• 23.1.19: Epiktet und Yello

    Weil es hier dringend anempfohlen wurde, habe ich mir das Büchlein von Epiktet wieder rausgesucht, das auf deutsch den merkwürdigen Titel Handbüchlein der Moral trägt. Der hat mich bislang stets von der Lektüre abgehalten. Auf englisch heißt es offenbar The Manual. Das hat mal was:

    The Manual is the double espresso of stoicism.

    Außerdem heute viel über Musik gelesen; James Blake, Die Türen und – für mich neu und nicht schlecht – Klaus Johann Grobe. Die kommen aus der Schweiz und ich wurde gewahr, dass ich noch nie Musik aus der Schweiz besessen habe. Bewusst kenne ich nur Yello und musste mir sofort The Race anhören, weil es so gut ist:

    Bei Minusgraden friert mir immer die Gangschaltung am Fahrrad ein, so dass ich es lediglich bis zum S-Bahnhof schaffe. Also besitze ich derzeit mal wieder eine Monatskarte und nehme am öffentlichen Personennahverkehr teil. Nach wie vor eine eher freudlose Erfahrung.

  • Dan Simmons – Endymion

    Die Fortsetzung von Hyperion und mit 1.300 Seiten erneut ein ziemlicher Brocken. Während Hyperion bei der letzten Lektüre ziemlich gelitten hat, war Endymion so, wie ich es in Erinnerung hatte: Ein nahezu perfekter Abenteuer-Roman im Science Fiction-Gewand. Simmons schreibt hier einfach spannend und das macht auch beim erneuter Lektüre noch Spaß. Die katholische Kirche inklusive Papst, Kardinälen, Schweizer Garde und allem ornamentalen Beiwerk zu einem interstellaren Imperium auszubauen – natürlich als Antagonist – klingt wahnsinnig, funktioniert aber ausgezeichnet. Kapitel aus dieser Perspektive waren mir oft die liebsten; etwa so unterhaltsam wie Vader und der Imperator in Star Wars.

  • write.as: Vom Schreiben

    Ein schöner Text über das Schreiben, gefunden auf einem write.as-Blog nämlich dem eines gewissen Count Fenrig:

    What finally clicked and allowed me to move forward, at least so far, was surprisingly simple: I had to find ways to allow myself to be terrible.

    Und:

    Ultimately the magic bullet for me to start writing for real is to realize that no matter what I do, someone will dislike it.

    write.as versteht sich als eine Indieweb/Fediverse-Alternative zu Medium. Ich habe einfach mal den Full Feed aller write.as-Blogs abonniert. Noch nicht zuviel und jede Menge neuer, oft interessanter Content von mir unbekannten, oft anonymen Leuten.

  • 16.1.19: Grünkohl und „Titans“

    Heute nahm ich an Arbeitskreissitzungen im Haus der Wirtschaft in West-Berlin teil. 70er-Jahre-Bausubstanz am Ernst-Reuter-Platz kaum zehn Minuten von meinem Noch-Wohnort entfernt.

    Die Mittagspause verbrachten wir in der Kantine der nahegelegenen Bundesbank (wo ich vor rund vier Jahren ein gefühltes Kilo Kleinstgeld in Scheine wechselte) und wo ich – das ist tatsächlich etwas besonderes – Grünkohl aß. Nicht so gut wie selbstgemacht, was gut ist, weil es heißt, dass der selbstgemachte gut ist.

    Danach fuhr ich dann noch ins Büro und fand zwei schreckenerregende Mails im Postfach vor, die mich aber erstaunlich unaufgeregt zurückließen. Anschließend erledigte ich noch ein paar wichtige Sachen mit dem Chef, damit sie morgen bereits erledigt sind. Gut.

    Und eben schaute ich die erste Folge von Titans bei Netflix. DC will jetzt offenbar auch „grittty“ Serien wie Daredevil, Jessica Jones etc. Aber ich fand’s nicht schlecht. Abgesehen von Dick „Robin“ Grayson weiß ich nicht, wer die Leute sind, was es eher noch interessanter macht. Von DC habe ich nur wenig gelesen und wenn dann Batman.

  • 13.1.19: Oum Kalthoum und Talk Talk

    Samstag waren wir zum ersten Mal im Bochumer Schauspielhaus, allerdings nicht zu einem Stück, sondern in den Kammerspielen zu einem Konzert arabischer Musik:

    Die ägyptische Sängerin Oum Kalthoum gilt bis heute als eine der einflussreichsten Musikerinnen der arabischen Welt des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Improvisationen versetzte sie ihr Publikum in eine Mischung aus Ekstase und Trance. DIVA – Celebrating Oum Kalthoum ist eine Ode an das Erbe der legendären Sängerin. Der Regisseur Ariel Efraim Ashbel feiert Oum Kalthoum in einem Performance-Konzert mit dem internationalen NRWedding Orchestra for Middle Eastern Music.

    Schauspielhaus Bochum

    Auch wenn uns die Musik nicht so sehr zusagte: Den Musikern des zwanzigköpfigen Ensembles zuzuschauen machte großen Spaß.


    Bei Pitchfork rezensieren sie den Klassiker Spirit of Eden von Talk Talk und vergeben – natürlich – die Höchstwertung. Guter Anlass, mir die Platte für die heutige Heimfahrt herauszulegen (= von der Diskstation aufs Mobiltelefon herunterzuladen).

    Legend holds that when the A&R man at EMI heard it, it brought him to tears—not just because of its tidal beauty, but because he knew it wasn’t going to sell. A hugely successful UK band turned their sound inside out and delivered this whisper of a record, some slow, faint echo of their former synth-pop heartbeat.

  • Frank Stauss: Höllenritt Wahlkampf

    Frank Stauss ist ist ein gewiefter Wahlkämpfer der Agentur Butter, der zahlreiche Wahlkämpfe für die SPD geführt hat. In Höllenritt Wahlkampf schildert er einige der eindrucksvollsten Kampagnen seiner Karriere.

    Interessant war das vor allem bei den Wahlen, die ich als Sozialdemokrat und Wahlkämpfer mehr oder weniger aktiv miterlebt habe. Etwa die vorgezogenen Neuwahlen von 2005, bei denen ich, wenige Monate zuvor noch Praktikant in der Kreisgeschäftsstelle, im Wahlkampfteam des örtlichen Bundestagsabgeordneten mitgearbeitet habe.

    Oder die Berliner Abgeordnetenhauswahl von 2011, in der ich so intensiv wie nie zuvor und danach nie wieder, den Kandidaten unterstützt habe.

    Oder die desaströse Wahl von 2009, in der ich hauptamtlicher Mitarbeiter in der Parteizentrale – dem Willy Brandt Haus – war.

    Stauss kann von Berufs wegen sehr gut schreiben, schildert Wahlkämpfe so spannend, wie sie mindestens für die Mitwirkenden sind und liefert viele Einblicke in Kampagne, Planung, KandidatInnen und Themensetzung.

    Am eindrucksvollsten fand ich das abschließende Kapitel, das er dem aufkeimenden Populismus widmet. Seine Analyse ist – wiederum seiner Profession geschuldet – messerscharf. Seine Schlussfolgerungen können heute zwar als bekannt vorausgesetzt werden, aber er schreibt sie so prägnant nieder, wie ich sie selten vorfinde. Ein Kapitel, welches man im Grunde monatlich immer wieder lesen sollte.

  • 8.1.19: Fahrrad und Habeck

    Selbst bei Regen und in (zu warmer) Regenhose: Ich mag die morgendlichen Radfahrten zur Arbeit, denn sie bieten Gelegenheit zu ein wenig Bewegung bei frischer Luft und Tageslicht. Am Wochenende war ich zweimal zwei kleine Runden laufen und nahm irrigerweise an, das könnte ich morgens vor der Arbeit fortsetzen. Gestern stellte ich dann das Offensichtliche fest: Es ist bis mindestens acht Uhr noch viel zu dunkel.

    Und was mir auffiel: Ungewöhnlich viele Leute scheinen mit dem Rad unterwegs zu sein – im Januar, bei Regen. Radfahren findet Verbreitung und das trägt zum Sicherheitsgefühl bei, wenn man nicht einer von sehr wenigen Radfahrern im Straßenverkehr ist.


    Seit gestern denke ich über Robert Habecks Entscheidung, Twitter und Facebook zu verlassen nach. Was ich interessant finde: Sein erster Ausrutscher ereignete sich kurz vor der Bayernwahl: „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern“. Konsequenzen auf das Wahlergebnis lassen sich nicht feststellen. Bündnis 90/Die Grünen haben ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt.

    Wenn aber selbst eingestandene Fehler trotz der unerbittlichen Fehlerkultur gegenüber Politikern keine negativen Folgen haben: Liegt es nicht nahe anzunehmen, dass sämtliche Anstrengungen in den sozialen Medien abgesehen vom Applaus der eigenen Aktivisten und der Kritik politischer Gegner keine Konsequenzen haben? Daher glaube ich, dass Habecks Entscheidung folgenlos bleiben wird. Das Wahljahr wird für die Grünen aber ohnehin ein schwieriges.

    Das Argument, er würde sich damit Debatten entziehen, geht aus meiner Sicht auch fehl. In den sozialen Medien finden keine politischen Debatten statt. Politische Debatte ohne Willensbildung – also Entscheidungen, Beschlüsse – ist sinnlos, unpolitisch. Wer Debatte will, muss derzeit noch in Parteien gehen – oder sich für funktionierende Online-Beteiligungsverfahren einsetzen (oder beides).


    Ein interessanter Artikel heute von An Xiao Mina – mit vielen lesenswerten Verlinkungen: The death of consensus, not the death of truth.

    The world as a whole and the West in particular is moving from a world of broadcast-based consensus to what scholar Penny Andrews has called digital dissensus

    Dabei war der Dissens ja immer da; Politik beginnt überhaupt erst da, wo kein Konsens möglich ist, wo also entschieden werden muss. Digitale Medien machen den Dissens, die Uneinigkeit, die andere Seite nur sichtbar(er).

  • Bücher 2018

    Anstatt mich auf externe Dienste wie Goodreads zu verlassen, habe ich 2018 erstmals einigermaßen konsequent alle gelesenen Bücher verbloggt und mit den Kategorien Bücher/2018 versehen.

    So kann ich hier auch viel Aufwand die Liste aller in 2018 gelesenen Bücher hinzaubern (nämlich mittels des feinen Category Posts Widget von WordPress), die folgt am Schluss.

    Highlights des vergangenen Lesejahres waren zweifellos Die Hauptstadt von Robert Menasse (der nun allerdings gerade damit von sich reden macht, einen nicht unwichtigen Teil des Romans, den er auch schon in anderen, nicht-literarischen Kontexten verbreitet hat, erfunden zu haben) sowie Unterleuten von Juli Zeh. Beides Leihgaben der geschätzten Kollegin bk.

    Im von mir geschätzten Science Fiction-Genre hat mich Tom Hillenbrands Hologrammatica positiv überrascht, Walkaway von Cory Doctorow musste hohen Erwartungen genügen, was ihm gelang.

    Mehr als in früheren Jahren (und daran will ich 2019 verstärkt anknüpfen), habe ich Bücher einfach mal nochmal gelesen. Das war besonders erfreulich bei allem von Ursula Le Guin (The Left Hand of Darkness, The Dispossessed), bei Banks‘ Consider Phlebas und bei Orwells 1984 (allerdings erstmals auf englisch gelesen). Hyperion hat allerdings etwas gelitten.

    Was politische Literatur betrifft, haben mich weder die Interviewreihe Anarchismus hoch 2 noch Mouffes linker Populismus nennenswert begeistert. Einzig Arendts Bändchen Die Freiheit, frei zu sein war inspirierend, ohne sich sprachlich unnötig selbst zu verkomplizieren. In diesem Jahr will ich endlich mehr Arendt lesen.

  • last.fm 2018

    Wie an jedem letzten Tag des Jahres protokolliere ich hier die im Jahresverlauf gehörte und auf meinem last.fm-Profil protokollierte Musik. Zu den älteren musikalischen Jahresabschlüssen geht es hier.

    2017 war offenbar nur ein Ausreißer und der Trend, dass ich von Jahr zu Jahr weniger Musik hörte, setzte sich auch 2018 fort: 3073 gespielte Titel waren so wenige wie nie. Weniger und anders genutzte Zeit – vor allem für Podcasts – ließ wenig Raum für Musik.

    2018 stand im Zeichen von Tortoise. Ich habe mir ihr TNT-Album (pünktlich zu dessen zwanzigjährigem Jubiläum) noch einmal neu erschlossen und den Drum’n’Bass/Jazz-Hit Jetty mit seinem lässigsten Gitarrensolo der Bandgeschichte erst so richtig entdeckt.

    Was Neuerscheinungen betrifft, so waren 2018 im Grunde nur Shame und Bodega erwähnenswert. Die einen aus Großbritannien, die anderen aus New York, aber beide mit dem für mich immer noch reizvollen treibenden Indierock/Punk-Sound. Shame dabei etwas melodiöser, Bodega etwas mechanischer:

    Unbedingt erwähnt werden muss das neue Beak>-Album, von dem ich aber erst vor drei Tagen erfahren habe und dem ÜBERhit Allé Sauvage:

    Niemand macht heute Krautrock so gut wie Beak>.

    Und hier nun also mit unumstößlicher Genauigkeit die Top50 der meistgehörten Bands und Künstler im Jahr 2018:

    1Tortoise379
    2Shame128
    3Somta115
    4Kimiko Ishizaka114
    5The Beach Boys105
    6Mantle101
    7Madness98
    8Run the Jewels89
    9Gidge85
    10Sonido Gallo Negro79
    11Marter & Yony77
    12Bodega74
    13Haley Heynderickx60
    14Gewalt52
    15Simon Pyke50
    16Boards of Canada49
    17Die Nerven47
    18Tocotronic45
    19Beak>40
    20Lightning Bolt40
    21The Fall36
    22L’Orange32
    23Jaimie Branch31
    24Antony and the Johnsons29
    25Swans28
    26Four Tet27
    27Disappears25
    28Radio Birdman25
    29Liars24
    30Nick Drake24
    31dEUS22
    32Charles Mingus21
    33Die Heiterkeit21
    34The 1978ers (yU & Slimkat)20
    35The Monochrome Set20
    36Do Make Say Think17
    37Mo Kolours17
    38Speedy Ortiz17
    39The Smiths17
    40Richard Skelton16
    41Achnn15
    42Beck15
    43Belong15
    44Lucho Neves y su Orquesta15
    45DJ Koze14
    46Rusty Joints14
    47TVO14
    48Ugly Heroes14
    49Figurines13
    50Juaneco y su Combo13

    Es folgen die Top20 der meistgehörten Songs und Titel:

    1Shame — Concrete20
    2Tortoise — Jetty19
    3Tortoise — A Simple Way to Go Faster Than Light That Does Not Work17
    4Tortoise — The Equator17
    5Tortoise — I Set My Face to the Hillside16
    6Tortoise — Swung From the Gutters16
    7Tortoise — Ten-Day Interval16
    8Bodega — How Did This Happen?!15
    9Lucho Neves y su Orquesta — Mambo de Machaguay15
    10Shame — One Rizla15
    11Tortoise — Everglade15
    12Shame — Dust On Trial14
    13Tortoise — The Suspension Bridge at Iguazu Falls14
    14Juaneco y su Combo — La Cumbia Del Pacurro13
    15Shame — The Lick13
    16Tortoise — TNT13
    17Bodega — Can’t Knock the Hustle12
    18Mantle — 112
    19Shame — Donk12
    20Shame — Tasteless12
  • 28.12.18: Fontopa und Eurane

    (Zuerst stand da Europa und Fontane, aber ich bin ja ein Freund des schlichten Sprachwitzes

    Verrichtungen dieses Tages: Wir haben einen Schrank gekauft (der im Februar geliefert wird). Und Lebensmittel für den Rest des Jahres.


    Drei Geographen sprechen sich im Blog der London School of Economics für ein Europa der Städte und Regionen aus:

    Often the real differences in the quality of life and the types of challenges and problems faced by Europe’s populations are not found across national borders but between regions, villages and cities or between rich and poor quarters of a town. And the rich quarters of Europe are all more similar to each other than to the poorer areas that are nearer to them.


    Bei der Georg-August-Universität Göttingen kann man sich durch Theodor Fontanes 67 Notizbücher klicken – nicht nur eingescannte Seiten, sondern auch Transkriptionen und sogar XML-Code. Sehr eindrucksvoll.