• Georg Büchner – Dantons Tod

    Ein Drama in vier Akten, welches zudem umfangreiches Vorwissen der französischen Revolution erfordert? Keine leichte Kost, an der ich mich allein wegen dieser Intervention von Richard Herzinger beim Perlentaucher versuchte.

    Ohne Kenntnis der Personen und der Hintergründe macht das wirklich nicht viel Sinn. Aber Büchner malt die Grausamkeit der Zeit und ihrer Protagonisten schon mit sehr breitem Pinselstrich, etwa das Plädoyer des St. Just für einen blutigen Fortgang der Revolution:

    „Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen?“

    Natürlich nicht, möchte man entgegnen. Das ist schließlich der Zweck von Kultur und Zivilisation. Aber das dürften auch heute noch einige deutlich anders sehen.

  • Stefan Zweig – Joseph Fouché

    Nach Magellan und Montaigne schon der dritte von Zweigs biografischen Romanen, dieser mit dem Untertitel Bildnis eines politischen Menschen und derjenige, der mir mit großem Abstand am besten gefallen hat.

    Vielleicht, weil es Zweig so vortrefflich gelingt, Fouché als Antihelden, als „vollkommensten Macchiavellisten“ und beispiellosen politischen Wendehals zu skizzieren, der in den Wirren der Französischen Revolution und der folgenden napoleonischen Zeit für jede relevante Fraktion als Strippenzieher und Manipulator tätig war.

    Das ist in einem Maße spannend, dass ich mir mitunter wünschte, Serienautoren oder die Star Wars/Marvel-Leute würden sich diesen Stoff mal zum Gemüte führen – sei es zur Adaption, oder einfach als Vorbild. Gut geschriebene Villains sind halt einfach am unterhaltsamsten.

    Anlass für diese Lektüre war ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der Fouché als historisches Vorbild für den Brexit-Mastermind und Johnson-Berater Dominic Cummings anführte. Das kommt mir nur bedingt plausibel vor, macht aber nichts.

  • Angekommen #Spiegelau20

    Im Januar 2018 haben wir einen Skiurlaub im Bayerischen Wald, im schönen Städtchen Spiegelau gemacht. Damals stand ich zum ersten Mal auf Ski, überhaupt war das mein erster Winterurlaub. Wir fanden es so schön, dass wir uns vornahmen, hier jedes Jahr herzufahren.

    Das hat nun leider im Folgejahr schon nicht geklappt, denn da hielt uns der Umzug von Berlin nach Bochum in Beschlag.

    Jetzt sind wir aber endlich wieder in Spiegelau, erneut fast problemlos mit dem Zug angereist, im Februar/März anstatt Januar, entsprechend taut die Schneedecke gerade. Aber auf der benachbarten Loipe waren Fahrer zu sehen und sofort hätte ich mich am liebsten dazugesellt.

  • Iain Banks – Use of Weapons

    Use of Weapons ist wohl das anspruchsvollste Culture-Buch. Man muss nicht lange googlen, bis man auf den erzählerischen Trick stößt und ich gestehe: Ich habe es beim Lesen nicht so richtig kapiert.

    Inhaltlich habe ich das Buch schon verstanden, aber sehr wahrscheinlich wäre der emotionale impact der Geschichte deutlich wichtiger, wüsste man, was Banks da versucht.

    Spaß macht Use of Weapons trotzdem. So wie jeder Eintrag in die Culture, Banks‘ post-scarcity space opera mit den unterhaltsamsten KIs der Science Fiction.

  • 200313

    Das öffentliche Leben wird immer weiter heruntergefahren und ich bin gespannt, was überhaupt noch los ist, wenn ich Montag wieder arbeite.

    Die Gesundheit meiner Ohren stand heute im Vordergrund, als ich in einer Hörprüfkabine (siehe Abbildung) Zahlen und einsilbige Worte nachsprechen musste. Die Ergebnisse sind … erwartungsgemäß.

    Und sonst? Habe ich mich für die Kommunalwahl im September (fingers crossed, Corona) als Wahlhelfer gemeldet. Angestoßen durch den jüngsten Journaleintrag der Kaltmamsell.

    Was war heute noch lesenswert?

    • Race and Class – ich freue mich immer über Einblicke in die mir fremde aber interessante Welt der Pen und Paper-Rollenspiele.
    • Slack – Vom Nutzen und Schaden von Fettpolstern – Stefan Kühl hat jüngst den sehr instruktiven (und dank des Hosts Andreas Hermwille auch unterhaltsamen) Podcast Der ganz formale Wahnsinn zum Thema Organisationssoziologie gemacht. Regelmäßig schreibt er aber auf für den guten alten Sozialtheoristen-Blog.

    Weil das Geisterspiel Arminia – Osnabrück ausfällt, schaue ich nachher den Film Parasite.

  • Christian Baron – ein Mann seiner Klasse

    Eine eindrucksvolle autobiografische Erzählung von der Kindheit und Jugend des Autors in bitterer Armut und von seinem trinkenden und prügelnden Vater, dem titelgebenden Mann seiner Klasse.

    Das Buch wurde vielfach wohlwollend rezipiert, weil es eine Lebensrealität darstellt, die in der Politik, in den Medien und in der Literatur kaum Gehör finde. Das trifft mit aller Wucht zu und ist alles andere als banal.

    Zwei Dinge haben mich betroffen gemacht: Das Buch spielt nicht in den sechziger oder vielleicht siebziger Jahren, auch wenn die Schilderungen auf mich mitunter den Eindruck erweckten. Vielmehr ist der Autor wenige Jahre jünger als ich, verbringt seine Kindheit also nur leicht versetzt zu mir in den späten Achtziger, frühen Neunziger Jahren, nur eben unter völlig anderen Bedingungen.

    Zweitens: Das Buch spielt in Kaiserslautern und schildert diese Stadt, zumindest einzelne Straßen und Viertel, völlig anders als in meinem naiven Bild vom wohlhabenden Südwesten der Republik,

  • Matthew De Abaitua – The Destructives

    Ein Buch, welches ich als sehr überragend in Erinnerung habe, das mich jetzt beim erneuten Lesen aber wenig begeistert hat.

    Science Fiction, die künstliche Intelligenz thematisiert, mag ich ja sehr und Abaitua entwickelt einige faszinierende Ideen. Vielleicht liegt es daran, dass mir der Neuigkeitswert fehlt. Denn die Story als solche, die ist schon sehr seltsam aufgebaut mit einem Perspektivwechsel im letzten Drittel.

  • Ursula K. Le Guin – The Left Hand of Darkness

    Zum Jahresauftakt einfach mal wieder Le Guin lesen: Unbezahlbar. Anlass war dieser Artikel über den Hainish-Cycle, zu dem Left Hand wie auch The Dispossessed und auch The Telling zählen:

    Ursula K. Le Guin left us with a wealth of stories and universes, but my favorite might be her Hainish cycle. I recently read, or re-read, every single novel and short story in the Hainish universe from beginning to end, and the whole of this story-cycle turned out to be much more meaningful than its separate parts.

  • Die Zehnerjahre musikalisch Part IV

    Ist das hier die Resterampe? Keineswegs, das hier sind vor allem die zwei besten Hiphop-Alben des Jahrzehnts – beides allerdings keine Überraschungen für Kenner des Genres, nehme ich stark an.

    Triclops! – Helpers On The Other Side

    Aber beginnen wollen wir mit den einzigen Vertretern härterer [[Musik]] in dieser Auflistung, Triclops!, von denen ich nicht das geringste weiß, außer, dass sie vollkommen überdrehten Progrock mit Punk-Einschlag, oder umgekehrt machen.

    Kendrick Lamar – To Pimp a Butterfly

    Was soll ich hierzu groß schreiben? Ein Meisterwerk. Man muss dieses Album hören und nochmal hören und nochmal und immer wieder hören. Es ist brillant und berührend.

    Run The Jewels

    Das erste Run The Jewels-Album hingegen war vermutlich keine lyrische Offenbarung, aber in Sachen Produktion und Reimkunst für meinen begrenzten Rap-Horizont eine Offenbarung. Außerdem das beste, wenn es um Motivation und Antrieb geht.

    Radiohead – The King of Limbs

    Achja, Radiohead. The King of Limbs ist für mich so etwas wie ihr Zen-Album, was vor allem die Live-Darbietung von Songs wie Bloom spüren ließ. Die From the Basement-Aufnahmen haben mir ungemein geholfen, das Album wirklich schätzen zu lernen.

    Und dann war da noch Separator, der die Tradition überirdisch guter Schlusssongs fortsetzt – und den ich ohne Weiteres in die Top10-Radiohead-Songs einreihen würde:

  • Jörg Fauser – Der Schneemann

    Spontan aus dem Regal gezogen, weil mich interessierte, wie dieser Fauser schrieb und gut unterhalten worden. Ab der zehnten schummrigen Bar mit zwielichtigen Typen drin wurde es nur ein wenig monoton.

    Aber Westdeutschland der achtziger Jahre in diesen hard boiled-Stil geschrieben zu lesen macht schon Spaß. Es fallen Sätze wie „Ich stellte mich in einen Tchibo und las die Zeitung“ und das ist natürlich sehr sehr schön.