• Gelesen: „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ von Götz Aly

    Die „68er“ und die „33er“ hätten mehr miteinander gemein, als ersteren wohl lieb ist, so Götz Alys These in dieser Monografie aus dem Jahr 2008, in der er sich auch selbstkritisch mit seiner eigenen Involviertheit auseinandersetzt. Ich hatte ‚Unser Kampf‘ auf der Liste, wie so oft, ohne zu wissen, warum.

    Das Buch erfuhr eine überaus kritische Rezeption, die der Wikipedia-Artikel gut zusammenfasst:

    Aly, so Philipp Gassert, ziele mehr auf „Selbstkasteiung als historische Analyse“ und habe vor allem den „Knalleffekt“ im Sinn.

    Leider wahr.

  • Medúlla

    Am Ersten jeden Monats erwerbe ich ein weiteres Björk-Album – heute Medúlla. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dieses Album nie gehört habe, wegen der unterstellten Seltsamkeit. Umso gespannter bin ich.

    Erstaunlich auch, dass ich damit lediglich die erste Hälfte von Björks bisherigem Output abschließe. Alles danach ist definitiv unbekannt:

    JahrAlbum
    1993Debut
    1995Post
    1997Homogenic
    2001Vespertine
    2004Medúlla
    2007Volta
    2011Biophilia
    2015Vulnicura
    2017Utopia
    2022Fossora

    Medúlla erwarb ich natürlich bei Bandcamp.

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  • Gesehen: „Possession“ von Andrzej Żuławski

    So schnell kann das gehen: Buddenbohm erinnerte an das herausragende Angebot Mediathekperlen, ich abonnierte den Feed, ließ mich von Andrzej Żuławskis – „Possession“ (1981) überzeugen, und bin komplett überwältigt. Nicht nur kannte ich diesen Film nicht, ich wüsste nicht einmal, je von ihm gehört zu haben.

    Neben allem anderen begeisterten mich auch die Aufnahmen aus Berlin: die reale Adresse des bei G. Maps so hinterlegten Possession House, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gesundbrunnen (die Balkone!) gedrehten Aufnahmen des moderneren Berlins, die Wohnungen und der Ausblick auf Mauer und Wachen.

  • Stand der Petition und der Verordnung zum Offenbarungsverbot

    Wie schon vor einem Monat befindet sich die Ende letzten Jahres mit großem Eifer und wuchtigen Moralkeulen geteilte Petition 183950 Keine Führung eigener Register zur Erfassung von trans* und nichtbinärer Personen vom 14. Juli 2025 noch in der Prüfung.

    Sie hat aufgrund der 41101 erreichten Online-Mitzeichnungen das „Quorum“ erreicht, ab dem eine öffentliche Behandlung im Petitionsausschuss erfolgen kann (bzw. muss?). Man könnte inzwischen wohl von einem Ausbremsen durch Mitzeichnung sprechen. Persönlich finde ich die Gestaltung der Website des Petitionsausschusses bzw. des Verfahrens an der Stelle grob irreführend. Es wird der Eindruck erweckt, als sei die Mitzeichnung ausschlaggebend für die Erfolgschance einer Petition.

    Das Innenministerium hält derweil an der internen Weitergabe von Deadnames fest, wie in der Antwort auf eine Kleine Anfrage aus der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen bekundet wird. Der Entwurf einer Verordnung zur Umsetzung des Gesetzes über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag im Meldewesen hatte im Herbst nicht den Bundesrat passiert; mutmaßlich erhofft man sich eine günstigere Zusammensetzung der Länderkammer nach den anstehenden Wahlen im Südwesten.

    Die „Ampel“-Koalition hatte weitreichende Ausnahmen vom Offenbarungsverbot im Selbstbestimmungsgesetz vorgesehen, derer sich das CSU-geführte Innenministerium nun bedienen will. Daher ist eine Zustimmung des Petitionsausschusses zu obiger Bitte nicht zu erwarten. Sie könnte als „Material“ an das Innenministerium überstellt werden.

  • nun lesend

  • Hyperpolitik – revisited

    Ich hatte bislang nie gut verstanden, was Hyperpolitik im Verständnis Anton Jägers im Unterschied zu herkömmlicher Politik eigentlich genau ist, wo der Unterschied liegt.

    Derzeit besonders schlüssig erscheint mir dieser Unterschied in Abgrenzung zur Massenpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts. Jäger dazu:

    Die Massenpolitik der Zeit Webers war nicht weniger aufgeheizt als unsere hyperpolitische Ära. Sie war aber viel stärker institutionalisiert.

    Politik wird so zur Hyperpolitik, weil wir ihr alleine gegenüberstehen und weil die Instrumente der Vergemeinschaftung, derer wir uns bedienen, bloße Behelfe ohne Wirkung sind:

    Aus den sozialen Medien kommen wir nach politischen Auseinandersetzungen genauso raus wie wir reingegangen sind. Sie mögen wie politische Auseinandersetzung wirken, verändern aber nichts.

    Petitionen sind ihrem verfassungsmäßigen Zweck nach Ausdruck des Rechtes des Einzelnen zur Bitte oder Beschwerde gegenüber dem Staat. Selbst die Mitzeichnung, wie sie Nichtregierungsorganisationen und inzwischen auch der Petitionsausschuss des Bundestags anbieten, vergemeinschaften nicht. Sie mögen wie gemeinsame politische Aktivität wirken, verändern aber nichts.

    Dass alles politisierbar und vieles politisiert ist, ist kein neuer Zustand, sondern regelrechte Funktion des politischen Systems. Zur Hyperpolitik wird dieser Zustand, weil wir ihm weitgehend alleine ausgesetzt sind, da wir nicht eingebettet sind in Strukturen, die sortieren, gewichten, diskutieren, Beschlüsse fassen, vielleicht auch in Form einer gewissen Arbeitsteilung abarbeiten.

    Den Institutionen des zwanzigsten Jahrhunderts bringen wir nicht mehr genügend Vertrauen entgegen, um uns dort einzubetten. Zu lange ist das Partizipations- und Mitwirkungsversprechen der Parteien inzwischen uneingelöst, zu abgehoben ist die politische Elite.

    Es ist nicht länger plausibel darstellbar, warum wir derart viel auf Repräsentation und derart wenig auf Demokratie setzen sollten.


    Titelbild: Diagram from Hinton’s The Fourth Dimension (1904). Charles Howard Hinton, 1904. The Fourth Dimension. Underlying Rights: Public Domain Worldwide. Digital Rights: Unclear

  • Gelesen: Wege aus der Gewalt von Thomas Wagner

    Impulse für ein neues politisches Denken verspricht dieser Essay, der im „Salon“ des Podcasts Die neuen Zwanziger von Wolfgang M. Schmidt vorgestellt wurde; inzwischen eine verlässliche Quelle für gute Bücher.

    Wie gut ist die Organisationsform des Nationalstaates geeignet, um Frieden zu wahren? Nicht besonders, so Wagner:

    Vorsichtig ausgedrückt: In Sachen Krieg und Frieden war der Staat über weite Teile der Geschichte hinweg häufiger Teil des Problems als der Lösung.

    Die Alternative lässt sich leicht benennen – die Föderation –, aber schwer beschreiben.

    Die Rede ist von nichthierarchisch-horizontaler Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene, von Demokratie als Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, sich selbst zu verwalten, von geteilter Souveränität.

    Zu Wort kommen Hannah Arendt, Michael Wolffsohn und Abdullah Öcalan.

    Formuliert wird eine dringend notwendige Kritik an der Politikwissenschaft und an ihren „Realisten“.

    Das Buch ist ein wichtiger Anstoß für Debatten zur Frage, in welcher Form sich radikaldemokratische, konföderalistische, gar anarchistische Gesellschaft organisieren soll, wenn die Antwort „Ohne Staat!“ nicht genügt.


    Titelbild: “Catfish Extermination”, 1855. Ansei ōjishin-e
    Public Domain Worldwide, No Additional Rights

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  • Gelesen: Neongrau von Aiki Mira

    Ein Titel, von dem in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder zu lesen war, wenn es um deutsche Science-Fiction ging. Mit fiel der Einstieg schwer. Das Gamersetting, der Slang, die nicht immer überzeugend geschriebenen Dialoge, das merkwürdig reduzierte Worldbuilding …

    Aber Neongrau überzeugt dann doch: mit seinen vielfältigen Figuren in einer Welt, die sich den plumpen Cyberpunk- und Post-Apokalypse-Klischees entzieht. Insofern habe ich das Buch ab etwa dem ersten Viertel gerne gelesen.

    Neongrau gibt es auch als Hörspiel in der ARD Audiothek.

  • Aus der Verweisstruktur des Netzes wird eine Extraktionslogik. Texte werden nicht mehr gelesen, sondern ausgebeutet, ihr Kontext verschwindet im Antwortformat.

    Leitmedium: Das drohende Ende von Open-Source-Projekten durch LLMs am Beispiel von Tailwind CSS