Verlinkt: citation needed

Die erste Woche Trump war in einem Aspekt besonders erfolgreich: Er hat das Niveau der Debatte gesenkt. Habe ich früher vielleicht einmal pro Woche einen Hoax aus meinen Timelines getilgt, musste ich es in der vergangenen Woche gleich mehrfach täglich tun. Wurde das Visa Waiver-Programm für Deutsche aufgehoben? Nein. Hat Mike Pence behauptet, Frauen würden sich vergewaltigen lassen, wenn man ihnen dann Abtreibungen gewährt? Nein. Hat Trump in einem offiziellen Foto seine Hände vergrößern lassen? Wohl nicht, es spricht nichts dafür. Menschen die ich schätze, haben all das in sozialen Netzwerken verbreitet – und noch viel mehr.

Leider wahr. Und mich hat das veranlasst, bis auf Weiteres die twitter-apps von den mobilen Endgeräten zu tilgen.

Via Notizblog

Wo sind die guten Reden?

Nachdem gerade die unselige Höcke-Rede breit diskutiert wurde, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wo eigentlich die guten, die herausragenden Reden und Redner der liberalen Demokratie geblieben sind. Mir fallen jedenfalls kaum welche ein*. Liegt das daran, dass die Protagonisten wissen, dass ohnehin kaum jemand zuhört? Daran, dass man mit Interviews und Social Media-Häppchen mehr Kontrolle und mehr Wirkung entfaltet? Kriege ich die bemerkenswerten Gauck/Merkel/Gabriel-Reden einfach nicht mit? Ist durch den Grußwort/Rede-beim-XY-Verband-Alltag die Redekunst verkümmert? Oder gab es die in Wirklichkeit nie und ich idealisiere nur eine „gute alte Zeit“?

*Beispiele, die mir einfallen sind natürlich die uralte Ruck-Rede, Navid Kermani vor dem Deutschen Bundestag und Sigmar Gabriels Bewerbungsrede vor dem Dresdner Parteitag 2009 („Auch mal dahin gehen, wo’s stinkt“). Wobei die letztgenannte Rede sich um kaum mehr als die sozialdemokratische Binnensicht dreht. Aber sie war sehr gut, ich war dabei.

Umfragen

Bei FiveThirtyEight verteidigen sie das nahezu komplette Danebenliegen der polls:

But to a first approximation, people are probably giving the polls a little bit too much blame. National polls will eventually miss the popular vote by about 2 percentage points, which is right in line with the historical average (and, actually, a bit better than national polls did in 2012). 

Letztlich bleibt die scheinbare Sicherheit, in der uns Umfragen wiegen – und wegen der wir regelrecht süchtig nach Umfragen sind. Wahlen sind geradezu per Definition black boxes mit offenem Ausgang. Das ist allerdings schwer zu ertragen. Besonders für die Berichterstattung über Umfragen, was zu dem unsäglichen Pferderennen-Journalismus führt, der im Stile der Sportberichterstattung Politiker nach ihrer Beliebtheit auf listet.

Verlinkt: Aufschrei der Normalitären: Zeigen die Österreichischen Präsidentschaftswahlen, wie eine neue Konfliktlinie entsteht?

Die althergebrachte Ordnung der Dinge gerät damit zum ersten Mal ernsthaft ins Wanken – eine Ordnung, die bisher hieß: der gesunde weiße Mann schafft an, hat das Sagen, gestaltet die Welt; die gesunde weiße Frau ist zu Diensten, wichtig, aber untergeordnet und vor allem verschieden; sexuelle Minderheiten gibt es nicht oder sie bleiben unsichtbar oder sie dienen dem Normalen; religiöse Minderheiten jenseits des Christentums gibt es seit dem Holocaust in West- und Mitteleuropa nicht mehr in nennenswerter Zahl; Kinder sind zu züchtigen und zur Ordnung zu erziehen; die Nicht-Weißen führen eine Randexistenz; auch um Behinderte kümmert man sich nicht.

All das ändert sich – für viele viel zu langsam, im historischen Vergleich aber sehr schnell. In dieser neuen Welt muss sich mit einem Mal zurechtfinden, wer eine ganz andere Welt gewohnt war und dazu eine symbolische Ordnung, die seit jeher die alte Normalität stabilisiert.

Quelle. Via

Abgeordnetenhauswahl: Wer kandidiert hier eigentlich?

Rund drei Monate vor dem wahrscheinlichen möglichen Termin der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus ist es natürlich höchste Eisenbahn, sich mit den Direktkandidaten zu befassen, die um meine Stimme buhlen. Nicht, dass ich auch nur eine Podiumsdiskussion, einen Infostand, oder ein Hüpfburg & Würstchenfest verpasse.

Gesagt getan. Ich bin vor einer Weile umgezogen und es ergab sich noch kein Erfordernis, mich mit der Frage zu befassen in welchem Wahlkreis ich eigentlich wohne. Hier helfen die Webseite der Landeswahlleiterin und ihre schönen Wahlkreiskarten weiter. Die Antwort lautet demnach in meinem Fall Wahlkreis Drei (Südliches Moabit, Hansaviertel, Großer Tiergarten).

Mein Ziel war, die KandidatInnen der fünf derzeit im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien zu identifizieren, ihren Accounts bei Twitter und Facebook sofern vorhanden zu folgen und die RSS-Feeds ihrer Websites zu abonnieren. Denn wenn ich frühzeitig vom nächsten Würstchenfest erfahre, dann doch wohl auf mindestens einem dieser Kanäle!

CDU:

Um es vorwegzunehmen, denn ich wusste das bis heute echt nicht und war und bin erschüttert: Bei mir kandidiert offenbar Frank Henkel! Der Innenhenkel höchstselbst. Nicht, dass diese Information auf irgendeiner der CDU-Seiten – Land, Kreis, oder Moabit – auffindbar gewesen wäre; fündig wurde ich letztlich auf der Wikipedia-Seite zum Wahlkreis laut der er auch schon 2011 die Direktwahl vergeigt hat. Überhaupt scheint die CDU ihre KandidatInnen etwas verschämt zu verbergen, aber damit steht sie nicht alleine da.

Nach kurzer Scrollerei fand ich auf Henkels Homepage ausschließlich Senatorencontent; sein Wahlkreis scheint ihn nicht zu interessieren. Einen Feed gibt es dort nicht. Bei Twitter ist er nicht. Immerhin bin ich jetzt sein „Fan“ bei Facebook, obwohl er diesen Account auch weit überwiegend als Senator betreibt – mutmaßlich betreiben muss aufgrund der Trennung von Amt und Mandat.

Alles falsch! Wie ich einer heute eingegangenen Postwurfsendung entnehmen darf, kandidiert hier ein gewisser Florian Schwanhäußer. Auf seiner Homepage geht er allerdings ausschließlich seinem Hauptberuf, dem Immobilienverkauf und -kauf nach. Ein Twitterprofil hat er, bei Facebook unterhält er ein Standardprofil zum anfreunden.

Und nochmal, weil es so grotesk ist: Ich finde weder auf der Seite der CDU Mitte, der CDU Moabit, noch der CDU Tiergarten eine Information über diese Kandidatur. Ein Profil von Schwanhäußer auf der Mitte-Seite habe ich ergoogelt, auf dem seine aktuelle Kandidatur aber ebenfalls nicht steht.

SPD:

Man wundert sich zunächst für ein paar Sekunden angesichts der vollmundigen Ankündigung auf der Wahl2016-Seite vom Kreisverband, laut der man dort Informationen findet, obwohl da gar nichts steht. Bis man kapiert, dass man oben ins vertikale Menü zu klicken hat. Die drei Punkte einfach nochmal unten zu verlinken geht wohl nicht. Update: Inzwischen geändert. Lesen die mit? Immerhin werden die KandidatInnen aller Wahlkreise in Mitte dann klar verlinkt. Eine Karte würde nicht schaden. Wer kennt schon seine Wahlkreisnummer?

Bei „meinem“ sozialdemokratischen Direktkandidaten Thomas Isenberg, zugleich Verteidiger des Wahlkreises, gibt es hingegen keinen Grund zu meckern: Facebook, Twitter und RSS-Feed vorhanden, alles per Button von der Startseite aus verlinkt.

Die Grünen:

Das ist die vernünftige – und völlig naheliegende – Art, seine KandidatInnen zu präsentieren. Kann doch nicht so schwer sein! Verhältnismäßig schwer fällt es hingegen Tilo Siewer, sich im Netz zu präsentieren. Scheinbar nicht bei Twitter, bei Facebook nur ein Standardprofil mit dem man sich „befreunden“ muss und den Feed finden höchstens Fachkundige, wenn sie in den Quelltext der Seite schauen. Erkennbar verlinkt wird er nämlich nicht.

Die Linke:

Was die Auffindbarkeit der KandidatInnen betrifft, übertrifft die Linke sogar die Grünen. Auch hat die Direktkandidatin im Wahlkreis 3 im Grunde alles richtig gemacht, was Verlinkungen in die sozialen Medien betrifft. Allerdings gibt sich Anisa Fliegner auf ihrer Homepage überhaupt nicht als Wahlkreiskandidatin zu erkennen. Der letzte Artikel datiert allerdings auch auf den 21. Januar, von daher…

Piratenpartei:

Ist vielleicht unfair, aber zum Schluss hatte ich keine Lust mehr, zehn Minuten oder mehr nach der Information zu suchen, wie die Kandidatin/der Kandidat überhaupt heißt. Beim Henkel mag es sogar länger gedauert haben, aber von der einstmaligen „Internetpartei“ erwarte ich wesentlich mehr Zugänglichkeit. Kurz: Ich weiß nicht wer kandidiert, ob jemand kandidiert und habe auch keine Lust zu fragen.

Bonus! FDP und AfD:

Genau das selbe wie bei den Piraten, macht aber nix.

Und wieder nichts passiert

Typisch für sämtliche ‚Sau durchs Dorf’/’Teufel an die Wand‘-Themen. Und logisch in einer Öffentlichkeit, in der eine Möglichkeit Gehör zu finden das Ausmalen schlimmstmöglicher Szenarien ist. Selbstverständlich wird auch in der Frage der Geflüchteten nichts schlimmes passieren, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Was an Debatten jeder Art ermüdend ist

Wenn als Reaktion auf einen meinungsstarken Text reihenweise Reaktionen im Stile von „Die theoretischen Gedanken sind nicht falsch“, „fast richtig“ oder auch „alles richtig“ reagiert wird, so als hätte jemand eine Matheaufgabe zu lösen versucht, die man dann objektiv bewerten könnte.

Die übersteigerte Form davon sind diese „Endlich wieder Qualitätsjournalismus“-Leserkommentare auf Meinungsstücke in eher massenmedial / journalistischen Publikationen. Diese unverhohlene Einstellung, „guter“ Journalismus könne nur solcher sein, der der eigenen Gesinnung entspricht…

Eine Neigung, unbedingt „Recht haben“ zu müssen, sich nur unter Leuten zu bewegen, die ebenfalls „Recht haben“ und alle angehen – und im Kontext „Social Media“ gerne auch regelrecht vernichten – zu müssen, die nicht „Recht haben“: Woher kommt die? Ist das kulturell erlernt?

Wider die Akzeleration

Das Beunruhigende am jüngsten linken Manifest, dem „Accelerate Manifesto“ (Original | deutsche Übersetzung), ist dieser neuerliche Planungsoptimismus, der da durchschimmert:

We be­lieve that any post-​capitalism will re­quire post-​capitalist plan­ning.

Kleiner geht’s nicht? Mal eben eine post-kapitalistische Gesellschaftsordnung durchplanen, damit man, wenn’s dann soweit ist, am besten nur noch auf Play drücken muss? Und zwar übrigens vor allem, damit die Massen nicht einfach in den Kapitalismus zurückfallen, sie wissen es schließlich nicht besser:

The faith placed in the idea that, after a re­volu­tion, the people will spon­tan­eously con­sti­tute a novel so­cioeco­nomic system that isn’t simply a re­turn to cap­it­alism is naïve at best, and ig­norant at worst.

Der Irrglaube der Manifesteure an gesellschaftliche Planung speist sich offenbar aus dem überall in ihrem Werk hervorschimmernden Technikoptimismus. So verlässt man sich auf „soph­ist­ic­ated eco­nomic mod­el­ling, em­ploying cy­ber­netics and linear pro­gram­ming“. Das hat zwar alles schon in den 50er und 60er Jahren und insbesondere in den Sovjet-Staaten nicht funktioniert, sei dort aber an den „polit­ical and tech­no­lo­gical constraints these early cy­ber­net­i­cians op­er­ated under“ gescheitert. Mit modernen Technologien sei das alles viel besser möglich. Irgendwie… :

The tools to be found in so­cial net­work ana­lysis, agent-​based mod­el­ling, big data ana­lytics, and non-​equilibrium eco­nomic models, are ne­ces­sary cognitive me­di­ators for un­der­standing com­plex sys­tems like the modern eco­nomy. The ac­cel­er­a­tionist left must be­come lit­erate in these tech­nical fields.

Zur literacy muss dann aber ein Verständnis um die eng gesteckten Grenzen all dieser Technologien gehören: Etwa, dass Big Data mehr Ungewissheit (und Fehler!) produziert als Wissen.

Der Anspruch, bessere ökonomische Modelle als die Heerscharen von Experten und solchen, die welche sein wollen, im Dienste der zahlreichen Finanzorganisationen zu kreieren, ist überdies vielleicht möglich, aber höchst anspruchsvoll. Und wahrscheinlich müsste man auch dann lernen, dass die besten Modelle keine sicheren Vorhersagen und keinerlei Planung ermöglichen.

Zumindest mich würde eine Haltung eher ansprechen, die jegliche Planungs- und Prognosefantasien fallen lässt, sich einer Versuch-und-Irrtum-Heuristik verschreibt, dafür kleinere (nicht nur, aber auch: politische) Einheiten zulässt und fordert, die dann eben auch Versuche zulassen, ohne too big to fail zu sein.