Ein bahnbrechendes Buch, zu dem – so mein uneinhaltbarer Vorsatz – noch viel zu schreiben sein wird. Triggerpunkte ist die sicherlich beste Kartierung der Gesellschaft der Gegenwart. Ein Buch, das man stets griffbereit haben sollte; so wie einst einen Atlas, oder ein Telefonbuch.
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Naomi Klein – Doppelganger: A Trip Into the Mirror World
Die Publizistin Naomi Klein wurde in der Pandemie häufig mit der ehemaligen Feministin und inzwischen stark rechtslastigen Impfkritikerin Naomi Wolf verwechselt. Aus diesem leidlich interessanten Umstand heraus schrieb Klein das Buch Doppelgänger, in welchem sie das titelgebende Motiv auf eine Vielzahl von Themen anzuwenden versucht. Das gelingt mehr schlecht als recht, wird die Metapher doch schnell überstrapaziert und zum Ende hin nahezu fallengelassen.
Fast am ärgerlichsten ist die immense Diskrepanz in der Qualität der Kapitel. Geht es um die Aufarbeitung der grausamen Historie kanadischer Indigenen-Schulen oder das sehr persönliche Kapitel zum Thema Autismus, so ist Doppelgänger fesselnd und mitreißend.
Leider wärmt Klein aber auch die postkolonialen Vorstellungen auf, laut denen an der Singularität des Holocaust zu rütteln sei. Immerhin wird hier die Armseligkeit der ganzen Argumentation deutlich, die über ein schlichtes told you so nicht hinausgehen mag.
Selbstverständlich muss das Buch mit der Israelkritik enden, wie sie von Linksliberalen aus Nordamerika wohl inzwischen zu erwarten ist. Das wirkt im Kontext des mühsam aufrechterhaltenen Doppelgänger-Motivs vollkommen deplatziert und ist gegenwärtig besonders schwer zu ertragen. Klein ist BDS-Sympathisantin, was ich nicht wusste; ich hielt sie aus alten No Logo-Zeiten irrigerweise für klug.
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Omri Boehm – Radikaler Universalismus
Erfreulich viel Kant, erstaunlich viel altes Testament. Nicht, dass das schlecht wäre.
Gut ist das Plädoyer fürs Selberdenken ohne „tote oder mechanische Weise“ („Satzungen und Formeln“), blöd wird’s, wenn das erst von einigen wenigen vorgemacht werden soll.
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James S. A. Corey – Caliban’s War
Band 2 der Expanse-Reihe. Natürlich sehr gut.
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David Graeber – Einen Westen hat es nie gegeben & Fragmente einer anarchistischen Anthropologie
Zwei schöne Essays, die sich im Grunde an Anfänge anlehnen und in denen Graeber seine Thesen von der Demokratiegeschichte, die schon lange vor Athen begann, ausarbeitet.
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Judith Hermann – Wir hätten uns alles gesagt
Judith Hermann, von der ich erst letztes Jahr ihre Kurzgeschichtenbände Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster las, hielt 2022 die Frankfurter Poetikvorlesungen unter dem Titel Wir hätten uns alles gesagt. Vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben. Daraus ist dieses Buch entstanden, welches mich – viel zu spät natürlich – darin bestärkt, nun wirklich alles von Judith Hermann zu lesen.
Ich weiß nicht genau, was diese Poetikvorlesungen sind und in welchem Verhältnis das Buch zu ihnen steht. Hermann erzählt mit der ihr eigenen Stimme Geschichten persönlicherer Art, gibt gelegentlich kleine Einblicke in ihre Art des Schreibens und alles daran ist großartig.
Schreiben heißt Zeigen und es heißt Verbergen.
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Uwe Johnson – Mutmassungen über Jakob
Nach dreihundert Seiten – so lang sind die Mutmassungen – hatte ich in den Jahrestagen gerade einmal begonnen, mich zu orientieren. Mutmassungen über Jakob hat inhaltlich und was die Figuren betrifft Überlappungen mit den Jahrestagen; heute würde man sagen, beide spielen im Johnson-verse.
Mutmassungen über Jakob ist ein nahezu unzugängliches Buch, das sich mir kaum erschloss. Ich habe irgendwann aufgegeben, es zu verstehen, und ausschließlich wegen seiner Sprache gelesen:
Er blieb so vorgestützt, reglos starrte er aus seiner Schräge auf seine Hände, in denen das Blut arbeitete. »Soll einer sich selbst versäumen über einem Zweck«: sagte seine Stimme selbstwillig fragend zäh bis zum letzten Laut.
Holger Helbig, Inhaber der Uwe Johnson-Professur an der Universität Rostock, erklärt das Werk hier ein wenig:
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while it’s warm by Ayami Suzuki & Leo Okagawa
while it’s warm, a collaboration between Leo Okagawa and Ayami Suzuki is a slow and careful mix of electronics, vocal, guitar, and field recording from everyday life.
Natürlich gekauft bei Bandcamp.
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Rick Rubin – The Creative Act: A Way of Being
Eine Sammlung esoterischer Kalendersprüche und Banalitäten, die gerade genug interessante Gedanken enthält, dass man das Buch nicht weglegt. Insgesamt dennoch ärgerlich.
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Uwe Johnson – Jahrestage
Den ersten Band hatte ich eigens verbloggt, ehe ich merkte, dass die vier Bände fortlaufend seitennummeriert sind, es sich also um ein Werk handelt.
Wenn gilt: Je niedergeschlagener nach dem Durchlesen, desto besser das Buch, dann war dieses sehr sehr gut. War es ja auch. Einmal mehr fällt es mir schwer, etwas dazu zu sagen, ohne den Umfang, die Detailtiefe zu preisen. Darum belasse ich es vorerst einfach bei der Höchstwertung und schreibe nach der erneuten Lektüre mehr dazu.