Das schwache Denken üben

„Wir sollten uns im »schwachen Denken« üben.“ Ein Gedanke aus dem Büchlein Zehn Regeln für Demokratie-Retter von Jürgen Wiebicke, der mich sehr anspricht. Damit greift er einen Begriff von Gianni Vattimo auf:

„Fünfhundert Jahre nach Thomas Morus‘ „Utopia“ mögen wir zwar noch den nostalgischen Wunsch nach einem großen Wurf haben, aber die Erfahrung des Zerschellens von großen Erzählungen ist für uns postmoderne Menschen die intensivere.“

Das „starke Denken“ gehöre der Vergangenheit an. Schließlich seien  „die starken Denker von heute, die Identitären und Islamisten ja gerade das Problem„.

Bequem ist das schwache Denken indes nicht:

Jeder sollte sich daher in regelmäßigen Abständen die Kontrollfrage stellen, wann man zuletzt eine alte Überzeugung aufgegeben hat. Wer sich womöglich gar für seinen Meinungsstolz rühmt, hat die Tugend des schwachen Denkens nicht begriffen.

Meinungen und Haltung

Mir gehen Gefühle aller Art in politischen Diskussionen nur noch auf den Geist. Haltung, Fakten und Werte braucht man in der demokratischen Entscheidungsfindung. Eine Haltung ist keine Meinung. Fakten sind nicht beliebig. Und Werte sind keine Gefühle, Gefühle sind keine Werte, auch wenn das gerade so viele durcheinanderwerfen.

Die Unterscheidung von Meinung und Haltung finde ich sehr schön. Meinungen hat man zahllose, Haltungen nur wenige – am besten exakt eine. Meinungen ändern sich ständig, die Haltung kaum. Passend dazu der Kulturpragmatismus.

Gefunden bei Herzdamengeschichten

Verlinkt: citation needed

Die erste Woche Trump war in einem Aspekt besonders erfolgreich: Er hat das Niveau der Debatte gesenkt. Habe ich früher vielleicht einmal pro Woche einen Hoax aus meinen Timelines getilgt, musste ich es in der vergangenen Woche gleich mehrfach täglich tun. Wurde das Visa Waiver-Programm für Deutsche aufgehoben? Nein. Hat Mike Pence behauptet, Frauen würden sich vergewaltigen lassen, wenn man ihnen dann Abtreibungen gewährt? Nein. Hat Trump in einem offiziellen Foto seine Hände vergrößern lassen? Wohl nicht, es spricht nichts dafür. Menschen die ich schätze, haben all das in sozialen Netzwerken verbreitet – und noch viel mehr.

Leider wahr. Und mich hat das veranlasst, bis auf Weiteres die twitter-apps von den mobilen Endgeräten zu tilgen.

Via Notizblog

Wo sind die guten Reden?

Nachdem gerade die unselige Höcke-Rede breit diskutiert wurde, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wo eigentlich die guten, die herausragenden Reden und Redner der liberalen Demokratie geblieben sind. Mir fallen jedenfalls kaum welche ein*. Liegt das daran, dass die Protagonisten wissen, dass ohnehin kaum jemand zuhört? Daran, dass man mit Interviews und Social Media-Häppchen mehr Kontrolle und mehr Wirkung entfaltet? Kriege ich die bemerkenswerten Gauck/Merkel/Gabriel-Reden einfach nicht mit? Ist durch den Grußwort/Rede-beim-XY-Verband-Alltag die Redekunst verkümmert? Oder gab es die in Wirklichkeit nie und ich idealisiere nur eine „gute alte Zeit“?

*Beispiele, die mir einfallen sind natürlich die uralte Ruck-Rede, Navid Kermani vor dem Deutschen Bundestag und Sigmar Gabriels Bewerbungsrede vor dem Dresdner Parteitag 2009 („Auch mal dahin gehen, wo’s stinkt“). Wobei die letztgenannte Rede sich um kaum mehr als die sozialdemokratische Binnensicht dreht. Aber sie war sehr gut, ich war dabei.

Verlinkt: Die Sehnsucht nach einer Leitkultur – Was CDU und CSU von der Diskussion über Leitbilder in Organisationen lernen könnten

Man mag „Multikulti“ gut oder schlecht finden – faktisch kommt es in Demokratien fast zwangsläufig zur Ausbildung sehr unterschiedlicher Kulturen.

Via Sozialtheoristen

Umfragen

Bei FiveThirtyEight verteidigen sie das nahezu komplette Danebenliegen der polls:

But to a first approximation, people are probably giving the polls a little bit too much blame. National polls will eventually miss the popular vote by about 2 percentage points, which is right in line with the historical average (and, actually, a bit better than national polls did in 2012). 

Letztlich bleibt die scheinbare Sicherheit, in der uns Umfragen wiegen – und wegen der wir regelrecht süchtig nach Umfragen sind. Wahlen sind geradezu per Definition black boxes mit offenem Ausgang. Das ist allerdings schwer zu ertragen. Besonders für die Berichterstattung über Umfragen, was zu dem unsäglichen Pferderennen-Journalismus führt, der im Stile der Sportberichterstattung Politiker nach ihrer Beliebtheit auf listet.

Verlinkt: Aufschrei der Normalitären: Zeigen die Österreichischen Präsidentschaftswahlen, wie eine neue Konfliktlinie entsteht?

Die althergebrachte Ordnung der Dinge gerät damit zum ersten Mal ernsthaft ins Wanken – eine Ordnung, die bisher hieß: der gesunde weiße Mann schafft an, hat das Sagen, gestaltet die Welt; die gesunde weiße Frau ist zu Diensten, wichtig, aber untergeordnet und vor allem verschieden; sexuelle Minderheiten gibt es nicht oder sie bleiben unsichtbar oder sie dienen dem Normalen; religiöse Minderheiten jenseits des Christentums gibt es seit dem Holocaust in West- und Mitteleuropa nicht mehr in nennenswerter Zahl; Kinder sind zu züchtigen und zur Ordnung zu erziehen; die Nicht-Weißen führen eine Randexistenz; auch um Behinderte kümmert man sich nicht.

All das ändert sich – für viele viel zu langsam, im historischen Vergleich aber sehr schnell. In dieser neuen Welt muss sich mit einem Mal zurechtfinden, wer eine ganz andere Welt gewohnt war und dazu eine symbolische Ordnung, die seit jeher die alte Normalität stabilisiert.

Quelle. Via