Sehr lesenswert finde ich die unter dem Titel Schreiben in Distanz veröffentlichte Hildesheimer Poetikvorlesung vom Hannes Bajohr. Es geht um digitale Literatur (das titelgebende Schreiben in Distanz oder Schreiben zweiter Ordnung), die Wahrhaftigkeit des Glitches, Pathos und künstliche Intelligenz, Stoff und Form. Das alles kompakt und verständlich auf rund einhundert Seiten.
Das Buch ist unter Creative-Commons-Lizent 4.0 frei verfügbar, kann aber auch beim Hildesheimer Universitätsverlag erworben werden. Hier geht es zum Download.
Schön ist beispielsweise der Text Über mich selbst — und seine Entstehung:
Zusammen mit Gregor Weichbrodt habe ich eine große Masse an Profilen der Datingseite Parship ›gescraped‹, das heißt, automatisiert heruntergeladen. Am Ende hatten wir etwa 7000 Profile heterosexueller männlicher Nutzer. Weil es bei Parship vor allem um die Selbstpräsentation geht, haben alle Sätze, die mit ›ich bin‹ beginnen, herausgefiltert und über einen Python-Code anschließend mit verschiedenen Konjunktionen – also Wörtern wie ›und‹, ›aber‹, ›andererseits‹ – zu einem großen, ausladenden Monolog verbunden.
Per Text to Speech ergab sich ein rund dreieinhalbminütiger Monolog, den ich meinen bewährten Lärmroutinen ausgesetzt habe.
Eine zweite Version verfremdet den Text deutlich weiter. Im Ergebnis wahrscheinlich ein schlechteres und zu langes Fitter, Happier, More Productive, aber ein großes Vergnügen im Schaffensprozess.
Weil wir wissen wollten, wie es nach der tv-Serie weitergeht, haben wir uns die Buchreihe zu The Expanse gekauft und natürlich muss auch die bei Band 1 begonnen werden. Das ist gut, weil die Reihe wirklich schmissig geschrieben ist und ein tolles science fiction-Worldbuilding in Gang setzt. Ein wenig schlecht ist es, weil die Serie sich wirklich sehr eng sind die Buchverlage anlehnt. Ein wenig, als lese man ein Drehbuch.
Zum Geburtstag gönnte ich mir die Vinyl-Reissues zweier Alben der Elektro-Magier Autechre:
Confield, das mich 2001 regelrecht umwarf. Bis heute das beste Album elektronischer Musik, das ich kenne.
Draft 7.30 erschien zwei Jahre später, weniger bahnbrechend, in einem ähnlichen Stil. Eine Passage daraus hatte ich eine Zeit lang albernerweise als Klingelton, der mich regelmäßig erschreckte.
Müsste ich einen paradigmatischen Track aus dieser Autechre-Ära benennen, so wäre das Pen Expers. Immer noch ein Wunder:
Ein Zufallsfund im heimischen Regal. Kurzweilig und interessant, auch wenn es natürlich nicht möglich ist, Andrew Wiles‘ Beweis von Fermats letztem Satz mehr als nur höchst kursorisch vorzustellen. Das Abstraktionsniveau ist schwindelerregend. Es gibt auch eine TV-Doku, der dieses Buch wohl zugrunde liegt.
Ein – soweit ich sagen kann – herrliches Album und ein regelrechter Pflichtkauf für alle, die sich auch nur im weitesten Sinne für experimentelle Musik interessieren.
Iranian Label Noise à Noise is releasing their compilation Noise à Noise 23: Noise Against the Silence in four volumes: Noise and Glitch, Contemporary and Avant-Garde, Ambient and Drone, and Field Recordings. This compilation opens the Western calendar year 2023 with contributions from Iranian artists living in Iran and abroad, and with pieces submitted by colleagues near and far. We wish everyone a year with more peace, more equality, physical and emotional safety, and the right to speak your mind wherever you are.
Anfangs ein wenig wie Der Name der Rose im Weltraum, dann eine hochinteressante Variation der KI-Thematik in der Science Fiction. Das wohl interessanteste Worldbuilding seit Langem mit viel philosophischem Unterbau. Man versteht gerade genug, um von dem Ideenreichtum fasziniert zu sein.
39 im Jahr 2022 gelesene Bücher – das lässt mich fast den Vorsatz in Betracht ziehen, in diesem Jahr weniger zu lesen. Dafür gibt es bereits das alberne Fachwort Reading Deprivation.
Später werde ich wissen, daß Viel-Lesen ein Narkotikum ist, mit dem man die Kanäle verstopft, aus denen die eigenen Gedanken kommen sollten.
Der Laden von Erwin Strittmatter
Im Januar begann ich wegen der sich heraufziehenden Weltlage, Clarks Sleepwalkers über die Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs zu lesen. Das war … eindrucksvoll.
Gut waren die alten Kurzgeschichten von Judith Hermann. Auch die Techno-Thriller von [[[Blake Crouch]]](https://wolfwitte.blog/2022/08/27/erneut-gelesen-recursion-von-blake-crouch/) lasen sich bei erneuter Lektüre sehr unterhalten. [[Iain M. Banks]]‘ Culture ist nach wie vor die beste Science Fiction, die ich kenne.
Manches, was ich gerne gut finden wollte, hat mich eher genervt, etwa die Satanischen Verse, Cormac MacCarthy oder auch manches (oder gar alles?) von Heinrich Mann. So manches deutsche Sachbuch hat sich als eher dünne, ausgewalzte These entpuppt.
Es folgt die Liste des in 2022 Gelesenen nebst willkürlicher Sternchen-Bewertungen:
Eva Demski: Mein anarchistisches Album – ★★★★☆
Cormac MacCarthy: Stella Maris – ★★☆☆☆
Ectavia E. Butler: Parable of the Talents – ★★★★☆
Cormac MacCarthy: The Passenger – ★★☆☆☆
Marcus Quent: Kon-formismen – ★★★★★
Amal el Mohtar und Max Gladstone: This is how you lose the Time War – ★★☆☆☆
Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft – ★★★★★
Geschichten über Anarchisten. Und Anarchistinnen. Keine Glorifizierung, Aktualisierung oder Verklärung, sondern eine sehr persönliche und mitunter überraschende Auswahl an Persönlichkeiten und Personen, die sich antiautoritär betätigt haben – und das heißt vor allem: vorgewagt. Nicht auf dem Sofa schlau dahergegrübelt, wie ich immer … ein sehr schönes Buch.
Auch dieser „Begleitroman“ zu The Passenger hat nichts erhellt. Es gibt tatsächlich keine nennenswerte Handlung. Daher habe ich überhaupt keine Lust, mich mit damit noch weiter zu beschäftigen. Ärgerliche Zeitverschwendung …