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  • Friedhelm Schäffer, Oliver Nickel – Die Lebensgeschichte des Ferdinand Matuszek

    Diese Art von Büchern, die Lebensgeschichten von Zwangsarbeitern wie Ferdinand Matuszek und anderen Opfern des Dritten Reichs festhalten, ist unendlich wichtig.

    Matuszek wurde nach Ostwestfalen (wo ich aufwuchs) verbracht, so dass ich einige der Orte kenne; das war zugegebenermaßen auch der Grund für die Lektüre.

    Das Buch ist aber auch ganz ohne „Lokalkolorit“ eine wichtige und gute Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Deutschland, von der es auch in meinem familiären Umfeld oft hieß, sie hätten es ja gut gehabt.

  • Alex Hochuli, George Hoare, Philip Cunliffe – The End of the End of History: Politics in the Twenty-First Century

    So wohltuend ich Przeworskis Krisen der Demokratie fand, so einen eher schalen Nachgeschmack hinterlässt Das Ende des Endes der Geschichte dieser drei Autoren. Die Prämisse ist ja interessant: Das Ende der Geschichte, wie es von Francis Fukuyama 1989 postuliert wurde, bedeutete den Sieg der liberalen Demokratie nebst Kapitalismus als der letztgültigen Ordnungsform von Gesellschaft. Diese Phase sei mit dem Schicksalsjahr 2016 zu einem Ende gekommen.

    Das heißt nun nicht so sehr, dass es nun wieder um etwas geht, denn so klar umreissen die Autoren den neuen Gegner der liberalen Demokratie nicht. Es handelt sich wohl um die wolkige Anti-Politik, die Ablehnung jeglicher Politik und ihre Verbrämung als elitärem, korruptem „Sumpf“.

    Es ist genau diese Verunklarung von Begriffen, von Anti-Politik über die Post-Politik – angelehnt an Crouchs Non-Konzept Postdemokratie – gegenüber einer irgendwie gearteten wahren Politik (unter der die Autoren andeutungsweise Klassenkampf verstehen), die das Buch für mich eher unzugänglich macht. Das gipfelt im Schlusskapitel, in dem dargelegt wird was passieren wird; genau die Art von Prognostik, von der ich im gesellschaftlichen Bereich so gar nichts halte.

    Immerhin machen die Autoren keinen Hehl daraus, wo sie stehen: Die Gelbwesten seien die plausiblere Massenbewegung als der Klimastreik, Antifaschismus sei heute im Wesentlichen eine Waffe gegen die Arbeiterklasse und Intersektionalismus sei politischer Narzissmus.

    So kann man wenigstens festhalten, dass richtige Politikwissenschaftler wie Przeworski dann doch einen qualitativen Unterschied machen. Die lassen sich zu solchen erdrechselten Meinungsäußerungen nämlich gar nicht erst hinreißen.

  • Dietrich Bonhoeffer – Widerstand und Ergebung

    Wer war eigentlich Dietrich Bonhoeffer, nach dem in Westdeutschland wohl jedes zweite Gemeindehaus benannt ist? Kirchenmann, Widerstand – das wusste ich.

    Ob diese Sammlung von Briefen und anderen Texten aus der Untersuchungshaft Bonhoeffers bis zu seiner Hinrichtung die Frage wirklich beantwortet, mag wiederum fraglich sein. Schließlich mussten die Briefe der Zensur genügen, zudem war Bonhoeffer auch erkennbar bemüht, seine Familie zu beruhigen, ihr „das Herz zu erleichtern“, wie Eberhard Bethge es im Vorwort nannte.

    Dennoch gewinnt man im Verlauf der Lektüre Einblicke in Bonhoeffers tiefen christlichen Glauben und seine darauf ruhende Gelassenheit trotz widrigster Umstände. Auch, wenn ich die theologischen Fachausführungen nur staunend überfliegen konnte, ein eindrucksvolles Buch.

  • Iain M. Banks – Matter

    Eigentlich sei „ja jeder Culture-Band, den man gerade liest oder gelesen hat, der beste“ schrieb ich, nachdem ich Look to Windward gelesen hatte. Ein Eindruck, den ich nach Matter revidieren muss. Das Buch ist lang, mitunter langweilig, das Ensemble an Figuren und Völkern vielfach redundant und kaum zu unterscheiden. Dass ich es dennoch abgeschlossen habe, spricht einmal mehr für Banks‘ herausragend guten Schreibstil.

  • Wandern: Der Drei Türme-Weg in Hagen

    Inzwischen ist es schon eine Tradition, dass wir zu Ostern ein Auto mieten, um damit zu unseren Müttern in Ostwestfalen resp. Göttingen zu fahren. Wenn dann noch ein Tag übrig ist, so wie heute, unternehmen wir überdies einen kleinen Ausflug im Ruhrgebiet, den wir ohne Auto nicht so ohne Weiteres unternehmen könnten.

    Aus teils auch familiären Gründen fuhren wir nach Hagen, wo sich der Drei Türme-Weg anbot. Zwölf Kilometer mit durchaus sportlichen Höhenmetern auf angenehmem Untergrund entlang der typischen Forstwirtschaftswege.

    Anstatt irgendwo einzukehren – wir fürchteten österlichen Andrang – kauften wir bei der Tankstelle, die wir zwecks Betankens des Mietautos vor dessen Abgabe ohnehin anfahren mussten, Snacks und Getränke, die anschließend auf dem Balkon eingenommen wurden.

    Da kann man nicht meckern.

  • Jane Deasy – Notes from the Bath

    Nach Mouth of Sound schon die zweite Veröffentlichung mit – ich zitiere mich selbst

    Zwei sehr schöne(n), überlange Ambient-Tracks – natürlich gekauft bei Bandcamp.

  • Heinrich Mann – Im Schlaraffenland

    Der erste Teil einer H. Mann-Gesamtausgabe, die ich mir auf den Kindle gezogen habe. Andreas Zumsee geht nach Berlin und stößt in die feine Gesellschaft vor. Die findet ihn zunächst interessant und lässt in dann fallen.

    Als Gesellschaftssatire macht Im Schlaraffenland durchaus Spaß, vor allem, wenn man Andreas‘ maßloser Selbstüberschätzung beiwohnen kann. Die deutlich antisemitischen Ankläge und ebenso gezeichneten Figuren verübeln die Lektüre jedoch erheblich.

  • Christopher Clark – The Sleepwalkers

    Wie Europa 1914 in den Krieg zog: Ein umwerfendes Panorama der internationalen Beziehungen vor dem ersten Weltkrieg.

    Eindrucksvoll ist nicht nur der Umfang der überlieferten Korrespondenzen, Telegramme, Protokolle, Tagebücher und sonstigen Veröffentlichungen, eindrucksvoll ist auch die Akribie, mit der Clark diese Quellenlage bewertet und eingeordnet hat; einschließlich aller Leerstellen, Unklarheiten oder schlicht unerklärlichen Entscheidungen.

    Ich hatte das Buch im Januar ausgeliehen und wohl geglaubt, es könne bei der Bewertung der damaligen Lage in irgendeiner Weise helfen. Die Lage hat sich inzwischen auf dramatische Weise verändert und jegliche dilettantischen Einschätzungen oder Bewertungen meinerseits verbieten sich.

  • Louis-Ferdinand Céline – Reise ans Ende der Nacht

    Hinrich Schmidt-Henkel leitet sein Essay zur Übersetzung dieses Buches (übrigens hochinteressant) so ein:

    Louis-Ferdinand Céline zwingt jeden Leser in die paradoxe Urteilsspannung zwischen Bewunderung für den Stilisten, den Revolutionär der Literatur, und Erschrecken über die blindwütige, menschenverachtende Hetze, deren er fähig war.

    Ich habe schon mehrmals vergeblich versucht, die Reise ans Ende der Nacht zu Ende zu lesen. Erst mit diesem, dritten, Versuch ist es gelungen. Nicht nur wegen der menschenverachtenden Hetze. Es gibt auch darin Passagen, die gerade wegen ihres Weltekels lesenswert sind. Aber das Buch ist vor allem in seiner zweiten Hälfte mitunter auch einfach langweilig; mit dem wirklich umwerfenden Abschluss dann wieder lohnenswert, aber eben zäh.

    Wäre „Cancel Culture“ real, könnte sie sich an Céline regelrecht abarbeiten; sicherlich tun das auch einzelne. Ich schätze dazu die Haltung von Philip Roth:

    Um die Wahrheit zu sagen: Mein Proust in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein sehr großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unterträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane. (…) Céline ist ein großer Befreier.

  • Jane Deasy – Mouth of the Sound

    Zwei sehr schöne, überlange Ambient-Tracks – natürlich gekauft bei Bandcamp.

    The field recording used and manipulated on the title track was made at the Slate Quarry on Valentia Island (in Irish, Beal Inse, which translates as Mouth of the Sound). The quarry is heard before it is seen, a large and resonant mouth in the earth. The piece immediately submerges the listener in saltwater turbulence and quivering electronics.

    Quelle