Heute vor zehn Jahren erwarb ich das letzte Album von David Bowie: Blackstar. Es erschien an seinem 69. Geburtstag. Zwei Tage später starb er. Mehr als genügend Anlässe, um das Album mal wieder zu hören.
Zuvor wies mich mein Musikabspieldings „Plex“ daran hin, dass vor einem Vierteljahrhundert das Album Zweilicht der Gruppe Kante erschien; schon längst ein Klassiker deutscher Independentmusik. Am bekanntesten ist sicher Die Summe der einzelnen Teile:
Der Satz Ich höre kaum noch neue Musik hat ein wenig den Klang von Wir schauen ja nicht mehr fern. Dabei liegt mir snobistisches Herabschauen fern, ich habe nur einfach keine Zeit: Musik wurde und wird zwischen den zahlreichen Medienarten und Zeitvertreiben zerrieben.
Auch fehlen mir die verlässlichen Quellen und Kanäle: Pitchfork macht inzwischen zu viele komische Sachen, Quietus ist selbst mir zu underground, einst sehr gute Blogs wie Auf ein neues… publizieren seit zehn Jahren nicht mehr, die Algorithmen von Spotify oder – in meinem Fall – Tidal bringen mir nichts.
Es war das erste Jahr komplett ohne last.fm, den Account löschte ich vor rund einem Jahr nach zwanzigjährigem Bestehen. Das Archiv habe ich zurzeit in einer sehr umständlich zu handhabenden CSV-Tabelle, in der ich aber jeden Morgen schaue, was ich in den zwanzig Vorjahren so hörte.
Die Hoffnung, dabei vergessene Perlen wiederzuentdecken, hat sich durchaus erfüllt; heute zum Beispiel den irren Stomper Celebrate The Body Electric (It Came From An Angel) von Ponytail:
Lordalía?
Dennoch erreichte mich 2025 gute neue Musik. Zu nennen ist hier als erstes Virgin von Lorde, einer Künstlerin, die mir mit ihrem seltsamen Namen geläufig war, von der ich zuvor aber keinen Ton gehört hatte. Zu Virginschrieb ich:
Elektronisch, mit einer kühlen Grundstimmung unter zahlreichen rauschhaften, gleißend-hellen, schwärmerischen Momenten, Passagen, Melodien und Hooks.
Das stimmt nach wie vor.
Dann gab es natürlich Lux von Rosalía, das sich ohnehin in aller Munde befindet. Ich erwarb das Album auf Schallplatte, weil ich auch in diesem Jahr den Versuch unternahm, mehr Vinyl zu hören. Manches bloggte ich. Mich überzeugte das Video zu Berghain sofort:
Konzerte? Fehlanzeige
Radiohead haben in diesem Jahr erstmals seit neun Jahren wieder Konzerte gegeben. Ich habe versucht, ein Ticket zu ergattern und scheiterte. So wohnte ich auch in diesem Jahr keinerlei Konzert bei, was schade ist.
Schön war, dass ich gefühlt alle Radiohead-Konzerte am nächsten Morgen bei YouTube hätte nachschauen können und das beim allerersten auch tat. Dass Leute zu so einem Konzert gehen, um es komplett abzufilmen, stimmt mich aber auch ein wenig traurig.
Technik
Als interessante Neuerung des Musikhörens im ausklingenden wie im neuen Jahr habe ich es endlich geschafft, die Applikation Plex auf meiner Diskstation – einem Network Attached Storage (NAS) – zu installieren, um so verbesserten Zugriff auf die Mediendateien zu erhalten – bevorzugt die Musik.
Und siehe da: Das funktioniert alles viel schneller und auch verlässlicher als mit der grobklotzigen alten Audio-App, die der Hersteller Synology liefert. 2026 wird also endlich mal wieder meine umfangreiche digitale Sammlung durchgehört werden.
Titelbild: Lapland drum, Filippo Buonanni, 1722. Aus: Gabinetto Armonico pieno d’istromenti sonori, Public Domain Image Archive
Vor knapp einem Jahr hab‘ ich ja mein last.fm-Profil plattgemacht und zuvor komplett exportiert. Dieser Export – stolze 10 Megabyte comma separated values – liegt seitdem auf meinem Harddrive herum.
Versuche, mit generativer KI irgendwelche Dashboards zu bauen, scheiterten bislang, also fuhrwerke ich eben einstweilen wie ein Buchhalter in der Tabelle herum. Auch dabei finden sich schon ein paar alte Perlen wieder. Eine Auswahl:
Cannibal Ox – „Live from the Planet of Eat“
Wohl der von mir meist geschätzte und meistgehörte Hiphop (von den Mello Music Group-Sachen vielleicht abgesehen). Schon in den späten Neunzigern habe ich das Album The Cold Vein entdeckt und ich kann gerade beim besten Willen nicht erinnern, wie. Dieser Track stammt jedoch von einem anderen Release und eben erst habe ich nachvollziehen können, von welchem: Der Gotham Deluxe LP Edition aus dem Jahr2013.
Radiohead sind derzeit nach mehrjähriger Pause wieder auf Tour. Auch ich hatte vor einigen Wochen versucht, an Karten für eines der Konzerte in Berlin zu kommen. Vergeblich.
Erfreulich war hingegen, wie mir YouTube heute Morgen den Mitschnitt des ersten Auftritts der Tour vom Vorabend in die Timeline spülte, den ich während der morgendlichen Verrichtungen laufen ließ.
Sie können es noch. Aber ehrlicherweise ist das auch nichts, dem ich hätte beiwohnen müssen. Vielleicht können bei weiteren Abenden ja einige neue, unveröffentlichte Sachen dazu.
Passend zudem der heutige Perlentaucher, der Joachim Hentschels in der SZ erschienene Ausführungen zur Frage zitiert, warum es heutzutage so schwer sei, an Konzertkarten zu kommen.
„Im Vergleich zur Beatles-Zeit leben schlicht mehr Menschen auf der Welt, die am Kulturleben teilnehmen. Soziale Medien haben den PR-Drall verschärft, auf dem Veranstaltungen heute segeln. Es gibt Tiktok-Hypes wie die Recklinghausener Sängerin Ayliva, die um ein Vielfaches stärker wirken als der alte ‚Wetten, dass ..?‘-Effekt, mit dessen Hilfe es die ‚Riverdance‘-Tanztruppe 1997 schaffte, mit einem einzigen TV-Auftritt ihre Deutschlandtour praktisch auszuverkaufen. Zudem sind viele logistische Hürden verschwunden, die Leute früher davon abhielten, auf Konzerte zu gehen. Zum Beispiel, weil sie dort wohnten, wo man eh keine Tickets kaufen konnte.“
Black pages with red drops of blood, signifying the wounds of Christ, from a psalter and rosary of the Virgin. Date ca. 1500 From BL Egerton 1821. Public Domain Image Archive
Auch ich bin dem selektiven Hören von Songs zum Opfer gefallen. Ein Album vom Anfang bis zum Ende durchzuhören, hat leider inzwischen Seltenheitswert. Zeit ist knapp, Ablenkungen sind zahlreich, die Ausflüchte ebenfalls.
Umso schöner, dass ich nach Jahren wieder auf ein Album gestoßen bin, das mich auf eine Weise packt, die zum Durchhören geradezu zwingt. Die mag es in den vergangenen Jahren auch gegeben haben, aber ich bekomme auch nicht mehr so viel von neuer Musik mit wie einst.
Lorde ist eine Künstlerin, die ich bis dato allenfalls dem Namen nach kannte. Ihr viertes Album Virgin ist lupenreiner Pop, wie er mir kaum besser gefallen könnte. Elektronisch, mit einer kühlen Grundstimmung unter zahlreichen rauschhaften, gleißend-hellen, schwärmerischen Momenten, Passagen, Melodien und Hooks. Herrliche Musik und eine, wie ich gerade lerne, hochinteressante Künstlerin. Es wird viel zu entdecken geben.