Schlagwort: Marlen Haushofer

  • Gelesen: ‚Die Tapetentür‘ von Marlen Haushofer

    Einerseits beschreibt der Roman die Zeit der fünfziger Jahre, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, andererseits hat Marlen Haushofer ihn zu jener Zeit geschrieben, was selbst bereits ein immenser Akt der Autonomie gewesen sein muss. In den achtziger Jahren wurden ihre Romane als Frauenliteratur wiederentdeckt und es brauchte weitere vierzig Jahre bis auch Leute wie ich diese Texte als das kennenlernen und schätzen, was sie sind: herausragende Literatur. Zum Beispiel in Sätzen wie diesen:

    Sie stand am Fenster und der Duft des gemähten Grases machte sie traurig und verwandelte sie für Sekunden in das große, wahnsinnige Tier, das plötzlich angefangen hatte, auf zwei Beinen zu gehen und sich mit Kleidern, Orden und Titeln zu behängen. Sie lachte bei dieser Vorstellung, und ein anderes, großes gewaltiges Wesen lachte mit ihr in der dunklen Regennacht. So viele Jahre hatte sie sich gefürchtet vor diesem Wesen und war vor ihm geflohen, bis der letzte Fluchtweg verstellt war und sie sich atemlos in die sanften, tödlichen Arme fallen ließ, die sich langsam, liebevoll und unerbittlich um sie schlossen.

    Oder noch größer:

    Ich halt‘ es nicht aus, dachte sie, ich halte es einfach nicht aus, und gleichzeitig wußte sie, daß sie es noch stundenlang aushalten würde, ja daß es kaum etwas gab, das sie nicht aushalten konnte. Dieses Wissen, geboren aus hundert Bombennächten, tagelangem Anstellen um ein Kilo Kartoffeln, einen Fetzen Papier oder ein Stück Seife, erfüllte sie mit Ekel. Jahrelang lag das alles zurück, aber das Wissen um die eigene Hartnäckigkeit und Unzerstörbarkeit war geblieben. Zu wissen, daß man so war, unter einem Mantel von Urbanität, so gierig, schamlos und von einer so wütenden Widerstandskraft, dies zu wissen war vielleicht das Schlimmste, was sie der Krieg gelehrt hatte.

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