Blogs: Funktion und Relevanz

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Bevor man fragt, ob Blogs funktionieren, oder warum sie das nicht tun, muss man sich über ihre Funktion einig sein. Ich habe den Eindruck, diese Debatten laufen unter der impliziten Annahme, Blogs müssten das tun und fortsetzen, was Massenmedien und der Journalismus bisher taten, tun sollten: Informieren. Die Welt medial möglichst umfassend abbilden.  Und dies unter Maßgaben vermeintlicher gesellschaftlicher Relevanz. So zumindest klingen die Forderungen nach Blogs, die sich mit Kreditkrisen und ähnlichem Weltgeschehen auseinandersetzen, z.B. jüngst in den Kommentaren bei Nico Lumma.

Blogs sind aber keine Informationsmedien im massenmedialen Sinne.  Es kommt durchaus vor, dass Blogs das Augenmerk auf Themen lenken, die massenmedial unterrepräsentiert sind. Das halte ich aber eher für die Ausnahme, als die Regel. Blogs informieren durchaus, insofern als man beim Lesen von Blogs kontinuierlich auf Dinge stößt, die man noch nicht wusste und die einen interessieren.

Blogger sind nicht Teil der Netzwerke aus Redaktionen, Agenturen, Korrespondenten. Sie können nicht das leisten, was Niklas Luhmann den Massenmedien zuschrieb: “Was wir von der Gesellschaft und ihrer Welt wissen, wissen wir fast ausschließlich durch die Massenmedien.”

Wenn Blogger das leisteten, wäre die Welt sehr klein.

Aus diesem Mißverständnis heraus (das ich niemandem persönlich unterstelle, das aber immer irgendwie herumschwirrt) entstehen dann seltsame Formulierungen wie in diesem Kommentar bei Lukas:

Genauso, aber doch ganz anders, wie mein “Offline”-Umfeld aus Familie, Freunden, Bekannten und Kollegen. und alle zusammen haben für mich gesellschaftliche Relevanz.

Gesellschaftliche Relevanz gibt es nicht. Sie konnte über lange Zeit qua Zuschreibung hergestellt  - konstruiert - werden. Wenn es in der Zeitung steht, muss es ja wichtig sein. Was in der Politik diskutiert wird, muss ja jeden Bürger betreffen.  Wer darauf erwidert “Ist es auch”, der muss möglicherweise die Antwort ertragen “Für Dich, nicht für mich”.

Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass man sich Gesellschaft bisher nahezu immer in irgendwelchen (häufig nationalen) Containern vorgestellt hat. Viele denken vermutlich immer noch bei dem Wort ‘Gesellschaft’ das  Präfix ‘deutsche’ mit. Gesellschaft war immer auch gleichbedeutend mit Volk, Nation oder Bürger. Die Nation hat Interessen, aus denen sich Relevanzen ableiten.

Diese publizistische und politische Deutungshoheit über gesellschaftliche Relevanz wird zunehmend fragwürdiger. Anstatt aber das Konzept komplett aufzugeben, sucht man nach anderen Akteuren, die man in der Lage sieht, oder in diese versetzen möchte, gesellschaftliche Relevanz herzustellen.

Was bleibt? Individuelle Relevanz. Als Ausdruck der gesellschaftlichen Individualisierung und zugleich ausgedrückt im Long Tail nach Chris Anderson. Nicht die gesellschaftliche Relevanz zerfällt in viele kleine Teile - es gab sie ja nie. Aber individuelle Relevanzen fluktuieren, überlappen sich ständig mehr oder weniger stark, bilden bisweilen Blasen, die große Teile der Gesellschaft umfassen.

 

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