Kategorie: Bücher

  • Adam Przeworski – Krisen der Demokratie

    Adam Przeworski – Krisen der Demokratie

    Adam Przeworski zählt wohl zu den hochkarätigeren noch tätigen Politikwissenschaftlern. Der Zunft also, die sich in den vergangenen Jahren wohl häufiger gefragt hat, was eigentlich gerade los ist – und die aus meiner Sicht nicht besonders gut darin war, Antworten zu liefern.

    In Krisen der Demokratie unternimmt Przeworski einen durchaus gelungenen Versuch. Nah am Forschungsstand, aber auch mit angemessen kritischer Distanz untersucht er, was Demokratien stabilisiert und destabilisiert. Die Antwort in Kurzform: It’s the economy, stupid.

    Das finde ich ausgesprochen wohltuend, weil ich die Forschung zur Konsolidierung von Demokratie immer recht nahe an Wenn der Hahn kräht auf dem Mist empfunden habe: Eine Vielzahl von Dimensionen, von Kultur und Religion bis hin zu Klima und Geographie, könnten Einfluss auf den Bestand einer Demokratie haben, müssen das aber nicht. Die einzige wirklich belastbare Kategorie sei die wirtschaftliche Entwicklung und der Grad an Verteilungsgerechtigkeit, wie Przeworski unter Bezug auf zahlreiche empirische Befunde nachweist. Und um beides – Entwicklung und Gerechtigkeit – sei es in den vergangenen Jahrzehnten schlecht bestellt:

    Trotz Kriegen und Wirtschaftskrisen gab es in den vergangenen 200 Jahren keinen einzigen 30-Jahres-Zeitraum, in dem die Durchschnittseinkommen sanken. Wenn die Menschen heute die Zukunftsaussichten ihrer Kinder als schlecht einschätzen, könnten wir es also mit einer historisch einmaligen Verschiebung zu tun haben.

    Auch wenn der Autor diese These vielfach belegt, so nimmt er immer auch wieder kritische Distanz ein: Wir wissen nicht, ob eine Kausalität vorliegt, in welche Richtung sie weist und welche Drittvariablen sie überformen. In besonderer Weise kommt es natürlich auf handelnde Personen an. Aber auch das weiß man immer nur hinterher.

    So ist Krisen der Demokratie eine lohnenswerte Kurzstudie und Politikwissenschaft im besten Sinne: Sich nicht im Labyrinth der Empirien mit zweifelhafter Aussagekraft verirrend, mit klaren Begrifflichkeiten und eben kritisch.

    Ein wenig erstaunte mich das vielfach schlechte Lektorat. Angefangen bei in die Zwischenüberschrift gerutschten Absätzen, verunglückten Quellenangaben wie „Autor et. al. (1997)“ und schlichten Rechtschreibfehlern schien der Band in der mir vorliegenen Auflage doch sehr mit heißer Nadel gestrickt.

  • Bücher 2021

    Drei Bücher haben mich im letzten Jahr besonders beeindruckt:

    Project Hail Mary

    Optimistische, friedvolle (as in nicht militärisch), packende Science Fiction, wie schon Der Marsianer mit einem unverwüstlichen Space-McGyver in der Hauptrolle. Das ist wohl der eine Charakter, den Andy Weir schreiben kann oder mag. Außerdem hard SciFi im besten Sinne, also wissenschaftlich fundiert geschrieben, ohne Leser mit Techno-Babble zu überfordern.

    Darkness at Noon

    Der alternde Bolschevik Rubashov wird von der immer unmenschlicher werdenden Parteibürokratie zermalmt. Ein Meisterwerk, das auch seinen geistigen Zwilling 1984 in den Schatten stellt.

    Piranesi

    Von allen Geschichten aus dem weiten Genre der Fantastik, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, wohl die seltsamste, schönste und berührendste.


    Und hier die vollständige Liste meiner in 2021 gelesenen Bücher – nebst meiner neuen Sternchenbewertungen:

    1. Alastair Reynolds – Revelation Space – ★★☆☆☆
    2. Jesmyn Ward – The Fire This Time : A New Generation Speaks about Race -★★★★☆
    3. Jeff vanderMeer – Annihilation – ★★★★★
    4. Kathryn Schulz – The Best American Essays 2021 – ★★★★☆
    5. Tade Thompson – Far from the Light of Heaven – ★★★☆☆
    6. Joe Haldeman – The Forever War – ★★☆☆☆
    7. Alan Watts – Zen – ★★★★☆
    8. Marlen Haushofer – Die Mansarde – ★★★☆☆
    9. Werner Herzog – Vom Gehen im Eis – ★★★☆☆
    10. Max Frisch – Stiller – ★☆☆☆☆
    11. Marge Piercy – Woman on the Edge of Time – ★★☆☆☆
    12. Alastair Reynolds – House of Suns – ★★★☆☆
    13. Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – ★★★☆☆
    14. Christopher McDougall – Born to Run – ★★☆☆☆
    15. Wolfgang Welt – Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe – ★★★☆☆
    16. Andy Weir – Project Hail Mary – ★★★★★
    17. Tom Hillenbrand – Qube – ★★★☆☆
    18. Arthur Koestler – Darkness at Noon – ★★★★☆
    19. Michael Marrak – Das Haus Lazarus – ★★☆☆☆
    20. Richard Seymour – The Twittering Machine – ★★★☆☆
    21. Kevin Roose – Futurepeoof – ★★★☆☆
    22. Judith Shklar – Über Ungerechtigkeit – ★★★☆☆
    23. Kathrin Passig – Je Türenknall desto Wiederkomm – ★★★☆☆
    24. Giovanni Sartori – Demokratietheorie – ★★★★☆
    25. Iain M. Banks – The State Of The Art – ★★★☆☆
    26. Max Brooks – Devolution – ★★★☆☆
    27. Ben Smith – Doggerland – ★★☆☆☆
    28. Susanna Clarke – Piranesi – ★★★★☆
    29. Alexander Weinstein – Universal Love – ★★★☆☆
    30. Hugh Howey – Wool – ★★☆☆☆
    31. Niklas Luhmann – Die Wissenschaft der Gesellschaft – ★★★★☆
    32. Niklas Luhmann – Soziale Systeme – ★★★☆☆
    33. John Scalzi – The Ghost Brigades – ★★☆☆☆
    34. Stefan Zweig – Die Welt von gestern – ★★★★☆
  • Alastair Reynolds – Revelation Space

    Meinen letzten Reynolds (House of Suns) habe ich ja in einer Liste von SF-Büchern gefunden, die dezidiert nicht Bestandteil einer Serie sind. Hätte ich doch nur bei Revelation Space darauf geachtet, so wäre mir diese Lektüre vielleicht erspart geblieben, denn natürlich eröffnet der Band ein ganzes Universum aus Fortsetzungen und Kurzgeschichten.

    Revelation Space ist vor allem unfassbar langweilig. Es hat keinerlei Figuren, für die man sich interessieren könnte, die Handlung schleppt sich mühsam von einem Infodump zum nächsten. Zum Ende hin wird ein milde interessantes SF-Konzept eingeführt, um das man sicher eine interessante Geschichte hätte schreiben können. Revelation Space ist das nicht.

  • Jesmyn Ward – The Fire This Time : A New Generation Speaks about Race

    Eine der Autorinnen, auf die ich in den Essays 2021 aufmerksam geworden bin. Auch dies ist wieder eine Essaysammlung mit weiteren Autorinnen und Autoren, die es zu lesen lohnt. Der Titel spielt an auf The Fire Next Time von James Baldwin

    The first essay, originally appearing in The Progressive magazine in 1962 and titled „My Dungeon Shook: Letter to My Nephew on the One Hundredth Anniversary of the Emancipation“, is a letter to Baldwin’s nephew in which he compares his nephew to the men in their family including Baldwin’s brother and father. He tells his nephew about America’s ability to destroy Black men and challenges his nephew to convert his anger due to mistreatment as a Black man into having a passionate and broad outlook on the African-American experience.

  • Jeff VanderMeer – Annihilation

    Der Auftakt der Southern Reach-Trilogie und ein Meisterwerk der spekulativen Fiktion, an der Grenze von Science Fiction, Fantasy und Horror. Die Verfilmung von Alex Garland ist gut, wird dem Original aber – wie so oft – nicht annähernd gerecht.

  • Kathryn Schulz – The Best American Essays 2021

    Essays sind auch ein wunderbares Genre, so wie Kurzgeschichten, Kurzfilme oder zwanzigminütige Ambient-Rauschepen.

    Diese Sammlung bündelt zwanzig Texte aus dem Jahr 2020. Thematisch bilden die Pandemie und Black Lives Matter wohl einen Schwerpunkt, aber die Auswahl geht doch klar darüber hinaus.

    So analysiert beispielsweise Fintan O’Toole lesenswert den Katholizismus von Joe Biden, Max Read nimmt The Twittering Machine zum Anlass, die den sozialen Medien innewohnende Todessehnsucht zu betrachten.

    Den Abschluss bildet das atemberaubende Stück Witness and Respair von Jesmyn Ward – in der Tat über Covid und BLM -, das mich direkt veranlasste, eines ihrer Bücher zu kaufen.

  • Tade Thompson – Far from the Light of Heaven

    Ein Buch, das sie beim Future Ltd Podcast sehr wohlwollend besprochen haben – und nicht zu Unrecht, vereint Far from the Light of Heaven doch eine Murder Mystery an Bord eines Raumschiffs mit einer beeindruckenden Dichte an Cliffhangern und Twists, interessanten Aliens, künstliche Intelligenz und einer Prise Afrospiritualismus.

    Mehr über Tade Thompson bei iAfrica: The Nigerian Doctor who Writes Sci-Fi on the Side

  • Joe Haldeman – The Forever War

    Dieses Buch wollte ich eigentlich lesen, als ich neulich aus Versehen nochmal Old Man’s War gelesen habe. Aber das war wenigstens lustig.

    The Forever War verfügt über genau einen Trick, nämlich die Spielerei mit relativistischen Geschwindigkeiten und Zeitdilatation. Heißt: Der Protagonist fliegt ein paar Monate durchs All, um irgendwo gegen die Dingsbums (Name vergessen) zu kämpfen und im Rest der Welt vergehen derweil ein paar Jahre bis Jahrhunderte.

    Hat der Pappkamerad Protagonist (es ist wirklich egal, wie er heißt) dann mal Landurlaub, hat sich auf der Erde in der langen Zwischenzeit natürlich so einiges verändert. Im Fall dieses Machwerks heißt das, dass alle Menschen homosexuell sind. Wegen der Überbevölkerung. Logisch. Damit hat unser konturloser Hauptdarsteller zwar so seine Probleme – reißt sich aber gerade so eben zusammen und gemeinsam kämpft man dann doch die Entscheidungsschlacht gegen die Dingsbums und gewinnt um Haaresbreite.

    Es ist unfassbarer Schwachsinn. Man fasst sich fortwährend an die Rübe.

  • Alan Watts – Zen

    Achja, dieses Buch las ich auch. Bücher dieser Art entspannen mich derzeit und das ist auch vollkommen o.k..

  • Marlen Haushofer – Die Mansarde

    Marlen Haushofer kannte ich bisher nur durch die Verfilmung von Die Wand.

    Wo ich die Empfehlung der Mansarde herhabe, weiß ich leider nicht mehr genau – Twitter oder ein Blog.

    Die Erzählung passt wunderbar zu der Stimmung, zu den Figuren und zu der Verschränkung von Innenwelt und Außenwelt, wie ich sie in Die Wand wahrgenommen habe – aber in einem ganz anderen Setting.

    Haushofer ist seit langer Zeit die interessanteste Stimme, die ich in der Literatur entdeckt habe. Erst vor wenigen Tagen gab es beim Deutschlandfunk Kultur eine Lange Nacht über die Schriftstellerin, die ich unbedingt hören werde.

    (Irre, wie sehr mich die Frau auf dem Titelbild an Fleabag erinnert)