligenz heute.

    Das, und wie zu jener Zeit noch jeder einzelne Transistor auf die Platine gelötet wurde, ist durchaus interessant. Ansonsten ist das Buch eine gute Übung im kontrollierten Überfliegen.

  • Musik gekauft: Schimmel über Berlin – Eisenmund

    Ein perfektes Punk-Album, wie Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World schwelgte? Auf jeden Fall ein hervorragendes, so dass ich bei Bandcamp mal wieder zum Vinyl griff.

  • Plurality 1

    Beim Lesen der ersten Kapitel von Plurality stoße ich auf ein wiederkehrendes Motiv: Autokratien seien viel aktiver darin, moderne Technologie zu entwickeln und einzusetzen, als Demokratien. Die Autorinnen und Autoren werden nicht müde, das zu betonen. Technologie sei in den demokratischen Gesellschaften eher verdächtig, gefährlich und abzulehnen. Schließlich dient sie der Überwachung und Kontrolle.

    Vernachlässigt wird, dass Demokratie selbst auf technologischen Fundamenten ruht: Die moderne Massendemokratie ist ein Produkt der Buchdruckgesellschaft. Sie wurde später von Radio und Fernsehen beflügelt, doch als Idee und Praxis bleibt Demokratie Print. Auch in Bochum bringt das Rats-TV wenig ohne Kenntnis der Unterlagen. Die demokratische Technologiegeschichte wird leicht übersehen, weil sie so alt geworden ist, dass sie nicht mehr nach Technik aussieht.

    Warum aber verharrt die Demokratie so sehr beim technologischen Fortschritt, wie es die Autorinnen und Autoren von Plurality beschrieben? Eine Vermutung: Die Demokratie wähnt sich fertig. Spätestens im 20. Jahrhundert hat sie ihre vermeintlich finale Konfiguration aus Wahlen, Rechtsstaat, Grundfreiheiten, Repräsentation und dergleichen erreicht und das Ganze in Verfassungen mit Ewigkeitsanspruch gegossen. Das Ende der Geschichte war schließlich erreicht, der Rest sei Verwaltung.

    Aus dieser Selbstzufriedenheit herauszukommen, gab es in den letzten Jahrzehnten wenig Anlass. Es gibt auch keine eingeübte Praxis dafür. Schließlich geht es nicht um Revolution, sondern vermutlich um kleinschrittige Arbeit der Demokratie an sich selbst, ihren Verfahren, Prozessen und Strukturen. Darum scheint es im weiteren Verlauf des Buches zu gehen, und zwar am Beispiel Taiwans. Ich bin sehr gespannt.


    Titelbild: Wari tunic (fragment), ca. 600–800. Public Domain.

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  • Oppenheimer

    Oppenheimer hinterlässt auch beim zweiten Schauen den Eindruck einer Abfolge von Szenen und weniger den eines Films, der eine Geschichte erzählen will, ist dabei technisch und logistisch aber absolut beeindruckend. Auch der Anspruch, Thema und Person politisch einzubetten und das vermittels Gremiensitzungen zu tun (politischer und langweiliger geht’s ja kaum), ist anerkennungswürdig. Nolans Filme nehmen sich halt immer so wahnsinnig ernst, dass es kaum zu ertragen ist.

  • DC | Die Jungens | Draufgänger

    DC Comics hat jüngst seine großen Comicreihen gerelauncht, falls man das in diesem Metier so nennt. Jedenfalls gibt es unter dem Label Absolute nun neue Varianten von Batman, Superman, Wonder Woman etc. Fand ich interessant genug, um die im Rahmen des Infinite Abos verfügbaren Ausgaben einiger Reihen zu lesen.

    Bruce Wayne ist demnach ein noch gramgeplagterer Schmerzensmann als ohnehin schon. Alles ist grausamer, grotesker und gewalttätiger, als ich es bei dieser Figur je angetroffen hatte, und mir ist klar, dass Batman seit Jahrzehnten düster gezeichnet wird. Unerfreulich.

    Wahrscheinlich sind The Boys daran schuld. Die Serie hatte ich aufgehört zu schauen, lasse mich alle paar Monate, wenn ich mal kurz Amazon Prime habe, doch dazu verleiten und schalte immer wieder angewidert ab: ultrazynischer Gewaltdreck, der mit plumpen politischen Anspielungen clever wirken will.

    Womit wir bei dem eigentlichen Anlass dieses Blogbeitrags sind: Daredevil. Der zweite Teil seiner Born Again-Staffel endete heute. Sie wird allgemein gut gefunden und eigentlich kann ich das nachvollziehen, aber … es ist ein wenig wie bei Andor: Wenn solche Superhelden/Fantastik-Stoffe zu sehr versuchen, auf grounded, gritty und realism zu machen, mit Politik und Justiz und Korruption, dann wandern sie in ein seltsames Uncanny Valley des Arealismus. So wie Andor zwei Filme später wieder beim bösen Weltraumzauberer landet, so befindet sich die Daredevil-Welt die ganze Zeit im albernen Marvel-Mummenschanz. Und weil ich das nicht aus dem Kopf bekomme, kann ich die Serie nicht annähernd so ernst nehmen wie sie sich selbst.

    Macht eigentlich noch wer Sachen, die Spaß machen?

  • Gelesen: Irrungen Wirrungen von Theodor Fontane

    Eine Liebesbeziehung, die an Standesgrenzen scheitert, das klingt nach einem abgegriffenen Motiv und war auch schon zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht mehr neu.

    Irrungen Wirrungen wagte jedoch die unbefangene Darstellung des Liebesverhältnisses zwischen einem Adligen und einer kleinen Plätterin und rief beachtlichen Unmut hervor:

    Selbst einer der Mitinhaber der Vossischen Zeitung äußerte der Schriftleitung gegenüber: „Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören?“

    Insofern: gerne gelesen, auch weil die Darstellung Berlins im neunzehnten Jahrhundert seltsame Auenland-Assoziationen weckt, wenn etwa Wilmersdorf tatsächlich noch ein Dorf ist, dessen Kirchturm hinter den Wipfeln hervorscheint.