Autor: Wolf

  • Christopher Clark – The Sleepwalkers

    Wie Europa 1914 in den Krieg zog: Ein umwerfendes Panorama der internationalen Beziehungen vor dem ersten Weltkrieg.

    Eindrucksvoll ist nicht nur der Umfang der überlieferten Korrespondenzen, Telegramme, Protokolle, Tagebücher und sonstigen Veröffentlichungen, eindrucksvoll ist auch die Akribie, mit der Clark diese Quellenlage bewertet und eingeordnet hat; einschließlich aller Leerstellen, Unklarheiten oder schlicht unerklärlichen Entscheidungen.

    Ich hatte das Buch im Januar ausgeliehen und wohl geglaubt, es könne bei der Bewertung der damaligen Lage in irgendeiner Weise helfen. Die Lage hat sich inzwischen auf dramatische Weise verändert und jegliche dilettantischen Einschätzungen oder Bewertungen meinerseits verbieten sich.

  • Portals: Energostatic (For Ukraine)

    Ein Sampler des Netlabels Energostatic, Erlöse gehen zugunsten von Save The Children „and their specific activities supporting Ukraine at this time“. Die Hintergründe sowie die auf der Kompilation vertretenen Künstler werden hier vorgestellt.

    A big thank you to label owner Marian for allowing this project to happen as he deals with life in Kyiv right now, the artists for their participation, and Rafael Anton Irisarri for kindly providing his mastering services.

    Der Sampler kann auf Bandcamp gehört und per Name your Price erworben werden.

  • Louis-Ferdinand Céline – Reise ans Ende der Nacht

    Hinrich Schmidt-Henkel leitet sein Essay zur Übersetzung dieses Buches (übrigens hochinteressant) so ein:

    Louis-Ferdinand Céline zwingt jeden Leser in die paradoxe Urteilsspannung zwischen Bewunderung für den Stilisten, den Revolutionär der Literatur, und Erschrecken über die blindwütige, menschenverachtende Hetze, deren er fähig war.

    Ich habe schon mehrmals vergeblich versucht, die Reise ans Ende der Nacht zu Ende zu lesen. Erst mit diesem, dritten, Versuch ist es gelungen. Nicht nur wegen der menschenverachtenden Hetze. Es gibt auch darin Passagen, die gerade wegen ihres Weltekels lesenswert sind. Aber das Buch ist vor allem in seiner zweiten Hälfte mitunter auch einfach langweilig; mit dem wirklich umwerfenden Abschluss dann wieder lohnenswert, aber eben zäh.

    Wäre „Cancel Culture“ real, könnte sie sich an Céline regelrecht abarbeiten; sicherlich tun das auch einzelne. Ich schätze dazu die Haltung von Philip Roth:

    Um die Wahrheit zu sagen: Mein Proust in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein sehr großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unterträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane. (…) Céline ist ein großer Befreier.

  • Jane Deasy – Mouth of the Sound

    Zwei sehr schöne, überlange Ambient-Tracks – natürlich gekauft bei Bandcamp.

    The field recording used and manipulated on the title track was made at the Slate Quarry on Valentia Island (in Irish, Beal Inse, which translates as Mouth of the Sound). The quarry is heard before it is seen, a large and resonant mouth in the earth. The piece immediately submerges the listener in saltwater turbulence and quivering electronics.

    Quelle

  • Iain M. Banks – Look to Windward

    Der beste Culture-Band? Sehr gut möglich; aber eigentlich ist ja jeder Culture-Band, den man gerade liest oder gelesen hat, der beste.

    Look to Windward gelingt es, zugleich die unermesslichen Kosten des Krieges und die utopische Gesellschaft der Culture zu beschreiben. Oft humorvoll, mitunter das Horror-Genre streifend und wie immer bei Banks verfasst in einer genre-untypischen literarischen Qualität.

  • Ulf Erdmann Ziegler – Eine andere Epoche

    Die Rezensionsnotizen zu diesem Buch waren ja geradezu hymnisch. Ich fand es interessant, aber nun auch nicht überragend. Es bewegt sich, was den politischen Realismus der Arbeit im Bundestag betrifft, in einem merkwürdigen Uncanny Valley: Die Geschichte ist so nah dran an dem wahren Ereignisgeflecht aus NSU, Untersuchungsausschuss, Christian Wulff, Sebastian Edathy und Michael Hartmann, dass die Feinheiten sie noch mehr ins Fiktive, teils Absurde rücken. Im Büro des Ausschussvorsitzenden scheint nie richtig gearbeitet zu werden. Termindruck, Hetzerei, Berge an Drucksachen gibt es dort nicht. Die Gespräche, die geführt werden, klingen mitunter vollkommen irreal. Außerdem – eine Kleinigkeit, die mich aber oft aus der Lektüre herausriss – haben etliche Figuren wirklich seltsame Namen.

  • Ian M. Banks – Inversions

    Inversions ist wenig wie die Star Trek-Episoden, bei denen sich Crewmitglieder unter die Bevölkerung eines weniger weit entwickelten Planeten mischen – hier erzählt aus Sicht dieser Bevölkerung. Oder auch wie die Garfield minus Garfield Comics.

    Es ist den Fähigkeiten von Ian Banks zu verdanken, dass sich dieser Roman, in dem die utopische Scifi-Gesellschaft Culture lediglich in wenigen Andeutungen vorkommt, dennoch so gut liest. Im Grunde ein Historienroman in einer alternativen frühen Neuzeit, mit exzellent geschriebenen Figuren.

    Zugegebenermaßen blieb ich als Leser auch deshalb am Ball, weil ich einen Showdown erwartete, in dem die Culture-Agenten sich offenbaren müssen. Den gibt es auch, allerdings inkonsquenter als erhofft. Auch bleiben die beiden Erzählstränge weitgehend unabhängig voneinander; das führte zu milder Enttäuschung meinerseits.

  • Bücher 2021

    Drei Bücher haben mich im letzten Jahr besonders beeindruckt:

    Project Hail Mary

    Optimistische, friedvolle (as in nicht militärisch), packende Science Fiction, wie schon Der Marsianer mit einem unverwüstlichen Space-McGyver in der Hauptrolle. Das ist wohl der eine Charakter, den Andy Weir schreiben kann oder mag. Außerdem hard SciFi im besten Sinne, also wissenschaftlich fundiert geschrieben, ohne Leser mit Techno-Babble zu überfordern.

    Darkness at Noon

    Der alternde Bolschevik Rubashov wird von der immer unmenschlicher werdenden Parteibürokratie zermalmt. Ein Meisterwerk, das auch seinen geistigen Zwilling 1984 in den Schatten stellt.

    Piranesi

    Von allen Geschichten aus dem weiten Genre der Fantastik, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, wohl die seltsamste, schönste und berührendste.


    Und hier die vollständige Liste meiner in 2021 gelesenen Bücher – nebst meiner neuen Sternchenbewertungen:

    1. Alastair Reynolds – Revelation Space – ★★☆☆☆
    2. Jesmyn Ward – The Fire This Time : A New Generation Speaks about Race -★★★★☆
    3. Jeff vanderMeer – Annihilation – ★★★★★
    4. Kathryn Schulz – The Best American Essays 2021 – ★★★★☆
    5. Tade Thompson – Far from the Light of Heaven – ★★★☆☆
    6. Joe Haldeman – The Forever War – ★★☆☆☆
    7. Alan Watts – Zen – ★★★★☆
    8. Marlen Haushofer – Die Mansarde – ★★★☆☆
    9. Werner Herzog – Vom Gehen im Eis – ★★★☆☆
    10. Max Frisch – Stiller – ★☆☆☆☆
    11. Marge Piercy – Woman on the Edge of Time – ★★☆☆☆
    12. Alastair Reynolds – House of Suns – ★★★☆☆
    13. Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – ★★★☆☆
    14. Christopher McDougall – Born to Run – ★★☆☆☆
    15. Wolfgang Welt – Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe – ★★★☆☆
    16. Andy Weir – Project Hail Mary – ★★★★★
    17. Tom Hillenbrand – Qube – ★★★☆☆
    18. Arthur Koestler – Darkness at Noon – ★★★★☆
    19. Michael Marrak – Das Haus Lazarus – ★★☆☆☆
    20. Richard Seymour – The Twittering Machine – ★★★☆☆
    21. Kevin Roose – Futurepeoof – ★★★☆☆
    22. Judith Shklar – Über Ungerechtigkeit – ★★★☆☆
    23. Kathrin Passig – Je Türenknall desto Wiederkomm – ★★★☆☆
    24. Giovanni Sartori – Demokratietheorie – ★★★★☆
    25. Iain M. Banks – The State Of The Art – ★★★☆☆
    26. Max Brooks – Devolution – ★★★☆☆
    27. Ben Smith – Doggerland – ★★☆☆☆
    28. Susanna Clarke – Piranesi – ★★★★☆
    29. Alexander Weinstein – Universal Love – ★★★☆☆
    30. Hugh Howey – Wool – ★★☆☆☆
    31. Niklas Luhmann – Die Wissenschaft der Gesellschaft – ★★★★☆
    32. Niklas Luhmann – Soziale Systeme – ★★★☆☆
    33. John Scalzi – The Ghost Brigades – ★★☆☆☆
    34. Stefan Zweig – Die Welt von gestern – ★★★★☆
  • Alastair Reynolds – Revelation Space

    Meinen letzten Reynolds (House of Suns) habe ich ja in einer Liste von SF-Büchern gefunden, die dezidiert nicht Bestandteil einer Serie sind. Hätte ich doch nur bei Revelation Space darauf geachtet, so wäre mir diese Lektüre vielleicht erspart geblieben, denn natürlich eröffnet der Band ein ganzes Universum aus Fortsetzungen und Kurzgeschichten.

    Revelation Space ist vor allem unfassbar langweilig. Es hat keinerlei Figuren, für die man sich interessieren könnte, die Handlung schleppt sich mühsam von einem Infodump zum nächsten. Zum Ende hin wird ein milde interessantes SF-Konzept eingeführt, um das man sicher eine interessante Geschichte hätte schreiben können. Revelation Space ist das nicht.

  • Jesmyn Ward – The Fire This Time : A New Generation Speaks about Race

    Eine der Autorinnen, auf die ich in den Essays 2021 aufmerksam geworden bin. Auch dies ist wieder eine Essaysammlung mit weiteren Autorinnen und Autoren, die es zu lesen lohnt. Der Titel spielt an auf The Fire Next Time von James Baldwin

    The first essay, originally appearing in The Progressive magazine in 1962 and titled „My Dungeon Shook: Letter to My Nephew on the One Hundredth Anniversary of the Emancipation“, is a letter to Baldwin’s nephew in which he compares his nephew to the men in their family including Baldwin’s brother and father. He tells his nephew about America’s ability to destroy Black men and challenges his nephew to convert his anger due to mistreatment as a Black man into having a passionate and broad outlook on the African-American experience.