Politik und Internet

Schon vor rund zwei Jahren habe ich das Buch The Big Disconnect: Why the Internet Hasn’t Transformed Politics (Yet) von Micah L. Sifry gelesen und weil ich gerade auf einige Zitate und Anstreichungen stieß, die zu Anschlussgedanken führten, hier ein paar Sätze dazu:

this is a central point of this book, while the barrier to entry to public media has been lowered by the Internet, the proliferation of digital tools and behaviors has not made participation in decision-making or group coordination substantially easier.

Es ist eben etwas anderes, niederschwellig und günstig zu beliebig großen Öffentlichkeiten kommunizieren zu können und in/mit diesen Öffentlichkeiten auch zu verbindlichen Entscheidungen zu gelangen. Es ist eben kein Unfall, dass wir uns als Gesellschaft große, nicht eben billige und aufwändige politische Apparate mit Parlamenten, Ministerien, nachgeordneten Behörden, Parteien leisten, um diese Fähigkeit der Entscheidungsfindung (und – durchsetzung) aufrechtzuerhalten. Der alte Traum, das Internet könnte auch in politischer Hinsicht alte Barrieren niederreißen, ist zwar nicht ausgeträumt, harrt aber auch noch seiner Realisierung.

We are a generation into the Networked Age, and our public infrastructure of schools, libraries, parks, and government institutions, all places where “we the people” can congregate in the flesh, have not been replicated online.

Das Internet hat die Mobilisierung zu Demonstrationen erleichtert und es hat neue Instrumente wie Online-Petitionen geschaffen. Ich verhöhne Petitionen gerne als untertänigste Form  der Partizipation, weil sie den Gesetzgeber lediglich bitten, etwas zu machen; das ist nicht ganz richtig und vor allem gemein. Aber wo Petitionen vor allem gebraucht werden, um Mandatsträger mit Kommunikation zu überschütten, führt das mitunter zu einer Art von Rebound Effect:

The modern Tragedy of Advocacy is that all this increased share-your-voice-i-ness of citizens with Congress has actually resulted in more reliance on specialists and less on constituents than ever before. Congressional staffs often need those specialists (typically the dreaded “lobbyists” we love to hate) simply to distinguish signal from noise.

Entscheidungsbefugnis hat das Internet den Bürgerinnen jedenfalls nicht verliehen. Lediglich Instrumente wie Liquid Feedback, bekannt geworden durch die Piratenpartei, stellen prinzipielle (technologische) Möglichkeiten dar. Da, wo dieses Werkzeug partizipativ, etwa zu Haushaltsfragen oder für die Kommunalpolitik eingesetzt wurde, scheiterte es bislang an mangelnder Teilnahme.

Das lässt den Schluss zu, dass das Werkzeug nicht gut genug ist (möglich, denn Liquid Feedback gilt als ziemlich komplex), oder, dass gar kein Wunsch nach Partizipation besteht – sondern nach Repräsentation, die einen von der Last der Partizipation gerade befreit.

Für ein Realismusgebot in der Diskussion über künstliche Intelligenz – Sozialtheoristen

Bookmarked Für ein Realismusgebot in der Diskussion über künstliche Intelligenz (sozialtheoristen.de)
Working Paper 5/2018 Kaum noch jemand traut sich die Geschichte vom smarten Kühlschrank zu erzählen, der auf einer Lebensmittelplattform automatisch die fehlende Milch nachbestellt. Zwar ist es technisch kein Problem, einen Kühlschrank mit Sensoren auszustatten, die entsprechend gekennzeichnete L...

What is ActivityPub, and how will it change the internet? – Jeremy Dormitzer

Bookmarked What is ActivityPub, and how will it change the internet? by Jeremy (Jeremy Dormitzer)
A new kind of social network There’s a new social network in town. It’s called Mastodon. You might have even heard of it. On the surface, Mastodon feels a lot like Twitter: you post “toots” up to 500 characters; you follow other users who say interesting things; you can favorite a toot or re...

Vivy: Die Verwaltungsräte der teilnehmenden Krankenkassen

14 gesetzliche Krankenkassen bieten derzeit die Gesundheitsapp Vivy an. Vivy ist – gelinde gesagt – umstritten. Mike Kuketz zieht das folgende ernüchternde Fazit:

noch bevor der Nutzer überhaupt die Möglichkeit hat, in die Datenschutzerklärung einzuwilligen, werden zahlreiche Informationen an Drittanbieter (Tracking-Unternehmen im Ausland) übermittelt.

Versicherte der beteiligten Krankenkassen könnten es für angemessen halten, ihren Verwaltungsrat auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Im Verwaltungsrat engagieren sich die Vertreter der Versicherten und Arbeitgeber, die durch die Sozialwahl gewählt werden, ehrenamtlich. Sie legen die Grundsätze der Unternehmenspolitik fest und treffen Entscheidungen zum Angebot von freiwilligen Leistungen – zu denen man Vivy zählen kann.

Im folgenden habe ich die jeweiligen Verwaltungsräte verlinkt. In den meisten Fällen sind lediglich die Namen aufgeführt. Das ist verständlich; die Leute machen das ehrenamtlich und sind für den Großteil der üblichen Beschwerden von Versicherten in der Regel gar nicht zuständig.

Wer in Kontakt treten möchte, dürfte sich an einen der Versichertenvertreter wenden wollen – zum Beispiel den alternierenden Vorsitzenden der Versichertenseite. Von “Massen”-Mailings an alle Mitglieder sollte abgesehen werden. Und man sollte wirklich bei der jeweiligen Kasse versichert sein.