Man kann ja die Grenzen (und damit die Einheit) einer Handlung oder eines Handelnden weder sehen noch hören. [..] Das macht zugleich die Funktion der Massenmedien in ihrem Beitrag zur kulturellen Institutionalisierung des Handelns verständlich
Und weiter:
Im gleichen Zuge wird das Interesse an Personen reproduziert. [..] Gerade in Zeiten, die ihre Zukunft als abhängig von Handlungen und Entscheidungen erlebt, nimmt die Orientierung an Personen offenbar zu.
Daher vielleicht die überschießende Faszination für Dinge, die „Merz“, „Reiche“ oder „Spahn“ tun.
Excellent writers (James Tiptree Jr. among them) have said that they see the action of the story as they write it, exactly like a film, so their use of the present tense is a kind of imaginary eyewitness reporting.
Die große Ursula K. Le Guin über James Tiptree Jr. in Steering The Craft. Tiptree war das Pseudonym, unter dem Alice Sheldon schrieb, die andere große Autorin der Fantastik.
Immer mal wieder schaue ich dieses Video, bei dem man Jeff Mills zuschauen kann, wie er (knieend!) einen Roland TR-909 bedient. Er behandelt die Drum Machine als das, was sie ist: ein Musikinstrument, und er beherrscht es virtuos und meisterhaft.
Bei mir steht schon seit über zwei Jahren ein Nachfolgemodell des Instruments herum, das Mills bedient. Es hat unfassbar viele Funktionen und Features, die sich mit arkanen Tastenkombinationen und verschachtelten Menüs erreichen lassen. Diverse Versuche, es auch nur im Ansatz zu beherrschen, gab ich auf.
Am heutigen ersten Urlaubstag startete ich einen neuen Versuch und bin einmal mehr zuversichtlich. Allerdings weiß ich auch, dass ich unweigerlich alles wieder vergessen werde, wenn ich nicht weitermache und übe. Aus den Youtube-Kommentaren:
Europas Parteiensystem und die Dekonsolidierung des Nationalstaats nimmt Philip Manow dem vollständigen Titel zufolge mit seinem jüngsten Buch Spaltungslinien in den Blick. Das Buch ist Politikwissenschaft im besten Sinne und weist, soweit ich das beurteilen kann, Empirie von hoher Qualität auf, wie man sie selten antrifft.
Die These ist anspruchsvoll und wird dicht entfaltet. Im Kern besagt sie, dass das liberale Projekt in Gestalt der EU getragen worden sei von Parteien, die es entweder gesellschaftspolitisch geschätzt und verteilungspolitisch bzw. ökonomisch allenfalls hingenommen haben (Sozialdemokraten, Grüne, Linke), oder die gerade seine wirtschaftspolitische Offenheit schätzten, die Gesellschaftspolitik hingegen lediglich duldeten. Von links wurde der Neoliberalismus der EU gebrandmarkt, von rechts die links-grünen Policies, von Migration bis hin zu Geschlecht und Familie.
Diese Widersprüche öffneten zwei Repräsentationslücken: Erstens für eine genuin neoliberale Linke, die unbekümmert Marktwirtschaft und liberale Gesellschaftspolitik betreibt. Solch ein politisches Angebot gab es im Grunde nie: Die Rechte sei eher bereit, sich in wirtschaftlichen Fragen nach links zu bewegen, als die Linke bereit ist, sich in gesellschaftlichen Fragen nach rechts zu bewegen, wie Patrick J. Deneen aus Regime Change: Toward a Postliberal Future zitiert wird.
Diese wirtschaftspolitische Bewegung der Rechten nach links fülle daher erfolgreich die zweite Repräsentationslücke, die aus einem gesellschaftspolitisch/kulturellen Konservatismus, verbunden mit ökonomischer Umverteilungspolitik, besteht. In diese Lücke, so Manow, dringen die populistischen Parteien vor. Sie kommen sowohl von rechts, wie die AfD, die sich „von Lucke zu Höcke“ graduell wirtschaftspolitisch zunehmend linker aufstellt, als auch von links, wie das BSW, welches sich als gesellschaftspolitisch rechte Abspaltung der Linkspartei positionierte.
Für diese Bewegung findet Manow europaweit Belege. Gleichwohl vollzieht sie sich nicht eindeutig, im Gleichschritt und flächendeckend. Zudem wird sie von Parteien teils strategisch verhüllt und von der Politikwissenschaft nicht wahrgenommen: „Das Erklärungsschema bestätigt sich an einer Empirie, die unter seiner Mithilfe gewonnen wurde.“
Was fängt man damit an? Zum einen wird noch klarer, wie falsch die Politik der Bundesregierung aus SPD(!), CDU und CSU ist, die sich wirtschaftspolitisch weitgehend rechts positioniert und damit die Lücke für die AfD preisgibt. Weitere Aspekte lohnen eine Vertiefung in anschließenden Beiträgen.
Vor zwei Jahren zitierte ich das Gedicht i wander through each charter’d street von William Blake, dem George Orwell ein tieferes Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft zusprach als drei Vierteln der sozialistischen Literatur. Es heißt offenbar eigentlichLondon und beginnt mit der Zeile I wander thro‘ each charter’d street.
Charter’d scheint zu bedeuten, dass die Straßen und der Fluss Themse der Verwaltung unterliegen, verwaltet werden. Diese Kontrolle drücken auch die mind-forg’d manacles, die menschengemachten Fesseln, aus, ebenso wie die Palace walls, an denen die Seufzer der unglücklichen Soldaten blutig herablaufen.
Mark Fishers Essay Capitalist Realism wird gerne mit dem Zatz zitiert
It’s easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.
Das ist zugleich der Titel des ersten Kapitels, praktisch also der erste Satz des Buches. Liest man eine Seite weiter, lernt man, dass er gar nicht von Fisher ist, der ihn ohne konkretere Quellenangabe Fredric Jameson und Slavoj Žižek zuschreibt. Unklar bleibt, ob der Satz in den Originalquellen auf Empirie beruht, aller Wahrscheinlichkeit nach aber nicht – wie hätte die beschaffen sein sollen?
Warum wird der Satz trotzdem so gerne zitiert? Wohl, weil wir uns darin so gut wiederfinden. Wir alle können uns das Ende des Kapitalismus nicht vorstellen und sind froh, darin nicht die einzigen zu sein. Dabei müsste es doch einfach sein: Kapitalismus ist menschengemacht und müsste durch menschliches Handeln auch beendet werden können. Wir finden die Gesellschaft als gemacht vor und halten es daher für plausibel, sie anders zu machen. Aber was, wenn es so einfach nicht ist?
Um sich das Ende des Kapitalismus vorstellen zu können, müsste man eine Vorstellung davon haben, was Kapitalismus ist. Schon der Umstand, dass so viel Lyrik, Essayistik und Poesie zu diesem Thema produziert worden sind, zeugt davon, wie schwierig das, wie unklar der Begriff ist. Der Geist des Kapitalismus, der kapitalistische Realismus, die Entzauberung der Welt durch ihn, nahezu alles, was die Franzosen zu dem Thema geschrieben haben, sind Ausdruck des Umstandes, dass wir nicht wissen, was Kapitalismus ist, so, wie wir auch nicht wissen, was Demokratie ist.
Letztlich handelt es sich bei beidem um essentially contested concepts, die nie einer letztgültigen Definition unterworfen werden. Kapitalismus ist vermutlich viel weniger Struktur, die man kappen könnte, als Semantik: Thema, Selbstbeschreibung und Narrativ, das sich für Publizistik und zum Reizen von Anschlusskommunikation, Gefolgschaft und Widerspruch eignet. Demzufolge wird Kapitalismus niemals enden.
Die Fortsetzung von Neuromancer ließ mich etwas ratlos zurück. Zwar wird der Vorgänger nicht nacherzählt, aber auch Count Zero lässt seine Geschichte auf einen Deus Ex Machina-Moment hinauslaufen, bis zu dem hier zwar viel erzählt wird, aber wenig Interessantes passiert. Menschen suchen Dinge und finden auf der Suche etwas anderes. Ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie, Mona Lisa Overdrive.
Bandcamp Daily, das empfehlenswerte redaktionelle Portal des Musikdistributors, feiert ihr neues Album, das offenbar nach zehnjähriger Auszeit (man kriegt ja nichts mehr mit) entstanden ist, gehörig ab:
Set of All Sets is a triumph on an epic scale. A culmination and expansion of Parts & Labor’s established aesthetic, the record is a galaxy of sound, a maximalist ode to the constant futures previously mapped out by the band.
Cool, und ungehört gekauft. Natürlich bei … Bandcamp.
Der Text 1776 oder die Vereinigten Staaten als Avantgarde von Winfried Thaa in den aktuellen Blättern verstärkte einen Eindruck, den ich in der Vergangenheit schon mal gelegentlich hatte: dass es lohnenswert sei, sich mit der amerikanischen Verfassungstradition auseinanderzusetzen, beispielsweise den sogenannten Federalist Papers.
Ich verstehe mich und äußere mich gerne als Kritiker des repräsentativen Moments der repräsentativen Demokratie, weil ich glaube, dass sie nicht mehr die richtige Antwort auf die Frage ist, und in der Folge ihre Nebenkosten, etwa Elitenbildung, überwiegen. Insbesondere durch Philip Manows (Ent-)Demokratisierung der Demokratie glaubte ich, Repräsentation als Überbleibsel von Aristokratie entlarvt zu haben.
Zwar räumt auch Thaa ein:
Die Amerikanische Revolution dagegen steht unter dem Verdacht, lediglich der Klassenherrschaft der sklavenhaltenden Großgrundbesitzer und der reichen Kaufleute der Ostküste eine moderne politische Form gegeben zu haben.
Das kratzt aber lediglich an der Oberfläche der modernen Repräsentationsdiskussion, die sich offenbar auch fruchtbar mit der Französischen Revolution und deren Vordenkern auseinandergesetzt hat.
Auf der Suche nach der richtigen Lektüre erwarb ich dann – antiquarisch, wie so ein KI‑Hersteller – The Debate on the Constitution der Library of America:Federalist and Antifederalist Speeches, Articles and Letters During the Struggle over Ratification: schlanke zweitausend Seiten, die zuende zu lesen ich keine Wetten annehmen würde.