Gelesen: Walkaway von Cory Doctorow

Walkaways sind Menschen, die angesichts ihrer Überflüssigkeit in der spätkapitalistischen Überflussgesellschaft rund fünfzig Jahre in der Zukunft in die Wildnis ziehen, um dort in techno-anarchistischen Communities mit 3D-Druck, algorithmischen Decision Making-Tools und GIT-versionierten Open Source-Anleitungen für Hausbau und alles, was das Leben lebenswert macht, leben. Ein tolles und hochinteressantes Setting.

Wirklich Science Fiction wird Walkaway aber erst, als sich herausstellt, dass in einer der Walkaway-Siedlungen (einer selbstverwalteten Universität) Technologie entwickelt wurde, mit der man den menschlichen Geist digitalisieren kann. Ewiges Leben also. Post-Humanismus. Das mögen aber die Zotta-Reichen nicht – so eine Art ein Prozent vom einen Prozent. Zotta ist (musste ich nachschlagen) eine ähnliche Steigerung wie Mega oder Giga. Nur eben noch mehr. Daraus ergibt sich also der Konflikt, der den größten Teil des Buches prägt.

Doctorow hat zahllose Ideen, die er alle in die Geschichte einflechten muss und wenn das nur heißt, dass jemand sie erwähnt. Daraus ergibt sich, dass die Protagonisten oft unfassbar intelligente Unterhaltungen führen, die ebenfalls oft aus riesigen Infodumps bestehen. Tell, don’t show ist hier das Motto. Und außer klug Daherreden und dem namensgebenden Weggehen (walk away) tun die Leute auch nicht viel. Sie wissen, dass sie jederzeit andernorts wieder neu anfangen können. Interessant und spannend zu lesen ist das aber allemal. Eine Empfehlung.

Gelesen: Iain M. Banks

Das erste von Banks‘ Culture-Büchern, das ich jetzt nach 2012 anlässlich des betreuten Lesens von tor.com ein zweites Mal las. Science Fiction/Space Opera, der oft eine literarische Qualität zugeschrieben wird. Meinetwegen, aber die folgenden Bände waren besser.

Mal lesen: Pola Oloixarac – Kryptozän

Entdeckt beim bingereader

Das dünne Büchlein hat es auf jeden Fall in sich. Es geht um Biologie/Bioelektronik und präsentiert eine deutlich andere Sicht auf Evolution, um Politik und Wirtschaft und warnt vor der totalen Datensammlung. Es porträtiert den Hacker in Zeiten von Hyperconnectivity als vielleicht letzten Retter – und das auf ganz poetische, manchmal verwirrende Weise. Oh und es ist ziemlich pornographisch.

Gelesen: Kay Larson – Where The Heat Beats

(K)eine Biographie des Avantgarde-Komponisten John Cage, sondern eine Art Vogelperspektive auf das Netzwerk von Inspirationen, die Cage leiteten (Zen Buddhismus, Meister Eckhart, Thoreau) und Menschen, die er inspiriert hat (Merce Cunningham, Rauschenberg und ungezählte weitere) und wie sich dieses Netzwerk über die Zeit veränderte – i.S.v. wuchs.

Als ich aufhörte, der Vielzahl an Menschen, die fast gleichrangig zu Cage beschrieben werden, zu folgen, wurde die Lektüre ausgesprochen angenehm. Nicht zuletzt wegen der immer wieder eingestreuten buddhistischen Weisheiten, Koans und Meister.

Gelesen: Robert Menasse – Die Hauptstadt

Die Art von Buch, die sich wie Schwerstarbeit anfühlt. Also für den Autoren. Für mich als Leser war Die Hauptstadt – trotz vieler Hauptfiguren, nicht markierter wörtlicher Rede, vieler europäischer Sprachen und Ausführungen zu zahllosen Themen – außerordentlich flüssig zu lesen.

Alles ist hier Geschichte. Die Figuren bestehen aus der Geschichte ihrer Herkunft oder ihrer Väter und Großväter, die EU-Kommission ist Geschichte, derer sie sich bürokratisch-schwerfällig zu erinnern versucht, Europa selbst ist Geschichte. Das ist nichts abwegiges und verleiht allen Personen, Orten und Institutionen besondere Plastizität. Aber es ist eben auch vollkommen frei von Zukunft (und darum vielleicht umso treffender).

Was stört – und zwar nicht von ungefähr: Es gibt einen Kriminalfall in dieser Geschichte, der in eine hanebüchene Räuberpistole mündet, wie man sie eher in Dan Brown-Geschichten und/oder besonders schlechten „Tatort“-Filmen vermutet. Ich hoffte bis zum Schluss gegen alle Evidenz, dass das eine Finte oder Einbildung der Figuren sei. Sollte das zu den satirischen Einsprenkseln des Romans gehören, hat es sich mir absolut nicht erschlossen.

Davon ab: Bitte gerne lesen.

Gelesen: Ursula K. Le Guin – The Telling

59921Nach The Left Hand of Darkness und The Dispossessed ein weiterer Band aus Le Guins Hainish Zyklus.

Am interessantesten an Le Guins Science Fiction finde ich, dass die SciFi-Motive in ihren Erzählungen komplett in den Hintergrund rücken; ohne, dass das Genre verleugnet wird, oder man den Eindruck bekommt, es wäre der Autorin eigentlich peinlich. Das Ekumen ist ein loser Verbund von Welten, die vor sehr langer Zeit von Menschen besiedelt wurden und seitdem ihre Herkunft vergessen haben. Die kommen ursprünglich von der Welt Hain und auch die Erde ist eine dieser Kolonien.

Grundmotiv des Hainish Zyklus ist die Wiederentdeckung dieser Welten durch Hain, die Kontaktaufnahme und Integration in das Ekumen. In jedem Band und auf jeder Welt wird ein bestimmtes soziales, antropologisches Thema durchgespielt. Le Guin schreibt daher weniger Science als vielmehr Social Fiction.

The Telling nun lässt sich am ehesten mit Religion oder Tradition in Verbindung bringen. Vorbild war (wie ich nach der Lektüre gelesen habe) China zur Zeit des Großen Sprung nach vorn. Hier ist es die Welt Aka, auf der die Tradition erbarmungslos von einem zentralistischen Weltstaat verfolgt und ausgemerzt wird. Einschließlich Bücherverbrennungen, Arbeitslagern und Steinigungen. Nur im Verbogenen besteht das alte Wissen fort. Dieser Konflikt Tradition vs. Moderne wird im Verlauf der Novelle ausgerollt – und zwar über weite Teile leider recht plump. Schließlich ist Moderne nicht per se mit autokratischer Gewaltherrschaft verknüpft. Erst zum Ende hin wird auch die traditionelle Denkweise (mit der Le Guin unverkennbar sympathisiert) ein wenig problematisiert.