
Es macht was mit einem, das Kunstbetrachten. Es tut etwas mit dem- oder derjenigen, der oder die die Kunst betrachtet. Wer Kunst betrachtet, wird vom Betrachten der Kunst verändert, mehr noch, er wird anders verändert, als er von einer anderen Tätigkeit als der des Kunstbetrachtens verändert werden würde. Schließlich verändern wir uns fortwährend und sind nach jedem verstrichenen Moment jemand anders als zuvor. Das Betrachten von Kunst ruft indes besondere Veränderungen hervor, die wir aber nicht, das bringt die Ungenauigkeit des Satzes ‚Es macht was mit einem‘ zum Ausdruck, näher benennen könnten. Es wird auch selten nachgefragt, was es denn sein könnte, dieses ‚Was‘, welches ‚es‘ macht. Der Satz wird nicht in der Erwartung von Widerspruch geäußert, sonst würde er nicht geäußert, sondern er wird in der Erwartung wissenden Nickens oder andersgearteter Zustimmung geäußert. Er verbindet die Schauenden und Betrachtenden, stellt Gemeinschaft her, schließt ein und ist gleichermaßen exklusiv. Man gibt sich beim Kunstbetrachten dem hin, was es macht, wird zum Objekt, man wird verändert und also auch behandelt. Der Betrachter, der sich in der Regel ja auch zu der Kunst hin und durchaus auch durch sie hindurch bewegt, handelt dennoch nicht. Einer macht nicht was, sondern es macht was mit einem. Es handelt es, das macht, und nicht sie, die Kunst, ganz zu schweigen von ihr, der Künstlerin, oder ihm, dem Künstler, sondern allein es. So sind wir, mit denen es etwas macht, doch wieder als Handelnde, nämlich Schauende, in den Zusammenhang zurückgekehrt, waren in Wahrheit nie weg, sondern stellen uns in einen Zusammenhang zwischen ihm, das etwas macht, dem etwas, das es macht, und uns, die wir schauen, uns zu der und durch die Kunst bewegen und ja schließlich auch bezahlt haben. Wir wissen und wissen, dass diejenigen, zu denen wir den Satz ‚Es macht was mit einem‘ sagen, es auch wissen, dass es ohne uns die Kunst, das Schauen und das, was es mit einem macht, gar nicht geben könnte. Wer, wenn nicht wir, die wir zueinander den Satz ‚Es macht was mit einem‘ sagen, würde sich dieser Kunst überhaupt aussetzen wollen? Man muss jemand sein, mit dem es bereits etwas gemacht hat, damit es was mit einem machen kann. Das Betrachten bereitet auf das nächste Betrachten vor. Es ist eine Initiation, ein fortwährender Prozess, kein Lernprozess, wohlgemerkt, denn ein Lernprozess würde das Erfordernis mit sich bringen, erklären zu können, was man gelernt habe, aber ein Prozess der Formung, der uns in eine Form bringt, mit der es noch besser was mit einem machen kann als ohne diese. Diese Formung ist blind und ziellos. Wir setzen uns ihr aus, um andere ähnlich Geformte erkennen und ihnen den Satz ‚Es macht was mit einem‘ zuraunen zu können, um anschließend ein wissendes Nicken ernten zu können, oder, noch besser, selbst wissend nicken zu können, nachdem uns der Satz ‚Es macht was mit einem‘ zugeraunt wurde. Als Geformter erkannt zu werden, ist unbedingt vorzuziehen, es kommt einer Adelung gleich. Fast wird man so selbst zu einem Kunstwerk, das es zu betrachten gilt, um etwas mit jemandem zu machen. Aber so weit kommt es nie. Ausschluss und Verachtung wären die Folgen. Sich selbst zum Werk zu machen oder gar eigene Werke zu machen, wäre eine groteske Anmaßung, ein Verstoß gegen die Ordnung, die zwar nicht natürlich ist, wohl aber eingeübt, etabliert und zweckmäßig.
Portrait of Dolly Madison, Mathew Brady. 1848