Die Sozialdemokratie hat das Sprachgefühl eines Aktenschrankes. Wir fallen fast immer auf die sprachlichen Tricks der Konservativen rein. Seit CDU und CSU von „subsidiär Schutzberechtigen“ sprechen, tun wir das auch. Überall: Im Bundestag, in Bürgerversammlungen, WhatsApp-Nachrichten und E-Mails.

Monsterbegriffe: Wie die SPD am Nasenring durch die Manege gezogen wird 

Es gibt eine seltsame, Welt, in der sich Leute, die allem Anschein nach Mathematiker und/oder Ökonomen sind, mit im weitesten Sinne soziologischen Themen befassen. Ich habe etliche Texte aus dieser Welt auf Wiedervorlage, die ich alle paar Monate noch ein bisschen besser als zuvor (also kaum) zu verstehen versuche.

Ein Zitat:

The moral is that the mere act of saying something publicly can change the world—even if everything you said was already obvious to every last one of your listeners.

Aus einem Vortrag von Scott Aaronson bei einem high-school (!) summer program. Und als dem gleichen Text:

as soon as you say X out loud, the other person doesn’t merely learn X: they learn that you know X, that you know that they know that you know X, that you want them to know you know X, and an infinity of other things that might upset the delicate epistemic balance.

Das finde ich super – vor allem aufgrund der Einfachheit der Ursache (jemand sagt etwas) und dem ganzen Strauß an Wirkungen.

Bisheriger Effekt des NetzDG: Es wird noch mehr über die AfD und ihre Entgleisungen gesprochen.

Das schwache Denken üben

„Wir sollten uns im »schwachen Denken« üben.“ Ein Gedanke aus dem Büchlein Zehn Regeln für Demokratie-Retter von Jürgen Wiebicke, der mich sehr anspricht. Damit greift er einen Begriff von Gianni Vattimo auf:

„Fünfhundert Jahre nach Thomas Morus‘ „Utopia“ mögen wir zwar noch den nostalgischen Wunsch nach einem großen Wurf haben, aber die Erfahrung des Zerschellens von großen Erzählungen ist für uns postmoderne Menschen die intensivere.“

Das „starke Denken“ gehöre der Vergangenheit an. Schließlich seien  „die starken Denker von heute, die Identitären und Islamisten ja gerade das Problem„.

Bequem ist das schwache Denken indes nicht:

Jeder sollte sich daher in regelmäßigen Abständen die Kontrollfrage stellen, wann man zuletzt eine alte Überzeugung aufgegeben hat. Wer sich womöglich gar für seinen Meinungsstolz rühmt, hat die Tugend des schwachen Denkens nicht begriffen.

Meinungen und Haltung

Mir gehen Gefühle aller Art in politischen Diskussionen nur noch auf den Geist. Haltung, Fakten und Werte braucht man in der demokratischen Entscheidungsfindung. Eine Haltung ist keine Meinung. Fakten sind nicht beliebig. Und Werte sind keine Gefühle, Gefühle sind keine Werte, auch wenn das gerade so viele durcheinanderwerfen.

Die Unterscheidung von Meinung und Haltung finde ich sehr schön. Meinungen hat man zahllose, Haltungen nur wenige – am besten exakt eine. Meinungen ändern sich ständig, die Haltung kaum. Passend dazu der Kulturpragmatismus.

Gefunden bei Herzdamengeschichten

Verlinkt: citation needed

Die erste Woche Trump war in einem Aspekt besonders erfolgreich: Er hat das Niveau der Debatte gesenkt. Habe ich früher vielleicht einmal pro Woche einen Hoax aus meinen Timelines getilgt, musste ich es in der vergangenen Woche gleich mehrfach täglich tun. Wurde das Visa Waiver-Programm für Deutsche aufgehoben? Nein. Hat Mike Pence behauptet, Frauen würden sich vergewaltigen lassen, wenn man ihnen dann Abtreibungen gewährt? Nein. Hat Trump in einem offiziellen Foto seine Hände vergrößern lassen? Wohl nicht, es spricht nichts dafür. Menschen die ich schätze, haben all das in sozialen Netzwerken verbreitet – und noch viel mehr.

Leider wahr. Und mich hat das veranlasst, bis auf Weiteres die twitter-apps von den mobilen Endgeräten zu tilgen.

Via Notizblog

Wo sind die guten Reden?

Nachdem gerade die unselige Höcke-Rede breit diskutiert wurde, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wo eigentlich die guten, die herausragenden Reden und Redner der liberalen Demokratie geblieben sind. Mir fallen jedenfalls kaum welche ein*. Liegt das daran, dass die Protagonisten wissen, dass ohnehin kaum jemand zuhört? Daran, dass man mit Interviews und Social Media-Häppchen mehr Kontrolle und mehr Wirkung entfaltet? Kriege ich die bemerkenswerten Gauck/Merkel/Gabriel-Reden einfach nicht mit? Ist durch den Grußwort/Rede-beim-XY-Verband-Alltag die Redekunst verkümmert? Oder gab es die in Wirklichkeit nie und ich idealisiere nur eine „gute alte Zeit“?

*Beispiele, die mir einfallen sind natürlich die uralte Ruck-Rede, Navid Kermani vor dem Deutschen Bundestag und Sigmar Gabriels Bewerbungsrede vor dem Dresdner Parteitag 2009 („Auch mal dahin gehen, wo’s stinkt“). Wobei die letztgenannte Rede sich um kaum mehr als die sozialdemokratische Binnensicht dreht. Aber sie war sehr gut, ich war dabei.