Vom Schlaf und vom Lesen

Der typische Effekt, wenn ich den Wecker ausstelle, weil es mal ein paar Tage nicht so entscheidend ist, wann ich aufstehe, ist, dass ich irgendwann wach werde, befürchte, dass es schon sechs Uhr ist, sehe, dass es tatsächlich vier Uhr ist, finde, dass es sich nicht lohnt, überhaupt zu versuchen, noch einmal einzuschlafen, und also früher als jemals aufstehe.

Nun schätze ich das frühe Aufstehen durchaus. Im Sommer. Davon sind wir aber noch ein paar Wochen entfernt. Und dann stresst umso mehr das hektische Wohnungdurchlüften, ehe es heiß wird.

Immerhin blieb mir das stetige Unausgeschlafensein erspart, was solche Manöver sonst oft nach sich ziehen. Ich komme mit wenig Schlaf wirklich nicht sehr gut zurecht.

Den rund einhundertseitigen Essay Reflexionen über die Ursachen der Freiheit und sozialen Unterdrückung von Simone Weil hatte ich bis gestern schon gut zur Hälfte gelesen, bis ich gewahr wurde, wie fundamental gut er ist, und entschied, ihn noch einmal von vorn zu beginnen, dann aber richtig.

Dieses Richtiglesen ist eine Sache, die ich mir stets vornehme, ohne genau zu wissen, was sie umfasst. Sicherlich Notizen und Mitschriften, Anstreichungen, wenn mir das Buch gehört, was bei diesem nicht zutrifft, grundsätzlich das Gefühl, Text und Gedankengang wirklich erfasst und verstanden zu haben, und bestenfalls für eigene Texte verarbeiten zu können, ohne zu wissen, was für Texte das eigentlich sein sollten.

Hundert Seiten konzentriert zu lesen, sollte eigentlich möglich sein. Vielleicht im Rahmen unseres verlängerten Wochenendes in Hamburg; wobei wir auch dort ja nicht nichts vorhaben, sondern fünf Theateraufführungen binnen dreier Tage. Die erste werde, wie das SchauSpielHaus Hamburg gerade per E-Mail informierte, zwei Stunden und fünfzig Minuten einschließlich Pause dauern. Das ist durchaus schon eine Dauer, die mich ein wenig einschüchtert.


Titelbild: In a Deep Sleep. Jean de Bosschère, 1921. Aus: Weird Islands

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