Kategorie: Politik

  • Nachrichten und Alltag

    But then without those doors there did stand the lofty and enshrouded figure of the Lady Madeline of Usher (The Fall of the House of Usher)

    Nachrichten umfassen alle Informationen, was man auch ignorieren kann, weil man nicht betroffen ist. Wenn man betroffen ist, etwa durch Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Krankheit oder Tod, sind Nachrichten kein adäquater Begriff. Es fehlt die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit.

    Nachrichten zur Kenntnis zu nehmen, ist Teil des Alltags. Sie zu ignorieren, ist dies auch. Beides kann angemessen und kommunikabel sein: die Weltlage nicht mehr auszuhalten und sie daher zu ignorieren, oder mit besonderer Intensität am Bildschirm zu sitzen, um ja nichts zu verpassen.

    Alltag ist das den Erwartungen entsprechende Verhalten, das wir ohne größeren Aufwand navigieren können. Alltag ist vorstrukturiert, von Erwartungen geprägt, die man seinerseits erwartet. Alltag ist Struktur. Zum Alltag gehören bestimmte Politiken, etwa der Zeit, Mobilität und Arbeit. Sie reproduzieren Struktur und stärken sie.


    Titelbild: Harry Clarke, 1919. Tales of Mystery and Imagination. Public Domain Image Archive

    Fediverse-Reaktionen
  • Verlässliches Scheitern: Petitionen für ein Böllerverbot

    Fireworks at Ikenohata, Kobayashi Kiyochika. 1881

    Alle Jahre wieder werden kurz vor dem Jahreswechsel Petitionen initiiert (1, 2), die sich für ein „Böllerverbot“ auch an Silvester (Feuerwerk ist ja fast ganzjährig verboten) aussprechen. Sie scheitern verlässlich. Eine Auswahl nach nur oberflächlicher Recherche:

    Campact vom 4.01.2023: Ausgeböllert: Über 150.000 Menschen fordern Feuerwerk-Verbot

    Gewerkschaft der Polizei Berlin am 14.11.2023: GdP-Petition für bundesweites Böllerverbot knackt 50.000 Unterschriften

    Deutsche Umwelthilfe am 14.01.2022: Mehr als 500.000 Stimmen für dauerhaftes Böllerverbot: Aktionsbündnis aus Umwelt-, Tierschützern und Ärzten übergibt Petition an Innenministerin Faeser

    OpenPetition, 2020 oder älter: VERBOT des „privaten Silvesterfeuerwerks“

    Petitionen beim Bundestag

    Beim Petitionsausschuss des Bundestags lassen sich anhand der Suchbegriffe Böller und Feuerwerk rund ein Dutzend Petitionen finden, die in den vergangenen Jahren eingereicht wurden. Nicht alle zielen auf ein Verbot ab. Aus denjenigen, die das tun, stelle ich die folgende Auswahl vor. Zitiert ist jeweils das abschließende Votum des Petitionsausschusses:

    Petition 129231 vom 02.01.2022: Schaffung rechtlicher Voraussetzungen für den Verkauf von Feuerwerkskörpern (ausgenommen F1)

    Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Petitionsausschuss im Ergebnis, die Petition der Bundesregierung – dem Bundesministerium des Innern und für Heimat – als Material zu überweisen, soweit es um die Einbeziehung der Petition in die fortlaufende Prüfung des gesetzgeberischen Handlungsbedarfs geht, und das Petitionsverfahren im Übrigen abzuschließen.

    Petition 129208 vom 31.12.2021: Generelles Verbot von Silvesterfeuerwerk

    Vor dem Hintergrund der laufenden Meinungsbildung und damit die Position der Petenten im Parlament zur Kenntnis genommen wird und in den Diskussionsprozess miteinfließen kann, hält der Petitionsausschuss die Petition für geeignet, sie den Fraktionen zur Kenntnis zu geben. Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Petitionsausschuss im Ergebnis, die Petition den Fraktionen des Deutschen Bundestages zur Kenntnis zu geben.

    Petition 75857 vom 01.01.2018: Feuerwerksverbot für Privatleute/alleinige Ausübung durch ausgebildete Fachleute

    Vor diesem Hintergrund vermag der Petitionsausschuss nach umfassender Prüfung der Sach- und Rechtslage keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf auf Bundesebene zu erkennen und die mit der Petition erhobene Forderung aus den oben dargelegten Gründen nicht zu unterstützen. Der Ausschuss hält die geltenden sprengstoffrechtlichen Vorschriften für sachgerecht und empfiehlt daher im Ergebnis, das Petitionsverfahren abzuschließen, weil dem Anliegen nicht entsprochen werden konnte.

    Wahnsinn oder „dicke Bretter“?

    Man könnte sagen, dass auch hier steter Tropfen den Stein höhlt, dass es eben das sprichwörtliche dicke Brett ist, das zu bohren sei. Dagegen spricht, dass die Öffentlichkeit stets vergisst, was im letzten Jahr war; so entsteht kein Druck, keine Eskalation. Und natürlich gilt weiterhin: Die eine Seite führt Kulturkampf, die andere schreibt Petitionen.

    Fediverse-Reaktionen
  • Zur Aktualität des Manifests von Ventotene

    Das ist für den Anfang eigentlich alles, was es braucht:

    Das führt uns zurück zu den materiellen Voraussetzungen, die schon Spinelli und Rossi im Manifest skizziert haben: ausreichendes Auskommen statt Almosen; Mitbestimmung über wichtige Entscheidungen, auch in der Wirtschaft; Beteiligung der Beschäftigten am erwirtschafteten Umsatz statt Gewinne für wenige; Vergesellschaftung statt Kapitalkonzentration; und letztlich eine Infrastrukturpolitik, die die gemeinsamen Güter, wie etwa Bildung und Erziehung, ausreichend finanziert.

    Aus: Für eine europäische Linke ohne Scheuklappen. Zur Aktualität des Manifests von Ventotene von Daphne Weber

    Das Manifest kann unter anderem hier gelesen werden.

  • „Offene Grenzen sind sehr wohl realisierbar“

    Ein Anfang wäre es, konkrete Alternativen hier und jetzt aufzubauen, Keimformen in den Nischen der Gesellschaft. Wir brauchen Wohnprojekte, Initiativen für die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen und praktische Solidarität mit den Menschen, die hier gerade ankommen oder noch auf dem Weg sind.

    „Offene Grenzen sind sehr wohl realisierbar“ – Interview mit Fabian Georgi

  • Ausnahmen vom Offenbarungsverbot im Selbstbestimmungsgesetz

    Seit dem 1. November 2024 gilt das von der Ampelkoalition beschlossene Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (Selbstbestimmungsgesetz, SBGG).

    Die vom Bundesministerium des Innern betriebene Website personenstandsrecht.de fasst die Zielsetzung folgendermaßen zusammen:

    Das Selbstbestimmungsgesetz macht es für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen einfacher, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen ändern zu lassen. Die Änderung erfolgt durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt. Eine gerichtliche Entscheidung über die Antragstellung ist nicht mehr erforderlich.

    In § 13 wird das sogenannte Offenbarungsverbot festgeschrieben, wonach die bis zur Änderung eingetragene Geschlechtsangabe und die bis zur Änderung eingetragenen Vornamen nicht ohne Zustimmung offenbart oder ausgeforscht werden dürfen.

    Ausnahmen vom Offenbarungsverbot

    Der Paragraph räumt Ausnahmen ein:

    Satz 1 gilt nicht, wenn

    1. amtliche Register oder amtliche Informationssysteme personenbezogene Daten zu dieser Person enthalten und im Rahmen der jeweiligen Aufgabenerfüllung von öffentlichen Stellen die Verarbeitung von Daten nach Satz 1 nach anderen Rechtsvorschriften erforderlich ist,
    2. besondere Gründe des öffentlichen Interesses eine Offenbarung der Daten nach Satz 1 erfordern oder
    3. ein rechtliches Interesse an den Daten nach Satz 1 glaubhaft gemacht wird.

    Was ist eine Ausnahme?

    Diese von der „Ampelkoalition“ aus SPD, FDP und Grünen vorgesehenen Ausnahmen stellen sich mir (wohlbemerkt kein Jurist) in der Gesetzesbegründung als durchaus weitreichend dar:

    Das Offenbarungsverbot gilt nicht für amtliche Register und Informationssysteme [..]. Es gilt auch nicht, wenn besondere Gründe des öffentlichen Interesses ein Offenbaren erfordern oder ein rechtliches Interesse glaubhaft gemacht wird [..].

    Ferner lägen besondere Gründe des öffentlichen Interesses vor, wenn die Kenntnis von Eintragungen unter den früheren Vornamen erforderlich ist.

    Aber: Ein Offenbaren „erfordern“ könne ein öffentliches Interesse nur, wenn es gegenüber dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht der betroffenen Person überwiegt.

    Die Verordnung des Innenministeriums

    Jedenfalls gedenkt das inzwischen CSU-geführte Innenministerium von diesen – von der „Ampel“ geschaffenen – Ausnahmetatbeständen nun Gebrauch zu machen:

    Der Referentenentwurf einer Verordnung zur Umsetzung des Gesetzes über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag im Meldewesen dockt an die oben zitierte Ausnahme für amtliche Register und Informationssysteme an

    Ihr zufolge

    [..] wird künftig neben dem neuen Geschlechtseintrag auch der bisherige Geschlechtseintrag an das Meldewesen übermittelt. Das ist erforderlich, damit Personen in verschiedenen amtlichen Registern und amtlichen Informationssystemen von Datenempfängern identifiziert werden können und ihre Identität nachvollziehbar ist. Dies bedeutet, dass die bis zur Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen eingetragenen Angaben verarbeitet werden dürfen.

    Die Petition 183950

    Gegen diesen Verordnungsentwurf wurde eine Petition beim Deutschen Bundestag eingebracht: Keine Führung eigener Register zur Erfassung von trans* und nichtbinärer Personen.

    Sie fordert, dass keine eigenen Register zur Erfassung von trans* und nichtbinären Personen geführt werden dürfen. Jegliche Pläne zur Erfassung von Minderheiten in Sonderregistern seien unverzüglich zu unterlassen. Die Warnung, der ich mich uneingeschränkt anschließe, lautet:

    Historisch gesehen wurden Minderheitenlisten immer wieder als Werkzeug staatlicher Repression eingesetzt. In einer offenen Demokratie dürfen wir solchen Rückschritten nicht tatenlos zusehen. Die Menschenwürde (Art. 1 GG) und das Diskriminierungsverbot (Art. 3 GG) sind Grundpfeiler unseres Grundgesetzes, die nicht zur Debatte stehen dürfen.

    Probleme mit der Petition

    Probleme sehe ich bei dieser Petition – abseits des Umstands, dass es eine Petition ist – mehrere: Mindestens ungeschickt ist die Sprachregelung von eigenen Registern und Sonderregistern. Solche sieht zumindest der oben zitierte Verordnungsentwurf gar nicht vor. Das ist aber unerheblich, denn all diese Daten sind schon jetzt und – erfolgreiche Verwaltungsdigitalisierung vorausgesetzt – in Zukunft erst Recht über den Standard XMeld und entsprechende Fachverfahren abrufbar.

    Hinzu kommt, dass das Selbstbestimmungsgesetz eine recht eindeutige Rechtsgrundlage für das Vorgehen des Innenministeriums liefert. Ich weiß nicht, ob es Proteste gegen die Ausnahmetatbestände gab, als der Gesetzentwurf im parlamentarischen Verfahren war. Erinnern kann ich nur Jubelmeldungen aus dem linksliberalen Raum. Jetzt jedenfalls kommt der Protest zu spät.

    Die Zielsetzung der Petition müsste also eigentlich eine Reform des Selbstbestimmungsgesetzes sein – auch wenn sie dies nicht explizit fordert. Der Petitionsauschuss wird sie sicher so lesen. Wer erwartet aber von dieser „großen“ Koalition und der Regierung Merz I mit einem Innenminister Dobrindt hier eine sinnvolle Reform?

    Die eine Seite führt Kulturkampf, die andere schreibt Petitionen

    Ich übe gerne und oft Kritik am Instrument der Petition. Ich halte sie für Ausdruck eines untertänigen Bittstellerwesens, bei dem Bürgerinnen und Bürger um das Gehör und Wohlwollen des Staat und seines Institutionen bitten. Petitionen sind nahezu frei von Deliberation, Diskussion, Debatte. Sie nutzen nicht einmal in nennenswertem Maß zur Organisierung.

    Erst vor einer Woche ärgerte ich mich über die Forderung „Keine Macht für Oligarchen: Bundesregierung endlich runter von X“, die bei zu allem Überfluss bei dem privaten Anbieter Campact platziert worden war. Sie wünscht, dass die Ministerial-PR gefälligst auch bei Mastodon gepostet werde. Oder anders: Die autoritative Wende soll sich nicht auf X beschränken. Die eine Seite führt also Kulturkampf, die andere schreibt Petitionen – vermutlich bald nur noch an die eine Seite.

    Es ist grundsätzlich sicher schön, wenn das Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen noch so ausgeprägt ist. Dass man aber offenbar nicht erkennt, wie im Fall des Selbstbestimmungsgesetzes inzwischen fünf Parteien (SPD, Grüne, FDP, CDU und CSU) die Interessen Betroffener missachten, sondern immer noch als Bittsteller gegenüber dem Staat auftritt, treibt mich zur Verzweiflung.

    AfD will Petitionen stärken

    Wer übrigens Petitionen schätzt, ist die AfD: Sie hat den Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Bürgerbeteiligung durch die Behandlung von Petitionen durch den Deutschen Bundestag (PetG) eingebracht, den ich hier nicht verlinke. Sie hat sicherlich ein Interesse an weitgehend passiven Bittstellern, deren unverbindliche Eingaben man willkürlich annehmen oder ablehnen kann.

    Fediverse-Reaktionen
  • Keim

    Eine Stärke des Begriffs »demokratischer Faschismus« ist, dass er beschreibt, wie Demokratien in Faschismus umschlagen können, weil sie den Keim faschistischer Entwicklung schon in sich tragen.

    Simon Grothe beim Jacobin über Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus, das neue Buch von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey.

    Der Text macht nicht klar, was dieser Keim genau ist, dafür sollte man wohl das Buch lesen, aber Demokratie ist natürlich Herrschaft, woran das Beherrschen und Beherrschtwerden anschließt.

    Herrschaft verschleiert sich in der Demokratie gerne als Regieren, noch neumodischer als Gouvernance, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, um was es geht: Menschen zurichten.

  • Nieder mit Bürgerräten

    Seit 2021 wurden beim Deutschen Bundestag zwei Bürgerräte durchgeführt: Deutschlands Rolle in der Welt im Januar und Februar 2021 sowie Ernährung im Wandel: Zwischen Privatangelegenheit und staatlichen Aufgaben von September 2023 bis Januar 2024.

    Jeweils 160 ausgeloste Bürgerinnen und Bürger durften zu vorgegebenen Fragen Empfehlungen an den Bundestag erarbeiten, die seitdem – unschwer erkennbar – politisch absolut folgenlos geblieben sind.

    Die Menschen wurden von Organisations- und Moderationsteams der Institute nexus, IPG und ifok durch die Workshops und Thementage geführt. Einige Dutzend Expertinnen und Experten dienten als Wissenspender.

    Diese Infantilisierung zieht sich durch die gesamte Struktur des Formats. So durften Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihrer als „Reiseführer“ bezeichneten Unterlage ausfüllen

    Vor der ersten Sitzung habe ich mich so gefühlt:
    aufgeregt, vorfreudig, angespannt, anderes, nämlich:

    Unverkennbar ist die unangenehme Workshopatmosphäre.

    Die Bundestagsverwaltung hat eine offenbar nach wie vor tätige Stabsstelle Bürgerräte nun aufgelöst. Das ist richtig. Zufallsgremien, die Partizipation zur Lotterie machen, Amtsträgern für gefällige Photo-ops dienen und repräsentative Demokratie lediglich schmücken, lehne ich ab.

    Für richtig halte ich selbstorganisierte Räte, die offen sind für alle Menschen, beispielsweise im Stadtteil, der Straße, dem Mietshaus. Die macht man aber nicht mit einer Stabsstelle beim Bundestag.


    Titelbild: Crowds Awaiting the „Holy Fire“ at the Church of the Holy Sepulchre, American Colony, ca. 1910. Library of Congress bei Public Domain Image Archive.

  • Lernen von Mamdani

    Was kann die Linke von Mamdani lernen, wurde irgendwo gefragt. Die Antwort kann nur lauten: gar nichts. Die Politik der Weltgesellschaft ist ja nicht deshalb in zahllose Segmente, vom Nationalstaat bis zur Kommune, segmentiert, weil sich alles eins zu eins von a nach b übertragen ließe.

    Wollte man lernen um des Lernens willen und nicht für strategische Erwägungen politischer Flügel, so könnte man lernen, wie furchtbar diese ewige Lotterie der Parteipolitik ist, gerade in den Vereinigten Staaten. Immer ist man auf der Suche nach der nächsten übermenschlich talentierten politischen Persönlichkeit, die vor jeder Kamera, auf jeder Bühne und in jeder Situation eine gute Figur macht, on Message bleibt und nur ja keine Fehler begeht.

    Obama war dies, Trump auf seine Art natürlich auch, AOC ist es bestimmt und Mamdani ebenfalls. Das ist Parteipolitik in Reinform: Elitenbildung, Auslese und Rekrutierung von Spitzenpersonal. Den übrigen Millionen, im Weltmaßstab (wie gesagt, Systemreferenz ist die Politik der Weltgesellschaft) sogar Milliarden, bleibt nur das Zuschauen, Staunen und Bewundern.

    Die Frage, was eine emanzipatorische Politik, die Demokratie weiter denkt und weniger Repräsentation zu wagen wagt, lernen könnte, wäre hingegen eine, die sich zu stellen lohnt.

    Fediverse-Reaktionen
  • 200729: #Yolaf statt #Nolaf

    Ein schönes, obskures Beispiel für die kulturellen Vorzüge von Quelloffenheit und Austausch:

    According to Malone, most of her peers don’t own microphones, monitors, or the instruments they record with; it’s all loaned out by EMS via a trust-based system. Additionally, much of the code that artists create with SuperCollider, a programming language and environment used by many drone musicians in Stockholm, is open source and available for all to use.

    Aus einem Feature bei Bandcamp über die Drone-Musikszene in Stockholm

    Das Innenleben der Sozialdemokratie könnte mir ja eigentlich egal sein, als ehemaliges, langjähriges Mitglied wird es das aber wohl nie. Daher fand ich das Twitter-Kampägnchen gegen Olaf Scholz als möglichen Kanzlerkandidaten heute milde interessant.

    Olaf Scholz hätte seinen drei Vorgängerkandidaten Steinmeier, Steinbrück und Schulz einen wesentlichen Punkt voraus: Er hat bereits Wahlen gewonnen, und zwar nicht zu knapp.

    Überdies wird der nächste SPD-Kandidat erstmals seit fünfzehn Jahren nicht gegen Angela Merkel antreten, die in der Mitte bis ins linke Lager hinein über die Jahre immer mehr an Popularität gewonnen hat. Scholz wäre ein ideales Angebot für alle Wähler*Innen, die sich 2021 Verlässlichkeit und Seriösität wünschen, denn die CDU wird so ein Angebot nach derzeitigem Stand nicht unterbreiten können – am wenigsten mit meinem (inzwischen unwahrscheinlichen) Wunschkandidaten Merz.

    Sicher ist Scholz kein linker Kandidat. Aber die SPD hat noch nie Wahlen mit links gewinnen können. Das kann man bedauern, ist aber so. Mit Scholz würde sie zumindest zeigen, dass sie noch den Willen hat zu gewinnen, so unwahrscheinlich das gerade erscheinen mag.

  • Politik und Internet

    Schon vor rund zwei Jahren habe ich das Buch The Big Disconnect: Why the Internet Hasn’t Transformed Politics (Yet) von Micah L. Sifry gelesen und weil ich gerade auf einige Zitate und Anstreichungen stieß, die zu Anschlussgedanken führten, hier ein paar Sätze dazu:

    this is a central point of this book, while the barrier to entry to public media has been lowered by the Internet, the proliferation of digital tools and behaviors has not made participation in decision-making or group coordination substantially easier.

    Es ist eben etwas anderes, niederschwellig und günstig zu beliebig großen Öffentlichkeiten kommunizieren zu können und in/mit diesen Öffentlichkeiten auch zu verbindlichen Entscheidungen zu gelangen. Es ist eben kein Unfall, dass wir uns als Gesellschaft große, nicht eben billige und aufwändige politische Apparate mit Parlamenten, Ministerien, nachgeordneten Behörden, Parteien leisten, um diese Fähigkeit der Entscheidungsfindung (und – durchsetzung) aufrechtzuerhalten. Der alte Traum, das Internet könnte auch in politischer Hinsicht alte Barrieren niederreißen, ist zwar nicht ausgeträumt, harrt aber auch noch seiner Realisierung.

    We are a generation into the Networked Age, and our public infrastructure of schools, libraries, parks, and government institutions, all places where “we the people” can congregate in the flesh, have not been replicated online.

    Das Internet hat die Mobilisierung zu Demonstrationen erleichtert und es hat neue Instrumente wie Online-Petitionen geschaffen. Ich verhöhne Petitionen gerne als untertänigste Form  der Partizipation, weil sie den Gesetzgeber lediglich bitten, etwas zu machen; das ist nicht ganz richtig und vor allem gemein. Aber wo Petitionen vor allem gebraucht werden, um Mandatsträger mit Kommunikation zu überschütten, führt das mitunter zu einer Art von Rebound Effect:

    The modern Tragedy of Advocacy is that all this increased share-your-voice-i-ness of citizens with Congress has actually resulted in more reliance on specialists and less on constituents than ever before. Congressional staffs often need those specialists (typically the dreaded “lobbyists” we love to hate) simply to distinguish signal from noise.

    Entscheidungsbefugnis hat das Internet den Bürgerinnen jedenfalls nicht verliehen. Lediglich Instrumente wie Liquid Feedback, bekannt geworden durch die Piratenpartei, stellen prinzipielle (technologische) Möglichkeiten dar. Da, wo dieses Werkzeug partizipativ, etwa zu Haushaltsfragen oder für die Kommunalpolitik eingesetzt wurde, scheiterte es bislang an mangelnder Teilnahme.

    Das lässt den Schluss zu, dass das Werkzeug nicht gut genug ist (möglich, denn Liquid Feedback gilt als ziemlich komplex), oder, dass gar kein Wunsch nach Partizipation besteht – sondern nach Repräsentation, die einen von der Last der Partizipation gerade befreit.