Das schwache Denken üben

„Wir sollten uns im »schwachen Denken« üben.“ Ein Gedanke aus dem Büchlein Zehn Regeln für Demokratie-Retter von Jürgen Wiebicke, der mich sehr anspricht. Damit greift er einen Begriff von Gianni Vattimo auf:

„Fünfhundert Jahre nach Thomas Morus‘ „Utopia“ mögen wir zwar noch den nostalgischen Wunsch nach einem großen Wurf haben, aber die Erfahrung des Zerschellens von großen Erzählungen ist für uns postmoderne Menschen die intensivere.“

Das „starke Denken“ gehöre der Vergangenheit an. Schließlich seien  „die starken Denker von heute, die Identitären und Islamisten ja gerade das Problem„.

Bequem ist das schwache Denken indes nicht:

Jeder sollte sich daher in regelmäßigen Abständen die Kontrollfrage stellen, wann man zuletzt eine alte Überzeugung aufgegeben hat. Wer sich womöglich gar für seinen Meinungsstolz rühmt, hat die Tugend des schwachen Denkens nicht begriffen.

Gelesen: The Destructives von Matthew De Abaitua

26067554Wenn die drüben beim „Standard“ ein Buch zu den „mit Abstand faszinierendsten SF-Werken“ zählen, die man in den letzten Jahren gelesen habe, dann gehst Du los und besorgst dir das. Gesagt, getan, begeistert.

The Destructives – mit dem genretypisch bescheuerten Titelbild – gehört zum besten, was ich bislang zum Thema künstliche Intelligenzen gelesen habe, zumal es keiner schlichten Menschen-gegen-Maschinen-Logik folgt. Letztlich kann ich der oben verlinkten Standard-Rezension wenig bis nichts hinzufügen. Und wer dort eine Rezi weiter klickt, landet direkt beim nächsten De Abaitua-Band (der in der selben Welt wie Destructives spielt). Den lese ich als nächstes.

Gelesen: Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Von Christoph Kucklick

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Die granulare Gesellschaft erlaubt zunehmend, Unterschied­liches unterschiedlich zu behandeln, weil es so leicht erfasst und registriert werden kann.

Christoph Kucklick hat mit Die granulare Gesellschaft das interessanteste Buch zu gesellschaft­licher Entwicklung diesseits soziologischer Text­ungetüme verfasst. Es ist an vielen Stellen eng angelegt an Dirk Baeckers Studien zur nächsten Gesell­schaft – mit dem Unterschied, dass man es versteht. Spannend und gut geschrieben ist es zudem, mit einer Vielzahl überraschender Beispiele.

Eine Fragen und Themen des Buches:

  • Wie der Durchschnitt, „diese Maßeinheit der Moderne“, als Beschreibungs­form ausgedient hat.
  • Wie der granulare Wahlkampf die grundlegende demokratische Gleichheit bedroht.
  • Wie autonome Fahrzeuge ehemals private Entscheidungen Einzelner in öffentliche Entscheidungen der Institutionen verwandeln, die vorab in den Quellcode der Automaten geschrieben werden müssen.
  • Und die entscheidende Machtfrage der granularen Gesellschaft: Wie wir Algorithmen durchsichtig und der Prüfung zugänglich machen können, ohne dadurch die berechtigten Interessen von Firmen und Staaten an Geheim­haltung zu ignorieren.

Annihilation | Authority | Acceptance

Ein Buch, welches ich so zügig gelesen habe wie schon lange keines mehr (ca. 26 Std.) ist übrigens Annihilation von Jeff VanderMeer. Die Rundschau vom Standard brachte mich auf den Geschmack. Das, was dabei aus dem Genremix am meisten heraussticht, ist ein zwar sanfter, jedoch ausdauernd beunruhigender Horror.

Der Bachfolgeband in der als Trilogie angelegten Geschichte heißt Authority, und VanderMeer gelingt damit ein beeindruckend umfassender Perspektivwechsel: Hauptfiguren werden Nebenfiguren, der settingwechsel könnte totaler nicht sein. Nie war man vorher soweit drin und dann soweit draußen. Authority ist länger, hat auch manche Längen, setzt den Horror pointierter, aber dafür nachhaltiger ein und setzt sogar die eine oder andere humorvolle Note.

Und das tollste: der dritte Band, Acceptance, wird schon am 02. September erscheinen.