Kategorie: Notiz

  • aus einem Gedicht zitieren

    O mein Erdenmond

    erleuchte mich, nur für einen Moment,

    ich bin eine Seidenraupe

    ich spinne die Seide meiner Verzweiflung in meinem hohlen Herzen.

    Ich bin ein Maulwurf, der in der Erde wühlt, die er für den Himmel hält.

    Na, Sina? Wie macht der Maulwurf beim Graben?

    Aus dem Gedicht Der Tag, als ich meinen Nachnamen auf einem Leichentuch las von Asmaa Azaizeh, aus dem Arabischen übersetzt von Sandra Hetzl und erschienen in der „edit“ No. 96.

  • Die Blutspende

    Im Radio läuft Scatman John. Der Arzt lässt sich ungewöhnlich viel Zeit mit den Spenderinnen und Spendern, die vor mir dran sind. Es ist allerdings auch voll. Selbst auf eine Liege muss ich einige Minuten warten. Blutdruck und die übrigen Zahlen seien perfekt, heißt es – wie meistens. Dennoch fließt das Blut zu Beginn etwas langsam. Die Apparatur zu meiner Rechten piept, woraufhin an der Nadel geruckelt wird, denn wenn diese zu eng an der Arterienwand liege, könne das den Blutfluss hemmen. Ich schließe und öffne langsam, rhythmisch die rechte Hand zur Faust, bilde mir ein, das könne den Fluss fördern. Nie schaue ich auf die Nadel, die in meinem Arm steckt. Ich nehme wahr, wie der Körper auf das Eindringen, auf die Wunde, mit einer Stressreaktion antworten will. Es ist zu keinem Zeitpunkt unangenehm, nur eben auch nicht angenehm. Ich schreibe diesen Text während der Spende auf dem Mobiltelefon, das lenkt ab. Die rechte Hand wird ein wenig taub. Der Schlauch ist an meinen Arm getapet und zieht minimal im Takt des Herzschlags an den Härchen. Den Verzehrgutschein tausche ich anschließend gegen eine Currywurst mit Pommes frites; Blutspenden ist nahezu der einzige Anlass, zu dem ich noch so esse. Es war meine vierzehnte Spende.


    Titelbild: Anatomical Study of the Blood Vessels and Circulation, Gerard de Lairesse. 1685

  • Klinken von Türen

    Der Algorithmus spült uns Reels zu, in denen Autor:innen weinend Gedankenstriche aus ihren Texten entfernen, um nicht mit einer Maschine verwechselt zu werden. Robin Walter verwendet das Satzzeichen in Kleine Gnade dagegen in Anlehnung an Emily Dickinson – als Klinken von Türen, die in Räume außerhalb des Gedichts führen.

    Aus dem Editorial der jüngsten edit.

  • Mangel behoben (einstweilen)

    Vorher / nachher:

    Am Sonntag den Mängelmelder genutzt und bereits Montag Vollzug festgestellt. Wie nachhaltig das ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Dieser Gehweg wird wegen der auf der Straße parkenden Fahrzeuge regelmäßig befahren und dadurch zunehmend beeinträchtigt. Meines Erachtens liegt die vorgeschriebene Restbreite freier Straße von mindestens 3,05 Meter neben den parkenden Fahrzeugen nicht vor, ich lege mich dort aber auch nicht mit einem Zollstock hin.

  • Dionysos, Laios, Ödipus, Iokaste und Antigone

    Ich könnte direkt wieder von vorn anfangen. Wie ich im Social Network of Choice schrieb:

    Der Theatermarathon des Schauspielhauses Hamburg hat bereits jetzt das beste Theatererlebnis meines bisherigen Lebens bereitet. Wirklich fantastisch.

    Anthropolis

  • Vom Schlaf und vom Lesen

    Der typische Effekt, wenn ich den Wecker ausstelle, weil es mal ein paar Tage nicht so entscheidend ist, wann ich aufstehe, ist, dass ich irgendwann wach werde, befürchte, dass es schon sechs Uhr ist, sehe, dass es tatsächlich vier Uhr ist, finde, dass es sich nicht lohnt, überhaupt zu versuchen, noch einmal einzuschlafen, und also früher als jemals aufstehe.

    Nun schätze ich das frühe Aufstehen durchaus. Im Sommer. Davon sind wir aber noch ein paar Wochen entfernt. Und dann stresst umso mehr das hektische Wohnungdurchlüften, ehe es heiß wird.

    Immerhin blieb mir das stetige Unausgeschlafensein erspart, was solche Manöver sonst oft nach sich ziehen. Ich komme mit wenig Schlaf wirklich nicht sehr gut zurecht.

    Den rund einhundertseitigen Essay Reflexionen über die Ursachen der Freiheit und sozialen Unterdrückung von Simone Weil hatte ich bis gestern schon gut zur Hälfte gelesen, bis ich gewahr wurde, wie fundamental gut er ist, und entschied, ihn noch einmal von vorn zu beginnen, dann aber richtig.

    Dieses Richtiglesen ist eine Sache, die ich mir stets vornehme, ohne genau zu wissen, was sie umfasst. Sicherlich Notizen und Mitschriften, Anstreichungen, wenn mir das Buch gehört, was bei diesem nicht zutrifft, grundsätzlich das Gefühl, Text und Gedankengang wirklich erfasst und verstanden zu haben, und bestenfalls für eigene Texte verarbeiten zu können, ohne zu wissen, was für Texte das eigentlich sein sollten.

    Hundert Seiten konzentriert zu lesen, sollte eigentlich möglich sein. Vielleicht im Rahmen unseres verlängerten Wochenendes in Hamburg; wobei wir auch dort ja nicht nichts vorhaben, sondern fünf Theateraufführungen binnen dreier Tage. Die erste werde, wie das SchauSpielHaus Hamburg gerade per E-Mail informierte, zwei Stunden und fünfzig Minuten einschließlich Pause dauern. Das ist durchaus schon eine Dauer, die mich ein wenig einschüchtert.


    Titelbild: In a Deep Sleep. Jean de Bosschère, 1921. Aus: Weird Islands

  • bzz mld 2

    Meine Backup-Strategie war und ist genauso schlecht wie die aller anderen, aber dass ich alte Aufnahmen von mir hören, und in den Metadaten nachlesen kann, wann die entstanden sind, bereitet mir nicht wenig Freude.

    Das hier überdauerte unter dem Namen buzz melody 2.wav die Dekaden und datiert auf den 20.3.2002 um 02 Uhr 43. Es ist nicht besonders gut, aber auch nicht desolat schlecht.

    Als Waveform hat es eine sehr eigenwillige Gestalt:

    Im selben Ordner gibt es einige mutmaßlich verwandte Fragmente, mit denen ich jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, etwas Neues probiere.

  • Anodyne for his love

    Mir ist das larmoyante Genörgel über KI-Content in Weblogs ja eher zuwider, aber wenn es um Bilder geht, macht es mir wirklich mehr Spaß, mir durch freies Assoziieren ein Bildchen aus dem Public Domain Image Archive (oder anderen freien Bilddatenbanken, die es sicher auch gibt) zu erklicken, als sich etwas generieren zu lassen.

    Das obige The Wave jedenfalls ist von W. T. Horton, aus dem Jahr 1898 und erschienen in A Book of Images, an dem Horton gemeinsam mit William Butler Yeats arbeitete.

    Es ist zu lesen, dass Horton von Yeats in der dritten und vierten Strophe von dessen Gedicht ‚All Souls’ Night‘ (Allerseelennacht) als Geist beschworen wird:

    Horton’s the first I call. He loved strange thought
    And knew that sweet extremity of pride
    That’s called platonic love,
    And that to such a pitch of passion wrought
    Nothing could bring him, when his lady died,
    Anodyne for his love.

    Als Geist beschworen zu werden, erscheint mir jedenfalls als lohnenswertes Ziel. Sicher werde ich in so manchem Trainingsdatensatz der Zukünfte herumspuken.

    William Butler Yeats:

    By Alice BoughtonWhyte’s, Public Domain, Link
  • Pulsaren

    Komme ich zur Super-Nova, so ist er längst bei den Pulsaren.

    Max Frisch – Tagebuch 1966-1971

  • Nachrichten und Alltag

    But then without those doors there did stand the lofty and enshrouded figure of the Lady Madeline of Usher (The Fall of the House of Usher)

    Nachrichten umfassen alle Informationen, was man auch ignorieren kann, weil man nicht betroffen ist. Wenn man betroffen ist, etwa durch Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Krankheit oder Tod, sind Nachrichten kein adäquater Begriff. Es fehlt die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit.

    Nachrichten zur Kenntnis zu nehmen, ist Teil des Alltags. Sie zu ignorieren, ist dies auch. Beides kann angemessen und kommunikabel sein: die Weltlage nicht mehr auszuhalten und sie daher zu ignorieren, oder mit besonderer Intensität am Bildschirm zu sitzen, um ja nichts zu verpassen.

    Alltag ist das den Erwartungen entsprechende Verhalten, das wir ohne größeren Aufwand navigieren können. Alltag ist vorstrukturiert, von Erwartungen geprägt, die man seinerseits erwartet. Alltag ist Struktur. Zum Alltag gehören bestimmte Politiken, etwa der Zeit, Mobilität und Arbeit. Sie reproduzieren Struktur und stärken sie.


    Titelbild: Harry Clarke, 1919. Tales of Mystery and Imagination. Public Domain Image Archive