
Ich las im Perlentaucher vom Stand der Musikkritik und aus einem Stück der Plattform embedded wurde ein Pitchfork-Kolumnist mit dem Hinweis auf eine Menge Rezensions-Substacks zitiert. Dass embedded selbst ein Substack ist, darf natürlich nicht unerwähnt bleiben. Jedenfalls würde mich gute Musikkritik durchaus interessieren, im Stile von Pitchfork in den Nullerjahren, oder verstorbener Magazine wie Spex oder Intro.
Schaue ich auf Substack, überrascht als erstes die Menge hochkarätiger Publizisten, Autorinnen und – for lack of a better word – Influencer, die mir dort feilgeboten werden: Anne Applebaum, Timothy Snyder, Paul Krugman, Slavoj Žižek, Naomi Klein, Margaret Atwood, Bernie Sanders, Cory Doctorow. Und das ist nur die obere Hälfte der Empfehlungen der Plattform.
Es sind offenbar im Großen und Ganzen alle da und sie schreiben alle fortwährend. Die Startseite weist eine mich überraschende Social-Networking-Qualität auf. Was haben Sie auf dem Herzen?, werde ich gefragt und kann ein Posting anreichern mit Bildern, Videos, einer Umfrage und weiteren Features. Dabei wüsste ich gar nicht, wem diese Mitteilung dort gelten würde: Folgen die Leute, denen ich folge, mir dort auch? Schreibt Žižek, was er auf dem Herzen hat? Die gesamte Mechanik der Plattform erscheint intransparent.
In Redaktionsschluss schrieb Stefan Schulz:
Wer eine Zeitung las, informierte sich nicht nur darüber, was in der Welt vor sich ging. Er informierte sich auch darüber, was Menschen, die Zeitung lasen, lasen, wenn sie sich darüber informierten, was in der Welt passierte.
Bei Substack wird, so mein Eindruck, unfassbar viel Text produziert. Viele Leute schreiben viel und sie schreiben vornehmlich lange Stücke. Öfter, als ich zählen könnte, hatte ich schon Substacks abonniert und dann gekündigt, weil mir die plattgewalzte Prosa nicht zusagt, die sich gerne an angloamerikanischen Essayformaten orientiert, die zu beherrschen eben auch anspruchsvoll ist und sich nicht immer gut für einen Screen eignet. Medium und Inhalt passen auf seltsame Art nicht zusammen.
Dennoch war Substacks Versprechen, Journalisten und Publizisten eine neue Heimat zu bieten, für einige Zeit wohl sehr erfolgreich, so dass viele Leute dort nach wie vor schreiben, als schrieben sie für eine Zeitung, obschon sie längst für einen labyrinthischen, entgrenzten Publishing-Moloch schreiben. Was mir als Leser spürbar fehlt, ist die Zeitung: Was ist wirklich wichtig, wie viel davon habe ich bereits, wie viel muss ich noch lesen und was macht Arminia Bielefeld?
Nun ist dies kein Plädoyer für die Zeitung. Ich abonniere Zeitungen und lese sie manchmal sogar. Sie sind kaum besser darin, der Gesellschaft ein Bild der Gesellschaft zu verschaffen. Medium und Inhalt passen auf seltsame Art nicht zusammen.
Titelbild: John H. White: „Black man operating a newsstand in Chicago on the West Side …“, 1973/74. Aus dem Fotoprojekt DOCUMERICA der US-Umweltbehörde EPA. Quelle: U.S. National Archives, NAID 556209, https://catalog.archives.gov/id/556209 – via Public Domain Image Archive (The Public Domain Review). Gemeinfrei (Public Domain, US-Regierungswerk).