Und wieder nichts passiert

Typisch für sämtliche ‘Sau durchs Dorf’/’Teufel an die Wand’-Themen. Und logisch in einer Öffentlichkeit, in der eine Möglichkeit Gehör zu finden das Ausmalen schlimmstmöglicher Szenarien ist. Selbstverständlich wird auch in der Frage der Geflüchteten nichts schlimmes passieren, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Was an Debatten jeder Art ermüdend ist

Wenn als Reaktion auf einen meinungsstarken Text reihenweise Reaktionen im Stile von “Die theoretischen Gedanken sind nicht falsch”, “fast richtig” oder auch “alles richtig” reagiert wird, so als hätte jemand eine Matheaufgabe zu lösen versucht, die man dann objektiv bewerten könnte.

Die übersteigerte Form davon sind diese “Endlich wieder Qualitätsjournalismus”-Leserkommentare auf Meinungsstücke in eher massenmedial / journalistischen Publikationen. Diese unverhohlene Einstellung, “guter” Journalismus könne nur solcher sein, der der eigenen Gesinnung entspricht…

Eine Neigung, unbedingt “Recht haben” zu müssen, sich nur unter Leuten zu bewegen, die ebenfalls “Recht haben” und alle angehen – und im Kontext “Social Media” gerne auch regelrecht vernichten – zu müssen, die nicht “Recht haben”: Woher kommt die? Ist das kulturell erlernt?

Wider die Akzeleration

Das Beunruhigende am jüngsten linken Manifest, dem “Accelerate Manifesto” (Original | deutsche Übersetzung), ist dieser neuerliche Planungsoptimismus, der da durchschimmert:

We be­lieve that any post-​capitalism will re­quire post-​capitalist plan­ning.

Kleiner geht’s nicht? Mal eben eine post-kapitalistische Gesellschaftsordnung durchplanen, damit man, wenn’s dann soweit ist, am besten nur noch auf Play drücken muss? Und zwar übrigens vor allem, damit die Massen nicht einfach in den Kapitalismus zurückfallen, sie wissen es schließlich nicht besser:

The faith placed in the idea that, after a re­volu­tion, the people will spon­tan­eously con­sti­tute a novel so­cioeco­nomic system that isn’t simply a re­turn to cap­it­alism is naïve at best, and ig­norant at worst.

Der Irrglaube der Manifesteure an gesellschaftliche Planung speist sich offenbar aus dem überall in ihrem Werk hervorschimmernden Technikoptimismus. So verlässt man sich auf “soph­ist­ic­ated eco­nomic mod­el­ling, em­ploying cy­ber­netics and linear pro­gram­ming”. Das hat zwar alles schon in den 50er und 60er Jahren und insbesondere in den Sovjet-Staaten nicht funktioniert, sei dort aber an den “polit­ical and tech­no­lo­gical constraints these early cy­ber­net­i­cians op­er­ated under” gescheitert. Mit modernen Technologien sei das alles viel besser möglich. Irgendwie… :

The tools to be found in so­cial net­work ana­lysis, agent-​based mod­el­ling, big data ana­lytics, and non-​equilibrium eco­nomic models, are ne­ces­sary cognitive me­di­ators for un­der­standing com­plex sys­tems like the modern eco­nomy. The ac­cel­er­a­tionist left must be­come lit­erate in these tech­nical fields.

Zur literacy muss dann aber ein Verständnis um die eng gesteckten Grenzen all dieser Technologien gehören: Etwa, dass Big Data mehr Ungewissheit (und Fehler!) produziert als Wissen.

Der Anspruch, bessere ökonomische Modelle als die Heerscharen von Experten und solchen, die welche sein wollen, im Dienste der zahlreichen Finanzorganisationen zu kreieren, ist überdies vielleicht möglich, aber höchst anspruchsvoll. Und wahrscheinlich müsste man auch dann lernen, dass die besten Modelle keine sicheren Vorhersagen und keinerlei Planung ermöglichen.

Zumindest mich würde eine Haltung eher ansprechen, die jegliche Planungs- und Prognosefantasien fallen lässt, sich einer Versuch-und-Irrtum-Heuristik verschreibt, dafür kleinere (nicht nur, aber auch: politische) Einheiten zulässt und fordert, die dann eben auch Versuche zulassen, ohne too big to fail zu sein.

Souverän verlieren

Wollte Monika Simshäuser wirklich Schaden von der Partei abwenden, hätte sie ihr diese Berichterstattung ersparen und dennoch antreten sollen. Es ist zunehmend weniger zu ertragen, wie man sich nur noch gegenüber vorher gesicherten Mehrheiten und am liebsten ohne Gegenkandidaten zur Wahl stellen mag.

Eindrücke wie die vom zweistündigen “Beratungswirrwarr hinter verschlossenen Türen” erhärten dann das Bild einer SPD, das bei uns längst alle Alarmglocken schrillen lassen sollte. Die Folge ist Ernüchterung.

“Steinbrück hat nicht gesagt, er will mehr Geld”

So Steffen Dobbert in der “ZEIT“. Stimmt. Er hat aber gesagt, dass Kanzler zu wenig verdienen. Und ich finde es naheliegend und geradezu folgerichtig, dass man Aussagen von jemandem, der Kanzler werden will, vor dem Hintergrund interpretiert, was er in diesem Land verändern will.

Schließlich erwarte ich auch, dass seine Aussagen zur sich weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich (oder zur “sozialen Drift” so meines Wissens Steinbrücks Wortwahl) im Falle eines Wahlsieges in konkrete Politik münden, die etwas dagegen tut – ohne dass jedesmal “ich fordere, dass…” vorweg gesagt werden muss. In H. Schmidtscher Elder Statesman-Manier mal konsequenzlos seine Meinungen über dieses oder jenes zum besten geben, kann er ja machen. Aber um Himmels Willen nicht während einer Kanzlerkandidatur.

Geschichtsschreibung

Ich rolle ja stets mit den Augen wenn, Anhänger von Parteien die Medien für deren Misserfolge verantwortlich machen – gerne praktiziert von Fans und Mitgliedern der Linken.

Dennoch wird es spannend sein, zu beobachten, ob sich nicht in den nächsten Monaten eine bestimmte Erzählung manifestiert, nämlich die von der bezwungenen Krise. Bezwungen, wohlbemerkt durch die standhafte Kanzlerin Merkel.

Wenn das nämlich passiert, wird Merkel im kommenden Wahlkampf nahezu unbezwingbar. Und es fängt schon an.