
Vor zwei Jahren zitierte ich das Gedicht i wander through each charter’d street von William Blake, dem George Orwell ein tieferes Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft zusprach als drei Vierteln der sozialistischen Literatur. Es heißt offenbar eigentlich London und beginnt mit der Zeile I wander thro‘ each charter’d street.
Charter’d scheint zu bedeuten, dass die Straßen und der Fluss Themse der Verwaltung unterliegen, verwaltet werden. Diese Kontrolle drücken auch die mind-forg’d manacles, die menschengemachten Fesseln, aus, ebenso wie die Palace walls, an denen die Seufzer der unglücklichen Soldaten blutig herablaufen.

Mark Fishers Essay Capitalist Realism wird gerne mit dem Zatz zitiert
It’s easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.
Das ist zugleich der Titel des ersten Kapitels, praktisch also der erste Satz des Buches. Liest man eine Seite weiter, lernt man, dass er gar nicht von Fisher ist, der ihn ohne konkretere Quellenangabe Fredric Jameson und Slavoj Žižek zuschreibt. Unklar bleibt, ob der Satz in den Originalquellen auf Empirie beruht, aller Wahrscheinlichkeit nach aber nicht – wie hätte die beschaffen sein sollen?
Warum wird der Satz trotzdem so gerne zitiert? Wohl, weil wir uns darin so gut wiederfinden. Wir alle können uns das Ende des Kapitalismus nicht vorstellen und sind froh, darin nicht die einzigen zu sein. Dabei müsste es doch einfach sein: Kapitalismus ist menschengemacht und müsste durch menschliches Handeln auch beendet werden können. Wir finden die Gesellschaft als gemacht vor und halten es daher für plausibel, sie anders zu machen. Aber was, wenn es so einfach nicht ist?

Um sich das Ende des Kapitalismus vorstellen zu können, müsste man eine Vorstellung davon haben, was Kapitalismus ist. Schon der Umstand, dass so viel Lyrik, Essayistik und Poesie zu diesem Thema produziert worden sind, zeugt davon, wie schwierig das, wie unklar der Begriff ist. Der Geist des Kapitalismus, der kapitalistische Realismus, die Entzauberung der Welt durch ihn, nahezu alles, was die Franzosen zu dem Thema geschrieben haben, sind Ausdruck des Umstandes, dass wir nicht wissen, was Kapitalismus ist, so, wie wir auch nicht wissen, was Demokratie ist.
Letztlich handelt es sich bei beidem um essentially contested concepts, die nie einer letztgültigen Definition unterworfen werden. Kapitalismus ist vermutlich viel weniger Struktur, die man kappen könnte, als Semantik: Thema, Selbstbeschreibung und Narrativ, das sich für Publizistik und zum Reizen von Anschlusskommunikation, Gefolgschaft und Widerspruch eignet. Demzufolge wird Kapitalismus niemals enden.
